Die Gestalttherapie gehört zu den hermeneutisch-phänomenologisch ausgerichteten erlebnisaktivierenden Psychotherapieverfahren und ist wichtige Vertreterin der humanistischen Psychologie. Als Begründer dieser Schule der Psychotherapie gelten die psychoanalytisch ausgebildeten Fritz Perls und Laura Perls sowie Paul Goodman, ein Vertreter des philosophischen Anarchismus. Die Gestalttherapie entwickelt sich zu weiten Teilen aus der Psychoanalyse und in Kritik an und in Abgrenzung zu ihr, unter Rückgriff auf die Gestaltpsychologie und das holistische, phänomenologische sowie existentielle Denken des 20. Jahrhunderts.

Gestalttherapie ist nicht zu verwechseln mit Gestaltungstherapie.

 

Die Begründer der Gestalttherapie, Fritz und Laura Perls (damals noch Lore Posner) lernten sich 1926 bei einer Veranstaltung des Neurologen Kurt Goldstein und des Gestaltpsychologen Adhemar Gelb kennen. Fritz Perls war zur der Zeit Assistent von Goldstein, und bereits in psychoanalytischer Ausbildung. Lore Posner war Gestaltpsychologin, Gelb ihr Doktorvater, und sie begann ihre psychoanalytische Ausbildung kurz darauf.

1933 mussten sie zusammen mit ihrer Tochter Renate vor den Nationalsozialisten fliehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Niederlanden gingen sie endgültig nach Südafrika ins Exil. Hier begannen sie mit der gemeinsamen Arbeit an einem Buch, das die Entstehung der Gestalttherapie markiert, auch wenn es noch nicht den Namen Gestalttherapie enthält: Das Ich, der Hunger und die Aggression, das 1944 zum ersten Mal erschien.

Von Gestalttherapie kann man seit dem Erscheinen des gleichnamigen Buches (Fritz Perls und Paul Goodman gemeinsam mit Ralph F. Hefferline) 1951 sprechen.
Innerhalb der Gestalttherapie haben sich nach der Gründungsphase in den USA und davon ausgehend in Europa unterschiedliche Varianten, Strömungen und Stile herausgebildet. Dazu hat zunächst einmal die theoretisch und praktisch sehr vielgestaltige und wenig kanonisierte Hinterlassenschaft der Gründungsphase wesentlich beigetragen. Die unterschiedliche therapeutische Arbeitsweise von Fritz Perls auf der einen und Laura Perls auf der anderen Seite kam in der Folge hinzu.
Fritz Perls trennte sich von seiner Frau Laura und zog an die Westküste der USA, während Laura ihre therapeutische Arbeit an der Ostküste fortsetzte. Fritz Perls entwickelte einen auf den ersten Blick eher harten, oft konfrontativen „Westküstenstil“, während Laura Perls einen deutlich weicheren und integrativen „Ostküstenstil“ der Gestalttherapie praktizierte.

Zu den bedeutenden Gestalttherapeuten, die mit Laura Perls zusammenarbeiteten, gehört Isadore From, der auch an der Gründung des Gestalt-Instituts in Cleveland beteiligt war.

An der Westküste gründete Jim Simkin nach anfänglicher Zusammenarbeit mit Fritz Perls sein eigenes Ausbildungszentrum in der Nähe von Esalen. Erving und Miriam Polster arbeiteten von San Diego aus und gaben 1973 mit “Gestalt Therapy Integrated” die erste systematisierte Gestalttherapie-Gesamtdarstellung heraus, parallel zu Joel Latner's ebenfalls systematisiertem “Gestalt Therapy Book”.

Barry Stevens, die 1969 mehrere Monate mit Fritz Perls in Perls' Gestaltgemeinschaft am Lake Cowichan, Vancouver Island, Kanada, verbracht hatte, widmete sich als erste in der Gestalttherapie verstärkt dem Körper-Aspekt des Organismus und entwickelte ihre eigene Form gestalttherapeutischer Körperarbeit unter Betonung von Körper-Bewusstheit.

