Carlos Castaneda (* 25. Dezember 1925 oder 1931 in Cajamarca; † 27. April 1998 in Los Angeles) war ein US-amerikanischer Anthropologe und Schriftsteller. International bekannt wurde Castaneda durch mehrere Bücher. In ihnen berichtete er, dass er im Rahmen seiner Studien über die Indianer Mexikos und deren Gebrauch von Heilkräutern und Heiligen Kräutern (beispielsweise Peyote) einen Yaqui-Indianer namens „Don Juan Matus“ kennengelernt habe. Im Gegensatz zu allen, Castaneda angeblich bis dahin bekannten wissenschaftlichen und religiösen Welterklärungsmodellen hätte ihm Don Juan Matus eine alternative Sichtweise von Wirklichkeit (separate reality) vermittelt. In den 1970er und -80er Jahren erlangten Castanedas Bücher international Popularität. Innerhalb der New-Age-Bewegung spielten sie danach eine wichtige Rolle.

 

Castaneda wurde als Peruaner geboren, als Sohn von César Aranha Burungaray, einem Uhrmacher und Goldschmied, und Susana Castañeda Novoa. In den 1940er Jahren besuchte Castaneda die öffentliche Schule 91 und die weiterführende Schule „San Ramón“ in Cajamarca für drei Jahre, machte dort aber noch keinen Abschluss.[1]

Im Jahr 1948 zog die Familie Aranha in die Hauptstadt Lima (Peru). Castaneda machte hier seinen Abschluss auf dem „Colegio Nacional de Nuestra Señora de Guadalupe“, später besuchte er „Bellas Artes“, die nationale Kunstakademie von Peru. Nach eigenen Angaben (siehe Carmina Fort: Gespräche mit Carlos Castaneda, FTV) schickte man ihn in ein Internat nach Buenos Aires und später in die Vereinigten Staaten.

1951 ging Castaneda in Callao (Peru) an Bord eines kleinen Schiffes („S.S. Yavari“), das ihn mit 16 anderen peruanischen Staatsbürgern nach San Francisco bringen sollte. Im September 1951 erreichte Castaneda den Hafen von San Francisco (Kalifornien) unter dem Namen „César Aranha“ (laut seinem peruanischen Pass mit der Nummer 34477). Nach eigenen Angaben kam er 1951 mit 15 Jahren nach San Francisco, wo er bei einer Adoptivfamilie lebte und während dieser Zeit bis 1955 das Abitur an der „Hollywood High School“ absolvierte.

1955 nahm Castaneda an Kursen des „Los Angeles Community College“ (LACC) erstmals unter dem Namen Carlos Castaneda teil. Während der ersten zwei Jahre belegte er Kurse in Journalismus, Wissenschaft und Literatur und besuchte zwei Kurse für kreatives Schreiben bei Vernon King. Im Jahr 1957 wurde ihm auf Anfrage („Petition for Naturalization No. 199531“) die amerikanische Staatsbürgerschaft übertragen.

1959 machte Castaneda seinen Abschluss („Associate of Arts degree“) am LACC in Psychologie. Im gleichen Jahr ging er zum ersten Mal an die UCLA. 1960 besuchte er dort unter anderem Vorlesungen der Professoren McCusick und Clement Meighan („Methods in Field Archaeology“).

Castanedas Werk [Bearbeiten]

Castaneda beschrieb in seinen Büchern (siehe Werke) in autobiographischem Erzählstil, wie er das ihm von Don Juan vermittelte Wissen erlangte und im Laufe der Zeit seine eigene Stellung im Leben auf diesem „Pfad des Wissens“ erkannte.

Außerdem entwickelte er in Zusammenarbeit mit Florinda Donner-Grau und Carol Tiggs ein System von „magische Bewegungen“ genannten Übungen zur Harmonisierung körperlicher Energien, die er in einem weiteren Buch veröffentlichte. Seit 1993 werden hierzu kommerzielle Workshops (Tensegrity) angeboten. Der Name dieser Übungen wurde den Arbeiten von Richard Buckminster Fuller entlehnt. Sie bestehen aus gezielten Muskelanspannungen, kämpferischen Bewegungen und Atmungskoordination. Verschiedentlich wurden sie mit sogenannten harten Chi Gong-Übungen verglichen, die man in den nordchinesischen, koreanischen und japanische Kampfkünsten häufig findet. Da die Tensegrity-Übungen in den zehn vorhergehenden Publikationen von Castaneda nicht direkt erwähnt werden, sind sie innerhalb der Castaneda-Fangemeinde umstritten.

