Abgrenzung zu Religion und Magie

Die Grenzen zwischen Schamanismus und Religion sowie zwischen Schamanismus und Magie sind fließend und werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Auch zwischen den Forschungsdisziplinen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, wie Ethnologie, Kulturanthropologie, Soziologie, Psychologie, Religionsgeschichte und anderen, besteht Uneinigkeit über Definitionen und Erklärungen des Schamanismus.

Der sibirische Schamanismus prägt immer noch stark das Bild des Schamanen, da er seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, als Reisende aus Sibirien und Innerasien erstmals darüber berichteten, als Urbild angesehen wurde. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Ähnlichkeiten mit Erscheinungen in vielen anderen Regionen der Erde. Gleichzeitig erbrachte die Vorgeschichtsforschung zunehmend Indizien für weit zurückliegende schamanische Formen, möglicherweise bis 30.000 Jahre vor unserer Zeit. Religionswissenschaftler erkennen in bestimmten Glaubensvorstellungen und Ritualen der Weltreligionen die Spuren früherer schamanistischer Traditionen. Heute sind schamanische Praktiken bei vielen Völkern, wie den Aborigines Australiens, den San Südafrikas oder den Indianern und Eskimos Amerikas häufig und lassen sich neben oder in den jeweils vorherrschenden Religionen in vielen ethnischen Gruppen nachweisen.

Wegen des geheimnisvollen Nimbus, der den Schamanismus umgibt, erlebt er vor dem Hintergrund vor allem der strikt säkularen, materialistischen westlichen Welt gegenwärtig eine Art Renaissance als sogenannter Neoschamanismus, ein Begriff der Esoterik, der Bestrebungen bezeichnet, aus dem Schamanismus abgeleitete Praktiken für eine spirituelle Entwicklung nutzbar zu machen.

Etymologie und Grundbegriffe 

Etymologie

Der von Eliade in den 50er Jahren verwendete Begriff „Schaman-ismus“ (statt des älteren „Schamanentum“, das eher die lokalen Unterschiede betonte leitet sich vom deutschen Lehnwort „Schamane“ ab; ein Begriff, der sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland nachweisen lässt. Das Wort entstammt dem evenkischen (d. h. tungusischen) šaman, dessen weitere Etymologie umstritten ist. Das Wort könnte eine Ableitung von der tungusischen Wurzel ša- (denken, wissen) sein. Eine weitere Interpretation des Wortes greift auf die mandschu-tungusische Bedeutung „mit Hitze und Feuer arbeiten“ zurück. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde sein Charakter als Lehnwort diskutiert: Vertreter der Theorie, der Schamanismus sei von Indien oder Tibet nach Zentralasien und Sibirien gekommen, leiteten den tungusischen Ausdruck vom indischen (Pali) samana her, was auf eine Beziehung zum Buddhismus hindeuten könnte. Allerdings bleibt die Entlehnungshypothese auch dann möglich, wenn man den Schamanismus als eigenständiges Phänomen begreift.

Bereits der sibirische Raum kennt aber keinen einheitlichen Begriff für die Figur des Schamanen. In Tuva, Khakassien und der Altai-Region bezeichnen sich Schamanen als kham (khami, gam, cham), wobei die Ähnlichkeiten zum Begriff des Kami auffällt, der für den japanischen, noch stark schamanisch gefärbten Schintoismus zentral ist. Die Schamanengesänge werden kham-naar genannt. Anstelle des tungusischen šaman gibt es im Mongolischen die Begriffe böö (männlich oder geschlechtsneutral) und zairan (männlich, oder Titel für „große“ Schamanen) und udagan für die Schamanin; in den Turksprachen heißt der Schamane kham. Im Zuge der Islamisierung ersetzte bei vielen Turkvölkern bakshi (aus sanskr. bhikshu) als generischer Begriff für vorislamische religiöse Spezialisten den einheimischen Ausdruck kham. Zahlreiche weitere Bezeichnungen für die Person des Schamanen waren regional stark begrenzt.

Grundbegriffe

Bei den Grundbegriffen fallen nicht nur religions- und medizingeschichtliche Bedeutungsunterschiede, sondern auch lokale Varianten auf; so werden etwa die amerikanischen Schamanen meist als Medizinmänner bezeichnet. Diese begrifflichen Unschärfen finden sich vielfach auch in der Forschungsliteratur.

  • Séance (frz. „Sitzung“): Der auf den Schamanismus übertragene Begriff ist etwas unglücklich gewählt, denn kulturhistorisch bezeichnete er eigentlich ein modisches Phänomen des Spiritismus im ausgehenden 19. Jahrhundert (das allerdings, wenn auch unter anderer Bezeichnung, schon in der Antike etwa in den Mysterienkulten praktiziert wurde), nämlich eine Zusammenkunft von Personen unter Mitwirkung eines Mediums, mit dessen Hilfe Kontakt mit dem Jenseits hergestellt oder Psi-Manifestationen produziert werden sollten.
    Religiös: Im Schamanismus versteht man darunter den Gesamtkomplex einer Schamanensitzung (in Sibirien: kamlanie), in deren Verlauf der Schamane in Trance und Ekstase verfällt und so seine Ziele mit Hilfe von Geistern zu erreichen sucht.
  • Trance (lat. transitus = Übergang): Ein neurologisch bis heute nicht völlig aufgeklärter psychischer Ausnahmezustand des Bewusstseins, der durch Aufgabe der Realitätsprüfung, eingeengtes Bewusstsein und vor allem bei tiefer Trance vielfach nachfolgende Amnesie gekennzeichnet ist.
    Religiös: Die Trance ist Voraussetzung für die schamanische Ekstase und hat eine enge Beziehung zur religiösen Verzückung und visionären Erlebnissen, wird im religiösen Bereich mitunter auch generell als Ekstase bezeichnet. Erreicht werden kann sie durch Meditation, Hypnose, Autosuggestion, Askese oder äußere bzw. innere Reize wie Sprach- und Atemtechniken, rhythmische Bewegungen etwa bei Derwischen, Trommeln, Gesang, Tanz, Drogen etc.
  • Ekstase: Griech. ekstasis = Aussichherausgetretensein. Verzückungszustand, der durch Verminderung der Selbstkontrolle, überschäumende Gefühle und oft durch Bewegungsüberschuss gekennzeichnet ist. Es treten dabei oft akustische und optische Halluzinationen auf. Die Ansprechbarkeit ist reduziert. Auftreten verstärkt bei Psychosen.
    Religionsgeschichtlich, vor allem aber im Schamanismus, hat die Ekstase jedoch eine andere, von Mircea Eliade popularisierte Bedeutung. In „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik“ beschreibt er die Ekstase als zentrales Element des Schamanismus. Ausgehend vom Trancezustand wird hier darunter der Vorgang verstanden, in dessen Verlauf der Geist des in Trance befindlichen Schamanen seinen Körper verlässt, um durch metaphysische Aktivitäten bestimmte Ziele zu erreichen, indem er etwa mit Geistern kommuniziert, sich auf eine Himmels- bzw. Jenseitsreise begibt oder in den Körper eines Tieres eintritt. Tritt die Ekstase spontan und gegen den Willen des Betroffenen auf, spricht man von Besessenheit.
  • Besessenheit: Früher eine generelle Bezeichnung für Geisteskrankheiten mit entsprechend ausgebildeter auffälliger Symptomatik, die man durch Exorzismus zu behandeln suchte.
    Religiös: In allen Kultur- und Religionsformen, vor allem in solchen mit Geister- und Ahnenglaube, vorkommende abnorme Phänomene des Erlebens und Verhaltens, die als gezielte Einflussnahme übernatürlicher personifizierter Kräfte (Götter, Geister, Dämonen, Teufel etc.) gedeutet werden und deren sich die in Trance Versetzten, die dabei Sprache, Mimik und Verhaltensweise völlig ändern, meist nicht bewusst sind. Im Unterschied zur Ekstase des Schamanen, der aktiv in der jenseitigen Welt agiert, wird hier der Geist des Betreffenden von einem anderen Geist übernommen und ist fremdbestimmt. Eliade rechnete daher die Besessenheit nicht mehr zum eigentlichen Schamanismus. Besessenheit kann in bestimmten Religionen (Umbanda, Voodoo, afrikanische Religionen) von dazu ausgebildeten Medien auch kultisch bewirkt und beendet werden und hat in solchen Fällen eine hohe Affinität zum Schamanismus.
  • Magie, Zauberer, Medizinmann, Hexe/Hexer: Zu „Magie“ siehe weiter unten. Hexe/Hexer, die vor allem in afrikanischen Religionen vorkommen, werden stets negativ gewertet, sind aber nicht zu verwechseln mit dem weißen und schwarzen Schamanismus, der sich bei einigen Völkern jeweils auf die involvierten himmlischen und unterirdischen Wesenheiten bezieht (wobei letztere allerdings oft negative Bedeutungen haben, da sie mit dem Tod in Verbindung stehen). Der Begriff Medizinmann ist kulturspezifisch vor allem für Amerika (wo er eine Bezeichnung der Weißen für die indianischen Schamanen war), Südasien und Ozeanien (siehe Abschnitt „Ethnischer Schamanismus“). Zauberer ist ganz allgemein ein unscharfer Begriff für jemanden, der Magie einsetzt, wobei beim meist abfällig gebrauchten Begriff des Zauberdoktors die Heilmagie für die Beobachter im Vordergrund steht.

Geschichte, konzeptuelle Problematik, Abgrenzungen und Formen des Schamanismus 

Schamanismus und Schamanen

Der Schamanismus wird wegen der Schwierigkeit, ihn klar gegen die eigentliche Religion im klassischen Sinne abzugrenzen, häufig recht allgemein phänomenologisch und anthropologisch als Auftreten „von Schamanen im Rahmen eines komplexen Systems von Glaubensvorstellungen“ definiert. Es ist dies eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, dem sich alle kontroversen Forschungsmeinungen anschließen können. Weitgehend Einigkeit besteht in der Feststellung, dass es sich beim Schamanismus um die älteste, genauer nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen handelt. Der Schamanismus ist jedenfalls seit der frankokantabrischen Höhlenkunst des Aurignacien im Jungpaläolithikum relativ sicher nachweisbar, also ab etwa 30.000 B.P., nachdem die Entdeckung der Chauvet-Höhle mit ihren erstaunlich perfekten, einen langen Vorlauf voraussetzenden Bildern (sie kennen bereits die Perspektive) diese Grenze weit nach hinten geschoben hat. Er ist bis heute weltweit in zahlreichen Religionen, Ethnien und Kulturen präsent, wobei Begräbniskulte, wie es sie schon bei den Neandertalern gab, etwa in den Höhlen von Shanidar und La Ferrassie vor 60.000 Jahren und in den Höhlen von Quafzeh und Skhul in Israel vor 90.000 bis 120.000 Jahren, auf ein noch viel höheres Alter religiöser Äußerungen hinweisen. Religiöses Erleben, das mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins verbunden zu sein scheint, begann vermutlich beim Homo erectus vor 500.000 Jahren, wie als Kulthandlungen interpretierbare arrangierte und bearbeitete Knochenreste Verstorbener vermuten lassen.

Schamanen sind Menschen, die sich mit Hilfe von Ekstasetechniken auf transzendenten Wegen in metaphysische Regionen begeben, um dort für ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmte nützliche Ziele zu erreichen. Sie sind keine Priester im klassischen Sinne, die in systematisierten Religionen eine hierarchisch definierte Mittlerposition zwischen Gläubigen und Gottheit einnehmen und die Machtansprüche des religiösen Apparates vertreten. Vielmehr werden sie von der Gemeinschaft (Familie, Sippe oder Stamm) als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits betrachtet. Ihre Fähigkeiten beruhen nicht auf menschlich bestimmten Auswahlprinzipien, sondern werden ihnen von metaphysischen Mächten oft regelrecht aufgezwungen und machen sie zum Teil zweier Welten. Nur so ist ihre Vermittlertätigkeit überhaupt möglich. Die Übergänge zum Magier, Medizinmann oder Zauberer sind jedoch fließend und nicht genau abgrenzbar. Oft folgen diese Bezeichnungen nur ethnologischen, kulturspezifischen bzw. lokalen Traditionen (z. B. bei den Indianern, s. u.) und sagen wenig oder nichts über das eigentliche geistige Substrat der ausgeübten Techniken aus. Trotz vieler Gemeinsamkeiten variieren sowohl die praktizierten Riten wie die dafür benötigten Utensilien zwischen den Ethnien erheblich. Das klassische, am sibirischen Schamanen orientierte Vollbild ist nicht überall gegeben. Vielmehr bestehen weltweit zahlreiche interkulturelle Varianten des Schamanismus und der Schamanen, so dass sich ein doktrinäres Vorgehen bei der Interpretation aus zeitlichen wie räumlichen Gründen verbietet.

Ausschlaggebend für das Verständnis von Schamanen und Schamanismus war zunächst jedoch tatsächlich der sibirische Schamanismus. Er gilt heute in der Forschung (siehe Abschnitt Forschungsgeschichte) historisch als Vorbild für ein – wie man später erstaunt herausfand – weltweites Religionsphänomen. Heute gilt er jedoch nur noch als ethnischer Spezialfall und keinesfalls als eine Art Urbild, da er ebenfalls zahlreiche Entwicklungen durchgemacht hat, zahlreiche Varianten aufweist (vor allem in Richtung nach Osten und Innerasien, wo die Ureinwohner Sibiriens ursprünglich herkamen) und insbesondere buddhistische, später auch christliche Einflüsse aufgenommen hat. Ihn als Urbild anzusetzen wäre außerdem eine unzulässige Vermischung von Ethnologie und prähistorischer Archäologie. Weitaus ältere Formen sind zum Beispiel der Schamanismus der Aborigines oder der San. Auch Aleuten, Eskimos und Indianer zeigen vielfach ein älteres Bild. Inzwischen ist es Konsens geworden, den sibirischen Schamanismus als eine – allerdings methodisch wichtige – ethnische Variante unter vielen anderen anzusehen. Bestimmte grundlegende Phänomene (Himmelsreise, Trance, Heilungen, Jenseitsreise, Riten etc.) sind bei ihm besonders einfach zu beobachten. Deshalb hat man sie lange Zeit in ihrer sibirischen Form als praktikable Modelle genommen, ohne jedoch einen Absolutheitsanspruch zu formulieren. Auch in diesem Artikel dient die Bezugnahme auf eine Art allgemein akzeptierten Standard als Referenzmodell, zumal der sibirische Schamanismus auch ethnisch mit dem amerikanischen und asiatischen eng verbunden ist.

Geschichte des Schamanismusverständnisses 

(Siehe dazu auch Forschungsgeschichte)

George Catlins Darstellung eines Medizinmannes der Schwarzfuß-Indianer, der Riten über einem sterbenden Häuptling vollführt.

Die ersten europäischen Reisenden beschrieben den Schamanismus seit Ende des 17. Jahrhunderts bei verschiedenen indigenen Völkern Sibiriens und Innerasiens in meist kolonialistisch-westlicher Überheblichkeit als primitiv. Die frühesten, meist deutschen und von der Aufklärung inspirierten Erforscher Sibiriens wie Georg Wilhelm Steller, Johann Gottlieb Georgi, Gerhard Friedrich Müller und andere verurteilten den Schamanismus als „erbärmliches und vulgäres Spektakel“ der Einheimischen und als „Irrglauben“ der Eingeborenen. Johann Gottfried Herder erneuerte das Verständnis indigener Religionen und schuf damit eine Gegenbewegung. Im Verlauf der deutschen Romantik verklärten dann Autoren wie Ferdinand von Wrangel den Schamanismus und bezeichneten Schamanen als „eingeborene Genies“, die als „kreative Persönlichkeiten mit scharfem Verstand, starkem Willen und sprühender Einbildungskraft“ ihrer Berufung folgten. Friedrich Schlegel zeigte in seiner Monographie Über die Sprache und Weisheit der Indier Verbindungen zwischen dem altindischen und germanischen Raum auf und war der Erste, der Sanskrit bei der Etymologie des Schamanismus-Begriffs mit einbezog.

Weitere Faktoren, welche das Verständnis des Schamanismus beeinflussten, waren die russische Landnahme Sibiriens ab dem 17. Jahrhundert, die orthodoxe Christianisierung im 19. Jahrhundert und die Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert. Durch diese sozial, wirtschaftlich und politisch-religiös umwälzenden Vorgänge wurde der Schamanismus zunächst als etwas Primitives, Unterentwickeltes, Heidnisches und zuletzt gesellschaftlich Reaktionäres diskriminiert.

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff dann im Gefolge der Forschungen von Wilhelm Radloff nach und nach von diesem spezifischen kulturellen Raum auf ähnliche Erscheinungen weltweit übertragen, als man Ähnlichkeiten erkannte. Die sich nun als Wissenschaft etablierende Ethnologie entwickelte zunächst dazu allerlei teils abstruse Theorien, in denen man etwa den Schamanismus als Zeichen „arktischer Hysterie“ (so der Anthropologe William W. Howells noch 1948) und den Schamanen selbst als psychopathischen Außenseiter seiner Gesellschaft denunzierte. Mircea Eliade war es schließlich, der den Schamanismus aus einer kulturphilosophischen, mitunter allerdings sehr spekulativen Perspektive betrachtete und in ihm die gemeinsame Urreligion der Menschheit sah, die älteste Form des Heiligen, wobei er ihn allerdings verklärte und Schamanen als charismatische Heldengestalten ansah.

Solche Änderungen der wissenschaftlichen Sichtweisen spiegeln sich auch in der Terminologie. Die Bezeichnung eines Schamanen als Medizinmann wird von den indigenen Bevölkerungen Nordamerikas als einseitig und abwertend kritisiert, da sie dessen Funktion auf die Aufgabe eines exotischen „Wunderheilers“ einschränkt. George Catlin, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die amerikanischen Indianergebiete bereiste und darüber wertvolle und ausführliche Berichte hinterließ, schreibt: „Die Indianer bedienen sich jedoch nicht des Wortes »Medizin«, sondern jeder Stamm hat ein eigenes Wort dafür, das gleichbedeutend ist mit »Geheimnis« oder »Geheimnismann«“. Die Bezeichnung entstammte vielmehr dem Wortschatz und Sprachgebrauch der Weißen, die die genaue Funktion der indianischen Schamanen damals nicht begriffen und nur deren Funktion als Arzt bzw. Heiler sahen, die allerdings erst vor dem Hintergrund des geheimen Schamanenwissens möglich war. Da die französischen Händler einen Arzt als médecin bezeichneten, kam es zu diesem irreführenden Sprachgebrauch, zumal es bei den Indianern durchaus auch Schamanenpriester gab, die nicht gleichzeitig Medizinmänner waren, etwa bei den Pawnee. Für noch abfälligere Bezeichnungen wie „Zauberdoktor“ usw. gilt ähnliches.

Problematik des Schamanismuskonzeptes 

Ob der Schamanismus eine eigene Religionsform ist oder nicht, ist umstritten und hängt von unterschiedlichen Definitionen von Religion ab. Hoppál etwa meint, nachdem er zunächst den Schamanismus nicht als Religion im traditionellen Sinnen definierte: „Der Schamanismus ist ein kognitives Universum, das höchstens von außen betrachtet wie eine Glaubensvorstellung wirkt, von innen gesehen aber eine tiefe Überzeugung darstellt, denn sie wissen, sie wissen glaubend, und sie haben die (heilende) Kraft des Schamanen oft erfahren“. Eine allgemein anerkannte und dazu scharf umrissene Definition von Schamanismus existiert jedenfalls nicht, vielmehr gibt es mehrere, je nach der ethnologischen, prähistorischen, kulturanthropologischen, psychologischen oder religionsgeschichtlich orientierten Betrachtungsweise. Meist versteht man darunter heute allgemein ein religiöses und/oder magisches Phänomen, das einen religiösen Mittler mit bestimmten psychischen Eigenschaften in seinem Zentrum hat.

Zentrale Figur des Schamanismus und ihr eigentlicher Wesenskern ist somit der Schamane – der Priester ist das in den systematisierten Religionen ja nicht, sondern die Gottheit –, dessen besondere psychische Eigenschaften ihn zu Reisen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits befähigen, indem er aus sich heraus tritt (zu griech. ékstasis: Aussichherausgetretensein), und der diese besondere Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Als wesentliche Elemente der schamanischen Praxis gelten daher die Interaktion mit Geistwesen, Trance bzw. Ekstase (veränderte Bewusstseinszustände) und das Motiv der Seelenreise. Insgesamt nimmt man an, dass es sich beim Schamanismus um eine der ältesten Formen des religiösen Verhaltens beim Menschen handelt. Es ist aus weltweit hinterlassenen Zeugnissen zu erschließen und bis heute in verschiedenen Ethnien und Kulturen zu erkennen. Damit hat das Phänomen Schamanismus von vornherein einen ethnisch-kulturellen wie einen prähistorisch-religiösen, dazu einen nicht zu unterschätzenden sozialen Aspekt. Der Religionswissenschaftler Joseph Campbell schreibt denn auch:

„Die gesellschaftliche Funktion des Schamanen war es, als Dolmetscher und Vermittler zwischen dem Menschen und den Mächten hinter dem Schleier der Natur zu wirken.“

Mythologie der Urvölker, S. 327

Prähistoriker wie André Leroi-Gourhan, Henri Édouard Breuil, David Lewis-Williams und Annette Laming-Emperaire vermuten Hinweise auf Frühformen des Schamanismus schon in steinzeitlichen Funden, insbesondere in der frankokantabrischen Höhlenkunst. Sie sind sich aber uneinig, ob es sich dabei nun um Schamanismus oder um Magie handelt, die als Begriff allerdings genauso unbestimmt definiert und ebenso umstritten ist wie der Schamanismus. Beide Begriffe sind aus der vorliegenden Literatur theoretisch nicht sinnvoll abzugrenzen, so dass sie etwa Leroi-Gourhan gleichrangig bespricht und auch den Begriff der „Religion“ nur in sehr beschränktem Sinn verwendet als „Manifestation solcher Tätigkeiten,… die den materiellen Bereich überschreiten“. Da das schamanische und das magische Konzept ineinander übergehen, wie auch Eliade konstatiert,bietet es sich an, beide hier gleichrangig zu besprechen und den grundlegenden Unterschied zwischen den aktiv magischen und den passiv schamanischen Praktiken im Einzelfall als sinnvolle Differenzierung zu verwenden:

  • Der Schamane begibt sich, unterstützt von einem Hilfsgeist, in die jenseitigen Welten (durch Trance/ Ekstase) und bittet die dortigen Wesenheiten, also Götter wie den Herrn der Tiere oder den Hochgott, Geister, Ahnen usw., um Hilfe. Diese zielgerichteten Reaktionsweisen werden gerne den animistischen oder gar präanimistischen Kulturen der Jäger und Sammler zugeschrieben, aber auch noch den frühneolithischen Gesellschaften, wo er in den von Jensen so genannten altpflanzerischen Gesellschaften (gemeint sind hier Pflanzenbeuter, die noch nicht systematisch anbauen) schwächer und modifiziert auftreten soll und nicht mehr im Zentrum des religiösen Lebens steht.
  • Der auch Zauberpriester genannte Magier hingegen beschwört diese oder doch wesentliche metaphysische Kompetenzen von ihnen zu sich, ist also bereits Vertreter einer Welt, in der der Mensch gewohnt war, seine Umgebung direkt zu beeinflussen. Er tritt frühestens seit dem Neolithikum auf, als eine Entwicklung mit dem Priester als machtpolitischem Religionsfunktionär im aktiven kultischen Zentrum einsetzte, die zum Polytheismus führte.

Tatsächlich kommen schamanische und magische Praktiken häufig als Mischformen vor, was die Schwierigkeiten bei ihrer Einordnung im jeweils akuten Fall mit erklärt. In seiner Definition umschrieb Vajda 1964 den Schamanismus mit folgenden acht Hauptcharakteristika:

  1. Element der virtuellen Ekstase
  2. Tiergestaltige Geisterhelfer
  3. Berufungserlebnis durch nicht tiergestaltige Geister
  4. Initiation
  5. Jenseitsreise der Seele des Schamanen
  6. Bestimmte vielschichtige Kosmologie
  7. Kampf des Schamanen mit den Geistern
  8. Schamanenausrüstung

Vor allem diese Diskrepanz zwischen Schamanismus auf der einen und Magie auf der anderen Seite bereitet bis heute Probleme. Selten lassen sich reine Formen dieser beiden Weltbewältigungstechniken finden, die sich der Mensch erdachte, um das ihm Unverständliche zu erkennen und es auf diese Weise beeinflussen zu können; jedoch eher defensiv im Schamanismus und eher aggressiv in der Magie, so dass Eliade kursorisch feststellt: „Im allgemeinen lebt der Schamanismus mit anderen Formen von Magie und Religion zusammen“. Man entgeht den enzyklopädischen Definitionsproblemen des Schamanismus am besten dadurch, dass man grundsätzlich zwei parallele, vor allem anthropologisch ausgerichtete Konzepte akzeptiert, welche gleichzeitig die beiden hauptsächlich in der Forschung diskutierten Richtungen und deren jeweilige Interessenvektoren repräsentieren:

  1. Das zeitlich horizontale, aber geographisch multifokale Konzept des ethnischen Schamanismus, wie er sich bis in die Gegenwart aufgrund ethnologischer Forschungen ausgehend von den sibirischen Formen in den verschiedenen Weltgegenden präsentiert.
  2. Das zeitlich vertikale, geographisch-archäologisch eher akzidentelle Konzept des Prähistorischen Schamanismus, der sich vor allem auf verschiedene Erscheinungsformen im Verlauf der Vor- und Frühgeschichte und mit Reduktionsformen und Residuen in der eigentlichen Geschichte nachweisen lässt und sich vorwiegend auf Darstellungen in Höhlen- und Felsbildern, Statuetten und Begräbnisriten stützt, später auch auf aktuelle ethnologische Befunde und Quellen.

Auf diese Weise lassen sich Mischformen zwischen beiden Konzepten postulieren und akzeptieren, die durchaus vorwiegend magisch daherkommen können. Selbst die schamanischen Spuren in den großen Weltreligionen lassen sich so befriedigend im Sinne einer „methodischen Mengenlehre“ darstellen, bei der die Beziehungen der verschiedenen Teilmengen von Interesse sind. Die moderne Forschung geht zunehmend diesen Weg. Dass die Trennung dieser beiden Betrachtungsaspekte keineswegs willkürlich ist, sondern dass ihr ein übergreifendes psychologisches Muster zugrunde liegt, hat schon Joseph Campbell erkannt, denn er schreibt im 1. Teil seines 1959 erstmals erschienenen, grundlegenden Werkes zur „Mythologie der Urvölker“:

„Als wesentlicher Punkt, …, lässt sich festhalten, dass im Erscheinungsbild der Mythologie und Religion zwei Faktoren unterschieden werden müssen: der nicht-historische und der historische. Im religiösen Leben der »zupackenden«, allzu geschäftigen oder schlicht unbegabten Mehrheit der Menschen überwiegt der historische Faktor. Das ganze Ausmaß ihrer Erfahrung bewegt sich im öffentlichen Bereich ihrer Kultur und lässt sich historisch untersuchen. In den geistigen Krisen und Erkenntnissen der »einfühlenden« Personen mit mystischem Einschlag jedoch ist es der nichthistorische Faktor, der überwiegt, und für sie ist die Bilderwelt ihrer Überlieferung – einerlei wie hoch entwickelt sie sein mag – lediglich ein mehr oder weniger taugliches Mittel dazu, eine Erfahrung wiederzugeben, von der sie jenseits des Gesichtskreises dieser Bilderwelt mit unmittelbarer Gewalt getroffen wurden. Denn religiöse Erfahrung ist psychisch und im tiefsten Sinne spontan; sie vollzieht sich im Inneren und wird von historischen Umständen gefördert oder behindert, ist aber von der Hudson-Bay bis Australien, vom Feuerland zum Baikalsee in gleichem Maße konstant.“

Die Mythologie der Urvölker, S. 296.

Abgrenzung des Schamanismus und religionsgeschichtliche Aspekte 

Hultkrantz definiert: „Der Schamanismus bildet ein religiöses Glaubenssystem, das auf religiöser Erfahrung und sakralen Mythen sowie auf Riten beruht. Letztere finden ihren Ausdruck durch kulturspezifische schamanistische Techniken, unter denen Trance oder Ekstase eine hervortretende Rolle spielen.“

Frühformen des Schamanismus in der Religionsgeschichte sind rein historisch betrachtet relativ eindeutig und nur insofern umstritten, als Uneinigkeit darüber herrscht, ob sie eher im Paläolithikum oder im Neolithikum anzusiedeln sind. Problematisch wird der Schamanismus als postuliertes Phänomen der Gegenwart in den unterschiedlichsten Ethnien und sogenannten Naturreligionen, mit dem anschließenden Versuch einer historischen Einordnung oder gar Ableitung. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass selbst statische Gesellschaften von sogenannten Naturvölkern innerhalb größerer Zeiträume Veränderungen unterliegen. Deren Ursache, etwa Klima- und andere Umweltveränderungen, Wanderungen oder Invasoren, sind wegen der Schriftlosigkeit solcher Völker meist kaum bekannt, genauso wenig wie die Faktoren, die auf die imaginativen Bereiche dieser Kulturen eingewirkt und diese verändert haben. Lediglich die Mythen dieser Völker können Hinweise bieten, doch ist diese Quelle, wie Thomas Mann in der Einleitung zu Joseph und seine Brüder schreibt und worauf sich Campell in der Einleitung zu „Mythologie der Urvölker“ ausdrücklich bezieht, „möglicherweise gänzlich unerlotbar“. Ein Beispiel für diese wissenschaftliche Problematik ist das angeblich völlige Fehlen des Schamanismus auf dem afrikanischen Kontinent, in Melanesien mit Neuguinea, in Polynesien, im gesamten Bereich der archaischen Hochkulturen und ihren Einflussgebieten einschließlich der präkolumbianischen Hochkulturen, in Europa, Vorder-, Mittel- und Südasien sowie in den zentralen Teilen Indonesiens. In Anbetracht des terminologischen Wirrwarrs bei diesen sogenannten Naturreligionen seien daher zunächst einige konzeptuell überwölbende und/oder konkurrierende, sich überschneidende oder auch nur phänomenologisch oder als Teilaspekte relevante Begriffe mit ihren Beziehungen zum Schamanismus kurz dargestellt.

Schamanismus, Magie und Religion 

Die komplexe Beziehung der beiden Begriffe Magie und Schamanismus wurde schon weiter oben dargestellt, auch die Umstrittenheit dieser Beziehung in der Wissenschaft. Dies liegt vor allem an definitorischen Unschärfen sowie an der Tatsache, dass der neutrale Begriff „Schamane“ nach und nach die diskreditierten oder noch unschärferen Begriffe wie Zauberer, Hexe(r), Medizinmann, Magier etc. ersetzte. Religionsgeschichtlich lassen sich somit Schamanismus und Magie nicht voneinander trennen oder gar abgrenzen. Sie sind vielmehr, wie schon Bronislaw Malinowski feststellte, wie die Religion unterschiedliche Teile des Sakralen, also des Übernatürlichen, die sich in ihren Zwecken unterscheiden. Dabei sind Magie und Schamanismus auf unterschiedliche Weise zielgerichtet. Religion entspricht hingegen einem System von Handlungsformen, das seinen Zweck in sich selbst hat. Religiöse Handlungen werden ausgeführt, weil es Brauch ist, sie angeordnet wurden oder weil ein Mythos dies verlangt. Die Beschreibung der Beziehungen der drei Begriffe erfolgte psychologisch bei Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, ökonomisch und soziologisch bei Max Weber, Émile Durkheim, Marcel Mauss und Karl Marx, kulturphilosophisch bei Oswald Spengler, Leo Frobenius und de facto zumindest partiell auch bei Mircea Eliade, ja sogar evolutionsbiologisch und anthropologisch mit teils bedenklichen Folgen bei Herbert Spencer und Edward Tylor. Die jeweiligen Perspektiven sind nie völlig falsch, indes auch nie vollständig. Die vorwiegend ethnologische Betrachtungsweise hat sich allerdings, abgesehen von den bis zu einem gewissen Grade spekulativen archäologischen Befunden zu den vorgeschichtlichen Religionen, inzwischen als die objektivste durchgesetzt. (Weiteres s. unten in „Forschungsgeschichte.“)

Der französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss verfolgte einen strikt soziologischen Ansatz. Er sah die sozialen Bedingungen als entscheidende Determinante der Unterscheidung zwischen magisch aktivem Schamanen und Religion: „Es ist also die Anschauung, die den Magier und seine Einflüsse schafft.“ Die Magie ist demnach der Religion entgegengesetzt und vor allem geschicktes Handeln, wobei der Schamane an die Realität seiner Macht glaubt. Schamane, Hexer und Häuptling sind Resultat von Rollenkonstruktionen, die durch kollektive Erwartungen gesichert und bestätigt werden. Die Bewertung von Besessenheitsphänomenen hängt dabei von den Grenzen der Normalität ab, welche in der Gesellschaft gezogen sind. Heilige Dinge sind somit stets soziale Dinge. Die Funktion des Opfers ist dabei, eine Verbindung zwischen der heiligen und der sozialen Welt herzustellen. Der belgische Religionsanthropologe Julien Ries hebt den Unterschied zwischen religiösen und magischen Riten wie folgt hervor: „So möchten wir unterstreichen, dass die Magie vom Wunsch nach Beherrschung mit Hilfe besonderer kosmischer Kräfte bestimmt wird, während sich die Religion der Transzendenz zuwendet. Die religiösen Riten sind im Kontext der Hierophanien wirksam, während die magischen Riten Mächte zu Hilfe rufen, die keine Beziehung zum Sakralen haben (J. Cazeneuve: Sociologie du rite, Paris 1971)“.

Animatismus, Animismus, Animalismus, Totemismus, Fetischismus, Pantheismus 

Zuerst seien einige verwandte Begriffe betrachtet, die in der Theorie mitunter eng mit dem Schamanismus verwoben sind oder waren und teils ergänzende oder konkurrierende, von oft isolierten Phänomenen ausgehende Konzepte ausbildeten oder in deren Mittelpunkt standen bzw. noch stehen.

Animatismus

Animatismus galt zeitweise als allererste Form religiösen Denkens, wurde daher auch als Präanimismus bezeichnet und vor allem in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts heftig diskutiert. Die von Adolf Ellegard Jensen so genannte Zaubertheorie wurde von ihm in Mythos und Kult bei Naturvölkern heftig kritisiert und ist heute obsolet. Ihr Urheber, Konrad Theodor Preuss, legte seiner Theorie einen eher verschwommenen Begriff des Zauberns zugrunde, bei dem der Mensch glaube, er könne auf die Götter einwirken und die Erfüllung seiner Wünsche erzwingen, also ein wesentlich magisches Verhalten, das erst für das Neolithikum eindeutig zu belegen ist. Die Zaubertheorie, die im Gegensatz zum Animismus richtige Götter vorsah, galt zunächst als großen Fortschritt gegenüber der Animismustheorie Tylors.

Animismus

Der Skarabäus war im Alten Ägypten eines der beliebtesten Amulette. Hier aus dem Grab des Tutenchamun als Anhänger mit Sonnensymbol. Er diente der Abwehr böser Naturgeister, war also ein animistisches Requisit.

Der von Edward Burnett Tylor 1871 eingeführte Begriff Animismus wird häufig missverständlich im Sinne von Pantheismus verwendet. Man muss dabei unterscheiden zwischen:

  • Animismus als Religionstheorie: Tylor sah in der anima ein schattenhaftes Gebilde, das verschiedenen Objekten belebend innewohnen konnte. Er hielt dies, hier ein Kind der Kolonialismusepoche, für ein charakteristisches Zeichen der Vorstellungswelt der „Primitiven“, die glaubten, alles habe eine Art Seele und die Welt sei von einer Unzahl von Geistern bevölkert. Seine Annahme, diese Vorstellung habe sich quasi evolutionär darwinistisch über den Polytheismus zum Monotheismus entwickelt, gilt heute als obsolet, ebenso die Konzeption einer Einheitlichkeit solcher Seelenvorstellungen. Wissenschaftlich wird der so definierte Begriff in der Religionstheorie heute daher weitgehend vermieden.
  • Animismus als allgemein religionsgeschichtliches Phänomen eines Seelen- und Geisterglaubens: Diese Begrifflichkeit ist für das Verständnis des Schamanismus grundlegend. Sie bedeutet in der Religionswissenschaft die Vorstellung von personenhaften, in Hierarchien eingeordnete Wesen: Geister, Ahnen und Dämonen, welche vor allem die Zwischenwelt zwischen Menschen und höchsten Wesenheiten vor allem als Natur- und Ahnengeister bevölkern und über begrenzte metaphysische Macht verfügen. Der weiter unten unter den Merkmalen des Schamanismus genauer besprochene Ahnenglaube, aus dem sich seit dem Neolithikum der Ahnenkult entwickelte, zunächst als wesentlicher Teil des Schamanismus, in späteren Formen auch zahlreicher anderer Religionen, hat hier seine geistige Grundlage. Man kann sich dieser Geister Hilfe durch geeignete Mittel bedienen, die dem Schamanen zur Verfügung stehen, oder sie etwa, sofern bösartig, durch Amulette abwehren. Als bestimmende Erscheinungsform des Heiligen ist der Animismus jedoch nicht auf den Schamanismus beschränkt, sondern tritt im Zusammenhang mit anderen Religionsformen auf oder bildet gar deren Grundlage. Selbst in den modernen Weltreligionen findet er sich als Strukturelement.
  • Animismus als Phänomen der kindlichen Entwicklungspsychologie. Diese vor allem von Jean Piaget eingeführte Bedeutung ist hier nur insoweit relevant, als sie entwicklungspsychologische mit ethnologischen und religionspsychologischen Elementen verknüpft. Sigmund Freud definiert den Animismus wie folgt:

„Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkt zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solche Denksysteme, drei große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: die animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt.“

Totem und Tabu, S. 127

Freuds und Piagets Meinung allerdings, der Animismus sei bei Kindern (und Neurotikern) der westlichen „zivilisierten“ Gesellschaften derselbe wie bei Erwachsenen der sogenannten Naturvölker oder „primitiven Gesellschaften“, wurde von Margaret Mead bereits 1928/29 widerlegt, die bei Untersuchungen von Kindern des Manus-Volkes auf Neuguinea nachwies, dass diese keinerlei Anzeichen einer Personifizierung von Gegenständen zeigten. Sie zog daraus den Schluss, dass bereits der kindliche Mensch Tendenzen zum animistischen wie auch zum rationalen Ursache-Wirkungs-Denken besitzt, die je nach dem Erziehungsmuster gefördert oder unterdrückt werden, wobei im Falle der Manus im Verlaufe des Erziehungsprozesses eher die rationale, nicht animistische Denkweise bei den Kindern unterdrückt wurde und sie daher erst als Erwachsene zum animistischen Denken tendierten.

Animalismus

Sobek, der Gott mit dem Krokodilkopf, hier in einem Relief seines Tempels in Kom Ombo, ist ein Vertreter der alten animalistischen Götter Ägyptens.
Totempfahl der Tlingit in Ketchican, Alaska

Gemeint ist hier nicht der philosophisch-soziologische Begriff Werner Sombarts, vielmehr das religionsgeschichtliche Konzept, das im engeren Sinne die kultische Verehrung bestimmter Tiere umschreibt, die als beseelt und damit als Sitz höherer Mächte angesehen werden. Er gehört noch in die schamanische Vorstellungswelt der Jäger und Sammler. Ausdruck des Animalismus ist die sogenannte Jagdmagie, die Vorschriften für die Vorbereitung, Ausführung und Beendigung der Jagd enthält und in deren Zentrum der Herr der Tiere oder die Herrin der Tiere steht, die um Erlaubnis gebeten und für den Verlust, den sie durch die Jagd erlitten haben, entschädigt werden müssen (etwa durch Opferung bestimmter Teile wie Knochen, Fell etc.).Viele Höhlenbilder und Felsbilder werden von der Forschung als Jagdmagie gedeutet, obwohl es hier zahlreiche Kontroversen gibt. Insgesamt findet sich hier bereits eine Verengung des Animismus auf bestimmte Tiere. Bereits auf den Felsbildern des Paläolithikums findet man dabei Hinweise auf die Theriokephalie, die Tierköpfigkeit menschlicher Gestalten, die hier noch als eventuell maskentragende Schamanen gedeutet werden. Im Neolithikum ist die Theriokephalie, in ihrer Maskenform ohnehin eine Spätentwicklung im Zusammenhang mit Hochreligionen (s. u.), dann aber möglicherweise bereits Zeichen des Überganges von Tiergöttern zu Göttern mit Tierattributen, wie man sie etwa im ägyptischen Pantheon reichlich findet.