In Deutschland wurde die Gestalttherapie unter anderem durch Gerhard Heik Portele sowie durch Hilarion Petzold bekannt.

Heute wird die Gestalttherapie von niedergelassenen Therapeuten und daneben vor allem auch in Kliniken angewendet und weiterentwickelt. Gestalttherapie gehört derzeit zu den in Deutschland nicht abrechenbaren Therapieformen, im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz. Das Psychotherapeutengesetz, das im Jahre 2000 wirksam wurde, erkennt ausschließlich die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Therapie sowie die Verhaltenstherapie an. Die Anerkennung als abrechenbares Verfahren ist allerdings auch ein politischer Prozess, der nicht ausschließlich von der Qualität der Therapieform abhängig ist. Die humanistischen Verfahren wie Gestalt- oder Gesprächstherapie kämpfen seitdem um ihre rechtliche Anerkennung. Ihre Wirksamkeit ist nach Klaus Grawe denen der anderen Therapieformen mit Ausnahme der Verhaltenstherapie ähnlich.

Grundlagen einer Theorie der Gestalttherapie 

Die Gestalttherapie hat ihre theoretischen Wurzeln unter anderem in der Psychoanalyse Freuds. Die Vorstellung von unbewussten, mentalen Prozessen, die alle Psychotherapien begleitet, findet auch in der Gestalttherapie ihre Ausprägung. Allerdings unterscheidet sich die Gestalttherapie differenziert und in einigen Aspekten sehr grundlegend von der Psychoanalyse, so dass es schwierig ist, die einzelnen Theorien, Konzepte und Hypothesen immer deutlich voneinander abzugrenzen. Im Selbstverständnis der Gestalttherapie werden daher drei Hauptkonzepte der Erklärung menschlichen Lebens zur näheren Erläuterung angeführt: Psychoanalyse, Phänomenologie und Gestaltpsychologie. Diesen Theorien beigeordnet werden Konzepte wie Holismus, Humanismus, Feldtheorie und Organismische Theorie nach Kurt Goldstein sowie Ansätze wie der Konstruktivismus und die Kybernetik.

Das Problem einer vereinheitlichten gestalttherapeutischen Theorie liegt darin begründet, dass die oben genannten Theorien und philosophischen Konzepte zwar eng miteinander verwandt sind, vergleiche z. B. die Untersuchungen Goldsteins mit den Arbeiten von Merleau-Pontys, die Perls aber kein geschlossenes Theoriegebäude entworfen haben. Noch heute wird die Gestalttherapie aus unterschiedlichen Richtungen fundiert.

Das Werk von Perls, Hefferline, Goodman Gestalttherapie bildet die theoretische Grundlage der Gestalttherapie. Darin wird die Position der frühen Gestalttherapie gegenüber der damaligen Psychologie und Psychoanalyse dargestellt, und ein eigenes Profil wird entwickelt. Hier wird deutlich, dass die Gestalttherapie einen deutlichen Bruch zur Psychoanalyse vornimmt, der rechtfertigt, sie als eigenständige, unabhängige Therapierichtung zu verstehen und sie nicht wie die Objektbeziehungstheorie oder Selbstpsychologie der Analyse unterzuordnen. In Überlegungen zur Weiterentwicklung der Gestalttherapie wird zurzeit auch der Ansatz der Erfahrungsorientierten Psychotherapie nach Leslie Greenberg miteinbezogen. Dieser Ansatz böte die Möglichkeit einer Fundierung in der modernen psychologischen Grundlagenforschung sowie die Überprüfung der gestalttherapeutischen Methoden und Interventionen durch empirische Forschung.

Im Folgenden sollen daher die wichtigsten Begriffe und Konzepte der Gestalttherapie dargestellt und ihre Bedeutung für eine Theorie der Gestalttherapie herausgestellt werden.