Darüber hinaus veröffentlichten Florinda Donner-Grau, Carol Tiggs und Taisha Abelar Erlebnisberichte, in denen sie ihre Lehrzeit bei Don Juan und seinen Gefährten darstellen sowie Begegnungen mit Castaneda schildern.

Lehren des Don Juan Matus [Bearbeiten]

Eine Aussage, die hinter den „Lehren des Don Juan“ in Castanedas Werken steht, lautet: Der Mensch und die Welt, die ihn umgibt, sind ein unergründliches Geheimnis, und nur wer den „Weg des Herzens“ geht und immer seinem Herzen folgt, kann den „Weg des Kriegers“ beschreiten, sein Bewusstsein erweitern und seine Lebensenergie effektiver nutzen.

Dies geschehe, indem nach und nach eine Umverteilung der Lebensenergie vorgenommen, deren Quantitäten aus unsinnigen Handlungen immer mehr abgezogen und das frei gewordene Potential in konstruktive Aktivitäten investiert würden. Die wichtigsten Praktiken in diesem Zusammenhang sind: „Das Bekämpfen des Gefühls der eigenen Wichtigkeit“,[2] „Den Eigendünkel ablegen“, „Den Spiegel der Selbstbetrachtung zerbrechen“ – die Selbstbetrachtung, der Eigendünkel und das Gefühl der eigenen Wichtigkeit sind nach Meinung der Zauberer Eigenheiten, die die Energie des Menschen binden und ihn daher schwächen. Da nach Don Juan das Wesen der Dinge aus solch fließender Energie bestehe, scheint das Kriterium zur Beurteilung von Sinn und Unsinn ihr selbst immanent zu sein.

Laut Castaneda wurde dieses Wissen von den Schamanen/Zauberern aus dem präkolumbischen Mexiko von dem Volk der Tolteken überliefert. Durch diese von Castaneda weiter vermittelten Einsichten in die Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins und der Bewusstheit alles Lebenden erfährt der Mensch von der Möglichkeit der Freiheit. Erreichbar sei diese, wenn er eine Lebensweise annehme, die als Weg des Herzens oder Weg des Kriegers bezeichnet wird, wobei diese Lebensweise, oberflächlich betrachtet, Ähnliches erreichen möchte wie der Zen-Buddhismus, beispielsweise das Anhalten des Inneren Dialogs.

Das Kriegertum (Der Weg der Krieger), eine Leistung und Lebenseinstellung, die „nichts mit Akten kollektiver Gewalt oder individueller Dummheit zu tun hat“ (Anspielung auf die unzähligen Revolutionen und Kriege der Menschheitsgeschichte), gründet in der persönlichen Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit. Der Pfad der Krieger wurde laut Castaneda ersonnen, um dem Suchenden körperliche und charakterliche Stärke zu geben, damit er die sich ihm in den Weg stellenden Schwierigkeiten erträgt und sich nicht von außergewöhnlichen Wahrnehmungen aus der Bahn werfen lässt. Außerdem soll dieser Pfad dem Krieger die Energie geben, die er braucht, um in unbekannte Welten einzutreten. Castaneda gibt an, dass laut seinem Lehrmeister, dessen Linie der Zauberer bereits seit 10.000 Jahren existierte, sie ihren Zenit allerdings vor 3000 Jahren überschritten habe. Zitat: „Ein Krieger befindet sich im Kampf gegen das individuelle Ich, das uns unserer einstigen Fähigkeiten beraubt hat“. Während dieser existenziellen Auseinandersetzung sei zuerst der Montagepunkt – also das Ich/Bewusstsein als die psychische Instanz, die sich zwecks Orientierung Vorstellungen über die Welt montiert – entdeckt worden und schließlich auch das rein energetische Wesen der Dinge, das in Form von leuchtenden Fasern materialisiert, die sich zu Dingen und Lebewesen bündeln. Nur letztere würden jedoch über den Montagepunkt verfügen, in dem sich jeweils eine bestimmte Menge dieser Fasern konzentriert. Der Weg des Kriegers ist als Suche nach der „absoluten Freiheit“ zu verstehen, Castaneda beschreibt es als „Freiheit von den Konventionen der Wahrnehmung“, eine Konvention z. B. zwinge den heutigen Menschen dazu, die Welt als eine Welt von festen Objekten wahrzunehmen, obgleich es dem Menschen möglich sei, sich aus dieser Konvention zu befreien und alles so zu sehen, wie es sei – als Energie. Auf diesem Pfad habe man es mit vier Gegnern zu tun, von denen der letzte für Individuen unüberwindlich bleibt: die Angst, Klarheit, Macht und das Alter. Wiederholt phasenweiser Rückzug des Kriegers aus seinen sozialen Bindungen zwecks objektivierender Betrachtung ihrer Korrektheit sowie die Schwächung des Egos bis hin zum weltanhaltenden Abschalten seines inneren Dialoges (Egozentrik) sind in dieser Lehre die Grundvoraussetzungen für das erfolgreiche Beschreiten des Kriegerpfades.