Totemismus

„Im Totemismus kann man sozusagen zwei Verhältnisglieder unterscheiden, ein Subjekt (eine Menschengruppe) und ein Objekt (ein Totem)“. Man unterscheidet einen Sippentotemismus, einen geschlechtergebunden Totemismus und einen Individualtotemismus. Totems sind meist Tiere, seltener Pflanzen, sehr selten Gegenstände. Sie sind nicht göttlicher Natur oder ein höheres Wesen, sondern signalisieren eine intensive Verbindung

Der schon von John Ferguson McLennan, Émile Durkheim, James George Frazer und anderen eingeführte und theoretisch diskutierte Begriff des Totems ist in Sigmund Freuds berühmter Schrift Totem und Tabu einer tiefenpsychologisch-kulturanthropologischen Analyse unterzogen worden, die bis heute weitgehend Gültigkeit hat. Der von den nordamerikanischen Indianern (den Ojibwa, einem Stamm der Algonkin) geprägte Terminus bezeichnet zunächst die unter dem Schutz des durch das Totem bezeichneten Tiergeistes stehende Stammes- oder Clanidentität, welche durch eine mystische Verwandtschaft begründet ist. Ein Totem gilt aber auch als Schutztier von Einzelpersonen. Es ist damit eine spezielle Ausdrucksform des Animalismus, bei der die integrative und Schutzfunktion eines häufig gefährlichen oder imposanten Tieres im Vordergrund steht, das gewöhnlich von der Jagd ausgenommen bleibt. Es ist jedoch schwierig, ein Totem als Phänomen allgemeingültig und mit allen weltweiten Varianten zu definieren, wie Claude Lévi-Strauss gezeigt hat. In der Religionsgeschichte ist der Totemismus daher die Gesamtheit der Theorien, die im Totem den Ursprung der Religion oder die Grundlage von Verhaltensweisen und Institutionen in archaischen Gesellschaften sehen wollen. Hinweise für einen Totemismus liefert bereits die paläolithische Höhlenkunst, vor allem der Bärenkult.Auch im frühen Neolithikum hat es den Totemismus eindeutig gegeben. In rezenten Kulturen ist ein Totem jedoch häufig nur noch ein rein äußerliches, figuratives Symbol der Gruppenzusammengehörigkeit. Die älteste, relativ sicher interpretierbare Form des Totemismus findet sich bei den Aborigines Australiens. Vor allem bei S.A. Tokarew bildet der Totemismus eine wesentliche Grundlage seiner Deutung früher und „primitiver“ Religionen, die er wie alle Religionen als „eine Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, eine Form der Ideologie“ betrachtet.

Fetischismus

Fetisch-Altar des Voodoo

Der Fetisch (zu lat. factitius: nachgemacht, künstlich; in den afrikanischen Sprachen gibt es dafür keine Entsprechung) – gemeint ist hier nicht die der Anthropologie entlehnte psychologische, sondern die religionsgeschichtliche Bedeutung –, bezeichnet einen Gegenstand mit metaphysischer persönlicher oder unpersönlicher Macht. Dieses ursprünglich aus Westafrika stammende Konzept ist im Grunde wie der Totemismus eine eingeschränkte Spielart animistischer Grundvorstellungen, die ohnehin zu einer gewissen Partikularisierung neigen, nicht jedoch, wie der französische Geograph Charles de Brosses 1760 in seinem Buch Du culte des dieux fétiches annahm, der Ursprung aller Religion.Jeder Gegenstand kann zum Fetisch werden. Amulette sowie die sogenannten Wächterfiguren des afrikanischen Ahnenkultes sind Spezialfälle des Fetisches, der ansonsten durchaus magische Qualitäten entfalten kann und bei Versagen einfach durch einen neuen ersetzt wird. Der Fetischismus ist somit keine eigentliche Religion, sondern ein Phänomen, das in andere Religionen eingebettet ist und von der Macht höherer Wesenheiten abhängt. Der christliche Reliquienkult des Mittelalters ist im übrigen wohl ein Restbestand des animistischen Fetischismus. Verbreitet ist der Fetischismus in der Moderne vor allem im aus Westafrika, vor allem Benin stammenden Voodoo. Ob es sich bei fetischistischen Vorstellung mehr um abstrakt symbolische Vorgänge oder um konkret reale handelt, also um den noch in der christlichen Theologie (z. B. beim Abendmahl) virulenten Unterschied zwischen „bedeuten“ und „sein“, ist umstritten.

Pantheismus

Der vom niederländischen Theologen J. de la Faye 1709 geprägte Begriff des Pantheismus (zu griech. pan: alles und griech. théos: Gott) hat mit den frühen religionsgeschichtlichen Phänomenen etwa des Animismus nichts zu tun, wird aber gerne mit ihnen verwechselt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine vor allem im 18. Jahrhundert in Europa aktuelle philosophische Strömung, die ihren Höhepunkt im Pantheismusstreit fand, an dem sich unter anderem Herder, Goethe und Immanuel Kant beteiligten und der letztlich in den deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts und in die Romantik mündete.
Dieser auch „Allgottlehre“ genannte philosophische Pantheismus postuliert, dass Gott in allen Dingen lebt (Spinoza: Sive deus sive natura), ja das Leben des Weltalles selbst ist, Gott und Natur eins seien. Gemeint ist hier, obwohl bereit griechische Philosophen der Antike das Konzept erdachten, ausschließlich der abrahamitische Gott, nicht die von Geistern bevölkerte und durch sie belebte Natur in der Vorstellung der Menschen der Vorgeschichte. Eine Variante davon ist der Panvitalismus, der das All als solches für grundsätzlich von belebter Materie erfüllt sieht. Eine weitere philosophische Variante stellt der Panentheismus dar. Inwieweit all diese Konzepte von dem Menschen inhärenten animistischen Vorprägungen bestimmt sind, ist eine interessante Frage, die in den Bereich führte, der durch die evolutionäre Erkenntnistheorie bestimmt wird.

Schamanismus, Polytheismus und Priestertum 

Polytheismus

Im Unterschied zum seit dem 17. Jahrhundert philosophisch diskutierten Deismus, der einen unpersönlich und passiv außerhalb der Welt stehenden Schöpfergott postuliert (Uhrmachergott) und dem Theismus, der an einen einzelnen Schöpfergott als persönlichen und eingreifenden Weltlenker-Gott glaubt, der aber nicht wie im Pantheismus in allen Dingen wohnt, versteht man unter Polytheismus allgemein die Verehrung vieler, meist personal und funktional differenzierter Götter (griech. polýs: viel), vor allem im Gegensatz zum Monotheismus (griech. mónos: allein, einzeln, einzig), der nur eine einzige, meist als absolut allmächtig empfundene Gottheit kennt. Eine Zwischenform stellt der Henotheismus dar (griech. hén, Gen. henós: einer), bei dem ein höchster Gott verehrt wird, der jedoch andere, niederere Götter neben sich hat (afrikanische Religionen zeigen das Phänomen oft). Religionsgeschichtlich lässt sich häufig eine Entwicklungslinie Polytheismus → Henotheismus → Monotheismus ziehen. Ob diese Linie mit Animismus/Schamanismus → Animalismus → Theismus/Polytheismus beginnt, ist allerdings hoch umstritten. Nur die Tatsache, dass Animismus/Schamanismus die früheste erkennbare Form religiösen Verhaltens darstellen, ist einigermaßen akzeptiert.

Priestertum

Der Priester (aus griech. presbýteros: der Ältere) wiederum ist ein Produkt dieser Entwicklungslinie und hat sich, dies ist kaum umstritten, vom Schamanen/Magier, der ja bereits Opferzeremonien leitete – das lateinische Wort für Priester ist sacerdos, also der „das Opfer Gebende“, ähnlich griech. ireys zu iereion Opfertier – zum in einer speziellen Schule ausgebildeten Religionsfunktionär entwickelt, dessen Machtposition sich aus der vor allem kultischen Wissens- und Mittlerrolle zwischen Gott/Göttern und dem Gläubigen ergibt. Roman Herzog weist darauf hin, dass bereits der Schamane schon gewisse priesterliche Eigenschaften besessen haben dürfte, die ihm als Einzelperson ohne organisatorische Basis dennoch aus seiner Deutungsmacht über die jenseitigen Dinge zuwuchsen. Das eigentliche Priestertum im moderneren Sinne begann erst nach der Entstehung solcher bald machtrelevanten Substrukturen, wie sie im Neolithikum aufgrund der ortsgebundenen Wirtschaftsweise notwendig wurden und relativ bald zu einem religiösen Spezialistentum führten, das sich neben dem militärischen und administrativen auszubilden begann.
Dabei könnte es im Monotheismus wiederum eine Weiterentwicklung gegeben haben zu dem, was vor allem christliche Priester ihre Berufung nennen und was wiederum erstaunliche Ähnlichkeiten zu den oft schmerzhaften Berufungen der Schamanen aufweist. Auch Religionsstifter, Heilige und Kirchenväter wie Paulus von Tarsus, Hieronymus, Augustinus, Antonius von Padua und Propheten haben derartige oft intensive Berufungen erlebt, die wie bei den Schamanen durchaus nicht immer freiwillig waren, sondern mitunter Resultat eines schmerzhaften, oft mit heftiger Gegenwehr verbundenen Erkenntnisprozesses, in dessen Verlauf durchaus ekstatische Elemente auftraten.

Das äußere wie innere Wesen des Priestertums wurde allerdings im Laufe der Geschichte und in den verschiedenen Religionen naturgemäß ganz verschieden verstanden und zeigt ein Spektrum, das vom kirchlichen Verwaltungsbeamten und oft erblichen Tempel-Machtpolitiker bis zum mystischen Heiligen reicht und vor allem im letzteren Falle oft noch erhebliche schamanische Anteile enthält. Gemeinsam ist all diesen Formen jedoch der Anspruch einer engen Beziehung zum oder gar der Herrschaft über den Bereich des Heiligen als Grundlage religiöser Erfahrungen weltweit, wie sie auch Eliade als Bewusstseinsstruktur postuliert. Über diese Sphäre verfügte im Grunde bereits der Schamane, der mitunter auch die Bezeichnung Zauberpriester führt. Manche Ethnien kennen beide Funktionen des kultischen Experten und des Zauberpriesters in Personalunion, aber immer mehr auch getrennt. Gewöhnlich behält im Laufe der Entwicklung ersterer die Oberhand, vor allem dann, wenn sich die kulturellen und ökonomischen Grundlagen etwa vom Jäger-Sammler (Schamanentum und/oder Magier) zum Bauern und Hirten (Priestertum) wandeln.

Max Weber, der als Hauptunterscheidungskriterium zwischen Schamane/Magier und Priester die fehlende Rationalisierung der metaphysischen Vorstellung und die fehlende Ethik sowohl beim priesterlosen Kult wie bei den kultlosen Zauberern benennt (zu denen er auch die Schamanen rechnet, die vor allem an epileptischen Anfällen zu erkennen seien), trifft in seiner „Religionssoziologie“ ebenfalls diese funktionale Unterscheidung zwischen beiden Wirksphären und weist zu Beginn seines Kapitels § 2. Zauberer – Magier auf das verbindende Merkmal des Magischen hin:

„Die soziologische Seite jener Scheidung aber ist die Entstehung eines „Priestertums“ als etwas von den Zauberern zu Unterscheidendes Der Gegensatz ist in der Realität durchaus flüssig, wie fast alle soziologischen Erscheinungen. Auch die Merkmale der begrifflichen Abgrenzung sind nicht eindeutig feststellbar. Man kann entsprechend der Scheidung von „Kultus“ und „Zauberei“ als „Priester“ diejenigen berufsmäßigen Funktionäre bezeichnen, welche durch Mittel der Verehrung die „Götter“ beeinflussen, im Gegensatz zu den Zauberern, welche „Dämonen“ durch magische Mittel zwingen. Aber der Priesterbegriff zahlreicher großer Religionen, auch der christlichen, schließt geradezu die magische Qualifikation ein. Oder man nennt „Priester“ die Funktionäre eines regelmäßigen organisierten stetigen B e t r i e b s der Beeinflussung der Götter, gegenüber der individuellen Inanspruchnahme der Zauberer von Fall zu Fall.“

Wirtschaft und Gesellschaft, S. 259

Mögliche Spuren von Schamanismus in den modernen Religionen und ihre Ursachen 

Diese Spuren sind vielfältiger, als man gemeinhin denkt. Eine Untersuchung der Wandlungsprozesse in ihren Entwicklungsphasen könnte Antworten auf die Frage nach den Ursachen und ersten Formen des religiösen Denkens liefern, also nach der grundlegenden Psychologie der Religionen. Da der Schamanismus nun einmal die älteste uns bekannte und erschließbare Form dieses religiösen Denkens darstellt und zudem bis heute in nicht wenigen Ethnien praktiziert wird (siehe Abschnitt „Ethnischer Schamanismus“), scheint hier eine Möglichkeit gegeben, die Urformen dieses Denkens ohne die enormen Zeitdistanzen, die sonst die Erforschung früh- und vorgeschichtlicher Religionen behindern, in vivo zu untersuchen. Dabei sind allerdings die potentiellen Diskrepanzen zwischen „ethnisch“ und „historisch“ sorgfältig zu beachten.

Rezente religiöse Phänomene 
Der Heilige Francis Borgia (1530–1572), General der Jesuiten, beim Exorzismus; Gemälde von Francisco de Goya

In praktisch allen Religionen bis hin zu den „modernen“ Weltreligionen finden sich zahlreiche schamanische und magisch interpretierbare Reste. Allerdings handelt es sich dabei nicht um regelrechte Schamanenpraktiken, sondern um Brauchtum, tradierte Rituale und Symbole, die sich zumindest formal bis heute gehalten haben und dabei alte religiöse Reste von grundsätzlicher Natur mittransportieren. Dazu gehören etwa Jenseits-, Geister-, Seelenwanderungs- und Unsterblichkeitsglaube sowie der Glaube an besonders begabte oder beauftragte Mittler. Dabei liegt vermutlich weniger eine Aussage über den Glauben unserer Ahnen vor als über die grundlegende Verwandtschaft unseres Bewusstseins und seiner Strukturen mit dem ihrigen. Dieses moderne Bewusstsein steht nach Rupert Riedl dem unserer Ahnen, das bei ihnen als Anpassungsprodukt an ihre noch relativ einfache Welt entstanden war, weit näher als wir zugeben mögen. Dies erklärt nicht wenige unserer heutigen zivilisatorischen Probleme, da, so Riedl, die zivilisatorische Entwicklung der genetischen davongaloppiert sei.(Weiteres s. u. „Kognitiver Dualismus“ und „Participation mystique“).

Derartige Einflüsse finden sich nicht nur bei den alten mediterranen Kulturkreisen und ihren längst ausgestorbenen Religionen, sondern auch, wie Hultkrantz feststellt, im Hinduismus, Daoismus, Schintoismus, Zoroastrismus oder Buddhismus, die durch den Schamanismus besonders massiv beeinflusst wurden, ebenso wie in den indigenen asiatischen, ozeanischen, australischen, amerikanischen und afrikanischen Religionen, denen man aufgrund ihres meist sehr viel höheren Alters und damit ihrer Nähe zu „altertümlichen Konzepten“, die inzwischen in der Esoterik modernistisch für den Westen adaptiert wurden, noch eine gewisse Archaik zuschreiben könnte. Zudem gilt speziell für den Buddhismus eine gewisse Ausnahme von der Regel, dass der Schamanismus durch die Entwicklung von staatlichen Systemen und Priesterhierarchien behindert wird, denn die buddhistische Religion und die ostasiatischen Königreiche haben mit dem lokalen Schamanismus koexistiert und ihn ideologisch inspiriert.

Auch in den abrahamitischen Religionen des Monotheismus finden sich potentielle schamanische Spuren, zumal hier zumindest das Judentum ebenfalls sehr alt ist sowie nach Finkelstein und Silberman eine Vergangenheit im Polytheismus besitzt. Im katholischen und orthodoxen Christentum, einmal abgesehen von allerlei Brauchtum, sind die Transsubstantiation während der Messe oder der Exorzismus, aber auch die Höllenfahrt Christi, dazu die Wunder, die er gewirkt haben soll (Dämonenaustreibungen und Heilungen bis hin zur Wiedererweckung von Toten) durchaus schamanisch-magisch grundiert. Ebenso zeigt die kosmologisch dreigeteilte Welt (hier Paradies, Erde, Hölle/Fegefeuer) diese Symptomatik. Die Versuchungen Jesu zeigen überdies Züge eines ekstatischen Erlebnisses.

Auch der Protestantismus hat zahlreiche dieser Traditionen und Vorstellungen übernommen. Ähnliches gilt für die Vorstellungen von Dschinns und Engel im Islam, der ohnehin viele dieser Elemente aus der altarabischen und stark schamanisch-magisch konfigurierten Religion übernommen hat und mit der Himmelfahrt Mohammeds, der Mi'radsch bzw. Isra, zudem als Jenseitsreise ebenfalls ein zentrales Schamanenelement besitzt (sogar mit einem begleitenden Tiergeist, dem Pferd Buraq). Diese Jenseitsreise kennt mythisch zahlreiche Vorgänger: Der Orpheus-Mythos dürfte allerdings wie andere einschlägige Mythen eine Form des neolithischen Fruchtbarkeitsmythos vom „Sterbenden Gott“ sein. Er war schon altägyptisch im Osirismythos präsent und erscheint in zahlreichen Agrarmythen weltweit bis hin zur Dema-Gottheit Jensens. Selbst die Schutzengel des Christentums finden sich als Schutzgeister schon im Schamanismus, ebenso die Dämonen, desgleichen die Vorstellungen vom Seelengeleit (christlich: Aussegnung) und von der Unterwelt. Überhaupt sind Segen und Weihe kaum kaschierte Abkömmlinge schamanischer Schutzzauber, also das Herbeirufen von Schutzgeistern, so wie Verfluchungen („der Teufel soll ihn holen“) und Bannung deren negative Spuren repräsentieren. Die bildliche Vorstellung des Teufels lässt sich auf den archaisch-schamanischen Ziegendämon zurückführen, der in der Bibel als Asasel und in der griechisch-römischen Mythologie als Pan auftritt. Auch ekstatische Zustände, Auditionen und Visionen werden berichtet, zuerst im Pfingstwunder, später dann durchgängig und bis heute in der christlichen und muslimischen Mystik wie z. B. im Sufismus. Auch in den östlichen Religionen treten alte schamanische Praktiken und deren geistige Horizonte mit Meditation und Ekstase in den Vordergrund und werden für die religiöse Struktur bestimmend. Selbst der Ahnenkult hat vor allem im Christentum – der Islam verbietet ihn in den Hadith, wenn auch eher erfolglos – noch deutliche Spuren hinterlassen, zum Beispiel in den Bräuchen des Halloween (Allerseelen), überhaupt der gesamten Heiligenverehrung, die nichts anderes darstellt als eine Bitte um Hilfe an Totengeister, welche als machtvolle Mittler auftreten. Beim prophetischen Potential überlappen sich zudem die Funktionen von Schamanen, Propheten und Priester, zumal vor allem Propheten wie Ezechiel oder Mohammed durchaus ekstatische Zustände erlebten. Weitere potentielle Parallelen sind etwa die bereits auf Felsbildern dargestellte Adorantenhaltung, das Fasten, rituelle Gewandungen, die Verwendung von Duftstoffen und Weihwasser, das reinigende Räuchern (im indianischen Schamanismus weit verbreitet), Reliquien (vgl. Fetischismus) usw. Rituelle Reinheit ist in vielen Religionen in bestimmten Situationen obligat, nicht nur die Waschungen der Muslime, die Mikwe der Juden oder die Taufe der Christen. Schon die Schamanen führten solche Reinigungsriten mit Bädern und Räucherungen aus, desgleichen Initiationsriten, die sich etwa in Kommunion und Konfirmation erhalten haben oder im jüdisch-muslimischen Bereich mit Brit Mila bzw. Beschneidung und Bar Mizwa. Solche Initiationsriten werden von den Prähistorikern schon als Motive der Höhlenmalereien etwa der Franko-kantabrischen Sphäre vermutet. Auch das im Christentum nur noch symbolisch praktizierte Opfern geht als Verbindungsmechanismus zwischen Sakralem und Profanem auf diese alten Ursprünge zurück. Bereits im Neolithikum mussten Teile der Jagdbeute den Fruchtbarkeitsgöttern, die oft chthonische Erd- und Todesgötter waren, überlassen werden, um sie zu besänftigen. Im Schamanismus galt dann ähnliches für den Herrn der Tiere.

Psychologie  

Neuropsychologie

Die für eine Gesamtsicht unerlässlichen neurophysiologischen und neuropsychologischen Grundlagen von Trance/Ekstase, Besessenheit und Schamanismus sind im 3. Kapitel der »Trance als multisensuelle Kreativitätstechnik« der Giebichsteiner Vorlesungen von Jürgen W. Kremer erläutert. Insgesamt sind diese als ASC (Altered State of Consciousness) bezeichneten Vorgänge als materielles Substrat der psychologischen hochkomplex und interferieren zudem heftig mit dem Leib-Seele-Problem. Lewis-Williams entwirft ein entsprechendes Modell dazu.Entscheidend vor allem bei der Trance sind hier offenbar neurophysiologische Vorgänge im präfrontalen Kortex, wie entsprechende SPECT-Untersuchungen an meditierenden buddhistischen Mönchen und Nonnen nachwiesen. Giselher Guttmann beschreibt die Überraschung der Ethnologin Felicitas Goodman, als ihr auffiel, dass auf vielen prähistorischen Darstellungen dieselben Körperhaltungen zu finden sind, wie sie Naturvölker einnehmen, wenn sie jene Veränderung der Bewusstseinslage herbeiführen wollen, die mit Trance bezeichnet und durch rhythmisches Rasseln mit einer Frequenz von 200 bis 210 Schlägen pro Minute erzielt wird. Derart in Trance Befindliche bringen lebhafte bildlich erlebte Geschichten hervor, deren Inhalte wiederum von der eingenommenen Position abhängig sind und ganz unerwartet in den Bereich uralter Mythen führen, wie sie uns zum Teil mit verblüffender Übereinstimmung in verschiedenen Kulturkreisen begegnen. Bei solchen Trancen steigt das zerebrale Grundpotential um einige Millivolt an, und es zeigen sich phasenhaft langsame Wellen im EEG, die sonst nur im mitteltiefen Schlafzustand auftreten. Diese Theta-Phasen korrelierten mit besonders intensiven Tranceerlebnissen.

Der Weg zur Trance führt über zahlreiche Meditationstechniken. Diese reichen von einfachen Atemübungen über monotone Bewegungen und die Konzentration auf ein Objekt, wie sie etwa bei der Hypnose üblich ist, bis hin zu asketischen und qualvoll-unlustbetonten Manövern, wie sie manche nordamerikanischen Indianerstämme etwa beim Sonnentanz praktizieren.

Die neurophysiologischen Vorgänge sind noch nicht vollständig geklärt. Bei Halluzinogenen spielen jedoch Veränderungen von Neurotransmittersystemen und ihrer Rezeptoren eine wichtige Rolle. Das menschliche Gehirn besitzt mit der Amygdala an der Innenseite der Temporallappen (der sogenannte Mandelkern), zudem eine Struktur (es gibt weitere wie den Hippocampus), die alle eingehenden Signale mit Hilfe angeborener oder erworbener Programme emotional filtern (es sind 109 bit/sec, die auf 30 bis 40 Hertz, der maximalen Arbeitsfrequenz des Erwachsenengehirns, herunterselektiert werden), werten und zur Speicherung nach der Theorie der somatischen Marker von Antonio Damasio isolierten emotionalen Ordnungsfunktionen in die verschiedenen Gedächtnisebenen weiterleiten oder aussortieren. Halluzinationen können durch eine teilweise Ausschaltung oder Fehlfunktion dieses Systems ausgelöst werden, die durch die oben beschriebenen Meditationstechniken selbstinduziert sein kann. Ist die Selektivität dieses Systems derart vorübergehend geschwächt, gestört oder gezielt außer Kraft bzw. verzerrt, dringen auch unwahrscheinlichere Wahrnehmungen durch. Sie werden zu Bildern, Tönen, Gerüchen usw. zusammengesetzt und dann als wahr angenommen. So erklären sich Visionen, Halluzinationen, „Glaubenserlebnisse“ unter Meditation oder Trance, Einfluss von Drogen, Hysterien, Erkrankungen wie Schizophrenie usw. Auch bestimmte „jenseitige Wahrnehmungen“ vor allem bei Kindern bzw. Pubertierenden, bei denen dieses Kontrollsystem noch nicht völlig ausgereift ist, sowie bei Frauen in endokrinen Ausnahmezuständen (z. B. Klimakterium, Schwangerschaft) erklären sich so zwanglos mit einer noch nicht völlig erstarrten bzw. pubertär oder spezifisch hormonell gestörten Filterfunktion. Bei Epilepsie kann diese Funktion ebenfalls gestört sein, was die ursprüngliche Charakterisierung der sibirischen Schamanen (sogenannte „arktische Hysterie“) als Epileptiker erklärt.

Ursache „Kognitiver Dualismus“

Hultkrantz stellt in seinem Buch über den amerikanischen Schamanismus einleitend fest: „Merkwürdigerweise haben die meisten Schamanismusforscher diesen Dualismus in der Weltsicht schamanischer Völker und seine Konsequenzen übersehen.“ Er meint damit die Spaltung dieser Weltsicht in eine natürliche und eine präexistente, durch Mythen begrifflich erfasste übernatürliche Region, in der die Götter und Geister sowie die Toten wohnen – und in beiden existiert der Mensch. Gleichzeitig sind beide Welten voneinander getrennt, und der Schamane überschreitet diese Grenzen mit Hilfe der Trance. Der Mensch wird aus dieser spirituellen Welt geboren und kehrt mit dem Tode in sie zurück.

Auch Jensen weist ausdrücklich auf diesen „psychophysischen Dualismus“ hin. Der Grund für diese Konstanz fundamentaler dualistisch-religiöser Konzepte über viele Jahrtausende in immer neuen Varianten und in praktisch allen Religionen liegt, wie Kognitionspsychologen vor allem im Rahmen der Evolutionären Erkenntnistheorie postulieren, unter anderem im bereits von Konrad Lorenz in Das sogenannte Böse festgestellten grundsätzlichen kognitiven, sich auch als Polarität äußernden Dualismus innerhalb der Grundstruktur menschlichen Denkens.

Dieser Dualismus und die daraus erwachsende lineare, unvernetzte Kausalität konkurrierte vorgeschichtlich mit dem eher animistisch mystifizierenden Schamanismus. Im Laufe der Entstehung eines Welterklärungsmodells im Rahmen einer evolutionären Überlebensstrategie entstand eine Verbindung, bei der nur irrational zu beantwortende Fragen in ein scheinkausales Muster eingebaut wurden. Durch unterschiedliche Schwerpunktsetzungen entstanden ganz unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen. Dies ergibt sich zwangsläufig aus der von Marcel Mauss festgestellten sozialen Bindung religiöser Phänomene, da soziale Bedingungen umweltbedingt und damit wirtschaftsbedingt stark schwanken können (etwa bei der neolithischen Revolution), wie bereits Max Weber im ersten Kapitel seiner Religionssoziologie feststellt Allerdings ist der Gedanke der sozioökonomischen Dominanz schon in der Geschichtsphilosophie von Karl Marx vorgeprägt. Auch moderne Autoren wie Roman Herzog folgen ihm; und Max Weber hat in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus eine enge Beziehung zwischen Wirtschaftsethik und Weltreligionen hergestellt.

Dieser dualistisch-animistische Antagonismus mitsamt der linearen Pseudo-Kausalität und dem weiter unten dargestellten irrationalen Mystizismus hat sich als mächtige Antriebskraft der geistig-religiösen Entwicklung erwiesen. Die aktive Dynamik beider Komponenten ergibt sich eindeutig aus den Forschungen von Margaret Mead. Sie hat nachgewiesen, dass beide Komponenten bereits im Kindesalter anlagebedingt gleichberechtigt nebeneinander vorhanden sind und erst im Verlauf einer spezifischen persönlichen wie kulturellen Entwicklung unterschiedlich gewichtet werden, so dass im Erwachsenenalter jeweils eine der beiden Komponenten dominiert, In der westlichen Moderne herrscht das lineare Ursache-Wirkungs-Denken mitsamt der damit einhergehenden Pseudo-Finalität vor, das ebenfalls dualistisch konfiguriert ist. Dabei manifestiert sich der kognitive, die Weltanschauung präformierende Dualismus in immer anderen Varianten. Dazu gehören wie in den fernöstlichen Religionen – und auch im Schamanismus – polare Ergänzungen (Yin Yang), die sich eschatologisch ausgleichen, oder wie in den alten indoeuropäischen und modernen westlichen Großreligionen eher dualistisch-oppositionelle bis manichäische, mit Theodizee-Problemen ringende Anschauungen – mit allen Gefahren, die solche angesichts moderner Komplexitäten ungenügenden Denkstrukturen mit sich bringen. Dass es sich dabei nicht nur um eine seltsam anmutende Vermischung von Kulturanthropologie, Religionsgeschichte und Psychologie handelt, der Dualismus vielmehr ganz grundsätzlicher Natur ist (und eben deshalb so schwer eliminierbar), notiert Rupert Riedl in seinem Aufsatz „Bewusstseins-Lenkung im sprachlichen Denken“ (1988/89):

„Was wir als Form-Funktion-Dualität im Mittelbereich unserer Lebenswelt kennen, lässt sich nämlich gegen die niedersten Komplexitätsschichten bis zum Teilchen-Welle-Dualismus in der Mikrophysik verfolgen und gegen die höheren Schichten bis in die Materie-Geist-Dualität und den Leib-Seele-Dualismus.“

Das Bewusstsein. Multidimensionale Entwürfe, S. 409

Der Philosoph Karl R. Popper wiederum führt den religiösen Dualismus auf die Wechselwirkung von Körper und Bewusstsein, Leib und Seele zurück, das Leib-Seele-Problem und schreibt:

„Es gibt eine Fülle wichtiger prähistorischer und natürlicher historischer Beweise zur Unterstützung der Hypothese, dass der dualistische Glaube und der Glaube an Wechselwirkung zwischen Körper und Bewusstsein sehr alt ist. Abgesehen von Folklore und Märchen wird er durch alles das belegt, was wir über primitive Religion, Mythos und magischen Glauben wissen. Da ist zum Beispiel der Schamanismus mit seiner charakteristischen Lehre, dass die Seele des Schamanen den Körper verlässt und auf die Reise geht; bei den Eskimos sogar zum Mond.“

Karl R. Popper, John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn

Ursache „Participation mystique“

Eine vergleichsweise ähnliche Konstanz findet sich auch bei der anderen Komponente, jener eher diffusen magischen Vorstellung, wie sie vor allem in den Stadien der Entwicklungspsychologie etwa C. G. Jungs, Lawrence Kohlbergs, Jean Piagets oder Rolf Oerters konzeptionell vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter als Projektion auftritt. Wo sie von starken dualistisch-rationalen Elementen überlagert wird, sucht sie immer wieder Ausgleiche. Dies ist in der modernen Esoterik, aber auch in bestimmten religiösen Erscheinungen der Massenpsychologie zu erkennen, wie sie zum Beispiel Gustave Le Bon beschreibt. Lucien Lévy-Bruhl hat diese Participation mystique auch ethnologisch interpretiert, ebenso wie Sigmund Freud etwa in Totem und Tabu. C. G. Jung übernahm den Begriff von Lévy-Bruhl zur Beschreibung der primitivsten Beziehungen des Ich zur Welt und zu der es umgebenden Gruppe oder Stammesgemeinschaft, und integrierte dieses Konzept in sein System der Archetypen. Participation mystique bezieht sich dabei auf einen Zustand primitiver Identität zwischen Selbst und Objekt, das ein Ding, eine Person oder eine Gruppe sein kann. Sie ist außerdem Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Dieses bei Erwachsenen weiterbestehende magische Denken findet man heute, abgesehen von indigenen Völkern mit sogenannten Naturreligionen oder solchen mit entsprechenden Traditionen, insbesondere in der westlichen Esoterik – und als animistisch-schamanisches Überbleibsel auch in den Weltreligionen. In der Forschung stand besonders dieser Aspekt im Zentrum des Interesses, etwa bei Eliade mit seiner universalistischen, impressionistischen und teils romantischen Interpretation, die von späteren Wissenschaftlern zum Teil übernommen wurde. Inzwischen wird Eliade von Sozialanthropologen und Religionswissenschaftlern allerdings stark kritisiert.

Oswald Spengler kombinierte beide Erklärungsmuster, als er das Phänomen als strikt dualistisch definierte. Er bezeichnet es mit dem Begriff magische Seele, stellt es neben die apollinische und die faustische Seele und räumt seiner kulturhistorischer Analyse viel Platz ein. Er schreibt:

„Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen Dualismus zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele. Zwischen ihnen herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische funktionale Verhältnis, sondern ein völlig anders gestaltetes, das sich eben nur als magisch bezeichnen lässt.“

Der Untergang des Abendlandes, S. 390

Der Gehirnphysiologe John C. Eccles räumt in seinem Dialog, den er mit Karl Popper über das Problem von Ich, Seele, Körper und Bewusstsein führte, ein:

„Wir sind uns einig, dass wir uns mit unserer winzigen Intelligenz und unserem Verständnis nur so weit in die großen Mysterien wagen können, die uns bei unserem Versuch, alles in der Existenz in der Erfahrung zu erklären, von allen Seiten gegenüber stehen. Die Wissenschaft ist auf ihrem begrenzten Feld von Problemen sehr erfolgreich; doch die großen Probleme, das mysterium tremendum, in der Existenz von allem, was wir kennen, dies ist nicht in irgendeine wissenschaftlichen Weise erklärbar. So lassen wir es dabei bewenden. Wir leben mit Mysterien, die wir erkennen müssen, wenn wir zivilisierte Wesen sein sollen, und die unserer Existenz ins Auge blicken.“

Karl R. Popper, John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn

Grundlegende Schamanismusformen 

Für die Typologie des Schamanismus lassen sich unterschiedliche Kriterien finden, die meist durch bestimmte philosophisch-religiöse oder andere Relativismen vorbelastet oder schlicht veraltet sind. Klaus E. Müller leitet daher die Schamanismusformen vor allem aus ihrem neutral zu wertenden rezenten Verbreitungsbild und den dabei anzutreffenden sozioökonomischen Grundlagen ab. Er unterscheidet so drei Typen:

  • den primären Elementarschamanismus,
  • den sekundären Komplexschamanismus und
  • den hochkulturlich-synkretistisch überprägten Besessenheitsschamanismus, wie er aktuell vor allem im islamischen, lamaistischen bzw. Vajrayana-buddhistischen, hinduistischen, schintoistischen etc. Zusammenhang auftritt. Die Besessenheitsformen afrikanische Religionen rechnet er hingegen nicht dazu. Eliade steht der Besessenheit als Ausdrucksform des Schamanismus ausgesprochen skeptisch gegenüber.

Typologische Zusammenhänge mit ur- und frühgeschichtlichen Religionsformen des Paläolithikums und Neolithikums sowie der Bronzezeit, aber auch mit frühhistorischen Religionen, vor allem, wenn sie weitgehend wie etwa im Falle der Skythen, Slawen, Kelten, Germanen, Etrusker usw. noch schriftlos waren oder man ihre Schrift noch nicht oder nur begrenzt lesen kann, sind dabei weit schwieriger einzuordnen und entsprechend umstritten. Sie werden daher weiter unten separat betrachtet. Auch in den rezenten Formen gibt es Übergangsbereiche und Kombinationsmöglichkeiten, so dass hier nur die Grundzüge aufgezeichnet werden sollen.

Primärer Elementarschamanismus

Rezente Verbreitung: Vor allem bei Jäger-Sammler-Gesellschaften und Völkern mit der ökonomischen Grundlage Fischfang verbreitet, insbesondere dann, wenn sie in abgelegenen Bereichen oder auf Inseln leben. Aktuelle Beispiele sind: Tschuktschen und andere sibirische Ethnien, Eskimos und Aleuten, Feuerland-Indianer, Aborigines, Andamaner, Batek (Malaiische Halbinsel), Yaruro-Indios in Venezuela und andere.

Charakteristika: Der Schamane wird von Tiergeistern berufen und ist vor allem für den Jagderfolg zuständig, wirkt aber auch als Medizinmann und überwacht den Fortpflanzungserfolg der Gruppe. Seine Funktion ist also die Fürsorge für die Seelen von Tier und Mensch. Dabei benutzt er vorwiegend durch Konzentration/Meditation/Trance ausgelöste Ekstasetechniken, um in die Jenseitsreise eintreten zu können, die seine Freiseele mit Hilfe von Geistern unternimmt, um dort korrigierend und helfend auf Störungen im Diesseits einzuwirken. Das Ritual ist wenig ausgeprägt, und Drogen, Kostüme oder spezielle Hilfsmittel kommen kaum oder nur sporadisch und in einfacher Form vor. Schamaninnen sind selten.

Soziale Basis: Lokalgemeinschaften oder Verwandtschaftsgruppen (Lineages, Sippen).

Sekundärer Komplexschamanismus

Rezente Verbreitung: In den Grenzbereichen des Elementarschamanismus, also vor allem bei Hirtennomaden Nord- und Innerasiens sowie bei tropischen Pflanzergesellschaften, vor allem wenn die Jagd zentrales ökonomisches Element ist (z. B. Indios Südamerikas).

Charakteristika: Dieselben Funktionen und Techniken wie beim Elementarschamanismus; dazu treten Funktionen, die durch die nun vorwiegende Sesshaftigkeit bestimmt sind, also auch bei Transhumanz. Die Berufung erfolgt nun vor allem durch Ahnengeister oder durch die Totenseelen früherer Schamanen (letzteres vor allem bei Tungusen und Gruppen im Altai-Gebirge), die später auch die Schutzgeister des Schamanen sind. Das Amt wird nun oft vom Vater auf den Sohn oder von der Mutter auf die Tochter vererbt. Entsprechend hat der Schamane auch priesterliche Aufgaben, etwa bei Geburt, Namensgebung, Bestattung, und führt Agrarriten durch. Riten, Tracht und Utensilien gewinnen nun immer größere Bedeutung und werden komplex; in Zelten entstehen Kultstätten. Bei der Trance werden spezielle Techniken und halluzinogene Drogen eingesetzt. Die Bindung an den persönlichen Schutzgeist wird intensiver und verlangt nach Opfergaben; auch die anderen Geister müssen derart bei Laune gehalten werden. Vor allem gilt dies für die Randbereiche Hochasiens, bei Tungusengruppen sowie den Bergbauern des südlichen und westlichen Himalaya (Hindukusch und Nepal). Vermehrt gibt es nun auch weibliche Schamanen.

Soziale Basis: Verwandtschaftsverbände und Dorfgemeinschaften.

Besessenheitsschamanismus

Rezente Verbreitung: Vor allem bei bäuerlichen Dorfgesellschaften Südostasiens (China, Tibet, Taiwan, Korea, Japan, teils auch Nepal), auch in Polynesien. Ob die Besessenheitsformen Afrikas oder in den afrokaribischen Religionen hierher gehören, ist umstritten.

Charakteristika: Meist wird das Amt jetzt von Frauen ausgeübt. Die Bindung an die Geistmacht (auch Gottheit) ist nun lebenslang und trägt noch Züge der älteren Bindung an einen Schutzgeist. Diese Geistmacht wird jetzt in einem kleinen Tempel kultisch verehrt und empfängt Opfer und Dienste. Die Aufgaben entsprechen denjenigen des Komplexschamanismus und enthalten zentrale medizinische Komponenten sowie Beratung und Wahrsagen. Hingegen begibt sich der Schamane nicht mehr auf eine Jenseitsreise, vielmehr tritt sein persönlicher Partnergeist in ihn ein, heilt, prophezeit usw. Es findet damit keine Ekstase im klassischen Sinne mehr statt, also kein Aus-sich-heraus-Treten der Schamanenseele, sondern eine Besessenheits-Séance, bei der der Schamane das Verhalten, ja die Tracht des ihn ergreifenden Geistes annimmt. Falls der Schamane von mehreren Geistern nacheinander ergriffen wird, muss er während einer Séance eventuell mehrfach die Kleider wechseln. Im Unterschied zu anderen Besessenheitskulten erfolgt jedoch das Eintreten des Geistes in den Schamanen auf dessen Einladung, nicht überfallartig oder gegen den Willen des Betroffenen. Müller definiert den Unterschied zwischen Besessenheitsschamanismus und „Besessenheitskulten“ so: „Typisch für den Schamanismus gegenüber den gängigen ‚Besessenheitskulten‘ bleibt jedoch, dass der Schamane die Geistmacht, wann immer eine Séance geboten erscheint, freiwillentlich zu sich zu bescheiden vermag, also nicht irgendwann und überraschend gleichsam von ihr überwältigt wird, ihr lediglich passives Organ ist.“ Diese relativ heikle, weil vor allem subjektiv-introspektiv zu bewertende und damit mit erheblichen Unsicherheiten behaftete Unterscheidung wird insbesondere für Afrika und seine zahlreichen Besessenheitskulte wichtig.