Zentrale Begriffe und Konzepte

Zentraler Begriff ist für die Gestalttherapie der namensgebende Begriff Gestalt. Fritz Perls hatte zunächst den Begriff Existentialtherapie im Sinn, sah aber die Nähe zur Philosophie Jean-Paul Sartres als problematisch und entschied sich für den Begriff Gestalt – eine andere Vorstellung war Konzentrationstherapie.

Die Wahl des Namens zeigt bereits, dass die anderen Begriffe und Konzepte ebenso wesentlich für die theoretische Konzeption gewesen sind. Aus den eben genannten Begriffen können die wichtigen Begriffe der Gestalttherapie abgeleitet werden:

  • Gestalt – Kontakt und Feld
  • Konzentration – Gewahrsein und Achtsamkeit
  • Existentialismus – Dialog und Ich-Du-Beziehung

Diese Begriffe können wiederum bestimmten Theorien und Theoretikern zugeordnet werden:

Gestalt

Fritz und Lore Perls sahen in dem Begriff Gestalt den zentralen Grundgedanken ihrer Therapierichtung wiedergegeben. Wissenschaftlich fundiert sahen sie diesen Gedanken in dem Denken Edmund Husserls und Ehrenfels.

„Gestalt! Wie kann ich klar machen, dass es sich dabei nicht auch bloß um ein weiteres, vom Menschen ersonnenes Konzept handelt? Wie kann ich verdeutlichen, dass Gestalt – nicht nur in der Psychologie – etwas der Natur Innewohnendes ist? “

Fritz Perls, Gestalt-Wahrnehmung. Frankfurt 1980 S. 64

und an anderer Stelle

„Auch Freud sah die Grundlage für die Gestaltbildung, und zwar in dem, was er das "Vorbewusste" nannte. Wir nennen es den Hintergrund, aus dem die Figur hervortritt.“

Fritz Perls, Gestalt-Wachstum – Integration. Paderborn 1980 S. 92

Der Gestaltbegriff kommt aus dem deutschen Verb gestalten und meint das Formen eines sinnvollen Ganzen. Eng verbunden sind mit diesem Begriff die Wörter Sinn und Struktur, die beide ebenfalls eine Gesamtheit beschreiben, die in sich kohärent ist. Das Bilden von Gestalten entsteht auf einem sogenannten Hintergrund, von dem sich die eigentliche Gestalt oder Figur abhebt. Diesen Prozess beschreibt die Gestalttherapie analog zu der Erklärung der Bildung von Wahrnehmung innerhalb der Gestaltpsychologie. So kann sich ein weißer Fleck nur auf dem Hintergrund einer farbigen Fläche abheben, oder Linien werden entsprechend dem Hintergrund vervollständigt.

Die Kanten des Würfels sind imaginär; sie werden von unserem Gehirn nach dem Gesetz der guten Fortsetzung erzeugt

Grundsätzlich verneint die Gestaltpsychologie und analog eben auch die Gestalttherapie die Wirklichkeit von vereinzelten Sinnesqualitäten, die isoliert wahrgenommen werden können. Vielmehr sind Wahrnehmung, soziales Leben, Eigenexistenz immer Ausdruck einer komplexen Sinngebung. Das „Ganze“ ist mehr bzw. anders als die Summe seiner Einzelelemente. In diesem Punkt besteht die größte Differenz der Gestalttherapie zu den empiristisch fundierten Therapien. Dieser Punkt kann als der eigentliche Paradigmenwechsel benannt werden.

Die Gestaltpsychologien unterschiedlicher Richtung leiten sich historisch aus einer einzigen Arbeit aus dem Jahre 1890 her, in der der Philosoph Christian von Ehrenfels seine Erkenntnis berichtete, die Wahrnehmung enthalte Qualitäten, die sich nicht aus der Anordnung einfacher Sinnesqualitäten ergeben. So sei die Melodie eine solche Gestaltqualität, denn die Töne als Elemente der Melodie könnten durch ganz andere Töne ersetzt werden, und es wäre dennoch dieselbe Melodie, wenn nur die Anordnungsbeziehung zwischen den Tönen erhalten bliebe.