Bewusstheit und Wahrnehmung [Bearbeiten]

Das Prinzip des Montagepunktes (Orig. Assemblage Point) bildet den zentralsten von allen Aspekten der Lehre Don Juans. Der Beschreibung der Zauberer nach leben alle Lebewesen in einer Energieblase, einem „Kokon“. Dieser umgibt uns Menschen und stellt die Begrenzung unseres Wesen dar. In diesem „Kokon“ befindet sich, eine halbe Armeslänge hinter den Schulterblättern, der sogenannte Montagepunkt, der die Größe eines Tennisballs hat. Das Universum besteht nach den Lehren Castanedas aus unendlich vielen Energiefäden, die sich, jeder für sich, ihrer selbst bewusst sind. Der Montagepunkt bündelt alle Energiefasern, die durch ihn hindurchgehen. Da jede Faser Informationen über die Welt beinhaltet, findet durch die Bündelung Wahrnehmung statt. Das heißt, die Lebewesen nehmen wahr, weil die Energiefasern des Universums im jeweiligen Montagepunkt gebündelt werden. Da sich der Montagepunkt aller Menschen nahezu an (fast) derselben Stelle befindet, nehmen alle Menschen auch dieselbe Welt wahr, nämlich unsere Alltagswelt, d. h. eine Welt von festen Objekten. Nach Castaneda ist es aber möglich, diesen Montagepunkt zu verschieben, was bedeutet, dass andere Energiefasern durch ihn hindurchgehen, somit ändert sich nun die Wahrnehmung des betreffenden Menschen. Das Ziel der Zauberer ist es, den Montagepunkt an eine Stelle zu verschieben, an der die Wahrnehmung von Energie als Energie möglich wird, also eine Interpretation zum festen Objekt unterbleibt und der Fluss der reinen Energie wahrgenommen wird. Eine Verschiebung des Montagepunktes müsse willentlich „beabsichtigt“ werden, die wichtigste Disziplin dazu ist das „Anhalten des inneren Dialogs“, welches u. a. auch durch die Einnahme psychotroper Pflanzen erreicht werden kann, aber auch durch Hunger, starke Erschöpfung, extremen Stress oder z. B. Kriegserlebnisse. Der wichtigste Gedanke zum Montagepunkt ist, dass die Welt, die der normale Mensch wahrnimmt, nur eine von vielen hunderten ist.