Soziale Basis: Übliche Klientel ist die Dorfgemeinschaft.

Schamane und Schamanismus 

Bei der nun folgenden Darstellung der einzelnen Aspekte, werden die Charakteristika der Schamanen beschrieben, ohne auf ihr spezifisches Auftreten im Rahmen der jeweiligen, oben geschilderten Schamanismusformen genauer einzugehen, außer in besonders bezeichnenden Ausnahmefällen oder wenn Differenzierungen dies erfordern. Dargestellt ist vorwiegend die Situation im elementaren und Komplexschamanismus. Grundlage ist im allgemeinen und wenn nicht anders beschrieben das Erscheinungsbild der sibirischen Schamanen sowie die Darstellung Klaus E. Müllers. Ergänzend wurden die Darstellungen der Encyclopædia Britannica sowie spezielle ethnographische Werke zu Rate gezogen.

Äußere Merkmale und Funktionen 

Besonderes Merkmal des Schamanenamtes ist der Einsatz bestimmter Formeln und ritueller Handlungen, vor allem zur Erzielung eines Trancezustandes, um Kontakt zur „Götter- und Geisterwelt“, insbesondere zu den Ahnen aufzunehmen. Es werden anlassbezogen unterschiedliche Methoden verwendet, um in Ritualen die Wirkung der Beschwörungsformeln zu verstärken bzw. um einen Schutz für sich und andere aufzubauen (z. B. Verbrennen von Räucherwerk, Schlagen bestimmter Rhythmen auf besonderen Schamanentrommeln, Tanz, Trancetanz, Gesang, im Elementarschamanismus nicht, sonst häufiger psychedelische Drogen, Fasten, Schwitzen, Meditation). Religiös bedingte Trancezustände werden im Allgemeinen interpretiert als Übergang in einen anderen Seinszustand, eine jenseitige Welt wie etwa die Keltische Anderswelt oder die Traumzeit der Aborigines und als Kommunikation mit Geistern oder wie im Buddhismus als Übergang in die Nichtseinswelt des Nirwana, die hier als höchstes Ziel der Religion gilt. Der Schamane kann sich dabei frei zwischen den Welten bewegen. Er tritt in einen anderen Bewusstseinszustand ein, ist daneben aber immer noch in der Lage, mit den um ihn befindlichen Personen zu kommunizieren, Fragen zu stellen und Anweisungen zu geben. Dies unterscheidet ihn von einem Medium, das, wenn auch beabsichtigt, die Kontrolle über seine Handlungen zeitweise verliert und vom Zustand der Besessenheit, in dem der Wille des Besessenen gänzlich unterworfen wird.

Dem Schamanen werden besondere Kenntnisse und Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste spezifische Kräfte zugestanden, über die andere Menschen nicht verfügen. Mit diesen Fähigkeiten wirkt der Schamane kulturspezifisch in einer teils großen Zahl von Rollen – vom Lehrer und Heiler über den Wahrsager und Psychopompos (Begleiter der Seelen ins Totenreich) bis hin zum „Zeremonienmeister“, der die Riten überwacht. Das ist im einzelnen jedoch von der jeweiligen Schamanismusform sowie dem spezifischen kulturellen, religiösen (z. B. Hochreligionen) und ethnischen bzw. ökonomisch-sozialen Umfeld und dessen Traditionen abhängig.

Wesen des Schamanentums, Schamaninnen 

Der vorwiegend kultisch definierte, definitorisch umstrittene Begriff Schamane bezeichnet allgemein einen Menschen, der im Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Phänomens des Schamanismus steht und oft auch über magische Kompetenzen verfügen kann. Er wird von seinem Umfeld als Medizinmann oder Zauberer angesehen, der in seinen ekstatischen Trance-Reisen Kontakt mit der Welt der Geister, seien es nun Natur-, Tier- oder Ahnengeister, ermöglicht oder durch zeitweise Integrierung dieser Geister in sein »Ich« deren Macht ausübt. Auch Jenseitsreisen (der Schamanenflug) zu den mächtigsten metaphysischen Entitäten innerhalb der schamanischen Kosmologie wie dem Hochgott oder dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere werden ihm zugetraut. Sein Amt ist von dem eines Priesters grundverschieden, und im Gegensatz zu diesem trägt er, so Kasten,„hohe Verantwortung für seine Gruppe. Er konnte die Signale der Natur deuten, als deren Teil sich die Menschen verstanden. Weil Krankheiten oder ausbleibendes Jagdwild als Folge von menschlichem Fehlverhalten gedeutet wurden, war es Aufgabe des Schamanen, die Ursache dafür zu erkunden, für einen Ausgleich zu sorgen und die unkontrollierbaren Naturkräfte durch geeignetes Verhalten zu beeinflussen. Im schamanischen Ritual, der kamlanie, reiste der Schamane als Verkörperung seiner Gruppe in andere Welten und setzte sich dort für deren Schicksal ein. Unterstützt von Hilfsgeistern suchte er dort Rat, um die richtigen Entscheidungen für den Einzelnen wie für die Gruppe zu treffen“.

Das Geschlecht spielt im Schamanismus an sich keine Rolle, zumal sich der Schamane bei seiner Tätigkeit oft in der Kleidung des anderen Geschlechtes zeigt, und weibliche Schamanen waren daher genauso geschätzt wie männliche. Zu Beginn des Schamanismus musste der Schamane offenbar im Prinzip das entgegengesetzte Geschlecht seines Schutzgeistes haben. Im Elementar- und Komplexschamanismus dominieren allerdings männliche Schamanen. In bäuerlichen Gesellschaften mit Besessenheitsschamanismus sieht man aber vorwiegend Schamaninnen. Treten sie in den beiden ersten Formen auf, gelten sie meist als besonders mächtig. Wo priesterliche Ämter in den Hochreligionen Islam, Schintoismus, Buddhismus und Lamaismus ausschließlich Männern zugänglich waren, besetzten Schamaninnen aus der einfachen Bevölkerung die unteren sakralen Ränge und übten die dort traditionellen Funktionen aus, die zudem noch im Ruche des Heidnischen mit abergläubischen Ritualen standen und von Männern meist gemieden wurden. Mit ihrer traditionellen Erfahrung mit Heilkräutern dienten Frauen vor allem der medizinischen Basisversorgung, behandelten vorwiegend leichtere Erkrankungen und versahen das Amt von Geburtshelferinnen. Sie verloren allerdings ihre Schamanenfähigkeit während der Schwangerschaft und mehrere Jahre nach einer Geburt. Oft traten sie erst nach der Menopause in das Amt einer Schamanin ein, zumal sie in der Menstruation zahlreichen Reinheitstabus unterliegen. Auch in den Zar- und Bori-Kulten Nordostafrikas, wo vor allem in den alten Hausa-Staaten die Verehrung vorislamischer Gottheiten weitergeführt wird, also im Umfeld der dortigen Hochreligionen Islam und Christentum, finden sich bevorzugt weibliche Schamanen, desgleichen in den afroamerikanischen Besessenheitskulten der Karibik und Brasiliens (z. B. Voodoo, María Lionza-Kult, Ubanda, Santería, Candomblé usw.).

Schamanenwerdung  

Der gesamte Prozess der Schamanenwerdung verläuft in mehreren Stufen, die sich über einen langen Zeitraum hinziehen und teils lebensgefährdende Elemente enthalten können. Die Grundzüge sind bei allen Schamanismusformen ähnlich, variieren aber stark in den Einzelheiten. Die hier geschilderten Abläufe lehnen sich vor allem an die des sibirischen Schamanismus an. Quellen:.

Auswahl und Berufung 

Die für einen Schamanen besonderen Fähigkeiten erhält er auf drei unterschiedliche Weisen: entweder durch Vererbung, durch freiwilliges Ersuchen oder durch Wahl. Viele schamanische Traditionen beruhen allerdings auf dem Konzept der Berufung. In Familien, in denen bereits Vorfahren Schamanen waren, wird die Fähigkeit, Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen, mitunter weiter vererbt. In besonderen Fällen geschieht die Auswahl bereits vor der Geburt, meist durch die Herrin der Tiere. Häufig lässt sie dazu ein geeignetes Kind sterben und verschmilzt dessen Seele zu einer tiermenschlichen Doppelnatur, die dem späteren Schamanen besonders große Macht verleiht. Bestimmte körperliche Merkmale bei der Geburt eines Kindes weisen auf seine Berufung zum Schamanenamt hin. Die eigentliche Berufung erfolgt erst später, frühestens nach Abschluss des zweiten Zahnens, meist aber während der Pubertät, durchschnittlich im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Doch sind auch spätere Berufungen bis zum Ende des sechsten Lebensjahrzehnts bekannt. Diese Berufung zeigt weltweit gemeinsame Merkmale, gewöhnlich Träume oder Visionen oder Auditionen, also visionäre Höreindrücke, in denen Ahnen- oder Tiergeister dem Auserwählten seine Berufung offenbaren. Tatsächlich ist diese Berufung den Betroffenen fast stets unwillkommen und häufig wehren sie sich eingedenk der Entbehrungen, die auf sie zukommen, heftig dagegen, bis die Geister sie regelrecht niedergerungen haben. Dieser Widerstand ist als Schamanenkrankheit bekannt und war mit Ursache dafür, dass man zeitweise Schamanen als Opfer einer „arktischen Hysterie“, also als Geisteskranke ansah. Diese Krankheit äußert sich in meist schwersten körperlichen wie geistigen Ausfallerscheinungen mit hochpathologischem Charakter, die solange anhalten, bis der Betroffene das angetragene Amt annimmt. Danach verschwinden die Krankheitszeichen binnen Tagen. Weigert sich der Betroffene aber weiterhin, kann lebenslanger Wahnsinn die Folge sein. Allerdings kommt es bei vielen Völkern in Nord- und Südamerika, Südostasien und Indonesien durchaus vor, dass sich manche Menschen zum Schamanen berufen fühlen und dieses Amt freiwillig anstreben. Sie werden mitunter von Geistern in einsame Wälder oder Höhlen entführt, wo sie ihr Ziel durch Fasten und sexuelle Askese zu erreichen suchen. Bis die Geister ihre Kandidatur annehmen und die Ausbildung beendet ist, können mehrere Jahre vergehen.

Ausbildung 

Die Geister sind nun freundlich und hilfreich und beginnen damit, den Schamanen sein künftiges Amt zu lehren, ihn Schritt für Schritt in allen Techniken, Praktiken und Ritualen auszubilden. Während dieser Ausbildungszeit zieht sich der werdende Schamane in die Einsamkeit zurück, wo er verschiedene Initiationen durchläuft, in deren Mittelpunkt der Erwerb derjeniger meist tiergestaltiger Hilfsgeister steht, die ihn auserwählt haben. Sie dienen ihm als Alter Ego, und bei Bedarf kann er sich in sie verwandeln. Dabei lernt er, welche Wege die verschiedenen Welten verbinden, auf denen die Geister sich bewegen, wie sie zu erkennen und zu beschreiten sind, und wie er mit diesen kommunizieren kann. Anschließend unterrichten erfahrene ältere, meist berühmte Schamanen, oft mehrere nacheinander, den Schüler in der korrekten Durchführung von Ritualen und Deutungen der Botschaften aus der spirituellen Welt, insbesondere von Techniken zur Erlangung der rituellen Ekstase. Erforderlich war dies vor allem in Kulturen mit differenziertem religiösem Brauchtum, also im Komplex- und Besessenheitsschamanismus. Die Aneignung des gesamten überlieferten Wissens über die Welt seines Volkes ist ein weiteres Ausbildungsziel. Der Lehrer begleitet den Lehrling nun auf allen seinen Wegen und unterweist ihn in allen Aspekten der Heilkunde sowie in den Formalien, Gebeten, Gesängen, Tänzen, die Geistersprache und Traumdeutung, dazu den Traditionen seines Volkes. Am Abschluss der drei bis fünf Jahre dauernden Ausbildung, die wie bei den Grönland-Eskimos bis zu 12 Jahre dauern kann, steht die Schamanenweihe.

Odin, der in der germanischen Mythologie als der große Schamane gilt, opfert sich freiwillig und hängt im Weltenbaum Yggdrasil, um so das Geheimwissen der Runen zu erlangen, wie im Hávamál 138 ff. geschildert. Illustration zum Hávamál aus dem Jahre 1908. Vergleichbar sind das Ersteigen der Bäume sibirischer Schamanen während der Initiation und das Ausbrüten des Schamanen als Ei der Vogelmutter im Geäst des Weltenbaums. Vgl.

Initiation und Verwandlung 

In manchen Kulturen, vor allem Sibiriens, ging der Ausbildung durch menschliche Schamanen mit der nachfolgenden Weihe noch eine spezielle, meist dreitägige Schamaneninitiation durch die Geistmächte voraus. Dabei wurde eine tiefgreifende Umwandlung des Anwärters vorgenommen, der ein zweites Mal erkrankte und in tiefe Bewusstlosigkeit fiel, wobei sich an seinem Körper abermals Wundmale und Veränderungen zeigten. Der Adept erlebt dabei intensive Visionen, bei denen er von den Geistern in die Unterwelt entführt, dort regelrecht auseinander genommen und neu zusammengesetzt, also getötet und wiederbelebt wird. Danach wird er in der Unterwelt nochmals intensiv von den Geistern unterrichtet und mit den verschiedenen Geistmächten, dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere usw. bekannt gemacht. Manche bedeutende Schamanen erlebten solche Zerstückelungsvisionen mehrmals. Von diesen teilweise an die Dema-Gottheit erinnernden Verwandlungszeremonien gibt es weltweit verschiedene Varianten, doch stimmen sie in den Grundzügen überein. Mitunter erhielten die Novizen nach der Verschmelzung ihrer Freiseele mit Tierseelen noch besondere außersinnliche Wahrnehmungsfähigkeiten, vor allem Hellsehen, Telepathie, ja sogar Psychokinese und Teleportation. Als Seher ihrer Gesellschaft sehen sie vor allem unheilvolle Ereignisse voraus. Nach Abschluss all dieser durch Geistmächte ausgeführten Initiationsprozeduren sind die Novizen andere Menschen, denn sie verfügen nun über eine Doppelnatur. Halb Mensch, halb Geist sind sie nun praktisch Blutsverwandte ihrer Schutz- und Hilfsgeister. Durch den Tausch von Körper und Seele mit den Geistern entsteht eine „affinale Verwandtschaftsbeziehung“. Sie hat allerdings zur Folge, dass der Schamane nur Krankheiten heilen kann, mit deren Krankheitsgeistern er eine Beziehung aufgenommen hat. Hier herrscht das Prinzip strikter Reziprozität: Es wird nur eine Gegenleistung gewährt, wenn vorher dem „zuständigen“ Geist eine Leistung erbracht wurde. Durch diese Verwandtschaftsbeziehungen ist der Schamane nun in der Lage, sich sowohl in der Ober- wie der Unterwelt in verschiedene Tiere zu verwandeln. Ein Schamane konnte diese Eigenschaften wieder verlieren, etwa nach einer Frist, die ihm die Geister bereits bei seiner Berufung genannt hatten. Meist verlor er seine Fähigkeiten aber, wenn er sich durch Fehler, Faulheit usw. als ungeeignet erwiesen oder gar Tabus gebrochen hatte. Die Hilfsgeister verließen ihn dann, und er wurde wieder zu einem gewöhnlichen Menschen. Bei schwerwiegenden Vergehen konnte es vorkommen, dass die Geister ihn wahnsinnig werden ließen oder töteten.

Weihe 

Nach Abschluss dieser Ausbildung durch Geister und menschliche Lehrer findet meist ein formales Weiheritual statt, bei dem der junge Schamane öffentlich seine Fähigkeiten etwa zur Séance demonstrieren muss. Das Ritual, das bei Völkern im Einflussbereich von Hochreligionen extrem komplex und einer Priesterweihe sehr ähnlich sein kann, dient außerdem dazu, ihn eng in die soziale Gemeinschaft einzubinden, in der er nun eine verantwortungsvolle Position mit hohen charakterlichen Anforderungen einnimmt. Häufig wird er danach von den Ältesten seines Stammes oder seiner Sippe förmlich anerkannt. Gleichzeitig wird seinen Hilfsgeistern geopfert. Sein Lehrer oder ein anderer angesehener Schamane erteilt ihm außerdem den Segen. Mitunter fällt ein solcher Aspirant durch die Prüfung, wenn trotz einer längeren Nachprüfung durch die Ältesten Zweifel an seiner persönlichen Eignung und fachlichen Qualifikation bestehen. Ein solcher Bewerber wird durch unerfüllbare Bedingungen zum Rücktritt gezwungen. Bei mehreren Bewerbern wird der Beste durch eine Abstimmung bestimmt.


Schamanen und Gesellschaft 

Allgemeine Funktionen

Da ein Schamane vor allem die Funktionen eines Medizinmanns, Wahrsagers und Zauberers ausübt, gehören zu seinen Aufgaben Krankenheilung, mitunter einschließlich der Geburtshilfe, Rituale um Tod und Sterben, Abwehr „böser Geister“, Wettervorhersage, Finden von Jagdwild, Weissagung (Prophetie), Traumdeutung, soziale Regulierung und der Umgang mit geistig gestörten Menschen. Des Weiteren fungiert der Schamane als Lehrer in einigen Lebensbereichen, die das soziale Umfeld direkt betreffen. Ebenso fungiert er als Erzähler, Sänger und Dichter von Mythen und Geschichten und nimmt für die Gemeinschaft die Rolle des Bewahrers von Wissen ein; zudem leitet er die Opferzeremonien. Meist ruft man aber den Schamanen, um bestimmte, nicht nur gesundheitliche Probleme zu lösen, eine ungünstige Situation zu überwinden oder auch, um eine segensreiche Zukunft zu erbitten, in die Zukunft zu schauen oder das Wetter zu beeinflussen. Seine Hauptfunktion ist jedoch die eines Seelenhirten. Er ist überdies zuständig für das harmonische Verhältnis der Gruppe zur Umwelt und dessen Wiederherstellung. Deshalb waren Schamanen auch die strengen Hüter der Tradition und der moralischen Normen.

Status und Macht

Er war hoch, ohne dass der Schamane allerdings einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen vermochte oder besondere Privilegien genoss. Der Schamane war eine der höchsten Respektpersonen seiner Gemeinschaft und wurde entsprechend geehrt. Beim Eintritt in ein Haus wurde er ehrerbietig begrüßt und großzügig bewirtet, wobei stets eine unterschwellige Furcht vor seiner Macht mitschwang, die den Schamanen letztlich gesellschaftlich isolierte und einsam werden ließ. In die Verehrung mischte sich daher furchtsame Scheu, obwohl seine Tätigkeit sich mit dem Alltag verband und dabei keinerlei Mystik enthielt.

Politischen Einfluss hatten Schamanen kaum. Sie waren „nicht von dieser Welt“. Gelegentlich waren ihre prophetischen und magischen Gaben während kriegerischer Auseinandersetzungen gefragt, ohne dass sie allerdings an den Auseinandersetzungen direkt teilnahmen oder gar Operationen leiteten. Ältere historische Aufzeichnungen beschreiben sie als Anführer bei solchen Aktivitäten einschließlich der Jagd.Gruppenoberhäupter waren sie jedoch fast nie. Erst im mittelalterlichen Hofschamanismus Mittelasiens änderte sich das, etwa bei Dschingis Khan, der einen Schamanen als engen Berater hatte. Dieser Einfluss hielt sich verschiedentlich bis ins 19. Jahrhundert.

Gleichzeitig wurde von ihnen hohe Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit und Selbstdisziplin verlangt. Schamanen standen im Dienst der Gruppe, und es war ihnen vor allem im Elementarschamanismus nicht gestattet, aus ihrem Status Vorteile zu ziehen, zumal sie bei ihrer Weihe einen regelrechten Eid des Hippokrates leisten mussten, der ihnen ein striktes soziales Verhalten mit Bevorzugen der Armen und Schwachen abverlangte. Die Geister übten auch in diesem Punkte strenge Kontrolle aus, was bei Fehlverhalten harte Sanktionen (Verlust der Fähigkeiten, Wahnsinn, Tod) nach sich zog, so dass sich das Leben eines Schamanen meist mühsam, entbehrungsreich, ja qualvoll gestaltete. Sein Amt war daher zwar angesehen, aber nicht begehrt, und Auserwählte wehrten sich mitunter heftig dagegen. Zudem hing sein Ansehen vom Erfolg seiner Sitzungen ab, wobei die Gemeinschaft strenge Kontrolle ausübte. Bei nordamerikanischen Indianern konnte ein Schamane nach mehreren erfolglosen Heilungsversuchen getötet werden.

Gruppensolidarische und soziale Funktion des Schamanen

Die rituelle Tätigkeit nicht nur der des sibirischen Schamanen war auf den Erhalt des Lebens in der Gemeinschaft im Zusammenspiel mit der Harmonie des Kosmos ausgerichtet. Schamanensitzungen waren und sind daher stets wichtige Gemeinschafterlebnisse im Dienste der Gruppensolidarität, denn die Anwesenden nehmen in vielfältiger Form aktiv daran teil, indem sie etwa Worte, Beschwörungen und Lieder des Schamanen wiederholen. Bei seinen Kämpfen im Jenseits feuern sie ihn an, genießen aber auch die ihnen durchaus bewusste Theatralik seiner magischen Vorstellungen. Klaus E. Müller schreibt dazu: „Wie der Schamane im Auftrag aller, als Mittler, Helfer und Heiler der Gruppe, die ihn dazu bestellt und autorisiert hatte, tätig war, trugen ihn alle bei seinen Bemühungen auch mit, standen hinter ihm, halfen ihm, wie seine Hilfsgeister im Jenseits. Überleben zu können erforderte Solidarität, hatte bruchlose Gemeinschaftlichkeit zur Voraussetzung“.

Schamanenpraxis 

Die Informationen zu diesem Unterkapitel entstammen vorwiegend der Quelle unter. Da Grundlagen, Verfahren und geistig-religiöse Hintergründe des Schamanismus bis heute aktuell sind und praktiziert werden, sind sie im Folgenden, außer in den Fällen, wo auf Vergangenes Bezug genommen wird oder dies impliziert ist, im Präsens formuliert.

Anrufung und Regeln

Die Anrufung eines Schamanen setzt bei den Völkern Sibiriens bis heute die strenge Einhaltung bestimmter Regeln voraus. Die Gegenstände des Schamanen dürfen zum Beispiel nicht berührt werden. Erhält der Schamane einen Ruf, muss er ihm sofort folgen, denn er „gehört der Gemeinschaft“. Tut er dies nicht, strafen ihn seine Geister. Für seine Bemühungen erhält er ein Entgelt, häufig durch Hilfe im Haushalt und andere Dienstleistungen wie die Hilfe bei der Ernte, Nahrung, Geschenke. Der Lohn darf nicht zu hoch ausfallen und wurde etwa bei den Völkern Mittelasiens sogar von den Geistern bestimmt. Bei den Indios Südamerikas wurden die Schamanen hingegen regelrecht bezahlt und wurden wohlhabend. In Sibirien wiederum mussten Schamanen ganz auf ein Entgelt verzichten und verarmten häufig. Zu den speziellen Regeln für die Séance siehe unten.

Szenerie

Schamanensitzungen finden gewöhnlich an unterschiedlichen Orten statt: in den Wohnräumen oder im Zelt des Schamanen, einem speziellen, großen und meist mit einem Baum als Repräsentanz des Weltenbaumes ausgestatteten Schamanenzelt, vor allem bei Kranken, aber auch in den Räumen des Klienten (Hütte, Zelt) oder in der freien Natur nach bestimmten kosmologischen Regeln, die vor allem von den Gesetzen der Harmonie geprägt sind (etwa am Zusammenfluss von Wasserläufen). Im Besessenheitsschamanismus finden sie in abgetrennten Weihebereichen der Schamanenbehausung oder Tempelchen statt. Nächtliche Sitzungen werden bevorzugt, da die Nacht als Geisterzeit gilt. Generell hat alles sich nach der kosmologischen Bedeutung der beabsichtigten Handlung zu richten, und alle Objekte im Behandlungsszenarium haben kosmische Bezüge zu den drei Welten, dem Weltenbaum usw. Die Szenerie ist ein Übergangsraum zur Geisterwelt. Idole mit Darstellungen der Ahnen haben wichtige Schutzfunktionen (in Afrika sind etwa bis heute die sogenannten Wächterfiguren verbreitet, vgl. Afrikanische Religionen), desgleichen Tierfigürchen als Vertreter der Tiergeister. Die Symbolik ist umfassend.

Kostüm und Requisiten

Ewenkische Schamanentracht mit Requisiten
Elfenbein-Masken der Yup'ik-Eskimo-Schamanen
Der letzte Schamane Chuonnasuan (1927–2000) des mandschurischen Volkes der Oroken, Amur-Grenze 1994
Schamane während einer Kamlanie-Zeremonie am Feuer, Kysyl in der russischen Teilrepublik Tuwa

Bei Schamanensitzungen spielen bestimmte Attribute (weiter unten „Werte“ genannt) im Zusammenhang mit der Jenseitsreise eine wichtige Rolle. Diese Symbole reflektieren die Vorstellungen über den Aufbau des Kosmos und sind bei den einzelnen Völkern unterschiedlich ausgeprägt.

Kostüm: Es steht in engem Bezug zum jeweiligen Schutzgeist des Schamanen während der Handlung, muss also bei dessen Wechsel ebenfalls gewechselt werden. Es erfüllt daher zusammen mit der Maske eine metaphysische und identifizierende Funktion im Sinne des beteiligten Schutzgeistes, mit dem der Schamane zum Doppelwesen verschmilzt. Allerdings waren solche Masken im Elementar- und Komplexschamanismus eher selten und kamen, wenn überhaupt, höchstens als Gesichtsverkleidungen vor, um den Schamanen so für feindliche Geister unkenntlich zu machen. Erst im Besessenheitsschamanismus werden sie häufiger und tragen dann auch zoomorphe Züge. Solche Schamanentrachten waren allerdings in historischer Zeit nur bei den Völkern Nord- und Innerasiens sowie bei den Inuit (s. Abb. unten) üblich. Schamanen durften ihr Haar wegen seiner Vitalkraft nicht schneiden. In Sibirien finden sich zwei grundlegende Trachten: der Vogel- und der Cervidentypus, je nach dem bevorzugten Tiergeist. Beide Trachten wurden nebeneinander gebraucht; in Abhängigkeit von der Bewegungssphäre, die bei der Jenseitsreise zu benutzen war, also Luft oder Boden. Zum Kostüm gehörten Gürtel, Glöckchen, eine durchlöcherte Metallscheibe für den Abstieg in die Unterwelt sowie mehrere Metallscheiben an Brust und Rücken, dazu zahlreiche längliche Eisenplättchen zur Stählung und zum Schutz des Körpers. Mitunter wurde das Gesicht verkleidet oder geschwärzt. Seltener waren meist anthropomorphe Masken, fast stets beim Besessenheitsschamanismus (Eskimos, Tibet). In den Randzonen des Schamanismus wurden auch Kopfbedeckungen getragen, meist Federhauben. Für einige sibirische und zentralasiatische Ethnien waren Geweihkronen üblich. Die Herstellung solcher Kostüme erfolgte wegen deren strikt rituellem und magischem Charakter ebenfalls unter strengen Regeln (zu bestimmten Jahreszeiten, von bestimmten Personen usw.). Es wurde meist aus dem Fell oder Federkleid eines bestimmten, durch genaue Merkmale (etwa ein weißer Fleck auf der Stirn) identifizierbaren Tieres gefertigt, das dem Schamanen im Traum erschienen war und dessen Auffindung und Jagd sich über Monate hinziehen konnte. Nach Fertigstellung musste das Kostüm noch rituell gereinigt und geweiht werden. Ähnliche Verfahren galten für die Schamanentrommel.

Requisiten: Wie das Kostüm erfüllen sie bestimmte magische Funktionen und verbinden den Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. Sie sind für verschiedene Weltregionen spezifisch, so etwa Leitern, die in Südamerika zum Aufstieg in die Oberwelt dienen, Blätterbündel und Rasseln, die in Nordamerika die Stimmen der Hilfsgeister vernehmbar machen, Zweige, Besen, Peitschen, Messer und Dolche, die in Innerasien böse Geister abwehren, Schwerter, Schellen und Spiegeln in Südostasien, Federn, Steine, Knochen in Säckchen und Medizinbeutel bei den Schamanen Nordamerikas usw. In ganz Asien werden Zeremonialstäbe verwendet, die als Abbild des Weltenbaumes (sibir.: turu) gelten und bereits paläolithisch etwa aus den Darstellungen der Höhle von Lascaux bekannt sind. Von besonderer Bedeutung ist die Trommel, die so gut wie überall verwendet wird und eine teils von Gebiet zu Gebiet verschiedene, vielfältige kosmische Symbolik enthält (s. Abbildung oben) sowie zur Auslösung der Trance verwendet wird oder Hilfsgeister rufen soll. Mit ihr ist der Schamane zudem besonders eng über einen Trommelgeist verbunden, und ihre Herstellung verläuft ähnlich ritualisiert wie die des Kostüms. Zerbricht die Trommel oder wird sie beschädigt, bedeutet dies schwere Erkrankungen oder Tod für den Schamanen. Meist ist sie das letzte und mächtigste Requisit, das der Schamane im Verlauf der Initiation erhält. Nach seinem Tod wird sie zerstört. Trommel, Kostüm und der den Weltenbaum symbolisierende und häufig mit Tierattributen versehene Zeremonialstab bildenden den kosmischen Raum ab, in dem der Schamane sich bewegt.

An speziellen Requisiten, Vorrichtungen und Handlungsweisen kommen weiter zum Einsatz:

Die Schamanensitzung (Séance)

Im Mittelpunkt einer Schamanensitzung (Kamlanie bei den sibirischen Völkern) befindet sich stets ein Gegenstand, der mit bestimmten „Werten“ in Verbindung steht, etwa die „Seelen“, die „Kräfte“, die „Fruchtbarkeit“, das „Glück“ usw., die er in der Welt der Geister suchen soll, um Auskunft über sie zu erhalten oder sie zu beeinflussen. Dabei soll stets ein Gleichgewicht zwischen Menschen und Geistern erreicht werden, das auf irgendeine Weise als gestört gilt. Alle Techniken und Rituale bezwecken daher

  1. die Welt der Geister zu erreichen,
  2. die dort beabsichtigten Aufgaben zu erfüllen,
  3. sicher zurückzukehren und der Gemeinschaft oder dem Klienten das möglichst positive Ergebnis mitzuteilen oder eine Heilung zu vollenden.

Der Ablauf einer Kamlanie gestaltet sich wie folgt:

  • Vor Einsetzen der eigentlichen Séance sind bestimmte Vorbereitungen notwendig. Zeitpunkt ist nach Einsetzen der Abenddämmerung. Der Schamane fastet den ganzen Tag und reinigt sich gründlich (z. B. Dampfbad), ist zudem sexuell enthaltsam. Auch die Räume für die Séance müssen gereinigt werden, etwa durch Ausräuchern. Häufig assistieren ihm Helfer (meist Lehrlinge). Sie bereiten das Tieropfer vor, dessen Geruch den Geist anlocken soll, so dass er bei dem sich anschließenden Mahle mit den Menschen magisch vereint ist. Später fungieren sie als Übersetzer der Murmelsprüche des Schamanen.
  • Der Schamane gerät in Ekstase: Er begibt sich, selten und nur im Elementarschamanismus, mit reiner Konzentration und Willenskraft sowie Atemtechniken, meist mit Hilfe verschiedener Techniken wie Tanz, Trommeln, Gesang sowie Stimulanzien und mitunter auch mit Hilfe halluzinogener Drogen in Trance (normalerweise kein Alkohol). Seine Freiseele kann nun in Kontakt mit der Geisterwelt treten. Die Wirkung der Drogen verstärkt sich durch das Fasten und tritt nach ca. 50 Minuten ein, wonach der Schamane in einen etwa einstündigen Tiefschlaf verfällt, danach aufspringt und zu halluzinieren beginnt, gleichzeitig gegenüber Sinnesreizen und Schmerzen unempfindlich wird. Er ist nun fähig, mit der Geisterwelt Kontakt aufzunehmen. Es folgt zuweilen eine theatralische Demonstration der körperlichen Unempfindlichkeit (Laufen über glühende Kohlen, Durchstechen von Körperteilen etc.), dazu werden gelegentlich magische Tricks zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit gezeigt.
  • Der Schamane ruft nun zunächst mit Trommel und Gesang seinen persönlichen Schutzgeist, der sich des Körpers des Schamanen bemächtigt (Zuckungen, Sprünge, Trommelwirbel sind Zeichen dafür). Meist sind ein oder mehrere „Hilfsgeister“ involviert, gewöhnlich Tiergeister, die dem jeweiligen Jagdumfeld entstammen und die der Schamane sich bereits während seiner Ausbildung verpflichtet hat. Insbesondere indianische Kulturen ergänzen ihre Götter- und Geisterwelt mit einer Fülle von Hilfsgeistern pflanzlicher Natur. Zu Anrufung der Geister müssen bestimmter Riten und Rituale, ausgeführt werden, die nur der Schamane kennt. Häufig nimmt er während des Rituals mit Hilfe einer Verkleidung aus Fellen oder Masken eine Tiergestalt an, ein Motiv, das bereits in jungpaläolithischen Fels- und Höhlenmalereien weltweit auftaucht (s. u.). Er arbeitet oft mit Amuletten und rituellen Musikinstrumenten, meist Schlaginstrumente oder Rasseln. Gewisse Rituale enthalten auch das richtige Einatmen und Ausstoßen von Tabakrauch oder das Aussprechen bestimmter Beschwörungs- oder Segnungsformeln.
  • Der Schamane nennt seinen Hilfsgeistern jetzt den Grund der Anrufung, befragt sie etwa bei Krankheiten, vertreibt gegebenenfalls die bösen Krankheitsgeister und beginnt, sofern dann noch nötig, seine Reise durch die verschiedenen Ebenen des Kosmos. Dabei hat jeder Schamane seine eigenen Wege und Zugänge. Hat er den avisierten Geist oder Gott gefunden, der ihm helfen kann oder soll, offenbart er sich ihm und beginnt mit ihm zu verhandeln, teilweise unter Mitwirkung der Anwesenden. Der Geist kann die Bitte nun gewähren, abschlagen oder einen Tribut fordern.
  • Nach Abschluss dieser Verhandlungen kehrt der Schamane unter Mitnahme des (symbolischen) „Wertes“, der im Zentrum steht, auf die Erde zurück und verkündet das Ergebnis sowie die Folgen, die daraus entstehen werden. Sofern möglich übergibt er den Menschen den erhaltenen „Wert“.
  • Bei Schamanensitzungen, die der Wahrsagung dienen, fungieren die als „Werte“ eingesetzten Gegenstände, Tierknochen, geschmolzenes Zinn, Träume, Spiegel, Äxte, Musikinstrumente, Pfeile usw., ganz direkt als Mittler zwischen den Welten. Auch die Deutung des Vogelfluges und der Gestirne wird in diesem Zusammenhang eingesetzt (beides war in vielen alteuropäischen und mediterranen Kulturen der Antike im Gebrauch, etwa in Mesopotamien, bei den Kelten, Germanen, Slawen, Etruskern, Hethitern, Griechen, Römern, die Astrologie sogar bis heute). Verbreitet bei der Wahrsagung sind Schamanenspiegel (toli).
  • Bei Krankenheilungen geht es meist darum, den jeweils zuständigen Geist aus dem Körper des Kranken zu vertreiben. Dabei werden verschieden rituelle Techniken eingesetzt, etwa Trommeln, Ausblasen oder Absaugen durch ein Rohr, Anlocken durch Düfte usw. Bei ernsthaften Erkrankungen muss der Schamane jedoch nach der vom Krankengeist entführten Seele im Jenseits fahnden und versuchen, sie zurückzubringen.
  • Bei jagdmagischen Sitzungen, Erfolg von Jagd oder Fischfang, wird häufig die oberste Gottheit bzw. ihre Helfer und ihre Verwandtschaftsgruppe angerufen. Dabei begibt sich der Schamane vor allem zum Herr oder der Herrin der Tiere, um diesen gut zuzureden. Dazu sind Tieropfer notwendig. Später müssen oft auch Idole hergestellt werden (sie sind schon für die Altsteinzeit nachweisbar). Dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere müssen bestimmte Teile des erlegten Wildes, vor allem die Knochen, im Verlauf eines Weihe- und Reinigungsrituals wieder zurückgegeben werden, damit die Blutschuld getilgt ist und er/sie daraus ein neues Tier erschaffen kann, das Gleichgewicht der Natur so erhalten bleibt.
  • Andere Zwecke der Schamanensitzung: Bei Unfruchtbarkeit sucht der Schamane die jenseitigen Seelenhort auf, um dort Kinderseelen zu holen. Bei Wetterproblemen sucht er die dafür zuständigen Geistmächte auf, bei bestimmten Fragen die Ahnengeister. Solche Jenseitsreisen sind wie die jagdmagischen meist relativ unproblematisch. Der Schamane erfüllt zudem die Funktion des Seelengeleits (Psychopomp). Er geleitet die Seelen der Toten in die Unterwelt und bringt sie dort über gefährliche Wege zu ihren Wohnorten. Reste davon sind in Mythen wie etwa der Orpheus-Sage erhalten (s. u.).
  • Die Schamanensitzung endet mit der Freilassung des Schutzgeistes und der Hilfsgeister. Meist bricht der Schamane danach völlig erschöpft zusammen.

Schamanische Kosmologie  


Grundkonzept 

Der Schamanismus ist grundsätzlich dualistisch. Unterschieden wird die profane, diesseitige Welt der Menschen von der sakralen, jenseitigen der Geister und Ahnen. Die kosmologische Konzeption des Schamanismus enthält fünf Grundannahmen:

  1. Die Welt mit ihren lebenden und toten Dingen ist beseelt. Dies ist das Konzept des Animismus.
  2. Nach dem Tode gibt es ein Weiterleben in einer anderen Welt. Dies ist das Konzept der Ahnenverehrung und beinhaltet die Vorstellung einer Unsterblichkeit und einer oder mehrerer persönlicher Seelen.
  3. Um diesen Grundannahmen die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben, hat die sichtbare und angenommene unsichtbare Welt eine bestimmte, von einer oder mehrerer höchsten Wesenheiten bzw. Geistmächten geformte und/oder kontrollierte Struktur. Dies ist das Konzept des von zahlreichen geringeren metaphysischen Entitäten umgebenen Hochgottes (Henotheismus).
  4. Es existieren in dieser Welt auf allen Ebenen körperlose Wesenheiten, die diese Ebenen durchdringen und Macht ausüben können. Dies ist das Konzept des Geisterglaubens.
  5. Der Mensch lebt im Spannungsfeld dieses kosmischen Systems und hat gegenüber diesem Gesamtsystem eine Verantwortung, vor allem gegenüber der Einhaltung der Regeln und damit der Harmonie. Krankheiten und andere negative Ereignisse können auf einer Verletzung dieser Regeln beruhen, die dann wieder „geheilt“ werden müssen. Dies ist das Konzept eines harmonischen, auch die Prinzipien einer nachhaltigen Ökologie beinhaltenden Weltverständnisses.

Dieses Grundkonzept hat in praktisch allen historischen und aktuellen Religionen teils tiefe Spuren hinterlassen. Das Konzept eines Totengerichtes ist im Schamanismus nicht enthalten, da es die Existenz oppositioneller Gut-böse-Vorstellungen voraussetzt.

Weltaufbau 

Schamanentrommel: Die Darstellung der tengristischen Drei-Welten-Kosmologie. Der Senkrechte Pfeil symbolisiert den Weltenbaum der in der Mitte der Welt steht. Er verbindet Unterwelt, irdische Welt und Himmel miteinander. Diese Darstellung findet man auf Schamanentrommeln der Türken, Mongolen und Tungusen in Zentralasien und Sibirien.