Den Begriff Gestalt auf die Psychotherapie übertragen zu haben, ist das Verdienst von Fritz und Laura Perls. Analog zur Gestaltbildung in der Wahrnehmung - die Gestalt formiert sich im Vordergrund vor einem Hintergrund - geht die Gestalttherapie davon aus, dass sich beim einzelnen Menschen das jeweils wichtigste Bedürfnis in den Vordergrund des Bewusstseins rückt. Dies wiederum wird als Figur/Grund-Geschehen bzw. Gestaltbildungsprozess bezeichnet.  In gestalttheoretischer Sprache ausgedrückt, taucht mit dem entstehenden Bedürfnis eine offene Gestalt aus dem (Hinter-)Grund auf und wird im Vordergrund zur Figur, und zwar solange, wie sie nicht geschlossen ist. Die abgeschlossene Gestalt kann wieder in den Grund eintauchen und einer neuen Gestalt Platz machen. Dies versteht die Gestalttherapie als Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulierung.

Der Gestaltbegriff und das Konzept der Kontaktstörung

Ein Grundbegriff des Konzeptes ist der der „unabgeschlossenen Gestalt“, was bedeutet, dass der Anpassungsprozess des Organismus/der Psyche an die Umwelt (und umgekehrt) als Kontaktprozess aufgrund möglicher Störungen nicht vollständig geschehen konnte. Ergebnis ist eine Kontaktstörung. Damit konnte sich eine „vollständige (oder ‚geschlossene‘) Gestalt“ im Sinne einer abgeschlossenen Anpassungsleistung nicht ausbilden.

Ursprünglich stammt der Begriff der „Gestalt“ aus der Gestaltpsychologie, einer Psychologie der Wahrnehmung. Fritz und Laura Perls wenden ihn aber auf den ganzen Organismus an und orientieren sich dabei vornehmlich an der Gestalttheorie des Neurologen Kurt Goldstein und seiner ganzheitlichen Theorie des Organismus. Schöne Beispiele für Anpassungsleistungen und somit Schließen von Gestalten finden sich in den Veröffentlichungen von Oliver Sacks.

Das Konzept des Gewahrseins 

Im Mittelpunkt der gestalttherapeutischen Methode steht die Entwicklung und Verfeinerung des Gewahrseins (deutsche Übersetzung oft auch: Bewusstheit; der englische Begriff lautet „awareness“) aller gerade vorhandenen und zugänglichen Gefühle, Empfindungen und Verhaltensweisen des Klienten. Der Klient soll dadurch in die Lage versetzt werden, seine Kontaktstörungen als solche zu erkennen und zu erleben, die ihn daran hindern, mit seiner Umwelt in einen befriedigenden Austausch zu treten. Über die Reaktivierung emotionaler Bedürfnisse und der Wahrnehmung derselben soll es dem Klienten ermöglicht werden, seine Kontaktstörung zu überwinden.

Bewusstheit bzw. Gewahrsein kann sowohl eine absichtslose, aktive, innere Haltung der Aufmerksamkeit/Achtsamkeit als auch eine mehr gerichtete Form der Aufmerksamkeit/Achtsamkeit bezeichnen und sich auf alle Phänomene der Wahrnehmung und des Erlebens richten. Daraus folgt eines der wichtigsten Arbeitsprinzipien der Gestalttherapie, das Prinzip des Hier-und-Jetzt: Die gegenwärtige Situation, auch die zwischen Klient und Therapeut, wird als der entscheidende „Ort“ betrachtet, wo Veränderung geschieht. Vergangenheit und Zukunft kommen auch in dieser gegenwärtigen Situation ins Spiel: z. B. als Erinnerung oder als Planung. Methodisch geschieht die Förderung des Gewahrseins u. a. durch die direkte Rückmeldung des Therapeuten oder durch den Einsatz von Übungen oder von Experimenten, die aus der konkreten Therapiesituation heraus entwickelt werden.