Freiheit und Gefangenheit des Bewusstseins [Bearbeiten]

Kindern falle es aufgrund ihrer noch ungefestigten Sozialisation oder Unerzogenheit noch leicht, den Montagepunkt, ohne sich dessen schon bewusst zu sein, zu verschieben (s. Lustprinzip, Vielgestaltigkeit kindlichen Lustverhaltens). Erwachsene hingegen hätten es ihrer vollendeten Erziehung oder psychischen Fixierungen wegen bereits deutlich schwerer oder seien überhaupt nie mehr in der Lage, sich der Verschiebbarkeit allein durch „Wollen“ bewusst zu werden, geschweige zu verwirklichen. Nur „durch Alkohol oder Drogen, durch schwere (fiebrige) Krankheit, in extremen Verhältnissen wie etwa Kriegssituationen und auch Träumen“ komme es bei ihnen zur Verschiebung des Montagepunktes, dann allerdings wegen der fehlenden Vorbereitung so, dass die begleitenden Änderungen der Wahrnehmung nicht verstanden werden. Falls eine beabsichtigte Verschiebung stattfindet und sich die Wahrnehmung des Menschen ändert und ihm unbekannte Welten gegenübertreten, gibt es nach Castanedas Aussagen die „Stimme des Sehens“, die einem sagt, wie die jeweilige neue Wahrnehmung zu deuten ist.

Die anorganischen Wesen [Bearbeiten]

Laut Castaneda kann man durch das Nagual mit anderen Lebensformen, bis hin zu so genannten anorganischen Wesen Kontakt aufnehmen, mit ihnen kommunizieren und sie sogar als persönliche Verbündete gewinnen. Don Juan hingegen riet ihm – so Castaneda selber – dringend davon ab, mit dem Argument, dass sie ebenso lästig und egozentrisch wären wie unsere nächsten Verwandten. Der Zusammenbruch der Linie der „alten Zauberer“ sei u. a. darauf zurückzuführen, dass sie versucht hätten, persönliche Vorteile aus dem Kontakt zu diesen Wesen zu gewinnen und diese nur ihren eigenen machtgierigen Zwecken unterstellten. Da die „alten Zauberer“ sich dadurch unbesiegbar fühlten, aber nicht auf Angriffe von Menschen vorbereitet waren, wurden sie durch Angriffe benachbarter Indianerstämme fast vollständig vernichtet. Die wenigen Überlebenden zogen sich für mehrere Jahrhunderte zurück, um ihre magischen Techniken zu überdenken. Die Zauberer formierten sich danach neu zur Linie der „modernen Zauberer“. Deren Zyklus begann allerdings zeitgleich mit den Angriffen der Spanier zur Zeit der Konquista. So wurden auch die „modernen Zauberer“ weitgehend vernichtet. Die überlebenden „modernen Zauberer“ gingen auseinander und bildeten kleine Gruppen. Die Gruppe von Don Juan entstammt diesem Umstand. Laut Castaneda besitzen diese anorganischen Wesen eine eigene von uns unabhängige Existenz, welche für den Menschen aber erst durch die Verschiebung des Montagepunktes wahrnehmbar würde, d. h. diese anorganischen Wesen seien stets in unserer Umgebung, nur wir Menschen müssten unsere Wahrnehmung sensibilisieren, um uns ihrer bewusst zu werden.

Träumen und Pirschen [Bearbeiten]

Es werden zwei Techniken der Zauberei benannt und unterschieden: das Träumen und das Pirschen. Beim Träumen – auch ein angeborenes Talent, über das nicht alle Menschen gleichermaßen verfügen – gehe es nur darum, den Montagepunkt a) in bestimmte Positionen zu bringen und b) die dort sich aktualisierenden Wahrnehmungen möglichst genau zu studieren. „Träumen“ im Sinne Castanedas bedeutet, sich während eines Traums bewusst zu werden, dass man träumt, das heißt: der Träumende weiß, dass er träumt und kann sein Handeln im Traum bewusst steuern (Klartraum). Ein wesentliches Ziel des Träumens ist es, nach Objekten zu suchen, die Energie erzeugen und somit während des Träumens in real existierende Welten einzutreten, um aus ihnen Kraft und Macht zu holen. Don Juan spricht von sieben Pforten des Träumens, welche durchschritten werden müssen. Ein weiteres wesentliches Ziel des Träumens ist es, den Energiekörper zu erreichen. Diesen erreicht der Träumer, indem er die vierte Pforte durchschreitet. Mit dem Energiekörper kann der Träumer auch im Wachbewusstsein unabhängig von seinem physischen Körper agieren. Seit der Theosophie des 19. Jahrhunderts kennt man in Europa Ähnliches unter der Terminologie Aussendung des Astralkörpers.