Das schamanische Weltbild ist vertikal strukturiert und in drei Welten gegliedert: der oberen, mittleren und unteren Welt, ohne Zusammenhang mit der einer Gut-böse-Wertung folgenden christlichen Aufteilung zwischen Himmel, Erde und Hölle. Die Grenzen zwischen diesen Welten sind jedoch nicht immer scharf gezogen, verschwimmen immer wieder und sind besonders zu bestimmten Zeiten (Nacht, zwischen den Jahreszeiten) durchlässig (vgl. keltische Anderswelt, Wilde Jagd der germanischen Mythologie), so dass Kontakte zwischen den Bewohnern möglich sind und diese sich auch auf die anderen Ebenen begeben können. Allerdings ist das Verständnis dieser Welt stark ethnozentrisch geprägt, das heißt, der Brennpunkt der Schöpfung ist jeweils dort, wo sich das eigene Volk befindet (z. B. der Omphalos der griechischen Antike bzw. der Umbilicus urbis auf dem Forum Romanum).

Die Schamanen haben ihren Ursprung in diesen Vorstellungen von der Durchlässigkeit der Welten. Wie die sibirischen Mythen berichten, konnten früher alle Menschen diese Grenzen passieren, auch wenn solche Reisen sehr anstrengend und lang gewesen seien. Wegen der Unfähigkeit der Menschen zur Verständigung mit den Bewohnern der anderen Welten, für die sie unsichtbar gewesen seien, und weil die jenseitigen Geister den Kontakt mit Menschen nicht ertragen hätten, sei es schließlich üblich geworden, dass nur noch von den Geistern ausgewählte und ausgebildete Menschen solche Reisen unternahmen: die Schamanen als geschulte Mittler, ihre eigentliche Primärfunktion. So sei schließlich eine der ältesten „Religionen“ der Menschheit entstanden: der Schamanismus.

Grundvorstellungen

Folgende Grundvorstellungen finden sich weltweit:

  • Die Erde wird als runde Scheibe gesehen, die rings vom Weltmeer, einem Strom oder Gebirge umgeben ist.
  • Der Himmel ist entweder wie bei Hirtennomadenvölkern ein gewaltiges Zeltdach mit mehreren vernähten Hauptnähten (die Milchstraße) oder eine halbkuppelförmige Festung. Die Himmelskuppel ruht auf den Rändern der Erdscheibe, hebt und senkt sich aber, so dass Winde und Zugvögel einströmen und die Welt wieder verlassen können. Sterne sind Löcher im Himmelsgewölbe, durch die das Licht der hellen Oberwelt dringt. Der Polarstern ist ein großer Nagel in der Mitte oder das Loch für die Weltachse oder den Weltbaum, dessen Wurzeln auf dem Boden der Unterwelt ruhen und die Erdscheibe im Erdnabel (Omphalos bei Delphi der griechischen Mythologie) durchstoßen, derart Unter-, Mittel- und Oberwelt miteinander verbinden (vgl. die Weltesche Yggdrasil der germanischen Mythologie).
  • Sterne und Sternbilder kreisen um den Polarstern. Sie sind an ihm, der Weltachse oder dem Weltbaum durch unsichtbare Bänder befestigt. Für die Südhalbkugel fehlt hingegen ein derartiges stellares Polzentrum, so dass sich die mythischen Vorstellungen entsprechend unterschiedlich gestalteten. (Vor allem die Plejaden und der Große Bär hatten in Alt-Peru kultische Bedeutung.)
  • Weltachse und Weltbaum sind für Schamanen und Geistmächte Verbindungswege zwischen den Welten. Bei manchen sibirischen Völkern findet sich die Vorstellung eines gewaltigen Rentieres an Stelle des Weltbaumes, das mit seinem Geweih den Himmel stützt, und an dem Sonne und Mond aufgehängt sind.
  • Gelegentlich findet sich statt der Weltscheibe die Vorstellung vom Weltberg (etwa in den Religionen Mesopotamiens, wo die Zikkurats wie etwa der Turm von Babel diesen Berg symbolisierten), der durch den Polarstern in die Oberwelt ragt. An seiner Spitze befindet sich ein Plateau, auf dem sich das Paradies mit der Quelle der Unsterblichkeit oder ein Milchsee erstreckt. Manchmal ist dort der Sitz der Götter gedacht (vgl. den Olymp der griechischen Mythologie).

Die drei Welten

  • Die obere und untere Welt sind in verschiedene Schichten (neun bzw. sieben) weiter untergliedert, die bestimmten Geistmächten zugeordnet sind. Die mittlere Welt ist den Lebenden, die untere den toten Seelen vorbehalten, die im Wurzelwerk des Weltbaumes hausen, sowie einer Vielzahl von Naturgeistern und Dämonen. Der Weltenbaum hat dabei entsprechend viele Astebenen, der Weltberg entsprechend viele Stufen.
  • Die Oberwelt: Dort leben die höheren Geister, welche die Elemente wie Feuer und Wasser, Landschaften wie die Taiga, die Berge, Flüsse und Seen und wichtigen Tiere (Herr und Herrin der Tiere) beherrschen, dazu kosmische Erscheinungen wie Sonne, Mond und Sterne sowie die Winde. Auch die Schöpfergottheiten leben hier, die in vielen teils recht unterschiedlichen Mythen präsent sind. Die Obergeister werden von den Menschen tief verehrt und haben bei den sibirischen Völkern menschliche Gestalt. Das harmonische Zusammenleben mit ihnen ist Grundlage der menschlichen Existenz und wird durch zahlreiche Tabus und Rituale abgesichert. Der Jagderfolg hängt von ihrem Wohlwollen ab.
  • Die Unterwelt: Sie liegt innerhalb der Erde, bei manchen Inselkulturen auch im Meer (z. B. Bali), und ist der Bereich der Toten und Schatten, der verschiedenen bösen Geister, Dämonen und Ungeheuer. Sie ist sozial wie die Menschenwelt strukturiert, das heißt als Fortsetzung des irdischen Lebens mit Clans, Jagd, Fischfang usw. Manche sibirischen Stämme stellen sie sich allerdings als Umkehrung der Menschenwelt vor: Tag ist Nacht, Sommer ist Winter usw. Andere glauben, die Toten ernährten sich nur von Heuschrecken, hätten Eisaugen etc.
  • Die Mittlere Welt: Sie ist die Sphäre der Lebewesen, Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Menschen sind jedoch nie allein, sondern von Geistern umgeben, guten wie bösen. Zum Schutz vor deren Einflüssen sind verschiedene magische Maßnahmen wie etwa Amulette notwendig. Die Geister dürfen nicht verärgert und müssen gegebenenfalls beschwichtigt werden.

Seele, Geister, Jenseitsvorstellung 

Seelen

Der Mensch konnte nach den Vorstellungen einiger Völker (etwa Sibiriens) mehrere davon haben, bei den Jakuten zum Beispiel drei: die für das Wohlergehen des Körpers zuständige Erdseele, die Luftseele, die das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft und der Umwelt regelt, und die Mutterseele, die das Bewusstsein und Denken bestimmt. Alle drei Seelen bilden zusammen die Lebenskraft (Kout-Sur), die das Wohlergehen des Menschen insgesamt bestimmt.
Der Mensch kann auch eine Spiegelseele haben, die man beim Blick ins Wasser sieht, und eine Schattenseele, die nur bei Sonnenschein sichtbar wird. Die Seele kann sich unter bestimmten Umständen vom Körper trennen, etwa freiwillig, wie beim Schamanen, oder gezwungen wie bei schweren Krankheiten. Auch in Träumen schweift sie umher und tritt gelegentlich mit Geistern in Kontakt, was Krankheiten oder Tod auslösen kann. Beim Tod löst sie sich vom Körper und kehrt begleitet vom Schamanen zu ihrem Ursprung in der Unterwelt zurück oder geht in den Körper eines zukünftigen Menschen über (Seelenwanderung).

Jenseitsvorstellungen

Um sich im teils gefährlichen Jenseits sicher bewegen zu können, benötigte der Schamane genaue Kenntnis über alle Ebenen, hochdifferenzierte Landkarten der jenseitigen Welten. Geister hatten ihre Heimatbereiche, die es jeweils zu finden galt und die mitunter, da diese Welten die Menschenwelt widerspiegelten, durchaus gefährlich und nur auf beschwerlichen Wegen zu erreichen waren oder von Ungeheuern und bösen Geistern bedroht wurden. Er musste weiter ihre Gebräuche kennen und ihre Geistersprache sprechen. Zwar führten ihn seine Hilfsgeister, doch wäre er ihnen ohne die Kenntnisse der Jenseitstopographie, ihrer Gefahren und der jeweils besten Einstiegsstellen hilflos ausgeliefert. Auch die Lage des Totenreiches musste der Schamane genau kennen, um die Ahnen aufzusuchen oder die Toten dorthin zu geleiten. Ebenso musste er die Lage der „Seelenkeimzentren“ kennen, wo neue Seelen entstanden, die Lage sicherer Verstecke für kranke Seelen, den Aufenthaltsort der Geistmächte, die er um Schutz und Hilfe bitten konnte. Es gab regelrechte Schamanen-Territorien im Jenseits, die vom einen auf den anderen Schamanen übergingen, und die der Schamane geheimhielt. Sie wurden oft von einem speziellen Schutzgeist bewacht. Dort befand sich häufig eine Art Schutzhütte, in der gefährdete Seelen untergebracht werden konnten. Starb ein Schamane, kehrte seine Seele hierher zurück und wartete, bis sie auf einen neuen Schamanen übergehen konnte. Die Vorstellung derartiger Schamanen-Territorien war weit verbreitet. Manche Schamanen besaßen zwei derartige Territorien, hielten dieses Wissen allerdings streng geheim.

Geistmächte

Das Jenseits der schamanischen Kosmologie ist von einer ganzen Reihe unterschiedlich mächtiger Geistmächte mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen bevölkert. Sie müssen dem Schamanen genau bekannt sein, damit er seine Aufgaben erfüllen kann.

  • Böse und Krankheitsgeister: Schwerere Krankheiten wurden meist von hochspezialisierten, nur für eine einzige Krankheit „zuständigen“ Geistern verursacht. Der Schamane musste sie alle kennen und wissen, wie sie zu erreichen waren, um eingreifen zu können.
  • Herr/Herrin der Tiere: Beide waren für Jäger-Sammler- und Fischer-Völker besonders wichtig. Sie gehörten zu den Elementargeistern wie Wasser-, Berg-, Wald-, Flussgeister usw. und wohnten meist weit entfernt in den Tiefen der Berge oder des Waldes der diesseitigen Welt oder in den Tiefen des Meeres (z. B. bei den Eskimos), im Wurzelwerk des Weltbaumes usw. Es gab einen Herrn aller Tiere, der in Sibirien als bärengestaltig gedacht war (weil der Bär gelegentlich auf zwei Beinen läuft und enorm gefährlich ist). Hier findet sich ein Übergang zum Totemismus. Dazu gab es die Mütter einzelner Tierarten, sofern sie gejagt wurden. Blieb der Jagderfolg aus, wurden sie um Hilfe gebeten. Das Töten der Tiere erfolgte gewöhnlich nach einem bestimmten Ritual, und der jeweilige Wildgeist wachte darüber, dass nicht mehr als nötig getötet wurden. Die Knochen, vor allem der Schädel, galten als Sitze der Seele, wurden deshalb als Opfergaben deponiert und von manchen Völkern an den Herrn der Tiere zurückgeschickt, damit er sie wieder zu Leben erweckte.
  • Ahnengeister: In bestimmten Notsituationen, etwa wenn zu viele Kinder starben oder geboren wurden, musste der Schamane die Ahnen aufsuchen und um Rat und Hilfe bitten. Sie waren häufig ebenfalls durch Idole präsent.
  • Hilfsgeister: Sie sind wie die Schutzgeister für die Tätigkeit des Schamanen, vor allem bei der Jenseitsreise, unerlässlich. Unterschiedliche Typen führen unterschiedliche Tätigkeiten aus. Hilfsgeister fanden sich in der Natur, also Quell-, Baum-, Berggeister usw. Meist waren sie aber Wildgeister, die in Gestalt bestimmter Tiere oder Menschen auftraten und ihre Erscheinungsform jederzeit wechseln konnten. Auch die Geister toter Schamanen waren mitunter Hilfsgeister. Ein Schamane hatte meist mehrere solcher Hilfsgeister, je mehr, desto besser, da jeder Geist nur über eine einzige Kompetenz verfügte, sei es als Reisemedium für Wasser oder Luft, sei es eine bestimmte Krankheit. Die Hilfsgeister des Schamanen galten ihm als Blutsverwandte, was eine sehr enge und gute gegenseitige Bindung erforderte. Ihre Leistungen wurden auf Gegenseitigkeit erbracht. Sie waren als Idole Teil des Schamanenausrüstung, wurden gespeist, bekleidet, erhielten Ehrenplätze usw. Waren die Geister mit ihrer Behandlung unzufrieden, konnten sie den Schamanen verlassen, ihn bestrafen, wahnsinnig machen oder sogar töten.
  • Schutzgeister: Sie waren noch wichtiger als die Hilfsgeister. Im hochkulturellen Schamanismus Ostasiens waren und sind sie regelrechte Schutzgötter. Gewöhnlich war dies nur eine einzige Geistmacht, etwa der Geist eines verstorbenen Schamanen der Familie. Im nördlichen Taigabereich war es meist eine weibliche Geistmacht, die dann oft tiergestaltig als „Tiermutter“ auftrat. Dieser mütterliche Aspekt beruht auf der Vorstellung, dass der künftige Schamane von der Vogelmutter im Jenseits in einem Ei ausgebrütet oder bei Tiermüttern in sich aufgenommen und geboren worden war. Der Schamane brachte also bei seiner irdischen Geburt seinen Schutzgeist bereits mit, der ihm damit eng verwandtschaftlich verbunden war, mitunter bis hin zur Identität auch außerhalb der Séancen. Er sah diesen Geist in seinem Leben dann nur dreimal: während seiner jenseitigen Geburt, Initiation und vor dem Tod. Entsprechend hatte ein derart berufener Schamane eine tiermenschliche Doppelnatur. Alles, was der Tiermutter widerfuhr, erlitt er selbst. Wegen dieser extrem engen Bindung verschwamm gelegentlich die Tiermutter mit der Herrin der Tiere, so dass der Schamane zum Bruder der Tiere wurde. Fungierte der Schutzgeist als Hilfsgeist, wurde er zu deren Anführer und erfuhr dieselbe Behandlung mit Idolen usw. In Tibet, Taiwan, Korea und Japan erhielten Schutzgeister kleine Tempel mit Kulten. Versäumte der Schamane allerdings die Pflichten gegenüber seinem Schutzgeist, verließ ihn dieser, er büßte seine Fähigkeiten ein, wurde krank und starb.
  • Gottheiten und Naturgeister: Sie spielen im Schamanismus im allgemeinen keine große Rolle. Gelegentlich musste der sehr ferne in der Oberwelt residierende Hochgott um Hilfe gebeten werden, wenn sie anders nicht zu erlangen war. Im Elementar- und Komplexschamanismus spielen ansonsten Götter keine weitere Rolle, an Elementargeistern nur Erdgöttin, Wetter- und Meeresgötter, später Feuergötter. Wetter- und Erdgötter gehören zu Völkern mit Bodenbau, Meergötter zum Fischfang. In weiter entwickelten Schamanismusformen zeigen sich allerdings bereits Übergänge zum Polytheismus. So hat bei den Mongolen und bestimmten Turkvölkern eine gute Göttin Ülgen mit dem Hochgott 7 Söhne und 9 Töchter, ähnlich die Göttin Tengri bei den südsibirischen Burjaten. Insgesamt kennen die Burjaten 99 Götter, 55 gute und 44 böse, die auch als weiß und schwarz charakterisiert werden und Gegenstand des dort existierenden weißen und schwarzen Schamanismus sind. Das Oberhaupt der schwarzen, Erlik, ist Herrscher der Unterwelt. Siehe dazu auch Einhundert friedvolle und zornvolle Gottheiten im tibetischen Buddhismus.

Vorkommen 

Die hier ausschließlich aus praktischen Gründen vorgenommene Unterteilung folgt den oben unter „Problematik des Schamanismuskonzeptes“ dargestellten Kriterien. Es wird dabei unterschieden zwischen einem ethnischen, also gegenwärtig beobachtbaren oder in naher Vergangenheit wissenschaftlich untersuchten Schamanismus und (prä-)historisch erschlossenen Formen mit eventuellen Überbleibseln in gegenwärtigen Religionen, deren Motivationen und magische Komponenten teils von erheblichen spekulativen Unsicherheiten geprägt sind. Beide Formen unterscheiden sich abgesehen von der zeitlichen Dimension durch den Grad der wissenschaftlichen Plausibilität, Methodik, vor allem aber durch Interpretation. Sie werden hier jedoch gleichrangig als Schamanismus eingestuft, da sie dessen wesentliche Kriterien – Animismus, Ahnenverehrung, Geisterglaube, Kosmologie, Ekstasetechniken usw. – in unterschiedlichem Ausmaße und mit unterschiedlicher Beweisbarkeit erfüllen. Ob und gegebenenfalls wie der prähistorische Schamanismus in den ethnischen übergeht oder ob es sich um zwei verschieden zu bewertende, voneinander unabhängige Phänomene handelt, ist eine letztlich nicht zu beantwortende Frage. Chronologisch folgt auf die Beschreibung des prähistorischen Schamanismus eine kurze Diskussion der potentiellen schamanischen Elemente in einigen frühen Religionen vor allem Alteuropas und der alten Hochkulturen und der etwaigen schamanischen Reste in den aktuellen Weltreligionen, worauf eine Kurzbeschreibung der verschiedenen rezenten ethnischen Schamanismusformen folgt. Zur generellen Diskussion der Problematik des prähistorischen Schamanismus vgl. Hoppál.

Prähistorischer Schamanismus 

Die unter diesem Rubrum zusammengefassten Phänomene sind aufgrund der oft schwachen archäologischen Belege weit spekulativer als die ethnischen. Sie gehören aber trotz dieser Unsicherheiten mutmaßlich ebenfalls zum hier vor allem anthropologisch definierten Formenkreis des Schamanismus. Hauptnachweise für einen paläolithischen Schamanismus sind Bestattungen, Fels- und Höhlenbilder, Idole sowie bestimmte Besonderheiten der Werkzeuginventare wie etwa Geräte, die wegen ihrer Größe, Form, Zerbrechlichkeit und feinen Bearbeitung eindeutig nicht für den praktischen Einsatz gedacht waren, und daher vermutlich vor allem rituelle Bedeutung gehabt haben dürften. Für den neolithischen Schamanismus finden sich weitere archäologische Nachweise. Es werden daher im Folgenden vor allem die wesentlichen archäologischen Indizien samt ihrer Belege aufgelistet, die eine Einstufung der religiösen Welt der Paläolithiker und Neolithiker als schamanisch wahrscheinlich machen.

Als man im „klassischen“ Bereich des sibirischen Schamanismus drei Jahrtausende alte Felsbilder mit anthropomorphen Darstellungen entdeckte, die eine Art Geweihkrone zeigen, wie es sie im sibirischen Schamanismus bis heute gibt, vermuteten russische Forscher vor allem aufgrund der Kontinuität der dortigen Bevölkerung mindestens einen jungsteinzeitlichen Ursprung des Schamanismus. Andere Forscher hielten diese Darstellungen für jünger und verwiesen auf den potentiellen Einfluss des Buddhismus. Andere Felsbildzonen der Erde, etwa der Aborigines Australiens, der San Südafrikas sowie vor allem der kalifornischen Indianer sowie archäologische Befunde im Bereich der Skythen lassen jedoch ebenfalls auf einen sehr frühen Beginn des Schamanismus schließen.

Beachte: Mit Paläolithikum und Neolithikum sind die vorherrschenden Wirtschaftsformen, also Jäger-Sammler und frühe Bauern gemeint, nicht bestimmte historische Perioden. Paläolithische Wirtschaftsformen finden sich bei indigenen Völkern wie etwa den Pygmäen, Bergdama und Khoisan Afrikas, vereinzelten Ethnien Südasiens, Neuguineas und Ozeaniens, den Aborigines Australiens oder manchen Stämme Amazoniens bis in unsere Tage. Mehr oder weniger entwickelte neolithische Wirtschaftsformen sind immer noch weltweit stark verbreitet, selbst wenn oft metallzeitliche Geräte verwendet werden, die aber nicht selbst hergestellt sind.

Paläolithikum 

Ein inzwischen modifiziertes Geschichts- bzw. Zeitmodell des 19. Jahrhunderts, nach dem zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit prähistorischen, etwa steinzeitlichen Kulturen gleichzusetzen seien, führte zu der zunächst undifferenzierten Vermutung, der Schamanismus sei bereits in frühester Vergangenheit in ähnlichen oder gar identischen Formen verbreitet gewesen, wie man sie am rezenten ethnischen Schamanismus mit oft meist westlich arroganter Attitüde bei den „Primitiven“ beobachtete. Inzwischen sieht man diese kulturhistorische Situation nicht mehr als direkt übertragbar oder gar identisch an. Jedoch gilt die Existenz eines vorgeschichtlichen Schamanismus in der Forschung inzwischen als zumindest sehr wahrscheinlich, falls man den Begriff des Schamanismus nicht allzu eng fasst und beim ethnischen Schamanismus von heute zahlreiche Übertragungsphänomene und Synkretismen aus späteren Religionen akzeptiert. Archäologische Funde können dies bestenfalls plausibel machen; beweisbar ist diese Theorie aber nicht bis ins Letzte. Neuere Forschungsergebnisse sehen jedoch die mit Bildern geschmückten Orte des Jungpaläolithikums als Kultorte der Gemeinschaft, die als Opferorte teils über Jahrtausende bis in unsere Zeit genutzt wurden. Dies gilt vor allem für den klassischen Schamanismusbereich Sibirien.Grundlage ist dabei die Feststellung André Leroi-Gourhans zur vor allem paläolithischen Kunst und ihrer Bedeutung: „Wir können, ohne das Material zu überfordern, die Gesamtheit der figurativen Kunst des Paläolithikums als Ausdruck von Vorstellungen über die natürliche und übernatürliche Ordnung (die im steinzeitlichen denken nur eine Einheit bilden konnte) der lebendigen Welt auffassen.“Allerdings sieht er die Bezeichnungen Schamanismus und Totemismus für die prähistorische Religion als vor allem ethnologisch motivierte Überinterpretation relativ wenig aussagefähiger archäologischer Funde und geht mit seinen ebenfalls hypothetischen Feststellungen eher von einem hochkomplexen mythologischen System vorwiegend sexuell betonter Antagonismen mit komplementärem Charakter aus.Desgleichen bezweifelt Müller die Aussagekraft der süd-, südwest- und nordafrikanischen Felsbilder für die Bedeutung Schamanen und Schamanismus. Clottes wiederum plädiert stark für die Interpretation Schamanismus. Andererseits weist Lewis-Williams in seiner ausführlichen Untersuchung „The Mind in the Cave“ (2002) schlüssig und mit zahlreichen Einzelbeispielen eine enge inhaltliche Analogie zwischen jungpaläolithischen Darstellungen vor allem der frankokantabrischen Höhlenkunst und rezenten Felsbildern von Jäger-Sammler-Ethnien nach, die er auf ähnliche geistige und ökonomisch-soziale Voraussetzungen dieser Lebensweise zurückführt, die einen bestimmten Zustand des Bewusstseins zur Folge hatten. Auch der Gebrauch von Halluzinogenen hat besonders bei den sibirischen Schamanen eine lange, archäologisch nachweisbare Tradition und wird bereits für das Jungpaläolithikum für möglich gehalten. Lewis-Williams stellt überdies fest, dass die Menschen des Jungpaläolithikums veränderte Bewusstseinszustände gekannt haben müssen, wie auch immer diese herbeigeführt wurden, denn er schreibt: „Hunter-gatherer shamanism is fundamentally posited on a range of institutionalized altered states of consciousness.“

Mögliche metaphysische Grundvorstellungen des paläolithischen Schamanismus 
Handnegativ aus der frankokantabrischen Höhle von Pech Merle (Frankreich)
Handpositiv der Aborigines in den Blue Mountains (Australien)
  • Animismus: Die Höhlen- und Felskunst repräsentiert nach Ansicht mehrerer Autoren vor allem Mythogramme (so André Leroi-Gourhan und Mircea Eliade), die bestimmte mythische Vorstellungen wiedergeben. Mindestens die europäische Höhlenkunst etwa des frankokantabrischen Bereichs war mit relativer Sicherheit Bestandteil von Kultorten. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, etwa die Lage in dunklen, schwer zugänglichen Höhlenbereiche, die nie bewohnt waren, die lange Benutzung, das mitunter mehrfach übermalte Bildprogramm und ihre Deutung als Jagdmagie und Initiationsraum, die sich zwangsläufig etwa aus der Darstellung von mit Pfeilen und Speeren gespickten oder mit Einschusslöchern versehenen Jagdtieren ergibt, deren Symbolismus sich als Bild-Tier-Übertragungsmechanismus direkt erschließt.
  • Jagdmagie: Dieser Gedanke wurde seinerzeit von Abbé Breuil in die Diskussion eingeführt und später von anderen Forschern teils modifiziert übernommen. Da zahlreiche Tierbilder Anzeichen von Pfeileinschüssen und Speertreffern zeigen, häufig auch damit oder als tote Tiere dargestellt sind und mit Markierungen für die tödliche Trefferstelle (z. B. der Bison in der Höhle von Niaux), werden sie mitunter als „Lehrmittel“ gewertet und weniger als symbolische Ziele für eine spätere Jagd. In diesem Zusammenhang hat Breuil über einen potentiellen Fruchtbarkeitszauber spekuliert. Hultkrantz stellt allerdings fest: „Schamanismus und alle Formen der Jagdmagie bildeten sich als beinahe unumgängliche Entwicklungen heraus. Nicht im Sinne eines kulturellen Determinismus, sondern als Evolution aus bestimmten Bedingungen, die letztendlich nur eine begrenzte Zahl an Möglichkeiten zulassen. Schamanismus und Jagdmagie stellten einen natürlichen – nicht den einzigen – Schritt in einer Welt dar, in der die Nahrungsmittelvorkommen einer der Hauptfaktoren der natürlichen Selektion waren und sind.“
  • Totemismus: Émile Durkheim suchte darin den Ursprung der Religionen. Vor allem Bären scheinen im Jungpaläolithikum eine totemistische Rolle gespielt zu haben, wie etwa die Fundsituation in der Grotte Chauvet und in anderen Höhlen nahelegt oder die Bärenplastik von Montespan. Auch Cerviden sind häufig, und noch die Geweihkronen rezenter sibirischer Schamanen weisen in diese Richtung. Totemismus tritt praktisch stets als individueller Totemismus im Schamanismus auf und kann im Gruppentotemismus als Indikator für dessen entwickeltere Form gelten.
  • Initiation: Eine vor allem von André Leroi-Gourhan betonte, heute besonders favorisierte Möglichkeit, die die Höhlenkunst als Widerschein der paläolithischen Gesellschaft sieht. In den Höhlen symbolisierte das durch nur von Fackeln erhellte mystische Dunkel der Bildsequenzen die Grenzen, die die Höhlenwände in der Vorstellung der Schamanen und Initianden jener Zeit zwischen dem Diesseits und Jenseits gezogen haben müssen.
  • Metaphysische Symbolik: Die weltweit in Höhlen zahlreich nachweisbaren seltenen positiven und sehr zahlreichen negativen Handabdrücke sind wohl nach Lewis-Williams als engstmögliche Kontaktaufnahme mit der Geisterwelt hinter den Höhlenwänden zu werten und damit wohl auch als einer der ältesten Nachweise für eine archetypische religiöse Metaphorik. Sie entstanden entweder durch Auftragen von Farbe auf die Handfläche, wobei ein enger physischer Kontakt zu der als diesseitig-jenseitige Membran verstandene Höhlenwand entstand oder durch Blasen von Farbstaub auf die eng an die Felswand gepresste Hand, also durch den Atem als wahrnehmbarste Essenz des Menschen, der sich dadurch in den Fels und seine Darstellungen hineinprojizierte und derart mit seinem jenseitigen Substrat eins wurde. Sie gehören damit zu den ersten eindeutigen Zeichen des zum Homo religiosus sich wandelnden Homo symbolicus, eine Entwicklung, die mit der Erfahrung des Heiligen wohl das letzte und noch heute bestehende geistige Stadium des Homo sapiens sapiens markiert, zumal alle Datierungen solcher Handnegative sie in die früheste Periode der frankokantabrischen Felsbilder verweisen und diese Darstellungen von späteren Bewohnern der Höhlen bereits ganz offensichtlich nicht mehr verstanden wurden, da sie sie als offenbar gefährlich empfundenen Zauber zerstörten oder übermalten.

Zu diesen eher metaphysischen Faktoren tritt ein weiteres, vor allem physisch bestimmtes Muster, das im Rahmen des grundlegenden Dualismus, wie er religiös in jener Zeit sich manifestierte (und bis heute Bestand hat), notwendig auch metaphysische Qualitäten besaß:

  • Sexualität: „Hultkrantz: Eines der hervortretenden Charakteristika der Jagdmagie hat mit Sexualität und sexuellem Verhalten zu tun. Die Jagd weist oft Züge einer Beziehung mit sexuellen Untertönen zwischen dem Jäger und dem Tier auf. Im Kontext der Jagd soll die ›Männlichkeit‹ des Jägers die Oberhand über seine ›weibliche‹ Beute gewinnen. Manchmal wird die Jagd auch als Regulativ für den formalisierten Austausch von Nahrung gegen Sex in der Gesellschaft betrachtet.“ Ithyphallische Darstellungen wie die in der Höhle von Lascaux deuten in dieselbe Richtung (s. u.). Auch die Initiation gehört zumindest teilweise und zwar ebenfalls bis heute, wie zahlreiche religiöse Initiationsriten der Moderne zeigen, in diesen letztlich sexuell bestimmten Bereich. Im Neolithikum bekam dieser Faktor dann zusätzlich eine neue Bedeutung, indem er mit dem zyklischen Werden und Vergehen, also mit der mütterlichen Qualität der Fruchtbarkeit des Bodens in Verbindung gebracht wurde, somit aber auch mit der unterirdischen Welt, dem Tod. Adolf Ellegard Jensens Konzept der Dema-Gottheit schöpft direkt aus diesem Zusammenhang.
Indizien und Belege für einen potentiellen paläolithischen Schamanismus 

Es geht hier ausschließlich um das Jungpaläolithikum (engl. „Upper Paleolithic“), denn die Belege aus der Zeit vor 30.000 BP sind zu schwach, um einer kritischen Prüfung hier standzuhalten, Aus dem Jungpaläolithikum mit dem Auftreten des voll entwickelten Homo sapiens sapiens, der gerade durch die nun spektakulär sich entwickelnde religiöse Kunst definiert wird, sind zahlreiche Belege mit relativ kleinen Interpretationsspielräumen erhalten, deren Aussagekraft allerdings von zeithistorischen Tendenzen der Wissenschaft abhängt. Andere Autoren wie etwa Jean Clottes sehen jedenfalls in den jungpaläolithischen Funden einen starken Hinweis auf einen damals existenten Schamanismus.

Es folgen die wichtigsten dieser Belege, bevorzugt jene mit eindeutigem Schamanismusbezug, etwa durch Mischwesen, Masken usw. Einzelne Darstellungen können mit Literaturnachweisen überprüft werden.

Fels- und Höhlenbilder

Hauptartikel: Höhlenmalerei, Felsbild und Felszeichnung

Sie sind die wohl wichtigste Quelle zur Deutung des Schamanismus und geben am besten Auskunft über die möglichen religiösen Vorstellungen jener Menschen, die bereits dem modernen Typus des Homo sapiens sapiens zuzurechnen sind (in Europa Cro-Magnon-Mensch und der Mensch von Combe Capelle). Man findet sie praktisch weltweit, allein in Europa sind etwa 300 Fundorte bekannt, die ältesten etwa ab 30.000 BP (Grotte Chauvet), die jüngsten bis heute (u. a. Aborigines und Khoisan). (Quelle insgesamt:.) Von besonderem Interesse sind dabei die Darstellungen von Mischwesen, Menschen mit Masken oder bloßen Masken, die allgemein als Indizien für einen damals bestehenden Schamanismus gewertet werden. Auch Handabdrücke und Idole sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung sowie die mögliche Darstellung von Totemtieren und Tieren mit Pfeilspuren, z. B. in Les Trois Frères. Viele dieser Bilder befinden sich tief in dunklen Höhlen (nur die vorderen Teile am Eingang waren bewohnt), liegen manchmal bis zu zwei Kilometer vom Höhleneingang entfernt und sind oft nur sehr schwer erreichbar. Dies gilt als weiteres Indiz dafür, dass es sich dabei um Kultorte handelte, in denen jagdmagische Handlungen, Initiationen und andere kultische Zeremonien stattfanden. Vialou schreibt in diesem Zusammenhang: „Indem der Künstler im Magdalénien Darstellungen ganz bewusst in Höhlen einschloss, wies er ihnen einen Platz außerhalb der natürlichen Zeit zu.“ Dabei mag außerdem die nach Meinung von Psychiatern und Angstforschern wie Borwin Bandelow dem Menschen angeborene, in unterschiedliche Stärke sich manifestierende, mitunter klaustrophobische Höhlenangst von Bedeutung gewesen sein, die in den Tiefen der Höhle eine mystische, die Trance auslösende Atmosphäre schuf. Die späteren Mysterienkulte haben dieses Phänomen offenbar auch genutzt. Ebenso ist die Tatsache von Bedeutung, dass die Malereien oft sehr kunstvoll, also von Experten ausgeführt wurden, die teilweise die Perspektive beherrschten. Dabei scheinen die Höhlenwände als eine Art Grenze zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt begriffen worden zu sein.Besonders prägnant bietet sich diese religiöse Bedeutung in der frankokantabrischen Höhlenkunst dar, Leroi-Gourhan spricht dabei von Mythogrammen.

Der sog. Zauberer aus der Höhle von Les Trois Frères (Nachzeichnung)
  • Frankokantabrische Kunst: Sie umfasst über 90 % der bekannten Malerei in Höhlen und unter Abris Westeuropas, darunter einige magisch veränderte Tierbilder und einige wenige Darstellungen von Schamanen/Zauberern, die alle aus dem Magdalénien stammen. Sie sind die einzigen paläolithischen Belege für diese Region, die vermutlich mit unter der Erde ausgeführten magischen Praktiken verbunden waren.
    • Fabeltiere: Sie finden sich unter anderem in den Höhlen von Lascaux („Einhorn“), Pech-Merle, LeTuc-d'Audoubert (Ariège), Le Gabillou und anderen.
    • Schamanen: Bei den theriokephalen Darstellungen ist unklar, ob es sich um anthropo-zoomorphe Mischwesen handelt oder um Maskenträger. Solche Mischwesen oder Maskenträger gelten bis heute als typisch für den Schamanismus.Allerdings sind Masken nach Müller eher Zeichen eines Besessenheitsschamanismus, der eine Spezialentwicklung vor dem Hintergrund von Hochreligionen darstellt. Solche Mischwesen dürften vor allem das Schamanenkostüm, die imaginierte Vermischung des Schamanen mit seinem tierischen Schutzgeist oder wenigstens dessen Beschwörung darstellen, wie sie noch heute etwa bei sibirischen Schamanen üblich ist. Die Höhle von Altamira enthält eine gemalte monströse Maske. Auch in Kleinasien finden sich in Göbekli Tepe frühneolithische theriokephale Darstellungen, die als maskentragende Schamanen interpretiert werden könnten.Nach Campbell sind Masken vor allem bei Pflanzergesellschaften als komplexe Zeremonialbestandteile Zeichen maskierter Götter, stehen daher im Zentrum des Rituals, und ihre Träger stellen den Gott nicht nur dar, sie sind der Gott.Eine besondere Rolle spielen Masken in Afrika, das nach Müller schamanismusfrei ist, bis heute bei der Initiation und in deren Zusammenhang mit Geheimbünden, deren Würdenträger wiederum in der Öffentlichkeit mit Masken auftreten, die anlassbedingt und lokal sehr verschieden sein können.

Einige Beispiele:

  1. Eine berühmte Darstellung aus der Höhle von Lascaux zeigt einen Vogelkopf auf einer Stange, einen Bison und einen Mann mit offensichtlichem Ithyphallus in Schräglage. Nach archäologischer Interpretation handelt es sich dabei um eine schamanische Séance, die „Bildkomposition einer schamanischen Geisterbeschwörung mit Hilfsgeist (Stangenvogel), Schamane (Mann) und Opfertier (Bisonstier)“. Für Abbé Breuil war diese Darstellung der Ausgangspunkte für die These von der Jagdmagie.
  2. In der Höhle von Les Trois Frères (Ariège) findet sich die Darstellung eines „Zauberers“.
  3. Drei tanzende, in Tierfelle gekleidete Schamanen in der Höhle von Teyat (Dordogne).
  4. Fontanet: Schwarzer Mann mit Wisenten.
  5. Eine menschliche Gestalt mit Bisonhaupt und langem Schwanz in der Höhle von Le Gabillou (Dordogne).
  6. Menschliche Gestalt mit Vogelkopf und Bärenbeinen.: Höhle von Altamira.
  7. Spanische Levante: Kämpfende anthropozoomorphe Figuren.
  • Mittel- und Osteuropa, Zentralasien:
    1. Anthropozoomorphe Wesen, Tamgali, Kasachstan.
    2. Schamane mit Seelenboot, Ob-Gegend, 2. Jt. v. Chr.
    3. Trommelgesicht, Amurgebiet, 4./3. Jt. v. Chr.
    4. Gestalt mit Strahlenkrone, Altai, 2. Jt. v. Chr.
    5. Altai-Gebirge: Zahlreiche Schamanendarstellungen. Zuordnung eher zum Paläolithikum.
    6. Oroktoj, Altai, 3./1. Jt. v. Chr.
    7. Mensch mit Bärenmaske, Jakutien, 4./3. Jt. v. Chr.