Das dialogische Prinzip 

Durch die direkte und konkrete Arbeit an aktuellen Situationen und an der Beziehung zwischen Klient und Therapeut soll der Kontakt des Patienten zu sich selbst und zu seiner Umwelt gefördert und unterstützt und bestehende Kontaktstörungen sollen überwunden werden. Auf diese Weise werden die Selbstheilungskräfte des Patienten freigelegt und neue Einsichten, Erfahrungen und Verhaltensmöglichkeiten erschlossen. Die Gestalttherapie betrachtet die Selbstheilungskräfte als Teil der organismischen Selbstregulation, also der Fähigkeit des Organismus, sich in seiner Umgebung zu erhalten. Durch verschiedene Übungen und methodische Grundhaltungen soll die Selbstregulation gefördert werden.

Die therapeutische Beziehung in der Gestalttherapie – verstanden als Dialogische Gestalttherapie – orientiert sich an den Grundsätzen der existentiellen Beziehungsphilosophie Martin Bubers, der ‚dialogischen Haltung‘. Buber unterscheidet zwischen dem Handeln aus einer sog. Ich-Es-Haltung („sachlich“, auf ein Objekt bezogen, auch wenn das Gegenüber ein Mensch ist) und dem Handeln aus einer sog. Ich-Du-Haltung heraus, einer Hinwendung zum anderen Menschen auf gleicher Ebene, bei der die Person in ihrer Einzigartigkeit wertgeschätzt wird, ohne einen Zweck zu verfolgen. Beide Haltungen stehen in einem Wechselverhältnis zueinander und werden je nach Erfordernis der Situation gewählt. Diese Haltung, in der die Therapiesituation als eine besondere Begegnung im Sinne Bubers verstanden wird, die ein hohes Maß an Authentizität und Wahrhaftigkeit erfordert, ist grundlegend für die Gestalttherapie.

Kontaktfunktionen

Zu den sogenannten Kontaktfunktionen gehören Projektion, Introjektion, Retroflektion, Konfluenz und Deflektion. Sie werden auch als „Kontaktstörungen“ oder als „Kontaktunterbrechungen“ begriffen. Entgegen einem häufigen Missverständnis haben sie zwei Seiten, eine eher störungsschaffende und eine „normale“, die u. a. zumindest zeitweise Problemlösungscharakter besitzt oder schlichtweg Teil der organismischen Selbstregulierung ist. Die gegenwärtige Gestalttherapie spricht daher in der Regel von „Kontaktfunktionen“.

Insbesondere das Konzept der "Introjektion" ist nicht identisch mit der psychoanalytischen Definition. Fritz und Laura Perls setzen die Assimilation der Introjektion entgegen. Bei der Assimilation verwandelt der Organismus (als Gesamtheit von Körper, Geist und Seele) Neues aus der Umwelt in Eigenes, das er zur Selbsterhaltung und zum Wachstum benötigt. Dabei wird das Neue an der Kontaktgrenze des Organismus mit der Umwelt geprüft, "zerstört" und umgewandelt, so dass es assimiliert werden kann. Dazu ist positiv verstandene Aggression notwendig. Nicht-brauchbares Material wird nicht übernommen. Fritz und Laura Perls sehen dies in Analogie zum "Kauen" beim Prozeß der Nahrungsaufnahme.

Bei der Introjektion wird das Neue aus der Umwelt ohne Prüfung und Umwandlung als Ganzes in den Organismus aufgenommen, da an der Kontaktgrenze u.a. die Bewusstheit herabgesetzt ist oder völlig fehlt, und "aggressives" zerstören und überprüfen daraufhin, was für den Organismus sinnvoll ist, und was nicht, nicht geschieht. Das so entstandene Introjekt bleibt im Organismus ein Fremdkörper. Dieser Prozeß wird analog zum Saugen bzw. Schlucken bei der Nahrungsaufnahme verstanden.