Pirschen bedeutet, die Position des Montagepunktes im Alltag verändern zu können. Eine Veränderung der Position des Montagepunktes verändert die Wahrnehmung der Welt. Zum Beispiel kann sich die Erinnerung an eine Situation, die man genau zu kennen glaubt, durch neu gewonnene Informationen ändern. Diese neuen Informationen können Details der eignen Körperwahrnehmung, emotionale Erlebnisse und neue Erkenntnisse über den Inneren Dialog sein. Eine Form der Einübung des Pirschens ist die Zeugenarbeit. Dabei hilft ein Gesprächspartner bei der Untersuchung einer solchen Situation. Auf Grund der neu gewonnenen Informationen ist der Pirscher in der Lage, sein Spektrum an Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Diese Beweglichkeit im Umgang mit Situationen im Alltag ändert die Position des Montagepunktes von einer starren Fixierung auf routinierte Verhaltensmuster hin zu Handlungen mit Herz. Der Pirscher übernimmt die volle Verantwortung für sein Tun. Oder kurz gesagt: Pirschen ist ein Weg mit Herz.

Für die einwandfreie Umsetzung sei insbesondere das Erlernen von Praktiken wichtig, die das Anhalten des inneren Dialoges bewirken (siehe Meditation). Pirschen konkret besteht aus diversen lang zu repetierenden, durchaus auch körperlichen Konzentrations- und Gewohnheitsübungen; in der abendländischen Magie würden solche Tätigkeiten wohl Magisches Training oder Bewusstseinstraining genannt werden. Reines Träumen und reines Pirschen schließen sich gegenseitig absolut aus, ergänzen sich jedoch symbiotisch. Eine wichtige Position innerhalb solcher Gruppen nehme der „Nagual“-Mann oder die -Frau ein, deren Energiekörper eine doppelte Struktur aufweise, weshalb sie allein fähig wären, sich in Träumer wie Pirscher gleichermaßen hineinzuversetzen und die Führung solcher Gemeinschaften zu übernehmen.

Pirscherübungen – Zeugenarbeit [Bearbeiten]

In den Büchern von Carlos Castaneda sind viele Hinweise zu finden auf verschiedene Formen und Anwendungsbereiche des Pirschens. Castaneda wurde durch ein „locker gestricktes“ Konzept in diese Techniken eingeführt durch seinen Lehrer Don Juan Matus. Eine gezielte Unterrichtung im Pirschen erhielt er gegen Ende seiner Ausbildung von Florinda Donner Grau.

Der zweite Schritt der Veröffentlichung des Wissens aus der Überlieferung der toltekischen Seher geschah 1995 in Form der auf Workshops unterrichteten Magischen Bewegungen, genannt Tensegrity. Das Üben von magischen Bewegungen ist eine grundlegende Form des Pirschens mit dem Körper, mit dem Körperbewusstsein, auch als kinästhetisches Bewusstsein bekannt. Magische Bewegungen sind so kraftvoll, dass sie eine Verschiebung des Montagepunktes bewirken. Und das ist das Ziel des Pirschens. Erst kleine und dann größere Verschiebungen bei vollem Bewusstsein und mit größtmöglicher Nüchternheit.

Ein dritter Schritt auf dem Weg der Veröffentlichung des Wissens der Tolteken geschah 2002 mit dem Praktizieren der Zeugenarbeit auf den Workshops, die von Cleargreen als Rechtsnachfolger von Carlos Castaneda und seinen Mitschülerinnen gegeben werden. Der Begriff Zeugenarbeit bezieht sich auf die neutrale Position des Beobachters. Ein Beobachter hat die Qualität eines Zeugen erreicht, wenn er ohne Wertung, Urteil und Kommentar die Präsentation seines Partners annehmen kann. Untersucht werden Geschichten aus dem Alltag, die nicht funktioniert haben, um neue Handlungsmöglichkeiten zu finden. Solche Möglichkeiten, die über das genutzte Repertoire an Handlungsmustern hinausgehen, bewirken eine Verschiebung des Montagepunktes. Der Pirscher erreicht das ihm persönlich Unbekannte. Und Schritt um Schritt erweitert er seinen Aktionsradius.