Weitere Abbildungen dieser Gegend, teilweise aus späterer Zeit bis fast in die Gegenwart finden sich in

  • Süd- und Ostasien:
    1. Die zeitliche Zuordnung der chinesischen Felsbilder ist strittig, sie gehören vor allem ins Neolithikum, s. dort.
    2. Indien: Zahlreiche Felsbilder. Bimbethka (Vindhya-Gebirge): Mythische Tier- und Menschengestalten. Vermutlich mesolithisch.
Fresko des „Großen Geistes“ von Séfar, Tassili
  • Sahara: Die Felsbilder der Sahara stammen alle aus dem Holozän und sind bis auf die erste, die Jäger-/Rundkopf- bzw. Wildtierperiode, vorwiegend neolithisch.
    1. Rundkopf-/Jägerperiode: Großer Geist und andere Mischwesen, wegen der riesigen Köpfe mitunter als „Marsmenschen“ apostrophiert. Tassili, Algerien.
    2. Jägerperiode: Maskenträger mit getötetem Nashorn und Mann mit Hundekopf. Wadi Mathendous (Fezzan).
    3. Fresko von Séfar, Tassili: Sog. „Gorilla“ oder „Gott von Séfar“: Ein Phantasiewesen, dazu weiter Darstellungen von magischen Wesen.
    4. „Teufel“ von Azellouaz, Djanet, Algerien.
    5. Adorant von Djado („Teufelsmensch“)
  • Subsaharisches Afrika ohne Südafrika: Es handelt sich dabei meist um stark schematisierte, gelegentlich auch naturalistische Darstellungen von Hirtenvölkern in Tansania, Simbabwe oder Sambia. Eine Verbindung zur hoch entwickelten und vielfältigen Jäger-Sammler-Felsbildkunst der Khoisan besteht offenbar nicht.
    Die Felsbildkunst im äquatorialen und westlichen Afrika ist kaum erforscht, zeigt häufig Verbindung zu den dortigen Kulturkreisen und reicht in prähistorische Zeit zurück.
  • Südafrika und Namibia:In Transvaal und im äußersten Süden Afrikas finden sich naturalistische Darstellungen von Schaf- und Rinderherden, die der Buschmannkunst ebenfalls fernstehen.
    Buschmannkunst: Der enorme Felsbildbestand – über 30.000 Darstellungen in Namibia – bezieht sich ausschließlich auf die Jäger-Sammler-Lebensweise dieses Volkes. Er stammt vorwiegend aus der Zeit 3000 bis 4000 BP (Before Present = Vor der Gegenwart. Die Abkürzung v. Chr. wird sinnvollerweise erst ab dem Neolithikum verwendet. Stichjahr ist 1950.). Die ältesten Abbildungen befinden sich in der Apollo-11-Höhle und sind ca. 27.000 Jahre alt. Sie stammen ausnahmslos von Jäger-Sammlern der San. Zwei Drittel der Malereien sind Menschendarstellungen (in den Gravierungen fehlen sie fast völlig), darunter Fabelwesen wie die Große Ohrenschlange und als Schamanen gedeutete Mischwesen,, etwa die polychrome Darstellung einer Menschenfigur (San) mit Antilopenkopf, der aus der Nase blutet und so einen Zustand der Jenseitsreise anzeigt.oder eine Darstellung aus den Drakensbergen. Rein anthropomorphe Schamanendarstellungen finden sich etwa bei den tanzenden Zauberern von Cullen's Wood, Barkly East, Südafrika.Handnegative sind häufig. Schamanen genossen bei den San hohes Ansehen, und auf ihre Autorität gestützt beriefen sie Versammlungen ein, baten um Regen und um die Gunst der Geister, die man in Elenantilopen und anderen Tieren inkarniert glaubte. Die dazu erforderlichen Riten und den körperlichen Ausdruck der Trance hielt man in der Bildersprache fest.
  • Andere Regionen (Auswahl): Auch hier stellt sich häufig das Datierungsproblem, und eine Zuordnung zu Paläolithikum oder Neolithikum ist nur über die Inhalte möglich.
    1. Nordamerika: Die dortigen zahlreichen Felsbilder dienten vermutlich vor allem der Jagdmagie. Sie sind daher vermutlich vorwiegend der jungpaläolithischen Phase zuzuordnen, auch wenn sie dort, wo diese Wirtschaftsform praktiziert wurde, wohl eher ins frühe Neolithikum gehören könnten (s. dazu Neolithikum). Vor allem im Südwesten finden sich teils phantastische Darstellungen, die mit einem Schamanismus in Verbindung stehen dürften, etwa in der Cueva de la Serpente und der Sierra von San Francisco mit den dortigen Schlangenmalereien (beide mit Hörnern bzw. Geweihen ausgestattet). Weiter gibt es dort anthropozoomorphe Darstellungen und Menschendarstellungen mit eindeutigen Schamanenattributen.
    2. Südamerika: Die Felsbilder dort sind stilistisch außerordentlich heterogen. Meist sind Tiere dargestellt, oft stark stilisiert bis geometrisch. Schamanische Darstellungen konnten bis jetzt nicht eindeutig nachgewiesen werden, doch ist der Schamanismus in diesem Großbereich durch andere Medien belegt.
    3. Australien: Die Felsbilder sind relativ gut datierbar und fast durchweg dem paläolithischen Kulturkreis zuzuordnen. Handnegative sind häufig, desgleichen Dämonendarstellungen (Quinkas), aber auch Darstellung guter Geister (Wondjinas), dazu bis zu fünf Meter hohe Ahnenfiguren im Rahmen von Gründungsmythen der einzelnen Stämme. Bevorzugt sind Menschen dargestellt. Hauptfundzonen für Höhlen und Abris sind Arnhem-Land in Nordaustralien, Dampier (Westaustralien) sowie Südostaustralien. Fundorte u. a.: Laura, York, Cannon Hill usw. Die Traditionen der Darstellung mythischer Figuren (auch weiblicher) der Traumzeit vor allem im Röntgenstil, wie er auch in den Felsbildern Skandinaviens, in der Linienbandkeramik und China vor allem neolithisch vorkommt, reicht bei den Aborigines bis in die Moderne.
    4. Jordanien: Tuleilat Ghassul: Prozession von Maskenträgern oder Mischwesen.

Der Sonderfall Handabdrücke und Abstrakta

  • Handabdrücke: Zu ihrer Bedeutung siehe oben unter „Mögliche metaphysische Grundvorstellungen des paläolithischen Schamanismus“. Es gibt sie in Felsmalereien aus dem Jungpaläolithikum und analogen Kulturstufen praktisch weltweit.Sie scheinen wie die Darstellungen mit erhobenen Armen („Adorantenhaltung“) dazu gedient zu haben, die eigene Präsenz in der Anwesenheit des Religiösen zu demonstrieren als „Ausdruck des Sichöffnens einer göttlichen Transzendenz gegenüber“.
  • Andere Gravierungen wie Punkte und Linien: Vgl. Tabelle in. Die in Felsbildern ebenfalls weltweit belegten meist geometrischen Symbole enthalten möglicherweise nach Leroi-Gourhan eine sexuelle Symbolik, während Lewis-Williams es für denkbar hält, dass es sich dabei um entoptische Repräsentanzen eines bestimmten veränderten Bewusstseinszustandes handelt, wie sie bei Halluzinationen vorkommen. Sie wären damit ein Beweis für die bereits jungpaläolithisch praktizierte Schamanenekstase. Vialou hält hingegen für denkbar, dass es sich dabei um Embleme von Stämmen handelt, wie sie auch in der jüngeren Felskunst vorkommen.

Plastiken, Gravierungen und Idole

Meist auf weicherem Material wie Horn oder Knochen, aber auch auf Stein.

  1. Die Statuette des Löwenmenschen aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal, Aurignacien.
  2. Ein Tänzer mit Bärenkopf in der Höhlenstation von Mas d'Azil (Ariège). (Das Azilien ist nach dem Ort benannt.)
  3. Venusfigurinen: Sie tauchen vermehrt im Gravettien vor 29.000 Jahren auf. Man versteht darunter die naturalistische bis abstrakte Darstellung nackter Frauen mit übersteigerten Geschlechtsmerkmalen (z. B. Vulven, Brüste, Schwangerschaftszeichen). Sie sind als häufig standardisierte Figuren vom Atlantik bis Ostsibirien verbreitet, z. B. in Malta und Kostjenki (beide ehem. UdSSR) sowie Dolní Véstonice (ehem. CSSR) oder Laussel, Frankreich (Gravur). Am bekanntesten ist die Venus von Willendorf. Ihre Bedeutung ist umstritten. Ob sie einen religiösen Gehalt repräsentieren ist fraglich. Da ihre Zahl die der männlichen Figuren weit übersteigt, nimmt man in der Forschung teilweise an, dass die Frau in der Zeit des Jungpaläolithikums sozial eine beherrschende Stellung eingenommen haben könnte. Eine eventuelle Verbindung zum Schamanismus etwa im Sinne eines Fruchtbarkeitskultes oder erotischer Inhalte ist nicht belegbar. Solche Kulte gewinnen nachweisbar erst im Neolithikum an Bedeutung (Magna Mater).
  4. Fetischismus war im diesem Zusammenhang verbreitet und ist etwa für China durch Tabus, Berichte und Legenden verbürgt. Amulette, meist mit Bohrungen versehen (Zähne, Muscheln, Schnecken), finden sich jungpaläolithisch reichlich, ihre Deutung, religiös, Statuszeichen oder nur Schmuck, ist aber unsicher und möglicherweise vor allem Zeichen sozialer Differenzierungen.

Bestattungen

Die ersten Bestattungsfunde stammen aus dem Mittelpaläolithikum. Bestattungen lassen Rückschlüsse auf religiöse Vorstellungen zu, also Jenseitsvorstellungen, Ahnenverehrung usw., desgleichen auf den Status des Beerdigten. So wurden Schamanen mitunter offenbar stehend beerdigt, wie Funde in Oleni Ostrov in Karelien nahelegen. Ort und Form der Bestattung sind dabei ebenso von Bedeutung wie Grabbeigaben, die sich schon sehr früh finden, meist Schmuck oder Amulette, teilweise Plastiken. Dem bei Bestattungen jungpaläolithisch eingesetzten roten Ocker wird dabei mitunter eine gewisse magisch-symbolische (Blut, Leben) Bedeutung zugeschrieben, obwohl hier auch die hygienischen Wirkungen von Ocker ausschlaggebend gewesen sein können, die dann sekundär mit religiöser Bedeutung aufgeladen wurden. Es scheint, wie Spuren an Knochen bezeugen, zudem schon relativ früh im Mittelpaläolithikum Manipulationen am Leichnam bzw. an Knochen gegeben zu haben. Es gab nur wenige Einzelbestattungen in Gräbern, teils in Hockerstellung, also natürlicher Schlafstellung, teils liegend; die meisten Toten scheint man hingegen nur abgedeckt und liegengelassen zu haben. Mitunter findet sich eine Ausrichtung des Gesichts nach Westen, hin zur untergehenden Sonne (z. B. Ofnethöhlen). Doppelt- und Gruppenbestattungen kommen mehrfach vor, desgleichen Kopfbestattungen und Schädeldeponierungen, bei denen Schädelknochenverletzungen auf einen rituellen Gebrauch hindeuten könnten (Ritualtötungen?). Brandbestattungen gab es in dieser Periode keine.

So fühlte man sich vermutlich den Toten verbunden, die gelegentlich an der Herdstelle bestattet und insgesamt pietätvoll behandelt wurden. Ob daraus Beweise für animistische Vorstellungen ableitbar sind, ist umstritten und wird etwa von Müller-Karpe verneint Allerdings stellt auch er fest, dass diese Haltung Ausdruck eines Gespürs war, dass es ein Danach geben könnte, ohne dass zunächst explizite Jenseitsvorstellungen nachweisbar gewesen wären. Doch lassen sich indirekt bestimmte Muster der geistigen Verarbeitung der Umwelt und ihrer zentralen Fragen wie Naturphänomene, Geburt, Sexualität und Tod aus all dem ableiten. Vor allem deutet die Entstehung der Bildkunst im Jungpaläolithikum auf eine massive Bewusstseinsintensivierung hin, deren archäologisch fassbare Indizien des geistig-kulturellen Schaffens neue Denkformen konzeptioneller, personeller und organisatorischer Art voraussetzt. Ob man dieses Bewusstsein Schamanismus oder animistisch oder beides nennt, bleibt letztlich sekundär.

Die Bedeutung der Schädelbestattungen und Schädeldeponierungen, wie sie eventuell schon im Altpaläolithikum vorkommen (sehr unsicher: Zhoukoudien, 350.000 B.P.), im Mittelpaläolithikum (Moustérien) am Monte Circeo und im Jungpaläolithikum in der Höhle von Mas d'Azil (Magdalénien), ist in ihrer Relevanz für schamanische Bräuche etwa als Schädelkult hoch umstritten Die ebenfalls aufgefundenen, oft sorgfältig arrangierten Tierknochendeponierungen wie etwa beim postulierten, von Leroi-Gourhan allerdings sehr kritisch beurteilten Bärenkult könnten hingegen einen jagdmagischen Hintergrund gehabt haben, da man derart die Knochen des erlegten Wildes dem Herrn der Tiere wieder zurückgab. Auch ein frühes Stadium des Totemismus wäre denkbar.

Werkzeuginventare

Manche Werkzeuge wurden eindeutig gestalterisch so perfektioniert, vor allem unter Einbeziehung von Steinfarbe, Maserung usw., dass aufgrund des erhöhten Herstellungsaufwandes eine vor allem rituelle Verwendung zu vermuten ist oder aber ein besonderer sozialer Kontext. Manche Werkzeuge waren ganz einfach zu groß, um auf der Jagd sinnvoll benutzt werden zu können. Zum besonders spektakulären Fall des Faustkeiles vgl. Movius-Linie. Besonders eindrucksvoll sind hier etwa die riesigen Faustkeile der Murzuq-Wüste in Süd-Libyen. Andere Werkzeuge, insbesondere Blattspitzen sind teilweise so zerbrechlich und dünn, dass sie ebenfalls nicht zweckmäßig verwendet werden konnten. Eine ähnliche kultische Bedeutung wird vor allem im Neolithikum und später auch für Doppeläxte vermutet (Mond- und Stierhornsymbolik, Kriegerstatus bei Grabbeigaben).

Neolithikum 

Grundsätzlich wird die Zuordnung der Schamanismusformen mit den Übergängen zu etablierten Religionen, wie sie sich im Neolithikum parallel zur zunehmenden sozialen Schichtung der Bevölkerung zu vollziehen beginnen, immer problematischer. Elementarer und Komplexschamanismus scheinen originär an Wild- und Feldbeuterkulturen gebunden zu sein, wobei unter Feldbeuter eine Wirtschaftsform verstanden wird, bei der Pflanzen nur gelegentlich und eher planlos gesetzt werden und keine Vorratswirtschaft betrieben wird.In entwickelten agrarischen Gesellschaften, in denen Schamanismus als Komplexschamanismus auftritt (vor allem Südamerika, Himalaya, Südamerika, Teile Südostasiens und Indonesiens), wandelte sich der Schamane nach und nach zum Priester: Neben zeremoniellen Opfern vollzog er die in seinem gesellschaftlichen Umfeld eng an den Tod und die Erde gekoppelten Fruchtbarkeitsriten für Land, Mensch und Tier. Er war zudem für alle Zeremonien bei Geburt, Hochzeit, Tod, Amtsübernahme verantwortlich. Geister-, Ahnen- und Seelenglaube waren dabei immer noch die Grundlage, desgleichen ekstatische Techniken, die hier vorwiegend im Rahmen eines Besessenheitsschamanismus auftreten.

Zur spezifischen Problematik der neolithischen Kulturkreise in Europa wie Linienband-/Schnurkeramiker oder Glockenbecherkultur siehe unter Alt- und indoeuropäische Religionen.

Hauptsächliche religiöse Tendenzen und metaphysische Weltbilder 

Infolge der durch die neolithische Revolution ausgelösten sozialen und ökonomisch-politischen Dynamik lassen sich ausgehend vom paläolithisch vorgeformten Schamanismus folgende religiöse Weltbilder, Menschenbilder und daraus folgende Entwicklungen und Strukturen feststellen:

  • Fruchtbarkeitskulte, fast stets bei Bauern, etwa bei den Bandkeramikern. Dabei findet sich auch ein Ahnenkult, mitunter ein Mutterkult.
    1. Mutterkult der Magna Mater und Mysterienkulte wie etwa auf Malta und generell im Mittelmeerraum.
    2. Agrarmythen: Mythos vom sterbenden Gott, Mana und der Dema-Gottheit
    3. Chthonische Kulte: Sie sind ein Bindeglied der beiden vorigen Typen und verlagern nun das Totenreich vom Jenseits des Weltenbaums im Schamanismus und von der Geheimwelt hinter den Höhlenwänden endgültig in die Tiefen der Erde, die auch Quelle der Fruchtbarkeit und damit der Wiedergeburt ist. Mysterienkulte sind hier besonders typisch, sie weiten nun den paläolithischen Ahnenkult, wie er für den Schamanismus typisch war, aus und beziehen Initiationsriten etc. mit ein, wobei teilweise ekstatische Riten fortgeführt werden.
  • Himmelskulte, vor allem bei Viehnomaden. Sonne, Mond und Sterne bzw. Sternbilder gewinnen nun an Bedeutung und werden später vergöttlicht. Für Bauern signalisieren sie die Saatzeiten oder in Flusstalkulturen wie Ägypten Überschwemmungszeiten (Nilschwemme). In megalithische Monumenten wie Stonehenge oder Carnac verbindet sich vermutlich eine astronomische Funktion mit einer religiös-priesterlichen.
  • Animalismus, Totemismus und Fetischismus. Als paläolithische Relikte bleiben vor allem Totems oft erhalten und entwickeln sich möglicherweise (das ist aber hoch umstritten) zu Idolen und animalistischen Göttersymbolen im Rahmen nun stationärer Heiligtümer. Übergangsformen finden sich etwa in der altägyptischen Götterwelt. (s. oben)
  • Wesentliches Charakteristikum zahlreicher neolithischer Kulte ist jedoch die Entstehung systematisierter Religionen. Sie sind im Rahmen der Entwicklung zu frühen Staaten von großer, kaum zu überschätzender Bedeutung.

Schamanische Elemente verlieren nun progredient an Bedeutung und/oder erhalten neue inhaltliche Bezüge. Ries nennt dies den Schritt des Homo religiosus „von der Hierophanie (ein von Eliade geprägter Begriff) zur Theophanie“.

Archäologisch erschlossene Zeugnisse
  • Felsbilder
    1. Skandinavien: Die Besiedelung der Region fand erst nach Ende der Eiszeit vor 10.000 Jahren statt. Die Felsbilder, fast nur Gravuren, sind somit vor allem meso- bis neolithisch. Man findet von der Westküste Norwegens bis nach Karelien zahlreiche Darstellungen mit schamanisch und magisch zu deutenden Inhalten.
    2. Sahara:
      1. Rinderperiode: Jäger mit Tiermaske
      2. Rundkopfperiode: Aouanreth, Algerien: Zauberer mit Maske und weißer Frau.
    3. Sibirien: Felsbilder finden sich über fast ganz Sibirien. Sie reichen bis ins Neolithikum des 2. und 1. Jahrtausends v. Chr. zurück, das in Sibirien als Wirtschaftsform bis ins 20. Jahrhundert reichte und teils bis heute andauert, und stehen offenbar in Zusammenhang mit den dortigen gegenwärtigen Schamanismusformen, denn die letzten derartigen Bilder sind erst vor zwei bis drei Jahrhunderten entstanden. Die dortigen Felsbilder lassen sich in fünf Typen unterteilen: 1. (Tanzende) Figur mit Vogelkopf, 2. Menschenfiguren mit phallischen Zeichen, 3. Menschenfiguren mit Hörnern, 4. Masken mit Hörnern, 5. Schamanen mit Trommel.
    4. Kleinasien: Die Felsbilder des Latmosgebirges in der Westtürkei stammen motivisch aus dem Neolithikum. Besonders bemerkenswert sind hier stilisierte Darstellungen sogenannter „Hörnergötter“, die auch als Zauberer und Schamanen interpretiert werden, die Hörner oder Hörnermasken tragen.Es fällt auf, dass diese Darstellungen in der frühneolithischen Fundstelle von Göbekli Tepe in derselben Region als T-Pfeiler auftauchen und eine Reminiszenz an jungpaläolithische Zeiten darstellen, etwa als Repräsentanz des Ziegendämons. Es kommen hier auch Masken vor.
    5. China: Es gibt vor allem in entlegenen Bergregionen etwa der Inneren Mongolei (Yin Shan und Helan Shan) zahlreiche, meist stilisierte mensch- und tierförmige sowie gemischte Maskendarstellungen. Die frühesten in Linanyungang und Hua'an sind etwa 5000 Jahre alt und datieren aus dem Neolithikum, gelten auch als Repräsentanzen der Geisteswelt primitiver Jäger der ersten dort lebenden Völker. Auch die zahlreichen Tierdarstellungen weisen in diese Richtung. Ockerbestattungen (18.000 BP, evtl. bereits Pekingmensch), Schamanismus und Schamanengräber sind nachgewiesen, der Ahnenkult entwickelte sich früh.
    6. Nord- und Südamerika: Die Abgrenzung paläolithisch/neolithisch ist hier sehr problematisch. Obwohl es frühe Bauernkulturen vor allem im Bereich der großen Ströme und Kaliforniens gegeben hat, ist ein Neolithikum nirgends wie in der Alten Welt mit allen relevanten Faktoren voll ausgebildet oder gar die paläo-/neolithische Zuordnung möglicher schamanischer Inhalte. Allerdings ist hier die Meinung in der Forschung uneinheitlich. Haberland spricht durchaus von einem Neolithikum,das allerdings regional unterschiedlich ausgeprägt war, etwa in der Hopewell-Kultur, die zunächst als reine Jäger-Sammler-Kultur angesehen wurde.Entsprechend schwierig sind Datierung und Zuschreibung der Felsbilder, etwa der Schamanendarstellung in The Maze, Utah. Die indianische Felskunst, ethnographisch sehr gut untersucht und meist nicht sehr alt, ist deshalb vorwiegend unter dem ethnologischen Schamanismus dargestellt. Archäologisch finden sich schamanische Darstellungen, auch Handabdrücke, u. a.:
      1. Nordamerika: Verbreitet im Südwesten (Niederkalifornien und Mexiko) auch mit Handabdrücken, Spiralen usw.: Bilderhöhle von Baja California, Cueva de la Serpiente und Sierra von San Francisco mit etwa 60 Theriokephalen und Schlangenmischwesen, ähnlich in den Felsen von Sonora (Mexiko). Ob diese im Abschnitt Paläolithikum angesprochenen Funde rein neolithisch sind oder eher einer Übergangs- bzw. Mischphase angehören, ist umstritten, desgleichen der Einfluss der mittelamerikanischen Hochkulturen beginnend mit den Olmeken. Dargestellt sind oft schamanische Aktivitäten wie Flug, Verwandlung in ein Tier, Unterwasserreise, Heilmagie, Jagdmagie etc.
      2. Südamerika: Regional sehr unterschiedlich erforscht. Zahlreiche Handdarstellungen etwa in Patagonien und in den Anden. Felsbildhöhlen finden sich vor allem in Brasilien, einige in den mittleren Anden und Patagonien. Auch hier ist eine paläo- bzw. neolithische Zuordnung fraglich, zumal eine schamanische Ikonographie kaum vorkommt.
  • Bestattungen
    Bestattungen im Neolithikum zeigen eine zunehmende Entwicklung und spiegeln immer differenzierte kulturell-religiöse Vorstellungen im Rahmen sich stratifizierender Gesellschaften, vor allem ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. in Europa.Dies gilt ähnlich für außereuropäische Kulturen, etwa in Vorderasien, China oder Indien. Schamanische Vorstellungen vom Jenseits, von Ahnen, Seelen, guten oder bösen Geistern usw. bleiben teilweise in neuem Gewande erhalten. Die zentrale Technik der Schamanen, die ekstatische Jenseitsreise, sowie ihre grundlegenden kosmologischen Vorstellungen wurden oft kaum verändert in die nun herrschenden Götterreligionen übernommen. Die folgende Darstellung der frühen, nichtstaatlichen Kulturen und ihrer Religionen zeigt das eindrücklich.
    Die nordamerikanischen Mound Builder mit ihren gewaltigen Grabanlagen übertreffen in ihrer Gesamtheit schon vom Volumen her die ägyptischen Pyramiden. Sie sind als gewaltige gesellschaftliche Gesamtleistung nur vor einem starken religiösen Hintergrund und einer ausgeprägten sozialen Schichtung vorstellbar, denn nur die hervorragendsten Persönlichkeiten wurden derart bestattet.Vergleiche mit anderen alten Kulturen zeigen, dass nur ein organisiertes Priestertum in der Lage ist, derartige Großunternehmungen durchzuführen. Dennoch war die teils frühneolithische, eventuell noch jungpaläolithische Kultur der ersten Mound Builder des 4. bis 3. vorchristlichen Jahrtausends, die noch weitgehend Jäger-Sammler waren, offenbar stark schamanisch geprägt.
  • Plastiken, Kleinkunst
    Relevant sind hier vor allem die Venusfigurinen, die jedoch nicht mehr in den geistigen Umkreis des Schamanismus gehören (s. o.), sondern eher Zeichen einer verstärkten mutterkulturlichen Entwicklung vor allem im Mittelmeerraum sind, wie sie sich etwa besonders eindrucksvoll auf Malta vollzog. Eindeutige Zuschreibungen mit schamanischen Bezügen sind problematisch. Dies gilt selbst für frühe neolithische Fundorte wie Çatal Hüyük oder Jericho. Am ehesten lassen sich solche Bezüge in plastischen Darstellungen in Göbekli Tepe mit seiner noch stark jägerischen Kultur herstellen. Auch Lepenski Vir in Serbien mit seinen Plastiken könnte noch schamanische Hintergründe haben, da die dortigen Bewohner ebenfalls stark von der Jäger-Sammler-Kultur geprägt waren.

Ethnischer Schamanismus 

Unter dieser Rubrik sind alle Schamanismusformen zusammengefasst, die weltweit gegenwärtig noch in Erscheinung treten oder über die fundierte wissenschaftliche Beobachtungen, Analysen und Berichte der jüngeren Vergangenheit vorliegen, das heißt in etwa ab dem 18./19. Jahrhundert. Dazu hält Leroi-Gourhan fest, dass das, was man „Vorgeschichte“ nennt, die Zeit also, von der uns keine schriftlichen Zeugnisse überliefert sind, etwa im östlichen Mittelmeerraum um 3000 v. Chr. endet, bei den Eskimos zum Beispiel aber erst im 19. Jahrhundert, und bei manchen Völkern Amazoniens erst vor wenigen Jahrzehnten bis wenigen Jahren (man vermutet dort bis heute noch mehrere Dutzend unentdeckte Ethnien). Die Phänomenologie dieser rezenten Schamanismusformen muss die oben dargestellten Prinzipien und Kriterien innerhalb einer akzeptablen Variationsbreite unter Berücksichtigung lokaler Besonderheiten weitgehend erfüllen. Übergänge zu magisch betonten Formen und entsprechende Mischformen, vor allem im Falle Afrikas, werden mit berücksichtigt (und sind im letzteren Falle im Artikel afrikanische Religionen genauer beschrieben). Dargestellt sind hier vor dem Hintergrund der klassischen drei Schamanismustypen Elementar-, Komplex- und Besessenheitsschamanismus die größeren regionalen Besonderheiten und ihre potentiellen Ursachen und Zusammenhänge, soweit eruierbar. Hauptquellen für Eurasien sind die Werke von Hoppál, Kasten und Gorbatcheva, für Nord- und Südamerika das von Hultkrantz et al. sowie Eliade. Für den Problemfall Afrika sowie für den australisch-ozeanischen Raum wurden weitere Werke benutzt. Vgl. auch den Artikel „Shamanism#Regional Variations.

Eurasien (ethnisch-historische und religiöse Übersicht) ]

Ethnien und Staaten Eurasiens um 1200

Einen wenn auch groben Überblick über die Ethnien und Staaten Eurasiens im Hochmittelalter gibt die nebenstehende Karte, die die historische Situation um 1200 vor dem Mongolensturm zeigt.

Die Darstellung dieser Großregion und die Ähnlichkeiten der hier vorherrschenden schamanischen Religionen untereinander ist nicht verständlich ohne die historischen Hintergründe der dort lebenden Völker. Von besonderem Interesse speziell für den Schamanismus sind dabei Zentralasien und Sibirien, das erstmals vor etwa 20.000 bis 25.000 Jahren im Jungpaläolithikum besiedelt wurde, bis im Neolithikum der größte Teil des gesamten Gebietes (in der Karte weiß) bewohnt war. Die ersten archäologisch nachweisbaren Kultstätten entstanden vor einigen Tausend Jahren. Sie zeigen bereits eine ausgeprägte Lebens- und Geisteswelt und eine künstlerisch differenzierte Entwicklung der dortigen Völker. Vor allem in Südsibirien lebten Bauern- und Hirtenvölker, in der nördlich daran anschließenden Taiga hingegen waren Jagd und Fischerei die bevorzugten Subsistenzstrategien. Insbesondere die Völker in Jakutien und in der Baikalregion hatten enge Beziehungen zueinander; archäologische Funde wie etwa Felsbilder zeugen davon und von ihren religiösen Vorstellungen (s. oben: Prähistorischer Schamanismus).

In der Tundra und Waldtundra Nordostsibiriens lebten vorwiegend relativ isolierte Nomadenvölker, die Fischerei und Rentierzucht betrieben. Vor allem an der nordöstlichen Küstenzone waren dies die Vorfahren der Eskimos und Tschuktschen, die schließlich dort sesshaft wurden, da das Meer ihnen reichliche Beute an Fischen und Meeressäugern bot. Sie breiteten sich schließlich vom Gebiet der Beringsee auf die gesamten arktischen Küstenregionen aus. Im Hinterland sind die Rentierjagd und schließlich die Zucht des Rentiers nach dessen Zähmung frühestens im 5. vorchristlichen Jahrtausend definitiv durch Felsbilder im 1. Jt v. Chr. belegt.

Während der großen Völkerwanderung vom 10.–13. Jahrhundert wurden die Ureinwohner Sibiriens durch das Eindringen anderer Völker von Süden her weiter in den Norden und Osten abgedrängt. Betroffen waren vor allem die paläoasiatischen Ethnien, die Tschuktschen, Korjaken und die Tungusen (Ewenen und Ewenken), wobei letztere aus dem heutigen Jakutien von den Vorfahren der Jakuten vertrieben wurden. Die Jakuten wiederum wurden später von den eindringenden mongolischen Stämmen nach Norden abgedrängt.
Bis ins 16. und 17. Jahrhundert lebten die Völker Sibiriens abseits der europäischen Einflüsse. Sie waren isoliert und hatten nur Kontakt zu den benachbarten Völkern mit derselben kulturellen Herkunft. Ihre heutigen Benennungen sind insofern irreführend, denn sie entstammen der Phase der russischen Landnahme Sibiriens und sind keine Eigenbezeichnungen. Sie selbst hatten sich früher ganz andere Namen gegeben, die meist ganz einfach „Mensch“ bedeuteten (bei den Eskimos z. B. Yuit oder Yupik). Erst ab der zaristischen Zeit geriet der Schamanismus ins Blickfeld der wissenschaftlichen Forschung. (Die weitere Entwicklung siehe unten unter „Forschungsgeschichte“.)

Der Schamanismus vieler Völker Sibiriens stand zudem über Jahrhunderte unter dem Einfluss verschiedener Religionen aus Vorder-, Zentral- und Ostasien. Dazu gehören neben dem Zoroastrismus, Manichäismus und Christentum vor allem auch Einflüsse des Buddhismus. Bereits die protomongolischen Völker waren ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert mit ihm in Berührung gekommen. Mongolische Stämme brachten dann zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert den Mahayana-Buddhismus nach Zentralasien bis ins Amur-Gebiet. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde in Tibet die Gelug-Schule des klassischen indischen Buddhismus gegründet und verbreitete sich bis ins 17. Jahrhundert in Burjatien, Kalmückien und Tuwa. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Buddhismus auch unter den transbaikalischen Burjaten etabliert und beeinflusste Alltag, Kultur und Lebensanschauung vieler sibirischer und zentralasiatischer Völker. Dies führte zu einem Rückgang des Schamanismus und zur Amalgamierung schamanischer mit buddhistischen Vorstellungen. Beispiel ist der ursprünglich aus China stammende Schamanenspiegel toli etwa bei den Burjaten und das Auftreten von Personen, die sowohl Lama wie Schamanen waren.

Nördliches und zentrales Eurasien 

Die inhaltliche Gliederung dieses großen und weltweit heute wichtigsten Bereiches, in dem Schamanismus noch „klassisch“ betrieben wird oder bis vor nicht allzu langer Zeit betrieben wurde – vor allem die Sowjetzeit hat hier großes Unheil angerichtet (s. u.) – kann man vorwiegend geographisch von Nordwest nach Südost und Süden vornehmen (so Hoppál), dazu ethnisch und/oder sprachlich. Hier sollen alle drei Faktoren, von denen die beiden letzten inhaltlich weit wichtiger sind als die geographischen, kombiniert werden. Allerdings müssen dabei Wanderungsbewegungen der einzelnen Ethnien, sprachliche Überlagerungen und Assimilationen in Gestalt von Adstraten, Sub- und Superstraten sowie die Einflüsse der eindringende Großreligionen, vor allem des orthodoxen Christentums, des Islam und Buddhismus, berücksichtigt werden, dazu in der Volksrepublik China ebenfalls ideologische Einflüsse des Kommunismus.

Europa 
Runentrommel der Samen

Die einzigen Vertreter des Schamanismus in Europa sind die auch als Lappen bekannten Samen mit ihrer Rentierkultur. Meist sind sie heute jedoch Christen.
Auch bei anderen finno-ugrischen Völkern wie den Ungarn finden sich schamanische Spuren in der Mythologie, möglicherweise als Ergebnis der belegten Einwanderung sibirischer Völker und der ethnischen Verwandtschaft der Magyaren mit ihnen. Ihre Sprache ist mit dem Finnischen, Ungarischen und Samojedischen verwandt und gehört zum uralischen Sprachkreis. Ihre Herkunft ist ungeklärt.
Im 18. Jahrhundert wurde die Rolle der samischen Schamanen durch die christliche Mission stark geschwächt und die Zeugnisse der früheren Epochen sind spärlich, jedoch durch skandinavische Felskunst des Neolithikums bezeugt.
Religion: Es gab den für Jäger-Sammler typischen Glauben an Götter und Naturerscheinungen. Der Glaube an Geister und Ahnen war verbreitet, jede Tierart hatte einen eigenen Schutzgeist. Im Mittelpunkt des religiösen Lebens stand der männliche oder weibliche Schamane (Noaide), der dessen klassische Aufgaben wahrnahm und die oben geschilderten Rituale durchführte, wobei er für die Jenseitsreise ekstatische Techniken einsetzte. Sein wichtigstes Requisit war die Trommel.
Der Schamanismus der Lappen stellt sich wohl aufgrund der Kontakte mit indoeuropäischen Völkern, insbesondere den Nordgermanen, als sekundärer Komplexschamanismus dar, wie er für Hirtennomaden Nord- und Innerasiens typisch ist.

Nord- und Innerasien 
Sibirien 
Eines von zwei Ovoos, schamanische Stein- und Holzmale in der Mongolei, hier auf dem Gipfel des Ikh Uul, a. k. a. Ikh Barzan Uul, dem auffälligsten Berg südlich von Bürentogtokh; im Vordergrund eine Opferbank

Tabelle der Völker siehe Die sprachlich-geographische Verbreitung siehe.

Da der sibirische Schamanismus paradigmatisch in der einleitenden allgemeinen Darstellung des Schamanismus präsent ist, wird auf die detaillierte Schilderung der Varianten und Besonderheiten der einzelnen Völker Sibiriens hier weitgehend verzichtet und es werden nur unten kurz ihre jeweiligen Schamanismusvarianten charakterisiert.

Sibirien gilt als die klassische Schamanismus-Region mit einem vorwiegend elementaren Schamanismus; je weiter östlich und südlich man allerdings kommt, desto mehr findet sich ein sekundärer Komplexschamanismus,insbesondere in Gestalt des heute noch teilweise als „Aberglaube“ lebendigen Tengrismus der türkischen und mongolischen Völker Zentralasiens. Vor allem uralische, altaische, tunguso-mandschurische und paläosibirische Ethnien leben in diesem Großraum. Die ethnologische Erforschung des Schamanismus begann hier erst, als bereits das Christentum und andere Religionen wie der Buddhismus (bei Mongolen) oder Islam (vor allem bei den Turkvölkern) mehr oder weniger starken Einfluss auf die untersuchten Kulturen genommen hatte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm man allgemein an, dass der Schamanismus ein „aussterbendes Phänomen“ sei. Besonders in Sibirien und Innerasien waren Schamanen durch die atheistische sozialistische Politik Verfolgungen ausgesetzt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kann jedoch das Wiedererstarken schamanischer Traditionen in verschiedenen ex-sowjetischen Republiken (besonders in Südsibirien) sowie in der Mongolei beobachtet werden.
Die postsozialistischen Schamanen beziehen sich auf die vorsozialistischen Traditionen, und gleichzeitig präsentieren sie sich als Teil der (Post- )Moderne: Heutige Schamanen leben oft in Städten, sie haben eine weltliche Ausbildung, weisen Zertifikate aus, bieten ihre Dienste in Schamanenzentren an, knüpfen Kontakte zu Touristen und werden als Symbole einer postsozialistischen nationalen Identität benutzt. Auch in anderen Teilen der Welt erleben schamanische Praktiken gegenwärtig einen Aufschwung. Siehe auch Neoschamanismus. Typisch für die sibirischen Völker und die Völker Innerasiens, etwa den Mandschuren, ist das Tieropfer, das auf eine Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts abzielt. Wo eine typische Schamanenkleidung fehlt, ist wie bei den Eskimos rituelle Nacktheit üblich, wobei ein besonderer Schamanengürtel getragen wird.Allerdings finden sich selbst bei den sibirischen Schamanen der Region nicht immer alle schamanischen Kennzeichen. So fehlt etwa bei den Tschuktschen die Ekstase, so dass solche religiösen Systeme als randständig schamanisch betrachtet werden. Diese Einstufung gilt auch für andere Völker, vor allem dann, wenn man die Typologie Müllers mit berücksichtigt.

Insgesamt gehören von den 32 Millionen Einwohnern Sibiriens, das zwei Drittel des russischen Staatsgebietes einnimmt (12,7 Millionen km²) und sich über 20 Zeitzonen erstreckt, eine halbe Million zu den Ureinwohner. Neben den Burjaten, Jakunen, Turwinen, Chakassen, Choren und Altai gibt es weitere 26 Völker als Kleinstminderheiten (ca. 180.000).Die zahlenmäßig größte Gruppe bilden die Nenzen (> 34.000), die ihre traditionelle Lebensweise weitgehend bewahrt haben.

Schamanin, vermutlich vom altaischen Chakassen-Volk (1908)
Steinerne Statuen der Kyptschaken, die in den Steppen nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres und des Aralsees leben. Das nomadisch lebende Turkvolk praktiziert noch einen Schamanismus.

Die uralischen und altaischen Völker Sibiriens und Innerasiens

Betroffen sind die Sprachgruppen finno-ugrisch und samojedisch sowie Turksprachen (vor allem altaische Türken):.

Turksprachige Ethnien:

  • Altaier (Altaische Türken): Kleinere turksprachige Völker im Altai-Gebirge wie Schoren, Beltiren, Kachinen, Koybalen, Tubalaren, Karagassen, Kumandiner, Teleuten, Telengiten, Tschekanen, Tefalaren, Kyptschaken (Kumanen/Komanen).
    • Schoren: Altaische Türken um Barnaul. Schamanismus ist in vielen Familien verbreitet, wobei Kompetenzbereiche genau abgesteckt sind, vor allem Heilungen mit Tieropfer, Jagdmagie, Entbindungen, Verfluchungen.
    • Sagaier: Altaische Türken. Zentrales Requisit ist der Schamanenbaum. Häufig kommt es zu Schamanenkämpfen, die die Hierarchie der Schamanen festlegen.
    • Chakassen: Altaische Türken in der Steppe von Abakan. Nomadische Viehzucht, Jagd und Fischfang. Sie wurden auch als Baraba-Türken oder Abakna-Tataren bezeichnet. Schamanen waren die Bewahrer der Sippenriten und mussten bezahlt werden. Pferdeopfer. In der Oberwelt wohnten neun Schöpfergottheiten. In der Unterwelt der Gott des Bösen. Funktionen und Zeremonien der Schamanen sind weitgehend klassisch.
  • Jakuten: Turksprachiges Volk (Jakutien). Pferde- und Rinderzucht. Klassische Form. Es gab „weiße Schamanen“, die die Opfer ausführten und Gebetsspezialisten waren, aber keine Seelenreise unternahmen und keinen Kontakt zu Geistern hatten und im Gegensatz zum eigentlichen Geisterschamanen nicht in Ekstase verfielen.
    • Die Dolganen waren ein halbnomadischer (Rentierzucht, Jagd, Fischfang) Stamm der Jakuten, der sich mit den Ewenken vermischt hatte. Sie sind russisch orthodox mit schamanischen Elementen. Sie hatten eine ausgeprägte Vogelsymbolik (Himmelsreise) und glaubten an neun Himmel. Wirtgeister wohnten in Steinen, Bäumen oder von Menschen hergestellten Dingen und wirkten als Schutz- und Hilfsgeister.
  • Kasachen: Eines der großen Turkvölker Mittelasiens. Schamanen können nicht nur heilen, sondern auch die weibliche Fruchtbarkeit beeinflussen und wahrsagen. Wie bei den Turkmenen werden Peitsche und Sufi-Rituale eingesetzt. Initiationsprüfungen sind heikel, Musik ist sehr wichtig. Der Schamane wird wie anderswo von den Geistern in sein Amt gezwungen.
  • Turkmenen: Turkvolk am Amu-Darja mit Sufi-Merkmalen (Laufen über glühende Kohlen und Derwischtanz).
  • Tuwiner: Turkvolk. Nomadisch, Pferde-, Rinder-, Kamelzucht. Sie stammen angeblich von den Hunnen ab. Starke Vermischung mit dem Lamaismus. Es gab fünf verschiedene Schamanentypen, die sich nach Abstammung und Art der Berufung aufgliederten. Heilung und Weissagung sind die häufigsten Aufgaben. Es gibt außerdem weitere vier Typen: Schamanen mit Maultrommel, mit Stock, mit Spiegel und solche, die nächtliche Rituale mit Trommel und Kostüm wagen.
  • Usbeken: Zahlreichstes turksprachiges Volk Innerasiens. Schamanismus wurde vom Islam weitgehend beseitigt. Besonderheit ist der rituelle Transvestismus. Es gibt auch Schamaninnen. Bestimmte kultische Besonderheiten gehen offenbar auf den uralten Kult der Muttergottheit Umai zurück. Auch iranische Einflüsse sind erkennbar (Sonnenkult, vor allem Bemalung der Trommeln). Benutzt werden Schellentrommel und Peitsche (zur Austreibung von Krankheitsgeistern).