Anstelle des Kontakts mit dem Neuen ist bei der Introjektion "Konfluenz" getreten. Konfluenz bezeichnet einen Zustand an der Kontaktgrenze, bei dem die Bewusstheit herabgesetzt ist, oder vollständig fehlt, und/oder bei dem die Kontaktgrenze selbst nicht mehr vorhanden ist.

Auf der Ebene alltäglichen Verhaltens kann man einen Menschen als vornehmlich konfluent bezeichnen, wenn er "sich immer nach den Erwartungen anderer richtet, jeden Konflikt vermeidet, Harmonie und Nähe um jeden Preis herstellen will, ..."

Ganzheit, Feld, Prozess

Der ganzheitliche Ansatz der Gestalttherapie besteht nicht nur darin, den Menschen (als Organismus) als untrennbare Einheit von Körper, Geist und Seele zu betrachten, sondern er bezieht sich auch auf die Ganzheit des Organismus im Feld; d. h., dass das Individuum nie isoliert von seiner Umgebung gesehen und verstanden werden kann. Die Gestalttherapie spricht hier vom „Organismus-Umwelt-Feld“ als grundlegender Kategorie.

Zwischen Organismus und Umwelt befindet sich die „Kontaktgrenze“, die sowohl trennt als auch verbindet. Genau genommen bewegt sie sich im konkreten Kontakt des Organismus mit der Umwelt. Kontakt und Kontaktgrenze sind Prozesse, mit denen der Organismus, d. h. der einzelne Mensch, im Austausch mit der Umwelt sich erhält, Neues assimiliert und wächst.

Im Kontakt fließen Bewusstheit/Gewahrsein, Bewegung, Handeln, Denken, Fühlen usw. zusammen zur Orientierung im Feld.

Auch das „Selbst“ wird in der Gestalttherapie als umfassender Prozess verstanden. Perls, Hefferline und Goodman definieren es als „das System der ständig neuen Kontakte“. Das „Ich“ stellt dabei nur eine Teilfunktion des „Selbst“ dar: Es unterscheidet zwischen „zu mir gehörend“ und „fremd“. Damit hebt sich die Gestalttherapie grundlegend von der Psychoanalyse ab, die die Psyche eher als einen „Apparat“ begreift, mit dinghaften Einzelteilen.

Verwandte Richtungen 

Neben der Gestalttherapie gibt es zwei zu nennende Therapieformen, die begrifflich oder historisch eng mit dem Ansatz der Perls verbunden sind, allerdings eigenständige Richtungen darstellen. Eine völlig eigenständige Entwicklung stellt die von Hans-Jürgen Walter begründete Gestalttheoretische Psychotherapie dar, die sich unmittelbar auf die Gestaltpsychologie bzw. Gestalttheorie stützt. Ebenfalls zu nennen ist die von Hilarion Petzold begründete Integrative Therapie, die die Gestalttherapie stark miteinbezieht, aber nur als einen von mehreren therapeutischen Ansätzen.

Gestalttherapieforschung

Hauptartikel: Psychotherapieforschung

In einer Fülle von Einzeluntersuchungen (experimentelle und statistische Studien, Fallstudien u. a.) wurde die Wirksamkeit unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren überprüft. Hier ist insbesondere Klaus Grawe zu nennen, der den verhaltenstherapeutischen/kognitiven Therapieformen eine signifikant höhere Wirksamkeit zugesprochen hat. Allerdings ist die Debatte nicht als beendet zu betrachten. Vielen der großen Meta-Analysen zur Wirksamkeit von Psychotherapie zufolge steht die Wirksamkeit kognitiv-verhaltenstherapeutischer, psychodynamisch/psychoanalytischer und humanistischer/gesprächspsychotherapeutischer Verfahren bei einer Vielzahl von psychischen Störungen inzwischen außer Frage.