Einsatz von bewusstseinsverändernden Mitteln [Bearbeiten]

Der „Weg des Kriegers“ wird in Castanedas ersten beiden Büchern vor allem durch zweierlei vermittelt: a) seine Gespräche im Dialog mit Don Juan, welche dem Muster der sokratischen Eilenktik folgen und unter anderem das Anliegen der Zauberei erörtern, sowie b) dem gelegentlichen Konsum von verschiedenen halluzinogen wirkenden Pflanzen, so u. a. Peyote, Jimson Weed (Datura stramonium) und der Kleine Rauch Humito, eine in Pfeifen zu rauchende Mischung aus psilocybinhaltigen Pilzen und schimmeligen Blüten (siehe auch Visionen, Modellpsychose). Experimenteller Drogenkonsum zwecks einer erhofften Bewusstseinserweiterung (jedenfalls treten -veränderungen fraglos ein) sowie der damit unter ganz bestimmten Voraussetzungen machbare Anfang zum Beschreiten eines echten Selbstfindungsweges trugen Ende der 60er Jahre zur Popularität der Werke bei. Allerdings spielen Drogen in seinen späteren Büchern keinerlei Rolle mehr für den Versuch Castanedas, seinem Bewusstsein eine andere, zweite Ebene der Wahrnehmung neben der unseres gewöhnlichen Alltags zugänglich zu machen. Durch eigene Erkenntnisse und Erlebnisse von großer Klarheit und Intensität, die ihm Don Juan Matus und Don Genaro geschildert hätten, sei ihm bewusst geworden, dass dauerhafter Drogenkonsum kein aussichtsreicher Weg sei, alteingesessene Denkmuster aufzugeben bzw. sich von der durch die Sozialisation ab der Geburt eingeprägten (anerzogenen) Weltauffassung abzukehren. Die ursprüngliche Verabreichung von Drogen durch Don Juan und dessen Auftrag, die davon bedingten Wahrnehmungsveränderungen sorgfältig zu erforschen, habe einen ausschließlich therapeutischen Zweck verfolgt; ohne diese Chance, sein festes Weltbild zu erschüttern, wäre Castaneda nicht fähig gewesen, die ans Manische grenzende Fixierung seines Bewusstseins (Montagepunkts) genügend erschüttern oder auflockern zu können, sich wirklich für die Lehren Don Juans zu interessieren. Don Juan gab Castaneda die bewusstseinserweiternden Pflanzen und Pilze also, damit sich Castaneda aus seinem materialistischen Weltbild befreien konnte und um in die Wahrnehmungsbereiche der Zauberer vorzustoßen.

Das Raubwesen [Bearbeiten]

Im Buch Das Wirken der Unendlichkeit beschreibt Castaneda ein Wesen, das vor Jahrtausenden „aus den Tiefen des Kosmos“ zur Erde gekommen ist. Dieses Wesen versklavt demnach die Menschen, indem es ihr Bewusstsein raubt. Es „ernährt“ sich vom „Glanz der Bewusstheit“, der Menschen umgibt und sich an der Außenseite des menschlichen Kokons befindet. Dieser „Glanz der Bewusstheit“ erstreckte sich ursprünglich, als Menschen noch in ihrem natürlichen Zustand waren, vom Fuß bis zum Kopf. Bei Kindern ist er laut Castaneda noch vorhanden; wird jedoch ab einer gewissen Reife angegriffen. Das Wesen, das „Flieger“ genannt wird, nährt sich von dieser Bewusstheit bis zu den Zehenspitzen von Menschen, wodurch Menschen all ihrer Wahrnehmungsmöglichkeiten beraubt sind. Der Rest Bewusstheit, der übrig bleibt, reicht Menschen nur noch zur Selbstreflexion, zur Beschäftigung mit dem eigenen Ich. Das einzige Mittel, wie Menschen den „Flieger“ vertreiben können, ist, das „innere Schweigen“ zu erreichen und dieses zur Disziplin zu machen. Der „Flieger“ trickst die Menschen aus, indem er ihnen ein Bewusstsein gibt, von dem sie glauben, es sei ihr eigenes. Er hindert sie dadurch daran, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen und sich ihrer einstigen Möglichkeiten bewusst zu werden. Laut Castaneda sind diese Möglichkeiten unermesslich, sobald der Flieger vertrieben ist und dadurch der „Glanz der Bewusstheit“ wieder bis in Höhe des Kopfes ansteigen kann.