Finno-ugrischsprachige Ethnien:

  • Chanten: Ugrische Sprache. Nomaden, Jagd und Fischerei in der Taiga, Rentierzucht in der Tundra. Ebenfalls verschiedene Spezialisten: Zauberer, Heilkundige, Wandersänger, solche, die Giftpilze zu sich nehmen, Geisterbeschwörer bei Opferritualen. Lange Riten. Tieropfer ist zentral. Beim Wahrsagen gibt es verschiedene Spezialisten. Schamanenkämpfe kommen vor. Funktion als Seelenbegleiter.
  • Mansen: Ugrische Sprache. Jagd und Fischerei. Ebenfalls drei Typen: 1. Schamanen mit Trommel, 2. Schamanen mit Musikinstrument zur Geisterbeschwörung, 3. Schamanen, die Giftpilze verwenden.

Samojedisch-sprachige Ethnien:

  • Nganasanen: Samojedisch sprechendes Volk auf der Taimyrhalbinsel. Klassischer Schamanismus mit Trance, Hilfsgeistern, Trommel, Geisterbeschwörungen.
  • Nenzen: Samojedische Sprachgruppe. Nomaden, Rentierzucht in Taiga und Tundra. Sie kennen drei Schamanenkategorien: 1. Starke Schamanen, die mit der überirdischen Welt in Verbindung stehen. 2. Erdschamanen, die mit der unterirdischen Welt in Verbindung stehen. 3. Schamanen, die mit den Toten in Verbindung stehen und als Seelenbegleiter fungieren.
    • Eine ähnliche Unterteilung besteht bei den Enzen und Selkupen. Sehr komplexe Initiation mit Himmelsreise und Kontakt mit Hauptgott Ülgen sowie Mutproben. Bei den Selkupen ist die Schamanenveranlagung erblich. Schamanenseelen kehren nach dem Tod in die Welt zurück, um sich in einem Nachfolger niederzulassen. Sonst klassische Form und Kosmologie. Trommel, Schlegel und Stab. Geweihkrone.
Himalaya mit Tibet und Hindukusch 

Die meisten hier aufgeführten Praktiken gehören zum Typus des Komplex- oder gar Besessenheitsschamanismus.

In der Bön-Religion einiger Völker Zentralasiens und insbesondere im tibetischen Buddhismus besteht ein starker schamanischer Einfluss, denn der Bön war die vorherrschende Religion in Tibet, bevor im 8. Jahrhundert der Buddhismus ins Land gelangte. Der Bön ging danach vor allem begünstigt durch die isolierte Gebirgslage während der mongolischen Yuan-Dynastie und der mandschurischen Qing-Dynastie mit dem Buddhismus eine enge Verbindung ein und wird bis heute in einigen Ethnien dort praktiziert, etwa in Nepal und Nordindien.

  • Indischer Himalaya: Vor allem in Arunachal Pradesh im östlichen Himalaya, wo viele indo-mongolische und tibetischstämmige Ethnien leben, haben sich Reste der Bön-Religion neben dem Mahayana-Buddhismus erhalten.
  • Auch in Nepal haben sich solche archaischen Elemente erhalten, die denen des klassischen eurasischen Schamanismus sehr ähnlich sind. Solche Schamanen werden teils bewundert, teils gefürchtet. Sie praktizieren die Trance vor allem in Form der „Zittertrance“, die hier weniger als Seelenreise denn als Kampf mit den bösen Geistern verstanden wird; sie sind Heilkundige, in erster Linie aber Vortragskünstler. Auffallend ist hier die sexuelle Symbolik.Alle Nepalesen glauben zudem neben dem Buddhismus, der hier in der tantristischen Variante verbreitet ist, mit einem festen Kastensystem und vererbbarem Priestertum auftritt, an Götter und Wesen, die weder buddhistischer noch hinduistischer Abstammung sind, sondern alte Naturgottheiten, die sich in Bäumen, Steinen, Vögeln, Schlangen und allerlei Tieren befinden, in Bergen oder im Feuer, vor allem aber im Wasser.
  • Tibet kennt im Rahmen der Nyingma-Schule eine tantristische Tradition mit verheirateten Priestern (Ngakpas), die häufig als Dämonenaustreiber, Heiler usw. auftreten. Hervorragende Ngakpas werden als Lamas angesehen und haben oft eine klösterliche Ausbildung. Zwischen dem klassischen Lamaismus der Klöster und den häufig umherreisenden Schamanen kommt es allerdings immer wieder zu Spannungen. Der Tantrismus ist Ergebnis eines Verschmelzungsprozesses zwischen hinduistischem und buddhistischem Gedankengut und gehört zum Mahajana-Buddhismus. Er übernahm die hinduistischen Göttervorstellungen und integrierte alte populäre, magisch-religiöse Konzepte: Geister, Zauberei und volkstümliche Kosmologien. Yoga, Mantras und Meditation sind zentrale Momente und erinnern stark an schamanische Ekstasepraktiken, desgleichen die geschlechtliche Vereinigung als solche mit der Vorstellung, bei der sexuellen Ekstase zu Göttern werden zu können.
  • In Sikkim hängen die dortigen Ureinwohner, die Lepcha und Bhutia, einer Mischung aus buddhistischem und animistischem Glaubensgut an.
  • Hindukusch: Er umfasst die Gebiete von Kaschmir und Afghanistan. Mehrere kleinere nichtislamische Ethnien haben (oder hatten, über den gegenwärtigen Zustand besteht Unklarheit) dort Religionen, die stark animistisch-schamanisch geprägt sind, vor allem in Kafiristan (arab. „Land der Ungläubigen“), im Ashkunagebiet sowie im Chitratal bei den Kho und den Kalasch. Repräsentativ für all diese Religionsvarianten ist die Religion der Kalasch in Pakistan. Wirtschaftliche Grundlage sind Schaf- und Ziegenzucht. Auffallend sind hier die riesigen Ahnenfiguren sowie aufwendige Feste. Reinheit und Unreinheit ist ein hochkomplexer, von zahlreichen Tabus und Zeremonien begleiteter Bestandteil der Kalaschreligion, das gilt auch für Initiationen. Die Ahnenverehrung ist ausgeprägt, und man glaubt, die Ahnen wohnen in den Ahnenfiguren, solange ihre Nachkommen an sie denken, sie nehmen unsichtbar an den Festen teil. Götter, neben Naturgöttern auch Fruchtbarkeits- und Hirtengötter, Geister und Dämonen wohnen in Felsen und Bäumen. Personell steht im religiösen Zentrum der debar, der dem Schamanen Nordeurasiens entspricht.

Zentralasiatische und ostasiatische Ethnien 

Hier finden sich vor allem tunguso-mandschurische, mongolische und paläoasiatische Völker mit einem hochkulturell synkretischen Besessenheitsschamanismus:Ihr Siedlungsbereich reicht teilweise bis weit in den nordasiatischen Raum und lässt sich zudem nicht sauber in zentral- und ostasiatisch trennen, so dass beide Bereiche hier zusammen besprochen sind.

Mongolische Ethnien:

  • Burjaten: Mongolen am Baikalsee. Halbnomaden und Nomaden; östlich vom Baikalsee nomadisch, westlich halbsesshaft. Viehzucht: Rinder, Pferde, Schafe, Kamele. Östlich des Baikalsees sind sie Buddhisten, westlich davon schamanisch. Typisch ist die Geweihkrone. Klassischer Schamanentyp. Benutzt wurden Schamanenstock und kleine Spiegel (toli). Alte Form, zentral ist das Verhältnis des Menschen zur Natur mit einem komplexen religiösen System für alle Lebensbereiche. Ausgeprägter, hierarchischer Polytheismus (Tengrismus). Klassische Kosmologie. Großer Aufgabenbereich: Seelenbegleiter, Wahrsagen. Hoher Status. Männliche und weibliche Schamanen. Erbliche Veranlagung. Lange Ausbildung. Pferdestöcke mit Verehrung des Pferdes. Adlerkult wie bei vielen mongolischen und Turkvölkern, ebenso Sonnenkult wie in der altiranischen Religion.
  • Dachuren: Mongolen in NO-China und der Mandschurei. Es gab einen nach Fähigkeit ausgesuchten Schamanen (Heilkunde, Wahrsagen) und einen Schamanenhelfer (ein älteres Sippenmitglied), dazu weitere Spezialisten, z. B. Knochensetzer.
  • Mongolen: Schamanismus hat sich als Lamaismus getarnt erhalten. Chalcha und Darchaten sind die wichtigsten Völker mit Schamanentradition. Es gibt männliche und weibliche Schamanen. Ahnenkult ist zentral. Initiationen sind vielgestaltig.

Tunguso-Mandschuren:

  • Ewenen (Lamuten): Tunguso-mandschurische Sprache, um Chabarovsk/Jakutien, Kamtschatka. In der Tundra Nomaden mit Rentierzucht und Jagd, an der Küste halbsesshafte Fischer und Jäger. Weibliche oder männliche Schamanen, mit oder ohne Trommel. Es gab Schamanenspezialisten für verschiedene Aufgaben. Das Kostüm hatte kosmische Symbolik.
  • Ewenken: Tunguso-mandschurische Sprache, um Chabarovsk/Jakutien. Nomaden, Rentierzucht, Jagd. Männliche und weibliche Schamanen. Drei Initiationsstufen. Typisch sind beim Schamanenkostüm große Geweihkronen und ein Brustharnisch, der den mythischen Vogel als Schamanenhelfer symbolisiert, dazu schmiedeeiserne Gehänge mit vielen Vogelfiguren („eiserner Schamanismus“). Klassische Ausbildung durch Ahnen, Schamanen und Erzähler. Klassische Kosmologie. Jenseitsreise und Kontakt zu den drei Weltgöttern mit speziellen Tieren (Adler, Ren, Bär).
    • Die Orotschen sind eine am Amur lebende Untergruppe. Schamanen werden bei ihnen nicht erwählt, es gibt auch keine erbliche Schamanenwürde, vielmehr wird der Schamane an bestimmten Zeichen erkannt.
    • Eine weitere Untergruppe sind die in China lebenden Solonen. Schamanen trugen eine Geweihkrone sowie Schamanenspiegel.
  • Mandschuren: Sippenschamanen und -schamaninnen. Magische Leiter bei Initiation. Seelenbegleiter. Die Trommel dient hier nicht als Reittier, sondern als Kahn zur Überquerung des Unterweltflusses. Schamanenkrone und -tracht sind klassisch. Opferrituale ähneln stark denen der altaischen Turkvölker und der Tungusen am Amur. Zentrale Aufgabe ist die Bewahrung des Sippenkultes.
  • Nanaier: Volksgruppe am Amur mit tungusisch-mandschurischer Sprache. Sesshaft, Jagd und Fischerei. Es gibt drei Schamanentypen: Heiler, Schamanen für Totenfeiern und die mächtigsten, die das gesamte Schamanenwissen besaßen und als Totenbegleiter fungierten. Die Riten und Opfer sind wie oben geschildert, ebenso die kosmologischen Konzepte.
  • Negidalen: Tunguso-mandschurische Sprachgruppe am Amur. Sesshaft, Jagd und Fischerei. Trommel und Kostüm sind charakteristisch. Stark animistischer Glaube.
  • Oroken: Tunguso-mandschurische Sprachgruppe auf Sachalin. Halbsesshaft, Jagd und Fischerei an der Küste, Jagd in der Taiga. Vermutlich mit den Ultschen verwandt. Die Trommeln zeigen die Ahnengestalt des Schamanen und den Adler als Schutzgeist. Ähnlichkeiten zu den Nordamerikanischen Indianern.
  • Udehe: Tungusisch-mandschurische Sprachfamilie bei Chabarowsk. Sie stehen den ebenfalls sesshaften, Jagd und Fischerei betreibenden Orotschen nahe. Keine Trance, aber Jenseitsreise. Tigerkult.
  • Ultschen: An der Amurmündung lebende tunguso-mandschurische. Sesshaft, Jagd und Fischfang. Schamanentum kann vererbt werden. Schamaninnen waren vor allem für Kinderseelen zuständig. Bärenkult.
  • Xibe (Shibo): Mandschurisches Volk. Drei Schamanentypen: 1. Elcin. Heilt vor allem Seuchen. Schon als Kind Beginn der Ausbildung mit zahlreichen Initiationen (z. B. magische Leiter mit Schwertsprossen), 2. Siyang tung. Nur Frauen, die schwere Krankheiten heilen. 3. „Deoci“. Männer, die Besessene durch Geisteraustreibung heilen.

Paläosibirische/paläoasiatische Ethnien:

  • Niwchen (Giljaken): Ein paläosibirisches Volk. Vor allem auf Sachalin. Sesshafte Jäger, Fischer und Züchter. Klassischer Schamanismus. Ekstase, Trommel, Räuchern. Bärenkult, wie er auch für andere paläosibirische Völker typisch ist (Aleuten, Ainu, Eskimos).
  • Itelmenen: Paläosibirisches Volk auf Kamtschatka. Nomadisch und halbnomadisch. Fischerei und Jagd.
  • Jukagiren: Ein paläosibirisches Volk. Nomadisch und halbnomadisch. Jagd, Rentier- und Hundezucht. Sehr altertümliche Form, denn jeder kann Schamane sein. Es gibt zwei Typen: 1. den Heiler, der das Jagdglück erbittet und Opfer darbringt, 2. der Zitterer (Ekstase). Ein Mensch hat 3 Seelen.
  • Keten: Paläosibirische Sprache, leben am Nordlauf des Jenissej. Sesshaft, Jagd und Fischerei. Erbliches oder göttlich übertragenes Schamanentum. Lange Initiation (21 J.), dann hoher Status (Eisengeweihkrone). Für einfache Dinge wie Heilungen sind niedere Bärenschamanen zuständig. Rentierschamanen halten Kontakt zur oberen Welt. Die Trommel ist wie anderswo ein personifizierter Tierhelfer. Starke Einflüsse des türkisch-mongolischen Schamanismus.
  • Korjaken: Ein paläosibirisches Volk. Rentiernomaden in der Tundra, sesshafte Fischer an der Küste. Familienschamanismus, jeder hat eine Trommel. Weiblicher und männlicher Schamanentransvestitismus. Vor allem Heiler. Schamanen werden für sehr mächtig gehalten. Giftpilze werden verwendet.
  • Tschuktschen: Ein palöäosibirisches Volk. Sesshafte Fischer an der Küste (Ankalynen). Nomadische Rentierzucht in der Tundra (Tschautschus). Familienschamanismus, wobei jedes Familienmitglied trommeln muss, damit die Geister der geschlachteten Tiere reinkarniert werden können. Schamanen können das Geschlecht wechseln. Verschiedene Schamanenarten für Heilung, Prophetie, Bauchreden, Beschwörungen, Wetter. Zentrale Aufgabe war der Schutz vor bösen Geistern. Es gab böse Schamanen. Opferhandlungen und eigentliches Schamanenritual waren getrennt.

Die weiter unten besprochen Ainu und die von Jagd und Fischfang lebenden Aleuten gehören ebenfalls zu den paläoasiatischen (paläosibirischen) Ethnien, desgleichen die in Russland, den USA Kanada und Grönland weit verstreut lebenden, in Russland Yuit genannten Inuit mit ihren eskimo-aleutischen Sprachen. Sie sind sesshafte Jäger und Sammler sowie Fischer.

Die alten Staaten Ostasiens und ihre Randbereiche 

Hier haben sich im Laufe der Geschichte mehr oder weniger systematisierte Religionen ausgebildet, die machtpolitisch relevant waren und bis heute starke schamanische Elemente enthalten. Dies gilt vor allem für den Daoismus und Schintoismus, indes der hier ebenfalls bedeutsame Buddhismus geringere und stärker transformierte Spuren aufweist. Der Konfuzianismus ist hingegen keine Religion, sondern ein philosophisch-moralisches, hierarchisch orientiertes System, das allerdings sekundär religionsähnliche Züge angenommen hat, indem es etwa seine führenden Gestalten vergöttlichte.

Korea 
Hauptartikel: Schamanismus in Korea

Der sibirische Schamanismus beeinflusste die Entstehung der Volksreligion in Korea. Kennzeichnend ist hierfür der Glaube an einen allumfassenden, allgegenwärtigen Geist, mit dem heute noch in Südkorea häufige Schamaninnen (Mudang) als Medium Kontakt aufnehmen können; Männer (Baksoo Mudangs) sind eher selten Schamanen. Koreanische Schamanen werden der Unterklasse zugerechnet und oft bei finanziellen oder Heiratsfragen zugezogen. Das Schamanenamt ist entweder erblich oder wird durch besondere Fähigkeiten erlangt. Im Zentrum des koreanischen Schamanismus steht der kut mit der Schamanenpriesterin, die oft mehrtägige schamanische Zeremonie, die ihre gesellschaftliche Relevanz allerdings weitgehend verloren hat und sich weitgehend auf den familiären Bereich beschränkt. Die Zeremonie ist ekstatisch geprägt. Archäologische Funde aus Königsgräbern deuten darauf hin, dass in vorbuddhistischer Zeit die Herrscher selbst dieses Amt ausübten. Später prägten dann Buddhismus und Konfuzianismus zusammen mit Ekstase, der Zurücksetzung der Frau und kosmische Religiosität in Verbindung mit einem steifen Zeremoniell die koreanische Glaubenswelt.

China und Mandschurei 
Hauptartikel: Chinesischer Volksglaube, Daoismus und Wuismus

In der breiten Bevölkerung vor allem auf dem Lande, wo bis heute der größte Teil der Bevölkerung lebt, glaubt man noch immer, es existiere eine unsichtbare Sphäre der Geister (shen), die verschieden mächtig sind. Die jenseitige Welt ist mit der diesseitigen verwoben und ähnelt ihr stark. Insgesamt gilt, dass im heutigen wie schon im kaiserlichen China Philosophien und Religionen wie Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus je nach Bedarf eingesetzt und auch vermischt wurden, weil „alle drei Bekenntnisse eine einzige Religion seien“. In die von Nützlichkeitserwägungen geprägte Glaubenswelt der Chinesen hat später auch kommunistisches und kapitalistisches Gedankengut Eingang gefunden. Konfuzianismus (und heute Kapitalismus und Kommunismus) dienen für gewöhnlich als Anleitung für das tägliche Leben, Daoismus ist bei Exorzismus und Läuterung sinnvoll, bei Begräbnissen wendet man sich an buddhistische Priester.

  • Der chinesische Schamanismus gilt als der älteste historisch belegte Schamanismus weltweit und ist auch als Wuismus geläufig. Das Wort Wu 巫 „Schamane, Geistmittler, Heiler“ findet sich erstmals auf einem Orakelknochen der späten Shang-Dynastie (ca. 1600–1046 v. Chr.). Aus der Zhou-Dynastie sind einschlägige Berichte über männliche und weibliche Schamanen erhalten. Seit der Einführung des männlich dominierten Konfuzianismus als Staatsreligion unter Kaiser Wu der Han-Dynastie (141–87 v. Chr.) wurde der Schamanismus jedoch an den Rand gedrängt, vor allem, was weibliche Schamanen anging. Dennoch werden schamanische Praktiken bis heute in China ausgeübt. Dazu gehört wie schon im alten China vor allem bei den tunguso-mandschurischen Völkern, etwa den Burjaten, der Schamanenspiegel (toli), der die bösen Geister abhalten soll, als Requisit für Prophezeiungen und dem Schamanen zur Auffindung der Schattenseelen dient. Moderne Überreste des alten chinesischen Schamanismus sind die im Westen oft simplifizierten, teils mantischen Techniken des Qi Gong, Tai Chi, Feng Shui, sowie das Reiki, dessen Ursprung in Tibet liegt und das via Japan in den Westen gelangte. Auch die Philosophie des Qi, das Yin-Yang-Prinzip, die all diesen Techniken zugrunde liegen, sowie das Orakelbuch I Ging gehören in diesen weiteren Zusammenhang, desgleichen die alte chinesische Medizin, die ihre Ursprünge wohl ebenfalls in alten schamanischen Heilpraktiken hat, die ein gestörtes inneres Gleichgewicht wieder herstellen sollen (wobei die im Westen praktizierte Akupunktur auf einem in China eigentlich längst aufgegebenen System beruht, das zudem verfälscht importiert wurde).
  • Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang der Daoismus. Seine schamanischen Elemente mit ihrer immanenten Harmonie und ihrem extremen Naturbezug sind nicht zu übersehen. Vor allem in seiner Frühzeit ging der Daoismus bis in die Zeit der Wahrsager und Schamanen zurück, die imstande waren, mit der geistigen Welt der Götter und Ahnen Verbindung aufzunehmen. Die Volksreligion wurde später von der daoistischen Philosophie überlagert und zurückgedrängt. Der religiöse Dao strebt danach, Erleuchtung zu erlangen und das Dao, eine Art von transzendenter höchster Wirklichkeit und Wahrheit, zu verwirklichen, indem er durch unterschiedliche Methoden wie Meditation (Qigong, Taijiquan), Konzentration, Visualisation, Imagination, Atemtechniken, Alchemie, Ritual und Magie aus Geist und Körper, dem Mikrokosmos, ein Abbild des Makrokosmos erschafft und sich auf diese Weise mit dem Universum und dem ihm immanenten Dao vereinigt. Eine große Anzahl von Göttern und Geistern, ein ausgeprägter Opferkult sowie ein umfänglicher Jenseitsglaube stehen vor dem Hintergrund einer dreigeteilten Welt. Letztes Ziel ist die physische Unsterblichkeit.
  • In den ärmlichen Dörfern der chinesischen Provinz haben vor allem mandschurische Schamanen die Zeit der kommunistischen Herrschaft relativ gut überstanden und üben ihr Amt bis heute aus. Bereits die chinesischen Kaiser der Mandschu-Dynastie hatten die mandschurischen Schamanenrituale kodifiziert. Die Opferrituale zeigen Ähnlichkeiten mit denen der altaischen Turkvölker und der Tungusen. Mandschurische Schamanen befassen sich neben der Heilkunde vor allem mit der Bewahrung des Sippenkults.Wie in fast allen eurasiatischen Schamanenformen gibt es Tieropfer.
    Die wichtigsten dieser chinesisch-mongolischen Minderheitenvölker, die noch schamanische Traditionen leben, sind in der nördlichen tunguso-mandschurischen Gruppe die Ewenen, Ewenken, Kamniganen, Negidalen und Solonen, in der südlichen Gruppe die Mandschuren, Nanaier, Orotschen, Droken, Xibe und Udehe. In der mongolischen Gruppe sind es die Burjaten, Daur, Chalcha und Mongolen. Im Norden am Amur und auf Sachalin findet sich noch das kleine paläosibirische Volk der sesshaften, Jagd und Fischerei treibenden Nivchen mit seinem Bärenkult.
  • Auf den Ryukyu-Inseln (Okinawa) besteht eine Form des Schamanismus, der mit dem Schintoismus in Zusammenhang gebracht wird.
  • Auf Taiwan praktizieren die dort lebenden austronesischen Ureinwohner und Kasachen im Rahmen des Katholizismus eine Art Schamanismus.
Japan 
Bärenopfer der Ainu, japanisches Rollbild (ca. 1870)
  • Ainu: Die Ainu gelten als Urbevölkerung Nordjapans. Sie leben meist auf Hokkaido, einige auf Süd-Sachalin und auf den Kurilen. Verbindungen scheinen zu uralischen Stämmen in Sibirien sowie zur altjapanischen Jomon-Kultur zu bestehen. Ihre Religion ist schamanisch, mit einem Bärenkult ähnlich dem jungpaläolithischen in Europa und der bis heute bei den Eskimos und dem Volk der Aleuten auftretenden Form. Die bis heute dort gefertigten Kleinplastiken ähneln denen der Ainu verblüffend. Die Schamanen heißen tusukur, das Amt wird von Männern und Frauen wahrgenommen. Sie sind Heiler, betreuen die Gemeinschaftsriten wie etwa das zentrale Bärenopfer, möglicherweise Rest alter Vorstellungen vom Herrn der Tiere, dazu bewahren sie das Brauchtum und hier vor allem die Tabuvorschriften. Trance ist üblich etwa bei Heilungen und dem Wahrsagen sowie der Traumdeutung. Im Unterschied zu den sibirischen Schamanen war der Ainu-Schamane aber kein eigentlicher Vermittler zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt, konnte jedoch böse Geister vertreiben und kannte die Geisterwelt. Die Ainu-Schamanen Sachalins besaßen jedoch noch erweitere Fähigkeiten, etwa jagdmagische sowie die Verbindung mit Hilfsgeistern.
  • Shintō: Der japanische Shintō, (oder dt. Schintoismus), man unterscheidet im Allgemeinen zwischen dem Schrein-Shintō, also dem Ort der täglich gelebten Volksreligiosität, dem Staats-Shintō und einem volksnahen, modernen Sekten-Shintō,[487][488] ist eine nur in Japan existente Religion, die Elemente des Animismus und des Schamanismus aufweist. Er steht wahrscheinlich mit der Migration früher Siedler aus Korea in Verbindung, jedoch lässt sich nicht abschließend klären, wo die Wurzeln des Shintō liegen. Shintō heißt „Weg der Kami“, und diese Kami sind Gottheiten, Geistwesen oder Ahnengeister. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges galt der Kaiser Japans, der Tennō selbst als Kami. Vor dem Eindringen des Buddhismus in Japan im 6. Jahrhundert, mit dem der Shintō eine enge Verbindung einging, bestand der Shintō aus zahllosen unzusammenhängenden Lokal- und Ahnenkulten, Verehrung von Naturphänomenen, Fruchtbarkeitsritualen und Fabelwesen. Eliade spricht hier von Hierophanie. Tote Menschen (Ahnen), Gegenstände in der Natur, wie Steine oder Bäume und Naturelemente können Kami sein; die Mythologie erwähnt, es gebe acht Millionen Kami (八百万), was symbolisch eine unendlich große Zahl darstellt.Hoppál schreibt: „Es ist eine historische Tatsache, dass den Schamanenpropheten und Schamaninnen (z. B. Miko und Itako) im Schintoimus, der sich aus der animistischen Urreligion der Japaner entwickelte, eine große Rolle zukam. Die japanische Inselwelt kennt viel derartige lokale Religionsspezialisten, deren Wirken den sibirischen Schamanen entspricht.“ Einige Indizien stützen diesen Befund.Die folgenden Punkte beziehen sich zum Teil auf historische Rituale in Japan, die innerhalb des japanischen Synkretismus existierten:
    • Es gibt zwei Schaman/innen-Typen. 1. Gomiso führen Heilungen und rituelle Läuterungen durch, haben aber keinen Kontakt zu Ahnengeistern. 2. Itako (oder ichiko), eine blind geborene Frau, die allein fähig ist, Wahrsagerituale mit Geisterbeschwörungen durchzuführen.
    • Die Trance spielt dabei eine wichtige Rolle, desgleichen die Ekstase, denn der schintoistische Kult enthält direkte schamanische Elemente, bei denen der Priester (ein erbliches Amt in 8 Stufen) die Gläubigen in Ekstase versetzt, damit sie mit den Göttern verkehren können.
    • Ahnenverehrung: Die Ahnen existieren und leben zusammen mit ihren Nachkommen. Auf Familienaltären werden ihnen Opfer dargebracht. Ihnen wird in Schreinen gehuldigt, die auch Orte bäuerlicher Rituale waren (z. B. Reisanbau), jedoch keine Begräbnisstätten (selbst die Asche der Toten gilt als unrein). Berühmt ist der 1879 eingeweihte Yasukuni-Schrein in Tokio, in dem unter anderem die Seelen der japanischen Soldaten (u. a. auch Kriegsverbrecher) verehrt werden.
    • Die Mythologie spricht von drei Welten mit einem Totenreich (Yomi).
    • Die Torii genannten freistehenden Tore vor allem bei Shintō-Schreinen und an bestimmten, als heilig betrachteten Punkten der Landschaft symbolisieren Verbindungen zwischen der profanen, diesseitigen und der heiligen Welt der Kami und Ahnen.
    • Besondere Verehrung genießen Berge (z. B. der Fudschijama).
    • Heilige Spiegel sind bis heute die heiligsten Devotionalien, die in Schreinen aufbewahrt werden. Nicht einmal die Priester dürfen sie sehen oder berühren, da sie als Körper der Götter gelten.

Daneben deutet die Existenz des Wortes kegare, welches Parallelen zur Wortbedeutung des Begriffes Tabu aufweist,, sowie die japanische Ahnenverehrung auf Einflüsse polynesischer Kultur und Sprache (vgl. japanische Sprache) auf religiöse Vorstellungen in Japan hin. Dies entspricht der internen Unterscheidung zwischen den historischen Begriffen des Animismus oder Mana-Kultes und dem Schamanismus zentralasiatischer Prägung. Einige japanische Wörter wie musuhi, tama oder mono (vgl. Prinzessin Mononoke) können unter Umständen dem Begriff des Mana entsprechen. Diese Annahme ist jedoch umstritten.

Ohne große Umwege hat sich Shintō zu einer polytheistischen Volksreligion entwickelt, die sehr alltagsbezogen und in einem diesseitigen Gewand daherkommt. Die Elemente des Schamanismus sind heute weitgehend zugedeckt, jedoch basiert der Weg der Götter zu vielen Teilen darauf. Am sichtbarsten wird diese Verbindung heute in den Yamabushi, die viel von der alten Religiosität Japans bewahrt haben.

Südasien 

Die hier vorherrschenden Religionen, vor allem der Hinduismus und Buddhismus sowie der weiter unten gesondert besprochene Islam (er ist wie das Christentum importiert worden und spiegelt nicht die autochthone Situation der Völker) sind außerordentlich heterogen, waren machtpolitisch bei weitem nicht so bedeutsam wie die Großreligionen Ostasiens, enthalten aber ebenfalls noch wesentliche schamanische Elemente. Einer älteren Theorie zufolge entstammte der Schamanismus sogar diesem Bereich (vor allem Friedrich Schlegel und Max Müller, siehe unten „Forschungsgeschichte“). Obwohl diese Theorie längst obsolet ist, gibt es tatsächlich erstaunliche Parallelen, wie etwa Eliade an zahlreichen Stellen belegt.

Indien und Hinduismus

Hauptartikel: Hinduismus, Buddhismus und Jainismus

Der indische und hinterindische Subkontinent zeigen sowohl im Querschnitt wie im historischen Längsschnitt etwa in der Kette Vorarische Religion (z. B. der Indus-Kultur) > Veden > Brahmanismus > entwickelter Hinduismus/Buddhismus, eine Vielfalt an Religionen und Mythen mit zahlreichen regionalen Varietäten, die weltweit einzigartig ist und deren Ursprung oft weit in die Vorgeschichte zurück weist (vgl. Dravidische Sprachen) und von dem der Jainismus möglicherweise noch einen Überrest darstellt. Diese Vielfalt entstand auf der Grundlage eines unaufhörlichen kulturellen Austausches zwischen verschiedenen sozialen, ethnischen und religiösen Gemeinschaften.Ab 1500 v. Chr. drangen die indoiranischen Arier mit einer relativ einfachen, polytheistischen, an einem Himmels- und Sonnenkult orientierten Hirtennomadenreligion ein und trafen auf die höher entwickelten, aber weit weniger aggressiven, bereits städtisch (Mohenjo Daro, Harappa) geprägten Induskulturen mit ihrer vermutlich mutterkulturartig geprägten vorvedischen, spätneolithisch bestimmten Religiosität mit der Großen Göttin in ihrem Zentrum (oder vermutlich eher auf die Nachfahren der bereits zerfallenen Indus-Kultur). Dabei kam es zu Assimilationsvorgängen, die ihren Niederschlag in der Rigveda fanden und bei denen sich heute kaum noch sagen lässt, welche Teile die älteren sind Folgende schamanische Elemente lassen sich im Gesamtkomplex des Hinduismus, der sehr heterogen ist und keine einheitliche „Kirche“ bildet, isolieren (zu den kleinen Ethnien vgl. Indien#Religionen und Adivasi):

  • Yoga: Bestimmte Elemente des heutigen Hinduismus haben nach wie vor eindeutige schamanische Hintergründe Hier ist in erster Linie das Yoga zu nennen, dessen Ursprünge vorarisch sind, wie mehr als 4000 Jahre alte Siegel zeigen. Es enthält alle klassischen Elemente, die ein Schamane für seine Ekstase anwendet wie Drogen, Atemübungen, Rhythmen und Tanz. Auch die Vorstellung von bestimmten Tieren als Seelenführern und die Fähigkeit, durch übernatürliche Willenskraft in jenseitige Sphären eindringen zu können, Geister zu beschwören und extreme Hitze oder Kälte ertragen zu können oder Schmerzen sind in Indien bis heute Grundlage des Yoga. Man kann in Ekstase geraten bis hin zu Zuständen der Besessenheit, in deren Hitze (tapas) man die Schlingen der weltlichen Realität verbrennt (also die Symptomatik eines Besessenheitsschamanismus). Auch hier finden sich jedoch religiös-philosophische Paradigmenwechsel, denn während es im Schamanismus darum geht, jenseitige Mächte zur Hilfe im Diesseits zu bewegen (und in der Magie sogar zu zwingen), sollen im Yoga diese Kräfte transzendiert werden, um selbst zu einer eigenen Wirklichkeit jenseits der Götter zu gelangen (Nirwana).
  • Eliade nennt einige weitere:
    • Auffahrtsriten: Dabei spielt der Weltenbaum eine wichtige Rolle, der durch einen Opferpfosten symbolisiert wird.
    • Magischer Flug: Auch ein Vogelsymbolismus existiert, wie etwa beim magischen Flug eines Schamanen. Diese Vorstellung findet sich auch im Buddhismus. Der Zauberer kann danach seinen Körper jederzeit verlassen.
    • Die Zaubertrommel spielt in der indischen Magie wie im Lamaismus und Tantrismus eine wesentliche Rolle, dazu ein sehr archaischer Schädelkult, wie er schon für das Paläolithikum belegt ist.
    • Tapas: siehe oben.
    • Heilungsriten: Sie sind in der Rigveda mit Beschwörungsformeln für die verirrte Seele belegt.
    • Seelenwanderung: Sie ist eine Grundvorstellung des Hinduismus und Buddhismus, allerdings mit ganz unterschiedlichen Konzepten des Karma.
  • Weitere Indizien sind theriokephale und anthropomorphe Dämonen sowie das Konzept der magisch/mystischen Hitze, das auch in zahlreichen anderen Religionen zu finden ist und nur bedingt als schamanisch gewertet werden sollte.

Indien und die Adivasi

Die Adivasi sind die hauptsächlichen Träger der eigentlichen ethnischen Religionen Indiens, die fast durchweg einen animistisch-schamanischen Hintergrund haben. Die Erscheinungsformen richten sich vor allem nach den wirtschaftlichen Grundlagen, je nachdem, ob sie Jäger/Sammler sind, Rodungsfeldbauern oder höhere Bodenbauern. Bei den letzten beiden spielen Fruchtbarkeitsaspekte eine wesentliche Rolle, wie das schon für die neolithischen Bauern typisch war. Das Weltbild bevölkern oft untätige Himmelsgötter, denen allerdings der böse Gegenspieler eines dualistisch-oppositionellen Weltbildes, wie es die Indoarier mitbrachten, fehlt. Schamanen und Priester kennen nur sesshafte Stämme. Bei Wildbeutern kann sich jeder selbst direkt mit Opfern und Gebeten an die höheren Mächte wenden, eine Tatsache, die bei aller Zurückhaltung mit solchen ethnologisch-vorgeschichtlichen Vergleichen in der Religionsgeschichte ein bemerkenswertes Licht auf entsprechende frühe Strukturen des Paläolithikums werfen könnte. Nach dem Tod folgt eine Seelenreise und ein Weiterleben oder eine Reinkarnation in Tiergestalt, ohne dass irdische Verdienste dabei von Bedeutung wären.

  • Die Bhil gehören zu den größten dieser Volksgruppen (West- und Zentralindien, 3,8 Millionen). Sie sind relativ heterogen und sprechen verschiedene indoarische Sprachen. Ihre Nachbarn betrachten sie als dunkelhäutige, wilde Waldmenschen. Im Zentrum ihres religiösen Lebens stehen die barwo, die als Zauberer und Medizinmänner fungieren. Daneben gibt es männliche wie weibliche pando, die von einem Guru in ihr Amt berufen werden. Schutzgeister sind Mittler zwischen Menschen und dem Hochgott Bhagwan. Geister können sich in Tiere verwandeln. Der Barwo ist Heiler und übt heilige Zeremonien aus, wozu Opfer im Rahmen von Lebenszyklen und Ahnenverehrung gehören.
  • Vergleichbare, wenn auch in den Einzelheiten oft recht unterschiedliche animistisch-schamanische Vorstellungen bestehen auch bei anderen Adivasi-Völkern, etwa den Chenchu in Andhra Pradesh oder Aranadan in Kerala, ebenso bei den Birhor, obwohl diese der austroasiatischen Sprachfamilie angehören, aber eine ähnliche Lebensweise mit gleichen ökonomischen Grundlagen haben und außerdem eher Christen sind. Auch der Shaktismus enthält noch Elemente des Besessenheitsschamanismus.

Hinterindien und Malaiische Halbinsel

Skulptur eines Wächtergeistes auf einem Jarai-Grab bei Kon Tum (zentralvietnamesisches Hochland); die Jarai sind eine dort lebende Minderheit

Für Hinterindien gilt im Prinzip dasselbe wie für Indien. Beherrschende Religionen sind auch hier der Hinduismus und Buddhismus (am berühmtesten sind hier die hinduistischen Khmer-Tempelanlagen von Angkor Wat und die buddhistischen von Angkor Thom), dazu gibt es einige kleinere Ethnien mit schamanisch orientierten Religionen.

  • Kambodscha und Khmer: Neben dem klassischen Hinduglauben der Oberschicht herrscht bis heute im Volk eine einfachere Religiosität: Berge, Hügel, Quellen, Bäume und Felder sind von Geistern bevölkert, die die Geschicke der Erde lenken und im modernen Kambodscha Neak-Ta heißen. Wischnu selbst war hier der „große Geistkönig“ Neak-Ta-Moha-Reach. Diese Geister müssen ständig gnädig gestimmt werden. Gefährlich sind die Arak, Krankheitsgeister, und die Geister der unzeitig Verstorbenen, die Khomorchhav. Dämonenglaube ist verbreitet.
  • Im vor allem buddhistisch und katholisch geprägten Vietnam gibt es Schamanen, die vielfältige Rituale zur Seelenreise innerhalb mehrere religiöser Traditionen ausführen. Geisterglaube ist verbreitet.
  • Malaysia: Wie in den anderen staatlichen Bereichen Hinterindiens befolgen auch hier zahlreiche kleinere Ethnien noch stark animistisch geprägte Religionsrichtungen. Auch hier spielen Geisterglaube und Ahnenverehrung neben dem Buddhismus eine zentrale Rolle. Auf der auch vom Islam geprägten Malaiischen Halbinsel existieren kleinere Ethnien, die als Orang Asli bezeichnet werden und zur großen Zahl von ethnischen Gruppen gehören, die bis ins 20. Jahrhundert Anhänger von animistischen Naturreligionen waren.
  • Thailand: Besonders in Thailand signifikant sind die San Phra Phum genannten Geisterhäuschen, Schreine der Phum-Geister, meist kleine, im Einzelfall jedoch bis zur Größe eines Einfamilienhauses reichende Häuschen oder Geisterhäuser. Es handelt sich hierbei um Schreine für Naturgeister, Reste des alten animistischen Glaubens, der heute vom Buddhismus geduldet wird.
  • Burma (Myanmar): Verbreitet ist hier die Verehrung der Nats im Zusammenhang mit dem Buddhismus, eine sehr alte vorbuddhistische Geisterverehrung. Nats haben menschliche Züge, Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse, sind gut, hilfreich oder böse und gehässig, vor allem aber mächtig. Sie können, wenn erzürnt, großes Unheil bringen. Während der ihnen gewidmeten Feste werden sie durch Nat-Gadaw, weibliche Medien (häufig auch Transvestiten) in Trance und Tanz verkörpert. Bei den niederen Nats ist der Bezug zum Animismus deutlich, denn sie leben häufig in oder bei alten Bäumen oder Steinen, auf Bergen oder an Flüssen. Häufig haben sie nichtmenschliche Gestalt. Die an Bäumen, Feldern, Gewässern oder Dörfern errichteten Nat-Schreine gleichen den Geisterhäusern in Thailand.