In der Wirksamkeitsforschung der Gestalttherapie sind die Studien von Willi Butollo und Leslie S. Greenberg zu nennen. Greenbergs Untersuchungen bezogen sich auf einzelne Techniken und deren Effektivität, Butollo untersuchte die Wirksamkeit der Gestalttherapie bei Angststörungen. Beide kommen zu dem Schluss, dass die Gestalttherapie eine hohe Effizienz aufweise.

Eine Übersicht über den Forschungsstand der Gestalttherapie legt Strümpfel (2006) vor. Die Systematisierung dokumentiert 432 empirischen Arbeiten, von Einzelfalldarstellungen und -analysen bis zu kompletten Studien. Inhaltlich dargestellt werden 113 veröffentlichte wissenschaftlichen Studien, die über Einzelfallanalysen hinausgehen, sowie eine weitere Anzahl unveröffentlichter Arbeiten wie Dissertationen und Forschungsberichte. In die klinisch relevanten Wirksamkeitsuntersuchungen gehen die Daten von insgesamt mehr als 4500 Personen ein. Dokumentiert wird die Wirksamkeit von Gestalttherapie bei verschiedenen, auch schweren psychischen Störungsbildern, wie sie sich bei psychiatrischen Patienten z. B. mit der Diagnose Schizophrenie findet, aber auch bei weiter verbreiteten Problemen wie depressiven, Angst-, Abhängigkeits- und psychosomatischen Störungen. Studien, in denen Gestalttherapie mit kognitiver Verhaltenstherapie verglichen wird, zeigen vergleichbare Verbesserungen unter beiden Behandlungen für die untersuchten Gruppen für die meisten Symptome, aber stärkere positive Effekte unter Gestalttherapie für die sozialen Kompetenzen der Patienten, insbesondere was die Lösung von zwischenmenschlichen Konflikten betrifft.

Ausbildung

Die Ausbildung zum Gestalttherapeuten ist, wie bei den meisten Psychotherapieformen, über freie Institute organisiert, die sich zum Teil in Verbänden organisiert haben (siehe weiter unten: „Gestalttherapie-Verbände“), die Ausbildungsstandards vorgeben. Hierbei muss bedacht werden, dass es jedoch keine Notwendigkeit gibt, diese Standards auch umzusetzen, da der Begriff Gestalttherapeut selber nicht geschützt ist. Der Standard der DVG sieht einen Umfang von 1.450 Zeitstunden vor, die in einem Zeitraum von 3 bis 5 Jahren durchgeführt werden sollen, die wie folgt gegliedert sind:

  • Selbsterfahrung – Gruppe 170 Zeitstunden
  • Einzellehrtherapie – 80 Zeitstunden
  • Theorie und Praxis – 375 Zeitstunden
  • Theorie/Praxis-Seminare und Kongresse und kollegiales Tutorium – 275 Zeitstunden
  • Supervision – 130 Zeitstunden
  • Einzelsupervision – 20 Zeitstunden
  • Behandlungspraxis – 400 Zeitstunden

Hiermit werden die Europäischen Standards der EAGT (European Association for Gestalt Therapy) erfüllt. Erst mit dieser Ausbildung kann ein Gestalttherapeut die Zusatzbezeichnung DVG führen. Die Gründe für die zurzeit geltenden Bestimmungen liegen letztlich auch in der anarchistischen Vergangenheit der ursprünglichen gestalttherapeutischen Bewegungen, die sich ja nicht zuletzt auch als Gegenbewegung zum damaligen psychoanalytischen Establishment gebildet hatten. Deshalb sind auch heute Institute, die nicht als Ausbildungsinstitute der DVG gelten, in der Ausbildung der Gestalttherapeuten tätig und allgemein anerkannt.