Kontroversen um Castanedas Werk [Bearbeiten]

Die ersten Bücher Castanedas wurden als wissenschaftliche Feldstudien über mittelamerikanischen Schamanismus betrachtet, jedoch kam es nach einer kritischen Time-Ausgabe (1973) und Richard De Milles Enthüllungsbüchern (ab 1976) zu heftigen Kontroversen. Heute hat Castaneda keinen Rückhalt mehr im Fach Ethnologie. Der Peyote-Forscher Weston La Barre sprach allerdings schon nach dem ersten Buch von einem reinen ego-trip, aber auch freundlicher gestimmte Fachleute wie der Ethnohistoriker und Yaqui-Forscher Edward H. Spicer, der bekannte britische Anthropologe Edmund Leach und der Ethnobiologe und Erforscher halluzinogener Pilze R. Gordon Wasson, auch Schriftsteller wie Donald Barthelme bemerkten, dass Castanedas Bücher Literatur und kaum solide Kulturanthropologie seien.

Die Bücher von Carlos Castaneda sind voller suggestiver Kraft. Sie schildern im autobiographischen und anthropologisch-wissenschaftlichen Stil die persönlichen Aufzeichnungen einer Suche nach der befreiten Wahrnehmung, die den Menschen seinem Erbe zugänglich macht, welches die Wahrnehmung einer Welt möglich macht, die uns durch unsere ständige Selbstbetrachtung und Verstrickung in unser Ego verschlossen bleibt. Häufig aufgegriffene Themen sind u. a. Magie, Zauberei und außerkörperliche Wahrnehmungen.

Castanedas Werke ausschließlich mit Drogenerfahrungen zu verknüpfen wäre verfehlt. In der Reise nach Ixtlan bspw. thematisiert er Bewusstseinserweiterung und die Erfahrung zusätzlicher Welten, ohne dass Drogen als Hilfsmittel im Gebrauch wären, ja er weist später im Interview mit Graciela Corvalan („Der Weg des Tolteken“, FTV) ausdrücklich darauf hin, dass der eigentlich angestrebte Lernprozess kein Lernprozess durch Drogen sei, sondern dass Drogen ein zwar probates, aber eher sehr selten verwendetes, weil für die Gesundheit gefährliches Mittel sind („… seither ist die Leber beim Teufel“).

Castaneda verwendete in seinen ersten beiden Büchern den wissenschaftlichen Zugang sowie Sprache und Codes, die in der damaligen Anthropologie üblich waren. Sein erstes Buch ist bei University of California Press erschienen und das dritte Buch, Journey to Ixtlan, brachte ihm (praktisch unverändert) unter dem Titel Sorcery einen Doktortitel ein. Castanedas frühe Bücher wurden von seinem Anthropologie-Department ernst genommen, z. B. schrieb Walter Goldschmidt, ein international etablierter Anthropologieprofessor der UCLA, ein enthusiastisches Vorwort zu Reise nach Ixtlan.

Später rührten sich aus den anthropologischen Kreisen ernsthafte Zweifel, Castanedas Schilderungen hatten nämlich wenig mit der gelebten spirituellen Tradition der Yaqui-Indigenen gemeinsam. Eine Reihe von Widersprüchen häufte sich, z. B. über die verwendeten psychotropen Substanzen, die in der Wüstengegend gar nicht vorkommen. Castaneda lieferte den Kritikern keine entsprechenden Beweise, die seine Feldforschungen in der Sonora-Wüste hätten bestätigen können.