Insulinde – Indonesien, Philippinen

Siberoet-Schamane von den indonesischen Mentawai-Inseln

Hier findet sich eine großes und vielfältiges Gemisch von Ethnien wie die Igorot und Negritos, die teilweise in sehr einfachen, archaischen Gesellschaften leben und sich aus dem Regenwald ernähren.

  • Negritos: Sie gelten als Urbevölkerung der südostasiatischen Inselwelt, werden teilweise auch als Orang Asli bezeichnet und leben vor allem auf den Andamanen, dazu auf den Philippinen, der malaiischen Halbinsel, in Vietnam und auf Papua-Neuguinea. Sie betreiben weitgehend halbnomadische Sammelwirtschaft, und ihre religiösen Vorstellungen sind entsprechend animistisch-schamanisch strukturiert. Es gibt Medizinmänner, die Geister zu Hilfe rufen und dabei ekstatische Zeremonien vollführen (balian), die Vorstellung von einem Himmelsgott, schamanische Initiationsriten. Besonders bei den Sakai und Jakun ist der Schamanismus stark ausgeprägt, etwas geringer bei den Semang. Die Riten unterscheiden sich in den Einzelheiten zwar erheblich, folgen aber einem gemeinsamen Grundmuster. Räucherung, Tanz, Musik und Trommeln sind Standardrituale. Beschwörung von Hilfsgeistern und Seelenreise sind allgemein üblich, ebenso Traumdeutung. Schamanen haben einen hohen Status, selbst im Tod. Die Schamanenwerdung ist mitunter ebenso heikel wie in Sibirien, und wer sich weigert, wird sterben. Zentral ist die Beschwörung des Tigergeistes, der den Schamanen besessen macht (lupa). Bei diesem Fall von Besessenheitsschamanismus sieht Eliade eine Trennung zwischen Schamanismus und Besessenheit, da der Lupa-Zustand nicht nur vom Schamanen erreichbar ist, sondern von jedem, der sich darum bemüht.
  • Bali: Auf Bali, der „Insel der Götter und Dämonen“, sind neben dem vorherrschenden Hinduismus und Buddhismus animistisch-schamanische Traditionen der Ureinwohner für das gesamte religiöse Leben der Insel bestimmend. Danach sind Götter in allen Dingen gegenwärtig. Alles in der Natur hat eine eigene Macht, die die Macht der Götter widerspiegelt. Felsen, Bäume, ein Dolch, sogar Kleidung können von Geistern bewohnt sein, deren Macht man zum Guten oder Bösen benutzen kann. Rituale spielen eine große Rolle und sind weit weniger von heiligen Schriften bestimmt als etwa der indonesische Islam. Diese Ritualisierung des Lebens und die damit einhergehende Selbstkontrolle ist ein wesentlicher Teil des religiösen Brauchtums im Volk.Im Meer befindet sich die Unterwelt, auf den Vulkanen leben die Götter. Ahnenkult ist ausgeprägt, es gibt Tausende von Heilern und Schamanenpriester, die dem Besessenheitsschamanismus zuzurechnen sind, dessen Dimensionen hier die des klassischen Schamanismus weit übersteigen und sämtliche Dienstleistungen von der Heilung über das Wahrsagen bis zum Liebeszauber umfassen. Es gibt überdies einen „weißen und schwarzen Schamanismus“. Grundgedanke ist stets die Wiederherstellung der gestörten Harmonie innerhalb der universalen Polarität, die hier wie in den anderen ostasiatischen Religionen aber nicht oppositionell, sondern als sich ergänzend aufgefasst wird. Häusliche Opfer sind verbreitet.
  • Igorot: Dies sind verschiedene Bergvölker im Zentralmassiv der nordphilippinischen Kordilleren, die mit dieser Sammelbezeichnung zusammengefasst werden und vom Rodungsfeldbau leben. Sie sind weitgehend Christen, praktizieren aber noch ihre alten Bräuche und haben wirtschaftliche und religiöse Gemeinsamkeiten. Bis ins 20. Jahrhundert war Kopfjagd üblich. Als Ahnen verehren sie Tote mit hohem Status, Naturgeister und Götter, darunter ein höchstes Wesen kabanian. Zahlreiche, von Volk zu Volk verschieden Riten beziehen sich vor allem auf die Fruchtbarkeit und die natürlichen Abläufe, und sollen die Harmonie der Welt bewahren. Solche Riten sind familiäre oder Gemeinschaftsereignisse. Tieropfer werden praktiziert. Heiler, Wahrsager und Priester tragen schamanische Züge, ihre Fähigkeit ist ererbt. Häufig sind es Frauen. Krankheiten gelten als von Geistern verursacht, und Geister wohnen überall in der Natur, abseits der menschlichen Wohnungen. Die Seele wandert nach dem Tod und den ausgedehnten Bestattungszeremonien ins Totenreich zu den Ahnen und lebt dort ähnlich wie im Diesseits.
Tanzende Sibaso-Schamanin in Trance bei einer Perumah-bégu-Zeremonie, Karo-Batak-Region, Sumatra (1914/1919)
  • Andere indigene Altvölker:
    • Zentral ist die Beschwörung des „Großen Schamanen“ in Gestalt des Tigergeistes, die Inkarnation der mythischen Ahnen und damit des eigenen Ursprungs. In einigen Fällen wie bei den Batak auf Sumatra macht sich vor allem beim Begriff der Seele starker indischer Einfluss bemerkbar, doch folgt der Schamanismus auch hier den regional üblichen Mustern. Der Batak-Priester datu nimmt ebenfalls eine hohe soziale Stellung ein und fällt im Gegensatz zum sibaso genannten eigentlichen Schamanen nicht in Trance. Wie in anderen Ethnien findet sich hier also eine personelle Spaltung der Funktionen.
    • Bei den Dusun, einer Dajak-Gruppe auf Borneo, spielen Priesterinnen die Hauptrolle. Die Dajak, eine der größten indigenen Gruppen auf Borneo, kennen ebenfalls zwei Arten von Zauberern, die aber beide Ekstaseriten vollführen. Doch sind hier die Unterschiede zwischen den einzelnen Untergruppen teils erheblich und reichen bis zu geschlechtslosen Schamanenpriestern bei den Ngadju-Dajak. Eine besonders wichtige Rolle spielt im malaiischen Archipel das Schamanenboot, eine Vorstellung, die sich so ähnlich auch bei Nordgermanen (belegt durch skandinavische Felsbilder), Inselkelten und Japanern, aber auch in Melanesien findet.

Australien und Aborigines 

Hauptartikel: Aborigines und Traumzeit

Man schätzt, dass es zum Zeitpunkt der Landung von Captain James Cook 1770, mit der die europäische Besiedelung begann, in Australien etwa 300.000 Aborigines in 300–500 Stämmen mit teils ganz unterschiedlichen Sprachen und Dialekten gab.

Problematik

Aufgrund der besonderen Bedeutung der bis heute beobachtbaren Aborigineskultur für das Wesen von Schamanismus und Totemismus als potentiell frühesten religiösen Formen der Menschheitsgeschichte, die einigermaßen zweifelsfrei nachweisbar ist, sollen sie und ihre religiöse Kultur anschließend etwas ausführlicher dargestellt werden, da hier die Definition von Schamanismus/Totemismus und deren kulturhistorische Einordnung direkt betroffen sind. Mit ihrer paläolithischen Kulturstufe und Wirtschaftsform hat die religiös-philosophische Entwicklung der Aborigines mit dem Traumzeitkonzept allerdings eine so hoch abstrakte Ebene erreicht, dass sich unmittelbar die Frage stellt, ob hier überhaupt noch Schamanismus/Totemismus vorliegt. Bei einer erweiterten Definition müsste man sich wiederum fragen, ob es bereits im Jungpaläolithikum solch komplexe metaphysische Konzepte gegeben haben könnte. Müller, der ansonsten das weltweite Auftreten des Schamanismus eher konservativ beurteilt (vgl. oben: „Abgrenzung des Schamanismus und religionsgeschichtliche Aspekte“), hält ihn in Australien für möglich: „Bei den Aborigines Australiens war er nicht allen, aber doch einigen Gruppen, allerdings nicht in der sonst üblichen institutionalisierten Form, bekannt. Immerhin besaß er auch hier, und namentlich im zentralen Bereich der Berufung und Initiation zum Schamanen, eine Reihe so typischer Züge, dass ein Zusammenhang unabweisbar erscheint.“ Eliade berichtet über die Initiationen australischer Schamanen mit rituellem Tod und ihren Aufstieg zum höchsten Wesen und Abstieg in die Unterwelt.Dabei stellt er zahlreiche Ähnlichkeiten sowohl mit Sibirien wie mit Südamerika fest.

Kulturelle Grundlagen

Die Aborigines waren eine hochritualisierte Gesellschaft mit in Stämmen organisierten Jäger-Sammler-Gruppen, die wiederum verschiedene Sippen, das heißt Totemgruppen umfassten. Ihr System der Landnutzung und Landschaftspflege war hoch entwickelt. Ihr Handelsnetz überspannte den gesamten Kontinent, funktionierte mit reziproken Tauschhandelsmechanismen und wurde auch für den Informations- und Kulturtransfer genutzt. Der Drang, sich auf Kosten anderer auszubreiten, war ihnen fremd, vielmehr beschränkten sich ihre Wanderungen auf strikte Routen innerhalb des eigenen Stammesgebiets, in dessen Grenzen es wiederum eine strenge, spirituell funktionierende Regelung des Eigentumsrechts gab, so wie ihre Beziehung zu einzelnen Orten spiritueller Natur war. Sie hatten zahlreiche, nicht miteinander verwandte Sprachen, ähnlich der Situation im indianischen Nordamerika. Claude Lévi-Strauss, tief beeindruckt von der Komplexität ihrer mythisch-religiösen wie gesellschaftlichen Welt, nannte sie die „Aristokraten des Geistes unter den Jäger-Sammler-Gesellschaften“.

Schamanismus und Totemismus

Folgende zentrale Merkmale lassen sich feststellen:

  • Die religiösen und magischen Vorstellungen der Aborigines waren in fast allen Landesteilen sehr ähnlich und werden allgemein als Form des Totemismus bezeichnet, und zwar in seiner ursprünglichsten, anderswo nicht mehr beobachtbaren Gestalt. Am ausgeprägtesten ist er im zentralen und nördlichen Australien, während sich bei den südlicheren und östlichen Stämmen oft eine Mythologisierung innerhalb der Sippengemeinschaften findet, die in Vorstellungen von Kulturheroen und Demiurgen münden und bereits eine Entwicklung hin zu einfachen Stammesgöttern signalisieren, welche es so bei den nördlichen und zentralen Stämmen nicht gibt. Innerhalb einer Totemgruppe gelten strenge Regeln, etwa Exogamie. Im Südosten Australiens gab es einen geschlechtsgebundenen Totemismus. Den ererbten Individualtotemismus als Spätform gab es nur für Schamanen, Medizinmänner oder Häuptlinge. Totems schaffen im Rahmen der Traumzeit eine Kontinuität zwischen der Vergangenheit der Ahnen und der spirituellen Gegenwart und bilden das Fundament aller Stammesgesetze.
  • Der Ahnenkult findet im Rahmen des Totemismus statt und ist nur in diesem mythischen Zusammenhang präsent. Die Welt des Übernatürlichen wird jedoch nicht als abgetrennt von der irdischen Welt verstanden, sondern als mythisches Kontinuum, das zurückreicht bis zu den Uranfängen (s. u. Traumzeit). Die Toten sind überall gegenwärtig und im Grunde von den Lebenden nicht zu trennen. Die Ahnen haben ihren Sitz in den Naturerscheinungen, und die Totems sind sichtbare Zeichen der Schöpfung.
  • Geister und Gesetz bilden eine rituelle Einheit, und die Geister existieren in der Gegenwart. Jedes Stammesmitglied ist mit ihnen verbunden. Zu diesem Gesetz gehörten auch die Initiationen der Jugendlichen, die für jedes Gebiet spezifisch waren. Sie wurden in Zeremonien wie dem Corroboree in Szene gesetzt, die nicht sakraler Natur waren, etwa mit Stammestänzen, denen in europäischer Interpretation nur Unterhaltungswert beigemessen wird (alles hat bei den Aborigines metaphysische Bezüge). Andere Zeremonien waren geheim.
  • Kosmogonische Mythen gibt es nur im Zusammenhang mit der Traumzeit. Sie beziehen sich meist auf Kulturheroen und die Entstehung von Totemgruppen, auf Tiere oder die Wanderung der Totemahnen. Die Aborigines glauben aber im Unterschied zu vielen anderen Religionen nicht an eine physische Leere vor der Schöpfung: die Welt existierte bereits, doch ohne sichtbare Eigenschaft oder spirituelle Bedeutung. Erst die Aktivität der Ahnengeister füllte sie damit.
  • Gebete, Opfer oder feste Heiligtümer, die nicht wie der kolossale rote Felsen Uluru Naturmerkmale sind, fehlen, desgleichen eine Vergöttlichung des Himmels und seiner Phänomene, die allerdings personifiziert werden. Der Naturkult ist totemistisch.
  • Viele Stämme fertigten kunstvolle heilige Ritualgegenstände. Die auch als Musikinstrumente bekannten Tschuringas (Schwirrhölzer), Waningas oder Nurtundshas mancher Stämme, dazu einfache totemistische Objekte, die geheimgehalten werden, gehören etwa in diesen Zusammenhang. Auch Werkzeuge wie der Bumerang hatten, ähnlich wie vermutlich der Faustkeil in Eurasien westlich der Movius-Linie und in Afrika, wohl rein rituelle Bedeutung. Die häufigste derartige Kunstform waren jedoch Felsbilder (s. u.). Diese Kunstformen, zu denen auch die Körperbemalung zählt (ähnlich den Tätowierungen in Ozeanien), konnten im Rahmen ihrer totemistisch-mythischen Bedeutung „gelesen“ werden und enthielten wie bestimmte Markierungen in der Natur Informationen über die Beziehung des Stammes zur Traumzeit, also eine Art Stammesgeschichte, durch die Totem-Wissen und Geschichte über die Ahnen überliefert wurden. Auch Musik und Tanz wurden eingesetzt, um die Totemidentität des Stammes zu vergegenwärtigen.
  • Fruchtbarkeitsriten sind als Vermehrungszeremonie geläufig, in deren Verlauf die Mitglieder einer Totemgruppe an bestimmten heiligen Orten ihr Blut auf die Erde träufeln lassen, um so eine magische Macht auf die Naturkräfte auszuüben und das Totem zur Vermehrung anzuregen.
  • In Australien haben verschiedene ethnische Untergruppen der Aborigines Schamanen, die als „weise Männer“ bzw. „weise Frauen“ bezeichnet werden und als kadji. Sie erleben eine Art Initiation und arbeiten nicht mit magischen Mitteln, sondern mit Geistern. S.A. Tokarew bezeichnet sie im Rahmen seiner eigenen marxistischen Gesellschaftstheorie allerdings nur als Vorformen. Diese Aborigines-Schamanen verwenden maban oder mabain, meist Quarz und andere Materialien, Federn, Blut usw. zur Übertragung magischer Kräfte. Neben Krankenheilung, Kontakt mit Geistern, Wettermagie, Initiationen und anderen Zeremonien sind diese Schamanen auch für die Bewahrung und Einhaltung der Stammesgesetze und das überlieferte Wissen verantwortlich. Die verschiedenen Funktionen sind oft personalisiert, etwa Heiler und Magier, darunter die bekanntesten, die kurdaichta, die geisterhafte Fähigkeiten besaßen und die Gestalt ändern konnten. Sie können soziale Tabubrecher zu Tode hexen, indem sie einen geheimen Gesang gegen sie anstimmen.
  • Trance und Meditation, teilweise wohl auch durch Pflanzen, Tänze und Musik initiiert, werden bei den Medizinmännern der Aborigines in einigen Stämmen eingesetzt, um bestimmte ekstatische Zustände zu erreichen.Bei Initiationsvorgängen von Schamanen sind sie üblich, und ihre Traumbilder ähneln, wie Eliade feststellte, verblüffend denen etwa der Schamanen Sibiriens oder Südamerikas.

Traumzeit

Felskunst der Aborigines; mythisches Wesen aus der Traumzeit und der verwandten Sippen (Röntgenstil), Anbangbang, Australien

Alle Aboriginesgruppen teilen den Glauben an die Traumzeit. Sie ist die alles umfassende Grundlage von Gesellschaft und Kultur der Aborigines. Als Kosmogonie verweist sie auf den Ursprung der Aborigines-Völker, als die Ahnengeister wie der Byamee, die Regenbogenschlange oder das Große Känguru beschlossen, das Land, die Pflanzen und Lebewesen zu formen und dem Universum so Ordnung und Form zu geben. Dabei wurden auch die Stammesgesetze festgelegt. Alle moralischen Regeln leiten sich von ihr ab, denn sie ist stets und in allem präsent. Sie ist somit auch Sittengesetz. Bei der rituellen Darstellung der Traumzeit (deren Konzept von S.A. Tokarew innerhalb seines marxistischen Geschichtsbildes nur am Rande erwähnt und fehlinterpretiert wurde, zumal er den Schamanismus als Spätentwicklung der Gentilgesellschaft einstuft) treten die Teilnehmer in den „Geist der Traumzeit“ ein und werden eins mit den Geistwesen der Schöpfung und zu ihrer aktuellen Verkörperung.

Traumzeit hat mit Träumen nach unseren Vorstellungen nichts zu tun (englisch „dreaming“ ist bereits eine simplifizierende Übersetzung eines hochkomplexen metaphysischen Konzeptes), ist also kein Zustand der Phantasie oder Sinnestäuschung, sondern ein erweiterter geistiger Zustand, der den spirituellen wie physischen Ursprung des Universums sichtbar macht. Entsprechend erkennen die Aborigines jede Landschaft auch als Folge von Zeichensystemen, die sie auf diesen Ursprung und auf seine Bedeutung für die Gegenwart zurückführen. Spiritualität ist in jedem Teil der Natur, und entsprechend konstruieren sie komplexe Stammesgeschichten und Traditionen aus ihrer unmittelbaren Umgebung heraus, indem sie diese Zeichen lesen. Traumzeit bedeutet also die Fähigkeit, dieses Ineinanderfließen von transzendenten mythischen Ur-Mustern und physischer Realität auf einer höheren Bewusstseinsebene wahrnehmen und ihre Muster entschlüsseln zu können, sich sogar bewusst in diese Muster zu integrieren und die Realität durch deren Umsetzung in menschliche Rituale und Aktionen wiederum zu beeinflussen.

Felsbildkunst

Die ältesten australischen Felsbilder, teils Malereien, teils Gravuren, sind meist zwischen 12.000 und 13.000 Jahre alt. In Koonalda, Südaustralien wurde jedoch mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung bei assoziierten Holzkohlen ein Alter von bis zu 23.000 Jahren BP nachgewiesen. Einige Ritzbilder bei Karolta in Südaustralien sollen bis zu 31.000 Jahre alt sein. Die ersten figurativen Darstellungen sind etwa 10.000 Jahre alt und wie die gesamte Kunst der Aborigines nur vor dem Hintergrund der Traumzeit verständlich. Es gibt abstrakte Punktzeichnungen mit Informationen über einen Stamm, seine Geschichte, seine Ahnen und sein Totem sowie seine Beziehungen zur Traumzeit, Zeichnungen von Menschen und Tieren, darunter solche im Röntgenstil, in dem innere Teile, vor allem das Knochengerüst, dargestellt sind und der in Felsbildern weltweit vorkommt. Diese Zeichnungen wurden von Zeit zu Zeit erneuert und ergänzt, um so die Identität des Stammes in der Traumzeitdimension zu bewahren. Da dieses heute nicht mehr der Fall ist, verschwinden diese Zeugnisse nach und nach.

Menschendarstellungen, teils sehr groß (in Kimberley die Ahnengeister oder Wondjinas), teils als groteske böse Geister, sogenannte Quinkas, sind relativ häufig (bis zu 90 % in manchen Gebieten, etwa im Grampion-Gebirge, wo sie allerdings meist kleinformatig sind). Manche dieser Gestalten, etwa die Wondjinas von Kimberley, werden als Geister und mythische Ahnen interpretiert. Mitunter erhalten Pflanzen Menschengestalt (z. B. Arnhem-Land, das über eine besonders reiche Felsbildkunst verfügt). Es finden sich zudem auch hier wie weltweit Handumrisse.

Belege:

  • Mythische Ahnen: Meist sehr große, mitunter groteske Gestalten, manche nur als Linien ausgeführt, andere mit Tätowierungen, wie sie die Aborigines an sich bis heute bei den Ahnenzeremonien auftragen. Sie werden als Ahnengeister und mythische Jäger interpretiert und sind weiblich wie männlich: Ubir, Anbangbang und Canon Hill,Nourlandjie, die mythische alte Frau von Canon Hill Boar Ramp, Malnagunnger, Nangaloar, Nourlandje, Catherine Gorge.
  • Handabdrücke.

Ob diese Felsbilder einen ausdrücklich schamanischen Hintergrund haben, ist offen. Da in der Traumzeit der Mensch, der dorthin gelangt, jedoch mit diesen mythischen Ahnen und ihrem Wissen verschmilzt, ist die Frage im Grunde irrelevant, zumal diese Felsbilder Zeichen des Traumzeitkontinuums sind. Die australischen Felsbilder haben jedoch gegenüber den steinzeitlichen etwa in Europa den großen Vorteil, dass zwar nicht ihre Urheber, jedoch die heute lebenden Aborigines und ihre Schamanen nach deren Bedeutung gefragt werden können. Zur Bedeutung der Handabdrücke siehe oben unter „Paläolithischer Schamanimus“.

Tasmanien

Über Tasmanier, deren Entwicklung isoliert vom Festland stattgefunden hat, wissen wir so gut wie nichts, da sie von den Kolonisatoren noch vor Beginn der Erforschung ihrer Kultur ausgerottet wurden und nur vage Berichte über sie vorliegen, die die Existenz eines Totemismus bei ihnen vermuten lassen, dazu Geisterglaube, aber im Unterschied zu den Aborigines komplexe Bestattungsriten. Schamanismus dürfte wahrscheinlich gewesen sein, da er oft auch im Zusammenhang mit Totemismus auftritt. Felsbilder wurden in Tasmanien keine gefunden.

Ozeanien

Die kulturgeographische Einteilung Ozeaniens in Melanesien, Polynesien und Mikronesien wird nicht zuletzt durch die Andesitlinie bestimmt.

Von einem Schamanismus im eigentlichen Sinne kann man in Ozeanien nicht wirklich sprechen, allenfalls im weiteren Sinne in Polynesien, wo man einem verbreiteten Besessenheitsschamanismus ähnlich dem malaiischen Schamanismus etwa Indonesiens findet, der zu einer starken Ausbreitung der „Heiler“ geführt hat. Priester, Medizinmänner, Magier oder ganz einfach nur entsprechend „inspirierte“ Menschen können allesamt magische Behandlungen durchführen. Es ist dabei nicht auszuschließen, dass vor allem eingedenk der komplexen, bis heute nicht eindeutig geklärten Besiedelungsgeschichte der Region früher hier einmal wie in den anderen archaischen Kulturen ein Schamanismus bestanden hat, er aber später verdrängt oder ausgelöscht worden ist, wobei einzelne Bestandteile erhalten blieben, aber neue Bedeutungen erhielten, ein Mechanismus, der in antiken und modernen Großreligionen ebenfalls zu beobachten ist. Welche Rolle die von Jensen so genannten „Altpflanzerkulturen“ Melanesiens und Neuguineas, die den Beginn des neolithischen Wirtschaftens mit ihrer Knollenfruchtwirtschaft kennzeichnen sollen, bei dieser Verdrängung spielen, ist unklar. Eliade allerdings spricht durchaus von einem Schamanismus in Melanesien und Polynesien, stellt aber ebenfalls für Melanesien zwar das Vorkommen altertümlicher Heilpraktiken fest, aber auch das Fehlen eigentlicher schamanischer Traditionen und Initiationen, eventuell unter dem Einfluss der dort verbreiteten Geheimgesellschaften. Schamanische Vorstellungen leben danach vor allen in den Totenmythen weiter und gelten ihm ansonsten als oberflächlich und eher phänomenologisch bedeutsam. Insgesamt gilt für Ozeanien, dass die verschiedenen Großregionen oft dieselben mythischen Themen teilen, weil die Einheimischen den Pazifik nach und nach von Insel zu Insel springend besiedelten. Die sprachlichen Ähnlichkeiten der Götter, Kulturheroen und anderer mythischer Gestalten beweist dies ebenso wie die Inhalte der grundlegenden Mythen

Melanesien mit Neuguinea 
Spezieller Initiationsort für Männer in einem Zeremonienhaus, Apangai, Papua Neuguinea (1984); vorne der mythische Clangründer Tappoka, dahinter weibliche Dschungelgeister, Clanahnen und mythische Ahnen wie der, der den Menschen die Yamsknolle brachte

Melanesien

Dazu gehören neben Neuguinea, die Solomonen, Vanuatu, die Fidschi-Inseln und die Inseln der Torres-Straße sowie Neu-Kaledonien. Auch hier findet sich nur eine eingeschränkte schamanische Symptomatik, jedoch kein Schamanismus im engeren Sinne. Jensen hat für dieses Gebiet wenn auch auf relativ kleiner Forschungsgrundlage nur weniger Stämme das Konzept der Dema-Gottheit vor dem Hintergrund von Mana und Tabu entworfen,, betont allerdings, dass die Hintergründe der schamanischen Zeremonien sich von denen anderer Völker hier ganz wesentlich unterscheiden, und auch S.A. Tokarew sieht vor allem einen animistischen Hintergrund, der hier nur eine relative hohe Entwicklungsstufe erreicht habe, deren Hauptgrundlage eine Zweiteilung der Geisterwelt in Natur- und Ahnengeister sowie die Entwicklung eines Häuptlingskultes gewesen sei sowie die Entwicklung von Geheimbünden. Den dualistischen Hintergrund einer Aufteilung der Welt in sinnlich erfahrbare und davon getrennte, aber parallel verlaufende geistige Vorgänge stellt auch Jensen fest.
Wie in fast allen traditionellen ozeanischen Religionen spielt der Ahnenkult eine zentrale Rolle. Die Ahnen leben mit den Göttern in derselben Welt, und die Übergänge zu Mythen sind daher fließend (ähnlich der Traumzeit der Aborigines). Zentrale ökosoziale Elemente sind hier der Cargo-Kult und das rituelle Kula-Tauschnetz. Es gibt zahlreiche Kulturheroen und gute oder böse Geister. Im Zentrum steht jedoch die Einhaltung religiöser Vorschriften und sozialer Normen, nicht eine irgend geartete Ethik. Tabus und Opfer sind wichtig, die Vorstellung des Mana ist ein grundlegendes Konzept. Kultanlagen werden nur bei Bedarf errichtet. Organisiertes Priestertum ist unüblich, vielmehr kann jeder Einzelne bei genug Mana solche Funktionen wahrnehmen. Die sich um Kulturheroen rankende Mythologie ist relativ einfach. Totemismus ist verbreitet.

Neuguinea und Papua

Auf Papua-Neuguinea, das seit den 80er Jahren des vorletzten Jahrhunderts stark unter christlichem Einfluss steht, sind die traditionellen Stammes- und Dorfreligionen nach wie vor noch sehr lebendig und bilden ein soziales Bindemittel. Die dortigen Eingeborenen glauben, dass Krankheiten und Unglück auf dem Wirken von masalai beruhen: dunkle Geister, die sich an einen Menschen heften und ihn vergiften. Die Initiationen der Jugendlichen sind als religiöse Stadien der Welterkenntnis konzipiert, die zur Transformation der Persönlichkeit innerhalb der als diskontinuierlich erfahrenen Welt führen sollen, wobei das Verhältnis zu der Welt der Geister mit Kenntnis und Gebrauch von Magie und von besonderer Bedeutung ist, die als Schadzauber, Heil- und Wirtschaftsmagie auftritt. Mit der Persönlichkeitserweiterung steigt auch der Status der betreffenden Person, denn sie teilt nun das Wissen der Geister und ist mit ihnen vertraut. Das ist vor allem für die Identifikation des Clans und dessen Landrechte wichtig, die nicht zuletzt von den Ahnen gewährleistet werden. Stark ist der Glaube an die Feldbaumagie mit ihren Fruchtbarkeitsriten, wie sie Jensen am Beispiel der Kiwai beschreibt. Der Ahnenkult geht oft mit einem Schädelkult einher, etwa im nordöstlichen Neuguinea, wo hölzerne Ahnenfiguren namens kowar mit Menschenschädeln versehen werden.

Polynesien und Mikronesien 

Polynesien mit seinen weit über 1000 Inseln und Inselgruppen erstreckt sich von den Hawaii-Inseln (USA) im Norden nach Neuseeland im Südwesten und der Osterinsel (Chile) im Südosten. Für Polynesien ist generell der Besessenheitsschamanismus typisch. Im Vergleich zu Mikronesien zeigt es eine stärkere Geschlossenheit des Kulturbildes. Doch finden sich innerhalb Polynesiens selbst auf einzelnen Inseln unterschiedliche Varianten von Mythen, deren Hauptakteure aber wiederum oft Gemeingut sind.

Mikronesien ist ein Sammelbegriff für das „Inselmeer“ von über 2000 tropischen Inseln und Atollen, die auf über sieben Millionen km² des westlichen Pazifischen Ozeans verstreut sind. Geographisch liegen fast alle Inseln nördlich des Äquators. In Polynesien ist heute das Christentum vorherrschend.
Zur kulturgeographisch wichtigen Andesitlinie und zur Lapita-Kultur siehe dort.

Neuseeland und Maori

Der zentrale Begriff der Maori-Religion sind Mana und Tapu. Alles in der Welt hat auch eine spirituelle Dimension. Von großer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die Welt der Ahnen, von denen der Maori nicht nur Mana erbt, sondern die durch Zeichen oder Träume unmittelbaren 'Einfluss auf das Leben des Einzelnen nehmen und zugleich das Stammland verkörpern, das die Lebenden mit den Toten verbindet, zugleich als Teil der Erde auch Spenderin des Lebens ist. Die Maori-Priester, oft Häuptlinge (ariki), von denen es zwei Arten, Propheten (tula oder taura) und Priester (tohunga) gibt, nehmen magische Heilungen vor, indem sie die Krankheitsursache meist einer Besessenheit durch einen bösen Geist oder Gott zuschreiben, wobei Propheten, also Wahrsager, als freiwillig von einem Gott inspiriert gelten. Vor allem sie sind denn auch vor allem als die Erben der alten Schamanen anzusehen, zumal sie eine Art Prüfung ihrer Fähigkeiten ablegen müssen. Auch Hilfsgeister sind üblich, die vor allem den Zauberern (tahu) dienen, die im Unterschied zum Propheten nicht von Göttern oder Geistern besessen sind, sondern sich ihrer bedienen. Die Maoris haben eine hochentwickelte Kosmogonie, die bis an die Grenzen eines Monotheismus reicht. Die Bedeutung der Zauberflüche lässt sich daraus ersehen, dass schon der geringste Rezitierfehler zum Tode des Zauberers führen kann. In der Kunst der Maori fallen die Manaia-Wesen auf, anthropozoomorphe Figuren mit Vogel- und Reptilköpfen. Ähnliche Figuren finden sich auch auf den Osterinseln, wo die Verehrung der Vogelmenschen zentraler Bestandteil eines Kultes ist.

Übriges Polynesien

Kennzeichnend für Gesamtpolynesien ist die starke, bis ins Jenseits reichende soziale Differenzierung (am stärksten auf Tonga, Tahiti und Hawaii) mit der teilweise sakralisierten Häuptlingsmacht im Zentrum. Die Vorstellung von Mana und Tapu ist überall vorhanden. Die Personifizierung der übernatürlichen Kräfte ist weit ausgeprägter als in Melanesien. Es gibt ein vielfältiges, von Insel zu Insel variierendes, meist anthropomorphes Göttersystem mit festen Kultstätten. Kulturheroen, insbesondere Maui, der sich ähnlich Prometheus als Feuerdieb betätigt, und Tiki, spielen eine große Rolle. Insgesamt findet man hier, wenn auch lokal in unterschiedlichem Ausmaß, vier Typen religiöser Ämter und Berufungen

  1. Ritualpriester. Sie standen den Häuptlinge nahe und nahmen rituelle Handlungen wie Opfer vor.
  2. Inspirierte Priester
  3. Von Geistern Besessene
  4. Zauberer.

Die letzten drei Gruppen haben mit dem offiziellen Kult nichts zu tun und sind Teil der Volksreligion. Manche schamanische Kräfte werden vererbt, etwa die Fähigkeit des Feuergehens auf den Fidschi-Inseln, die es so ähnlich aber auch in anderen Kulturen gibt. Auf Tonga wiederum verfallen die offiziellen Priester in Ekstase und erinnern so stark an Schamanen.Eliade stellt daher fest, dass schamanische Techniken in Polynesien eher sporadisch auftreten, während die schamanische Kosmologie nur in der Mythologie präsent sei, nur gelegentlich noch im Brauchtum eher unverstanden auftauche. Auch die Konzeption der Krankheit hält er nicht eigentlich für schamanisch. Vermutlich sei die Klasse der Zauberer mit ihrem Geheimwissen noch am ehesten mit klassischen Schamanen vergleichbar. Neben den Hauptformen der polynesischen Religion haben sich im Volk aber auch uralten Formen erhalten, etwa Restformen eines Totemismus auf Samoa oder der Glaube an schwarze Magie auf den Tongainseln. Zu dem oft fälschlich für eine Schamanen verwendeten hawaiianischen Begriff Kahuna, der auch als Huna für neoschamanische Techniken eingesetzt wird, siehe.

Mikronesien

Über die alten mikronesischen Kulturen ist wenig bekannt. Ein hierarchisches Pantheon ist nur aus dem zentralen Teil der Karolinen bekannt. Die Strukturen und Grundvorstellungen sind trotz großer Unterschiede im Detail auch innerhalb des Bereiches insgesamt denen Polynesiens teils recht ähnlich. Es gibt häusliche Kulturorte für die Ahnenverehrung und gemeinsame Kultorte. Auf manchen Inseln (Ponape, Kusae) sind Reste großer kultischer Anlagen erhalten. Die Überformung durch staatliche wie religiöse Einflüsse (Kolonialismus, Missionierung) aus Europa, den USA und Japan ist jedoch lokal so stark, dass weitergehende Schlüsse auf potentielle schamanische Vorstellung pauschal nicht mehr gezogen werden können, allenfalls hie und da im Detail.

  • Für die Palau-Inseln gibt es starke Hinweise auf einen totemistisch gefärbten Schamanismus, denn im Mittelpunkt standen dort kalid (das Wort bedeutet Übernatürliches schlechthin): männliche oder weibliche Wahrsager, Heiler und Geisterbeschwörer, von denen jedes Dorf einen hatte und die auch priesterliche Funktionen wahrnahmen. Das Amt war erblich. Tote Kalids wurden zu Geistern, und manche Tiere wurden für Ahnen gehalten, die in ihnen weiterlebten, so dass jeder einen eigenen Kalid (Tiergeist) hatte, der allerdings kein Haustier sein durfte. Nach dem Tode werden Menschen zu Delps, die auf einer kleinen Insel hausen und die Lebenden im Schlaf beunruhigen können.

Amerika: Übersicht 

Okipa-Zeremonie der Mandan mit Selbstfolterungen, wie sie auch beim Sonnentanz stattfinden, um so das Mitleid der Geistmächte zu erregen (Gemälde von George Catlin, ca. 1835)

Zum mutmaßlichen Ursprung des gesamtamerikanischen Schamanismus gilt dasselbe wie für die präkolumbianischen Religionen und ihre schamanischen Reste. Dieser Schamanismus hat sich in Amerika bei den indigenen Völkern bis heute erhalten, und zwar trotz der zahlreichen verschiedenen Ethnien und Sprachfamilien, die wir hier vorfinden und vor allem auch trotz der teils gewaltsamen, an Völkermord grenzenden Missionierungen und Eroberungen durch die christlichen Europäer, wie sie schon der Dominikaner Las Casas zu Beginn des 16. Jahrhunderts beklagte.

Allein in Nordamerika gab es zur Zeit der Entdeckung des Kontinents über 60 Sprachfamilien mit mehr als 500 Sprachen und entsprechend viele Ethnien. Ähnlich verhält es sich in Mittel- und Südamerika. Die neuere linguistische Forschung vor allem durch Joseph Greenberg gruppiert die amerikanischen Eingeborenensprachen in rund 100 Sprachfamilien.Diese gewaltige Heterogenität hat ihre Ursache in zeitliche und räumliche Isolationseffekte auf einem riesigen, durch mehrere asiatische und eventuell pazifischen Einwanderer in mehreren Schüben besiedelten Doppelkontinent, der etwa viermal so groß ist wie Europa und dessen geographische und klimatische Vielfalt von polaren Zonen, Hochgebirgen, Savannen und Steppen, Wüsten, riesigen Waldgebiete und Regenwald bis zu fruchtbaren Schwemmlandtälern großer Flüsse und Ströme reicht, die eine bäuerliche Lebensweise ermöglichten. Dadurch ergeben sich teils extrem unterschiedliche ökonomische Grundbedingungen, die wiederum kulturell-religiöse Unterschiede produzieren, die durchaus auch verschiedene Entwicklungsniveaus beinhalten. Dieser Heterogenität steht jedoch eine relativ einheitliche religiöse Grundstruktur gegenüber, deren Kern in einem Animismus, Schamanismus und Totemismus mit einer allerdings starken Variationsbreite im Einzelnen besteht, jedoch mit denselben Basistypen, die man in auch anderen entlegenen Regionen findet. Daraus ergeben sich zwangsläufig die regionalen und kulturellen Großbereiche.

Nachdem er festgestellt hat, dass der Traum-Realismus mit dem Kult persönlicher Schutzgeister in enger Verbindung steht und die Einteilung der Schamanen nach Berufung und Macht auf der Stärke solcher individuellen Eigenschaften beruht, notiert S.A. Tokarew: „Charakteristisch für die meisten nordamerikanischen Stämme ist die Verbindung des Schamanismus mit dem Glauben an übernatürliche Eigenschaften von Tieren. Der Schutzgeist eines Bärenschamanen ist ein Bär. Überhaupt galt der Bär, besonders der Graubär, am häufigsten als Quelle der schamanistischen Macht. Deshalb hüllten sich viel Schamanen in ein Bärenfell.“Allerdings wurden religiöse Vorstellungen bei den Indianern verhältnismäßig selten personifiziert, schon gar nicht vermenschlicht, weshalb es mit Ausnahme der mesoamerikanischen Hochkulturen, die ein bereits polytheistisches Stadium repräsentieren, kaum Götterbilder oder Idole gibt.Vielmehr „kann man feststellen, dass ihr charakteristisches Merkmal die Vorstellung übernatürlicher Kräfte ist, die jedem vertraut, aber von der materiellen Welt schon ziemlich scharf geschieden sind. Zu religiösen Handlungen wurde der Mensch vor allem durch den Wunsch veranlasst, diese übernatürlichen Kräfte zu rühren und sich, …, ‚erbarmungswürdig‘ zu machen. Diesem Ziel dienten die Gebete, die Fastenübungen und die Selbstfolterungen etwa beim Sonnentanz, die alle darauf abzielten, das Mitleid der übernatürlichen Kräfte zu erregen.“Typisch für Nordamerika ist außerdem die Individualisierung religiöser Vorstellungen, denn alle Stammesangehörigen stehen in einem persönlichen Verhältnis zur übernatürlichen Welt, und jeder hat seinen persönlichen Schutzgeist, symbolisiert auch durch den lebenslang getragenen Medizinbeutel, der bei der Initiation des Jugendlichen gewonnen wird und lebenslang Teil seines intimsten Selbst bleibt. Jeder konnte visionäre Erlebnisse und prophetische Träume haben, was die Bedeutung der Schamanen relativiert und meist solche zum Schamanen prädestinierte, die derartige Träume besonders häufig und intensiv hatten.