Castaneda hat mit seinen Büchern eine Lücke im spirituellen Hunger des Westens ausgefüllt. Über 10 Millionen Exemplare wurden weltweit in mehreren Sprachen verkauft (und sie verkaufen sich noch immer gut). Er schöpfte Hoffnung für all jene, die das Vertrauen in die moderne westliche Gesellschaft verloren haben. Wie ein Prophet versprach er die Führung zur inneren Spiritualität und zur wahren Erfüllung. Der alte Schamane hatte ihm den Weg gewiesen: gemeint ist Don Juan Matus, sein Lehrmeister, der verschlüsselte Antworten auf Castanedas naive Fragen gibt. Der Leser baut automatisch eine innige Empathie auf zum dummen und unreifen Zauberlehrling (wie Castaneda sich selbst darstellt). Der Leser reift gemeinsam mit dem Autor/Lehrling, denn jedes Buch verspricht neue Offenbarungen zu gewährleisten.

Der Mythos Castaneda brach 1998 mit seinem Tod zusammen. Über die genaueren Umstände seines Todes ist wenig bekannt. Castaneda soll an Leberkrebs gestorben sein. Dies entsprach nicht dem Kult des Naguals (wie er sich selbst nannte), der versprochen hatte, mit Dem Feuer von Innen zu verbrennen, womit eine spezielle Technik des bewussten Übergangs in den Tod gemeint war. Es ist möglich, dass Castaneda an der ihm gestellten Aufgabe, die „absolute Freiheit“ zu erreichen, scheiterte, allerdings könnte es auch sein, dass selbst sein Tod wieder nur inszeniert war. Castaneda wurden damals magische und übermenschliche Fähigkeiten zugesprochen, obwohl er niemals irgendwelche Demonstration seiner Kräfte machte.

Bereits in dem darauffolgenden Jahr 1999 verbreiteten sich im Internet mehrere kritische Berichte über Begebenheiten rund um Carlos Castaneda und seine Anhänger.[3] Innerhalb der darauffolgenden Jahre wurde der Mythos vermehrt hinterfragt (siehe z. B. das Buch von Amy Wallace, einer ehemaligen Geliebten Castanedas). Auch Castanedas Verschleierung der eigenen Identität wurde schließlich bekannt (u. a. falsche Geburtsortangaben sowie erfundene Lebenslaufdetails).

Neuere wissenschaftliche Einsichten – zum Beispiel über das Klarträumen – werden von einigen Anhängern Castanedas als Untermauerung seiner Lehre angesehen. Dass seine Theorien weitgehend abgelehnt werden, führen seine Anhänger darauf zurück, dass sich der „Flieger“ vor Enttarnung schützen will.

Werke [Bearbeiten]

Literatur [Bearbeiten]

  • Garciela Corvalan: Der Weg der Tolteken. Ein Gespräch mit Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch, 1987, ISBN 3-596-23864-1
  • Carmina Fort: Gespräche mit Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch, 1996, ISBN 3-596-13095-6
  • Lothar-Rüdiger Lütge: Carlos Castaneda und die Lehren des Don Juan. esotera Taschenbücherei, ISBN 3-7626-0614-5
  • Norbert Claßen: Das Wissen der Tolteken. Calos Castaneda und die Philosophie des Don Juan. Fischer Taschenbuch, ISBN 3-596-12169-8
  • Norbert Claßen: Carlos Castaneda und das Vermächtnis des Don Juan. Hans Nietsch Verlag, ISBN 3-929475-40-5
  • Roman Katzer: Die Erben des Don Juan. Gespräche mit Carlos Castaneda, Florinda Donner-Grau und Taisha Abelar. Hans Nietsch Verlag, ISBN 3-934647-77-4
  • Ulla Wittmann: Leben wie ein Krieger. Die verborgene Botschaft in den Lehren des Yaqui-Zauberers Don Juan. Ansata Verlag, ISBN 3-7157-0068-8
  • Victor Sanchez: Die Lehren des Don Carlos. Praktische Anwendung der Lehren Carlos Castanedas. Synthesis Verlag, ISBN 3-922026-82-6
  • Roman Warszewski: Gespräche mit Carlos Castaneda. Michaels Verlag, 2007, ISBN 978-3-89539-494-2
  • Paul Samuel Widmer-Nicolet: Vom Weg mit Herz. Die Essenz der Lehre des Don Juan – Eine Würdigung des Werkes von Carlos Castaneda. Nachtschatten Verlag, ISBN 3-907080-91-2