Schamanismus war und ist auf dem amerikanischen Doppelkontinent vielfältig und ausgeprägt, tritt jedoch im Gegensatz zu Sibirien in zahlreichen teils hochkulturellen, fast stets aber durch die jeweiligen Subsistenzbedingungen bestimmte spezialisierten Formen auf, die wiederum recht verschiedene Kosmologien und Mythologien hervorgebracht haben, in die der Schamanismus dann jeweils eingebettet ist (oder wie im Südosten Nordamerikas weitgehend verdrängt wurde, denn je weiter man nach Süden kommt, desto weniger differenziert ist der Schamanismus). Diese religiösen Phänomene und Grundlagen müssen hier wenigstens in den Grundzügen beschrieben werden, um die Art dieser Einbettung und die jeweiligen Rückkoppelungsmechanismen zu verstehen. Belegt wird der Schamanismus vor allem auch durch die indianische Felsbildkunst und andere Indizien wie Schamanenbestattungen, nicht zuletzt aber auch durch die Berichte früherer Forschungsreisender wie George Catlin und die Darstellungen rezenter Medizinmänner.

Nordamerika: Eskimos und Indianer 

Grundlagen 
Die Großregionen der nordamerikanischen Indianer-Kulturareale
Eskimo-Schamane aus Alaska um 1900, der einen bösen Geist aus einem kranken Jungen vertreibt

Bei vielen nordamerikanischen Stämmen ist der Schamanismus nach wie vor zentraler Bestandteil ihrer Kultur. Schamanen nehmen nach ihrer Berufung und Initiation die klassischen Aufgaben wahr, also Heilung, Jagdmagie, Wahrsagen, Wetterkontrolle, zeremonielle Aufgaben, Verteidigung gegen Hexerei usw. Trance und Ekstase sind zwar üblich, stehen aber nicht im Vordergrund des magisch-medizinischen Handelns, vielmehr scheinen heutzutage die Geheimbünde und mystischen Bewegungen unter den Indianern diesen Aspekt des Schamanentums weitgehend übernommen zu haben. Der Schamanismus ist variabler als in Sibirien, auch finden sich anders als dort häufig agrarische Subsistenzformen. Seit einigen Jahrzehnten haben allerdings die alten schamanischen Glaubensstrukturen zusammen mit der Wiederbelebung des indianischen Selbstbewusstseins eine Renaissance erfahren, wenn oft auch nur mit folkloristischem Hintergrund. Dazu kamen synkretistische christlich-indianische Bewegungen wie die Native American Church, die Peyote-Religion oder die Indian Shaker Church. Dazu gehört auch die Geistertanzbewegung, die, 1870 beginnend, letztlich 1890 zum Massaker am Wounded Knee führte. Sie war eine Art indianische Widerstandsbewegung mit eschatologischem Hintergrund und verkündete die Wiederauferstehung aller Indianer und die Vernichtung der Weißen. Bei den meisten Völkern Nordamerikas bildete die matriarchalische Sippenordnung die Grundlage der Gesellschaftsstruktur, und dies widerspiegelt sich bis zu einem gewissen Grade auch in der Religion.
Belegt ist dieser amerikanische Schamanismus sowohl durch direkte Beobachtung und Aussagen von Schamanen wie auch vor allem im Falle Nordamerikas durch Felsbilder, die wie im Falle der südafrikanischen San und australischen Aborigines inhaltlich auch durch Medizinmänner und andere Eingeweihte verifiziert werden können.

Die Kulturareale der nordamerikanischen Indianer

Arktis und Subarktis

  • Aleuten: Sie nehmen schon aufgrund ihrer durch die Inselsituation bedingten, weitgehend isolierten Entwicklung eine Zwischenstellung ein zwischen den paläoasiatischen bzw. paläosibirischen und den paläoindianischen Ethnien (s. auch: Ostasien Paläosibrirische bzw. paläoasiatische Ethnien).
    Das sehr kleine, nichtnomadische Volk der Aleuten, das sich selbst Unangan nennt und nach einer mutmaßlich ersten Besiedelung vor 6000 Jahren etwa ab 2000 v. Chr. die Inseln von Alaska aus besiedelte, praktiziert ähnlich den Ureinwohnern Feuerlands einen sehr urtümlichen Elementarschamanismus, der seiner Subsistenzbasis mit Jagd auf Land- und Seetiere entspricht. Sie waren in Sippenverbänden organisiert, wobei bei den Unangan ein Häuptlingstum nur schwach ausgeprägt ist. Schamanen hatten eine auch durch ihre Bestattung unterstrichene hervorgehobene Rolle mit den im Elementarschamanismus typischen Aufgaben wie Jagdmagie, Krankenheilung, Verkehr mit Geistern, Tieren usw. Die Vorbereitung auf den langen arktischen Winter war hier eine Besonderheit, ebenso wie die Welt des Meeres. Sie unterwarfen sich rituellen Reinigungen und schnitzten Masken, die Wesen aus der Geisterwelt und der Schöpfungsmythen darstellten und Ähnlichkeiten mit den entsprechenden Geistern der Seetiere hatten. Diese Masken wurden bei bestimmten Indianer-Pantomimen eingesetzt, bei denen die Schamanen selbst stumm blieben und ihre Helfer die Erklärungen sangen. Dabei wurden Rasseln verwendet. Mumifizierung war üblich, Amulette sind verbreitet.
  • Eskimos (Inuit): Dies sind die autochthonen Jäger- und Fischervölker, die an der Ostspitze Sibiriens, vor allem aber im zirkumpolaren Bereich Nordamerikas zwischen Alaska, Neufundland und Grönland leben und sich durch kulturelle und sprachliche Homogenität auszeichnen.
    Der Schamanismus hat hier wie bei den sibirischen Völkern, die unter ähnlichen Umweltbedingungen leben, eine so beherrschende Stellung erreicht, dass er beträchtliche Teile der religiösen Aktivitäten dominiert, obwohl es auch hier Varianten und Vermischungen mit dem Christentum gibt. Der Eskimo-Schamane angakok/angakut (es konnte auch ein Frau sein) nimmt entsprechend eine zentrale Rolle ein. Er vertritt einen Elementarschamanismus, und seine Hauptaufgaben sind Heilung, die er durch eine Jenseitsreise bewirkt, in deren Verlauf er die gestörte Seele wieder zurückführt, weitere Fähigkeiten sind die ekstatischen Unterwasserreise zu Sedna, der Mutter der Tiere, der mächtigsten übernatürlichen Entität, und die Hilfe für unfruchtbare Frauen. Er überwacht außerdem die Einhaltung der Tabus und ahndet ihre Verletzung oder beseitigt deren Ursache, die darin bestehen kann, dass ein Toter eine Seele geraubt hat. Wahrsagen, Beeinflussung des Wetters und magischer Flug sind weitere Charakteristika. Der Schamane leitet außerdem die zahlreichen Feste und Zeremonien. All diese Merkmale kennzeichnen auch den nordasiatischen Schamanismus. Auch die dreiteilige Kosmologie ist sehr ähnlich, ebenso die Vorstellung von einer Urzeit, in der es keinen Unterschiede wie Tag und Nacht, Leben und Tod usw. gab. Für die religiöse Psychologie der Eskimos ist das übermächtige Gefühl der Furcht charakteristisch, das Gefühl, von übernatürlichen Kräften abhängig zu sein, wobei natürliche und übernatürliche Welt eng zusammen hängen, deren verbindender Macht der Schamane ist. In diesem Kontinuum herrscht die alles belebende magische Kraft Inua. Um sich vor den zahllosen Geistern zu schützen, die in jedem Element und jeder Aktivität der Natur wohnen und als Tiere, Dinge, Riesen, Zwerge usw. auftreten können, haben die Eskimos eine große Zahl von Tabus entwickelt und benutzen Amulette wie die Tupilaks, Abbilder besonders hässlicher Geistwesen, die ihren Besitzer schützen sollen. Die Jenseitsvorstellungen beinhalten teilweise die Idee der Seelenwanderung, bei der die Seele des Verstorbenen in den Körper eines Nachkommen eintritt. Mystische Berufung, Ausbildung und Initiation des Schamanen sind denen der sibirischen sehr ähnlich, dasselbe gilt für das Gewand und die Utensilien wie eine Trommel und mitunter etwa bei den Alaska-Inuit Masken (ähnlich den Aleuten); auch ist er der Hüter der Traditionen.
Schamane des Hamatsa-Geheimbundes (Kwakiutl; Aufnahme von 1914)
  • Indianer der Subarktis: Die Subarktis Kanadas, wo die Indianerstämme der Cree, der Ojibwa, Chipewyan, Beaver-River-Indianer, Slave-River-Indianer, Yellowknife, dazu die Athapasken, Beothuk, Montagnais, Naskapi und andere als Nomaden oder jahreszeitlich zwischen Küste und Binnenland wechselnde Halbnomaden leben, und die vor allem der Sprachfamilie der Algonkin angehören, hat durch die oft weit auseinanderliegenden Familiengemeinschaften einige Besonderheiten, da sich deswegen keine eigentliche Stammesreligion entwickeln konnte, wie dies bei den südlicheren Stämmen der Fall war. Subsistenzgrundlage war im Binnenland die Jagd vor allem auf das Karibu, Pelztiere und hier insbesondere auf den Bär.
    Der Bär spielte denn auch eine zeremonielle Rolle, besonders bei der Initiation junger Männer, aber auch als Totem, dessen Schädel bemalt in Bäume aufgehängt wurden, da man glaubte, die Seele des getöteten Tieres beobachte, wie seine Knochen behandelt wurden, denn Tierseele und Knochen standen in einer mystischen Wechselbeziehung, und ihre respektvolle Behandlung war für den Jagderfolg entscheidend. Zentral in der religiösen Vorstellung waren die „Vier Mächtigen“, die die vier Himmelsrichtungen repräsentierten. Zugang zu diesen vier Mächtigen, den Seelen und Geisteswesen des Waldes, hatte nur der Schamane, nicht wie anderswo jeder spirituell Vorbereitete. Für Sitzungen musste eine spezielle Geisterhütte, ein wapanaon, gebaut werden, das nach der Sitzung zerstört wurde. Träume spielten etwa bei den Naskapi eine besonders wichtige Rolle (bereits C. G. Jung hat in „Der Mensch und seine Symbole“ darüber berichtet), da sie Verbindungen mit dem „Höchsten Mann“ (Manitu, ein Algonkin-Wort), dem obersten Geistwesen herstellen. Bestimmte Bereiche der Heilung gehörten ebenfalls zum Aufgabenbereich des Schamanen und waren eine Mischung aus Naturheilkunde und psychologischen Verfahrensweisen.

Nordpazifikküste und Plateau.

Totem des Haida-Volkes

Die dort lebenden Stämme, insbesondere die Kwakiutl, Haida, Tsimshian und Tlingit, sind allesamt Jäger, Sammler und Fischer (vor allem Lachse), und entsprechend gestalten sich die Besonderheiten ihres Schamanismus.
Bei den Ethnien der Küsten-Salish gibt es ähnlich den Ethnien des Subpolarraumes die Vorstellung von individuellen Schutzgeistern, die der Initiand schon in früher Jugend erwirbt und deren Präsenz er während der winterlichen Zeremonien Ausdruck gibt (Geistertanz). Sie verhelfen ihm zur Selbstheilung und ähnlichen schamanenartigen Fähigkeiten. Ihr zentrales Thema ist das Sterben und Wiedergeborenwerden. Die von Schamanen durchgeführte Zeremonie kann den ganzen Winter dauern. Wie in anderen indianischen Ethnien sind Geheimbünde typisch, an deren Spitze Häuptlinge und Schamanen stehen. Diese Geheimbünde leiteten sich von gemeinsamen Ahnen und teils tierischen Schutzgeistern ab. Der Glaube ist stark totemistisch geprägt. Ein Ahnenkult fehlt wie bei den anderen nordamerikanischen Stämmen mit Ausnahme der Pueblo-Kultur.Es gibt viele Parallelen zum nordasiatischen Schamanismus, allerdings auch Besonderheiten wie die Vorstellung vom Seelenverlust und dem Eindringen von Geistern in einen Körper, beides typisch Konzepte des amerikanischen Schamanismus. Der Schamane in Trance benutzt dann ein Seelenfänger genanntes Utensil, um die Seele wieder zurückzubringen. Zu diesem Zwecke wurde bei manchen Stämmen auch die Zeremonie des Geister-Kanus durchgeführt. In der Salish-Sprachengruppe findet sich die dramatische Darstellung des Todes und die Wiedererweckung des Toten durch den Schamanen. Krankheiten werden häufig auf Hexerei zurückgeführt, wonach der Verursacher identifiziert und gezwungen wird, seine Schuld zu gestehen. Wappenpfähle und Masken sind typische Utensilien. Die Ende des 19. Jahrhunderts entstandene, von John Slocum begründete christlich synkretistische Indian Shaker Church ist eine weitere Besonderheit dieser Region. Sie ist nach der Schütteltrance benannt, die die Mitglieder ergreift.

Prärie

Die Prärievölker gelten als die „typischen Indianer“. Ihr Gebiet erstreckt sich über die heutigen Staaten North und South Dakota, Minnesota, Nebraska, Iowa, Kansas, Missouri, Oklahoma und Arkansas mit dem Mississippi als östlicher Grenze. Die bekanntesten Stämme sind die Lakota (Dakota), Cheyenne, Arapaho, Crow, Blackfoot, Schoschonen und Bannock. Unter dem Druck der weißen Siedler wurden viele Indianerstämme wie die Apachen, Sioux, Caddo (Pawnee), Cheyenne, Arapaho und Lakota aus ihren angestammten Gebieten vertrieben. So vereint der Schamanismus der Prärieindianer eine Vielzahl von Vorstellungen aus unterschiedlichen Teilen Nordamerikas, etwa zahlreiche Formen des Heilens, Seelenreisen, Prophezeiungen vor allem zum Wetter. Auch war die Art der Schamanenwerdung wenig formalisiert. Als Narkotikum zur Herbeiführung einer Trance wird vor allem Tabak verwendet.

Neben bestimmten umweltbedingten Lebensweisen wie Büffeljagd, Pferd, Tipi und einem ausgeprägten Kriegswesen sind Sonnentänze, Schwitzhütte und spezielle Medizinmänner als Heiler typische Formen des Schamanismus der Prärie. Allerdings beschreibt der Ethnograph George Catlin auch den Irrtum, der dieser Bezeichnung durch die Weißen zugrunde liegt, denn: „Die Indianer bedienen sich jedoch nicht des Wortes »Medizin«, sondern jeder Stamm hat ein eigenes Wort dafür, das gleichbedeutend ist mit »Geheimnis« oder »Geheimnismann«“. Der Medizinbeutel ist daher auch der persönlichste Gegenstand jedes Indianers. Nachdem er ihn bei seiner Mannwerdung erworben hat, trägt er ihn lebenslang. Dies ist sein persönlicher Schutzgeist, den er sich während der Initiation erträumt.

Rituelle Tänze wie der Büffeltanz, Stiertanz oder Bärentanz sind relativ häufig. Bei dem inzwischen stark folkloristisch gefärbten Sonnentanz handelt es sich um ein kosmologisches Neujahrsfest, ursprünglich offenbar die rituelle Darstellung einer Schöpfungsidee. Der Tanz dauert bis zu vier Tage und führt bei den fastenden Tänzern zu einer Trance. Während des Tanzes führt der Schamane Heilungen durch.

Zwei besondere Institutionen im Verlauf des Heilens sind typisch und offenbar sehr alt, zumal sie teilweise auch bei den subarktischen Indianern vorkommen: die Geisterhütte und das Rüttelnde Zelt.Es war vor allem bei den Waldindianern des Nordens, den Indianern der Großen Ebenen und der Prärie in Gebrauch, kommt heute allerdings nicht mehr vor. Das Rütteln wird durch die Rasseln verursacht, die der Schamane im Zelt während seiner Trance betätigt als Zeichen für seinen Kontakt mit Geistern, die ihm seine Prophezeiungen eingeben. Der moderne Brauch der Prärieindianer, ein Geisterzelt aufzustellen, erinnert noch an die alte Sitte.

Östliche und südöstliche Waldgebiete

Südlich des Sankt-Lorenz-Stromes und östlich des Mississippi lebten Völker, die zum großen Teil sesshafte Ackerbauern waren. In der Indianer-Umsiedlung 1830 wurde der größte Teil der überlebenden Indianer dieser Region in das Gebiet westlich des Mississippi umgesiedelt. Sie hatten eine ausgeprägte Mythologie und Kosmologie mit zahlreichen Gottheiten, die in einem bis zu zwölfschichtigen Himmel hausten, mit der Erde als Scheibe auf dem Rücken einer Schildkröte. Die Legende von den Donnervögeln berichtete über riesige mythische Wesen, die durch die Bewegungen ihrer Schwingen den Donner verursachen. Auch andere Tiere wie Bär oder Wolf lebten spiegelbildlich unter Wasser. Unter-Wasser-Panther, Gehörnte Riesenschlange, beide böse und im ständigen Kriegszustand mit den regenbringenden Donnervögeln, waren wie die Maisfrau weitere mythische Gestalten, die einen Übergang vom Jäger-Sammler zum Bauern signalisieren. Mais und Tabak sind daher ebenfalls Gottheiten.

  • Östliche Waldgebiete: Sie werden von den Gebirgszügen der Appalachen beherrscht, die sich im Süden bis nach Georgia erstrecken. Der größte Teil wurde von den Stämmen der Irokesen- und Algonkin-Sprachgruppe besiedelt. Die Irokesen sind ein matrilinear organisiertes Volk von Maisbauern. Sie bilden bis heute den Verbund der Six Nations.
    Die religiösen Vorstellungen der Irokesen beinhalteten eine omnipräsente Macht orenda. Sie kannten agrarische Götter und einen bäuerlichen Zeremonialkalender mit zahlreichen Festen wie Ahorn-, Maisaussaat-, Donnertanz-, Erdbeer- und Grünkornfest, am wichtigsten das Mittwinterfest mit seinen Reinigungs- und Erneuerungsriten. Ursprünglich bestimmend gewesen waren die irokesischen Geheimbünde, Zusammenschlüsse von Schamanen, die Heilungen durchführten, und die bis heute im Rahmen der Traditionspflege weiterbestehen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts trat aber eine neue, von dem Irokesen des Seneca-Volks Handsome Lake nach einer Vision begründete Religion auf: die Lehre Kaiwiyoh. Sie war unter dem Einfluss der Quäker entstanden und enthielt ethische Grundsätze, die vor dem Hintergrund eschatologischer Weltuntergangsdrohungen auf eine soziale und religiöse Erneuerung der traditionellen Lebensweisen abzielten, welche den in den Reservaten kläglich vegetierenden, einst stolzen Irokesen eine neuen Lebensinhalt als Bauern gaben. Bis heute folgt ein Drittel der Bevölkerung der Six Nations diesen Vorstellungen.
  • Südöstliche Waldgebiete: Dieses Gebiet erstreckt sich über North und South Carolina, Georgia, Alabama, Florida sowie Teile von Louisiana und des Mississippi-Laufs. Hier siedelten die einstige Adena-Kultur und die Hopewell-Kultur sowie die darauf folgenden Mississippi-Kulturen, die mit Ausnahme der Sioux-Völker zu den Nachkommen der Moundbuilders gehören, wie sie die ersten weißen Siedler noch antrafen. Das Land ist sehr vielgestaltig und reicht von flachen Küstengebieten über die Nadelwälder der Golfküste, die Laubwälder der Appalachen und die breiten, fruchtbaren Fluss- und Stromtäler bis zu den Mangrovensümpfen Floridas. Entsprechend unterschiedlich sind die Subsistenzstrategien der Bevölkerungen. Wichtige Völker sind die Creek, Cherokee, Natchez und Seminolen, letztere ein abgespaltener Teil der Creek, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus Georgia nach Florida gezogen war und sich dort durch Jagd, Fischerei und Landwirtschaft ernährte.
    Entsprechend der vorwiegend bäuerlichen Lebensweise finden sich die entsprechenden religiösen Typen. Totemismus ist verbreitet, wobei die Tiere, etwa der Hase oder Rabe, meist als mythische Kulturbringer oder auch als Schöpfergestalten im Rahmen der Sippengemeinschaft auftreten, wie das auch bei den nordwestlichen Stämmen der Fall ist. Stammesreligionen waren üblich. Die Religion war bestimmt durch das heikle Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die Welt wurde als belebt verstanden und beherrscht von Geistwesen, Hexen usw. Man glaubte an ein Leben nach dem Tod. Die Seelen der Toten hielten sich in der Umgebung der Siedlungen auf und versuchten, sich auf ihrer Jenseitsreise von den Lebenden begleiten zu lassen. Entsprechend aufwendig gestalteten sich die Begräbnisriten, teils zum Schutz der Lebenden, teils zum Angedenken an die Toten. Tod war keine natürliche Erscheinung, sondern wurde stets von bösen Geistern verursacht. Eine menschlichen Ursache erforderte Blutrache. Auch Tiere hatten eine Seele, und ihr Tod musste vor ihrem Gruppengeist, einer Art spezifischem Herrn der Tiere, verantwortet werden, so dass jede Jagd von strengen Regeln, Opfern und Tabus bestimmt war. Krankheiten wurden auf Fehler in diesem Zusammenhang zurückgeführt. Die Welt der Pflanzen wurde als dem Menschen wohlwollend gedacht. Vor allem bei den Cherokee genoss der Mais höchste Verehrung. Medizinmänner besaßen heilige Objekte und Idole, teils in Tempeln, teils wurden sie in Sänften herumgetragen. Vor allem in den Mythen des Südostens gibt es eine ungeheure Anzahl von Naturgeistern, Riesen, Monstern, Trickstern wie den Großen Hasen Manäbusch und Zwergen. Den Glauben an ein Höchstes Wesen („Großer Geist“) hat es vermutlich ebenfalls gegeben.
    In einigen der wohlhabenderen Städte hatten sich geschichtete Gesellschaften mit einem Priestertum entwickelt. Daneben gab es jedoch noch verschiedene Formen medizinisch-magischer Akteure, seien es nun Medizinmänner, Zauberer oder Schamanen. Diese Gesellschaften zeigen also bereits den Übergang zu bäuerlich-städtischen Gesellschaftsformen, in denen trotz einer teils noch archaischen und animistischer Gedankenwelt der Schamanismus so stark an Bedeutung verloren hatte, dass er etwa im Werk von Hultkrantz gar nicht erst erwähnt wird.

Großes Becken und Great Plains

See-non-ty-a, ein Iowa-Medizinmann (Gemälde von George Catlin)
  • Großes Becken:Dies ist eines der unwirtlichsten Gebiete Nordamerikas außerhalb der Arktis und Subarktis, das sich über die Staaten Nevada, Oregon, Idaho und Utah erstreckt mit den Rocky Mountains als Westgrenze. Hier lebten vor der Invasion der Weißen die westlichen Gruppen der Schoschonen, vor allem die Komanchen, die Gosiute sowie die südlichen und nördlichen Paiute, Bannock und Ute als Wildbeuter, die sich aber auch von Knollen und Kleintieren, sogar Insektenlarven ernährten. Die meisten dieser Völker gehörten der Uto-Aztecao-Tanoan-Sprachgruppe an.
    Das religiöse Leben war von mythischen, allmächtigen Tiergeisteswesen und einer dualistischen Seelenvorstellung bestimmt. Dabei standen zwei Ereignisse im Zentrum: die Antilopenjagd, die der Schamane durch das Singen der Antilopenlieder jagdmagisch initiierte, da er die Antilopen im Traum hatte kommen sehen und sie zudem anlockte, und der Tanz im Sommer, bei dem die Menschen um einen Baum tanzten und Schutzgeister anriefen mit Gesängen, wie sie später auch in der Geistertanzbewegung auftauchten. Dabei ging es um den Guten „Bruder Wolf“, einen Schöpfermythos, und den ewigen Störenfried Coyote, der in vielen Indianermythen vorkommt und wie der Hase und Rabe ein Trickster ist. Zum Seelendualismus gehörte die Vorstellung von zwei Körperseelen, von denen die eine während eines Traums den Körper verließ. Starb man, verließen beide Seelen den Menschen. Die Welt war voll von guten und bösen Geistern. Vor allem unter den östlichen Schoschonen versuchten manche junge Männer, Geister durch Visionen anzulocken.
    Die Gestalt des Schamanen oder Medizinmannes ist hier allerdings undeutlich. Berufen wurde er im Traum, aber ohne vorherige Prüfungen oder Selbstkasteiungen, ausgebildet wurde er meist von einem älteren Schamanen. Man erkannte ihm Macht über böse Geister und Klapperschlangen zu sowie die Fähigkeit, verlorengegangene gute Geister wieder zurückrufen zu können. Seine Rolle als Heiler ist nicht fest umrissen, doch war er mächtig (auch Frauen konnten Schamanen sein), hatte magische Kräfte und sagte die Zukunft voraus. Er verfügte über einen oder mehrere auf bestimmte Übel spezialisierte Schutzgeister. Das Aussaugen böser Geister wurde auch hier praktiziert.
    Ab 1890 gewann die Geistertanzbewegung auch hier an Bedeutung.
  • Plains: Die Great Plains, meist Kurzgras- und Zwergstrauchsteppen, erstrecken sich von Süden nach Norden. Sie beginnen in Texas mit dem Edwards-Plateau, es folgen die High Plains bis zum Missouri-Plateau im Norden. Im Westen bilden die Rocky Mountains die Grenze. Die Kette der Plains wird mehrfach unterbrochen durch die Prärie und das Wyoming-Becken, im Süden findet sich Wüste, im Norden erstrecken sich weite Gebirgswälder.
    Die Plains waren das Kerngebiet der Bisons. Die dortigen Stämme der Dakota (Sioux), der Cheyenne und Pawnee bilden größere Einheiten. Zusammen mit den Blackfoot, Wichita, Ute, Komanchen, Apachen, Schoschonen, Kiowa und anderen bilden sie neben den Prärieindianern das zweite Zentrum dessen, was man unter Plains-Indianerkultur versteht. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelten sie sich von Wildbeutern teilweise zu Bauern (Mais bei den Cheyenne) oder blieben wie die Komanchen Nomaden, die aber durch das erst von den Spaniern und anderen Eroberern eingeführte Pferd (alle nordamerikanischen „Wildpferde“ stammen von ihm ab) nun eine sehr viel größere Reichweite hatten als zuvor und jetzt ausschließlich von der Bisonjagd lebten.
    Die Plains-Indianer unterschieden nicht zwischen weltlich und heilig oder zwischen magisch und religiös. Erfolg hing weitgehend vom Wirken guter Geister ab. Wollte man ihre Hilfe erbitten, begab man sich zuvor in die Einsamkeit und kasteite sich. Im Erfolgsfall erschien einem der Geist meist in Tiergestalt und gab Ratschläge. Alle Stämme hatten Medizinmänner oder Schamanen mit übernatürlichen Kräften, die vor allem bei schwereren Erkrankungen als Heiler fungierten, indem sie das verderbenbringende Element aussaugten. Der Schamane praktizierte außerdem Jagdmagie und spürte Feinde oder verlorene Dinge auf. Bei einigen Stämmen wie den Cheyenne überlagern sich die Rolle des Medizinmannes und die des Priesters bzw. Schamanen. Beide Rollen können von derselben Person eingenommen werden, so dass am ehesten die Tatsache ausschlaggebend ist, ob Ausbildung oder Berufung an erster Stelle stehen.
    Zeremoniell und rituelle Praktiken waren in den Plains hoch entwickelt und reichten von einfachen Handlungen bis zu wochenlangen Veranstaltungen. Tabus und der Gebrauch von Tabak spielten bei all diesen Riten eine wichtige Rolle, desgleichen eine ausgeprägte Selbstdisziplin bei kriegerischen Stämmen. Bei den Cheyennen waren heilige Pfeilbündel von zentraler Bedeutung. Am wichtigsten war jedoch wie bei den Prärieindianern der Sonnentanz, der oft mit freiwilligen Martern verbunden war, zeitweise verboten wurde oder zur reinen Touristenbelustigung absank.

Kalifornien

Das Wohngebiet der kalifornischen Indianer ist in etwa mit dem heutigen Bundesstaat identisch. Landschaftlich ist es extrem vielfältig, und die Landschaftsformen reichen von einer zerrissenen, inselreichen Küste über Küstengebirge, große Flusstäler wie die des Sacramento River und San Joaquin River, über große Wälder bis hin zu Halbwüsten und Wüsten.
Der kalifornische Raum war wie die Nordwestküste eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Nordamerikas, in dem eine verwirrende Vielfalt indianischer Ethnien bis heute lebt. Es gibt mehrere große Sprachfamilien: Penuti, Hoka, Yuki, Schoschone und Hupa, das als südlichster Zweig der Na-Dené-Sprachen gilt. Die Subsistenzgrundlagen waren Jagd, Sammeln und Fischen (auch Meeressäuger). Einige Stämme bauten Tabak an und handelten damit. Muschelgeld war gebräuchlich. Die Flechtwerkkunst der kalifornischen Indianerinnen ist legendär.

Vor dem Hintergrund dieser kulturellen und ethnischen Vielfalt, deren unterschiedliche soziale Komplexität auch unterschiedlich komplexe Schamanismusformen hervorbrachte, treffen wir hier alle möglichen schamanischen Formen und Riten an. Die Schamanen sind schwer in Kategorien einzuteilen, obwohl sie in den einzelnen Stämmen jeweils nach ihren speziellen Fähigkeiten durchaus in verschiedenen Funktionsklassen eingeteilt wurden. So gibt es etwa zahlreiche Bären-Schamanen und -Schamaninnen, die sich in Bären verwandeln konnten. Eine besondere Unterform ist der Klapperschlangen-Schamanismus, der auch im Großen Becken vorkommt. Im Antilopen- und Hirschschamanismus trat der Schamane als Herr der Tiere auf. Generell waren Schamanen jedoch relativ gleichberechtigt in ungeschichtete Stammesgesellschaften eingebettete religiöse Führer, die zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt vermittelten. Abgesehen vom persönlichen Ansehen aufgrund ihrer Fähigkeiten unterschied sich im allgemeinen ihre gesellschaftliche oder politische Position nicht von derjenigen anderer Stammesmitglieder. Es gab jedoch auch Priester und andere rituelle Akteure. Manche Stämme praktizierten Geistertänze, bei denen der gerufene Geist durch das Ohr in den Tänzer eindrang. Bei den Yurok im Norden war das Schamanenamt über die weibliche Linie erblich. Die Schamanin traf ihren Schutzgeist während einer asketischen Periode in der Einsamkeit, meist ein Tier oder der Geist eines verstorbenen Schamanen. Insgesamt gestaltete sich der Erwerb des Schamanenstatus in Kalifornien sehr verschieden. Transvestiten waren unter den Schamanen häufig. Das wichtigste Instrument eines Schamanen war die Rassel. Er trug zudem ein spezielles Kostüm. Schwitzhütten waren gebräuchlich.
Zwei der auffälligsten Kulte sind der Kuksu- und der Toloache-Kult. Der vor allem unter den Pomo in Nord- und Mittelkalifornien verbreitete Kuksu-Kult wurde von den Mitgliedern einer Geheimgesellschaft praktiziert. Kuksu ist die Bezeichnung für ein höchstes Wesen, das zugleich Herr der Toten und Krankenheiler ist. Die Leitung der Zeremonien lag in den Händen eines Schamanen. Der vor allem im südkalifornischen Raum verbreitete Toloache-Kult beruhte auf der Einnahme eines Halluzinogens (Datura inoxia = Toloache, der Großblütige Stechapfel). Es war jedoch nur Schamanen und anderen führenden Persönlichkeiten erlaubt, außer bei der Initiation der Jugendlichen, bei denen diese in den Visionen ihren jeweiligen persönlichen Schutzgeist sahen.
Schöpfungsmythen sind in Kalifornien selten. Im Norden, der kulturell große Ähnlichkeiten mit der nordwestlichen Küste aufweist, stand der Glaube an tierische Schutzgeister im Vordergrund. Schamanen erhielten ihre Kraft direkt durch sie. Im Nordwesten gab es einen Glauben an die Erneuerung der Welt, die im White-deerskin-Tanz zum Ausdruck kam. Solche Tänze dienten allerdings auch dazu, den relativ lockeren sozialen Zusammenhang periodisch zu festigen. Bei den Wintu entsprang die eigentliche Schamanen-Initiation einem offenbar alten kollektiven Ritual.

Die Furcht vor den Toten war außer im Norden, wo die Erdbestattung überwog, verbreitet, und man verbrannte ähnlich wie bei manchen Indianerstämmen des Gran Chaco nicht nur den Toten, sondern auch seine Hütte und seine Habe, mied den Ort lange und opferte ihm überdies jährlich, damit er so an der Rückkehr gehindert wurde.

Alle kalifornischen Indianer verwendeten übernatürliche Kräfte. Magie wurde eingesetzt, um das Wetter zu beeinflussen und die Zukunft vorherzusagen, obwohl das einigen mit Hilfe von Träumen selbst gelang. Des weiteren diente die Magie zur Heilung und zur Abwehr von Krankheiten, zum Schutz vor Feinden und zu ihrer Bekämpfung, zur Bestrafung von Übeltätern und zur Erreichung eines besseren Lebens für sich selbst. Man hat also einen Komplexschamanismus vor sich, und zwar trotz der Tatsache, dass es sich hier vorwiegend um Jäger-Sammler handelte, die allerdings auch bäuerliche Wirtschaftsformen kannten und sie lediglich umweltbedingt nicht praktizierten, wohl aber etwa Mehl aus Eicheln gewannen und daraus Brot usw. herstellten.

Südwesten

Politisch umfasst dieses Gebiet mit den Völkern im Grenzbereich zu den alten mesoamerikanischen Hochkulturen die heutigen Staaten Arizona und New Mexico, dazu Teile von Utah und Colorado. Allerdings setzt sich dieser Kulturraum der Pueblo-Indianer auch jenseits der Grenze bis tief in den nordmexikanischen Raum fort. Man sieht hier die Hochplateaus der Mesas mit ihrer Steppen- und Halbwüstenvegetation. Noch weiter südlich finden sich Bergzüge, die in das mexikanische Hochland und die Berge Nieder-Kaliforniens übergehen.

Insgesamt erkennt man in den hier lebenden Indianerkulturen die nördlichsten Ausläufer der alten mittelamerikanischen Indianerhochkulturen. Die bekanntesten Indianervölker dieser kulturellen Großregion sind die in sich auch sprachlich sehr verschiedenen, nach ihren charakteristischen Siedlungsformen benannten Pueblo-Indianer und die auch Navajo genannten Diné sowie die Apachen. Die Pueblo-Indianer sind Bauern. Baumwollanbau ist bei ihnen schon seit 3000 Jahren nachweisbar. Die Navajos sind seit Beginn des 17. Jahrhunderts sesshaft und übernahmen von den Pueblos die benötigten Subsistenztechniken. Auch die Apachen lebten auf diese Weise, behielten zunächst jedoch im Gegensatz zu den anderen Völkern ihre bewegliche, an Kriegszügen und Bisonjagd orientierte Organisationsform bis ins späte 19. Jahrhundert bei, wobei sie sich für die anderen Völker zu einer rechten Landplage entwickelten, also keinesfalls dem etwa von Karl May propagierten edlen Typ à la Winnetou entsprachen, sondern eher als Räuber galten.Bei den anderen, kleineren Indianervölkern wie den zu den Apachen gehörenden, in semiariden Gebieten lebenden Chiricahua überwogen mitunter allerdings noch die Jäger-Sammler-Subsistenzstrategien innerhalb von Sippenstrukturen.

Entsprechend sind auch die religiösen Muster bei den verschiedenen Völkern recht unterschiedlich, je nachdem, ob sie Bauern oder Jäger-Sammler sind.

  • Die sesshaften Pueblo-Indianer hatten ein teils bis heute erhaltenes komplexes Zeremonialsystem mit einem agrarisch geprägten Kalender. Es zielte auf potentielle Lebenskrisen und deren Bewältigung durch Riten ab. Dabei hatte jedes Element des Universums einen direkten Bezug zum Lebensstil der Pueblos, und jeder hatte an den Zeremonien teilzunehmen, um das Wohl des Volkes sicherzustellen, denn ohne diese aktive Teilnahme würde die Sonne nicht aus dem Winterhaus zurückkehren, der Regen würde nicht fallen, die gesamte kosmische Ordnung würde zusammenbrechen. Diese kollektivistische, ritualistische und unpersönlich-antiindividualistische Organisationsform der Pueblos, die sich an Gemeinschaftsaufgaben wie Bau, Betrieb und Wartung des Bewässerungssystems orientierte und in Sippen-Geheimbünden ihren Niederschlag fand, hat den Schamanismus nicht eben gefördert, vielmehr lässt sich hier ein fortschreitendes Verschwinden des Schamanismus beobachten.
    Die Pueblos praktizieren einen ausgeprägten Ahnenkult, wie er vor allem in der Kachina genannten Zeremonie zum Ausdruck kommt (Kachina sind die Geister der Ahnen und Schutzherren des Volkes), die auch von den Zuni und Hopi praktiziert wird.
  • Ebenfalls einen Zwischenzustand repräsentieren die eine Schoschonensprache sprechenden Hopi-Indianer. Sie sind wie die Pueblos Ackerbauern und teilen deren Zeremonialformen, haben jedoch etwa bei Heilungen noch schamanische Reste erhalten, die aber nun eher pseudoschamanisch strukturiert sind.
  • Die Yuma waren ebenfalls zunächst ein Kriegervolk. Sie glaubten an ein einziges belebendes Prinzip, das das gesamte Universum beherrscht. Im Zentrum ihrer Vorstellungen stand das Träumen, das seinen Ausdruck in Mythen und Zeremonien fand. Das Träumen war absolut vorrangig, und die Macht, die es verlieh, rangierte vor allen anderen Aktivitäten.
  • Für die Navajos wiederum, das größte in den Südwesten eingewanderte Volk, ist ihre Welt zwischen den vier heiligen Bergen ein einheitliches, im Grunde animistisches System,in dem jedes Element sein Rolle spielt. In ihr ist Gut und Böse in kosmischer Harmonie vereinigt, und Zeremonien zielen darauf ab, das Gute zu erhalten oder das Böse zu bekämpfen, also Segnungs-, Reinigungs- und Heilungsrituale, bei denen unter anderem lange mythische Gesänge rezitiert und große Sandbilder hergestellt und wieder zerstört werden, ähnlich den Mandalas. Inzwischen ist das Peyote-Ritual weitgehend an die Stelle solch mühsamer Prozeduren getreten. Die Navajos haben neben dem starken Einfluss der Pueblos aber auch etwa in der Mythologie viele Traditionen ihrer arktischen Vorgeschichte und ihres archaischen Schamanismus bewahrt, obwohl diese durch die Übernahme bäuerlicher Lebensweisen und den damit zusammenhängenden Pueblo-Riten inzwischen stark modifiziert sind.

Indianische Religionen Lateinamerikas (Übersicht)

Der synkretistisch mit der Sonne verschmolzene Christus am Kreuz (Originaldarstellung des Señor del Encino), eine alte Maya-Symbolik

In den indianischen Religionen Lateinamerikas haben nach dem Untergang der mesoamerikanischen und andinen Staatskulte vor allem die Elemente der Volksreligion überlebt und ganz unterschiedliche religiöse Systeme ausgeprägt, und zwar trotz der massiven und gewalttätigen Herrschaft der spanischen bzw. portugiesischen Kolonialmächte, die allenfalls die Variationsbreite gemindert hat, ohne dass aber die Überformung durch das Christentum dieses „Heidentum“ verhindert hätte. Insgesamt bewahrten die indianischen Religionen trotz dieser Hindernisse und Zwänge ihren Charakter.

  • Die Grundelemente dieser Religionen sind animistisch, das heißt, die Welt wird von guten und bösen Geistern, Seelen, Hexen, Zaubereren usw. bevölkert, die Schaden bewirken können, wenn die korrekten Rituale nicht eingehalten werden. Vorzeichen, Amulette und Träume sind sehr wichtig. Die Menschen glauben, sie könnten sich in Tiere verwandeln und anderen derart die Lebenskraft entziehen. Glaube und Frömmigkeit als solche sind entsprechend nicht sehr wichtig, hingegen sind es die Rituale und ihre korrekte Einhaltung. Dasselbe gilt für die Integration des Einzelnen in formelle religiöse Hierarchien von Sippe und Stamm.
    Dieses religiöse Profil trifft vor allem auf die einstigen Machtbereiche der alten Hochreligionen der Mayas, Azteken, Mixteken, Tarasken und Zapoteken zu. Im Nordwesten Mexikos findet sich aufgrund differierender ökosozialer Bedingungen eine größere, zwischen althergebracht und neu fluktuierende religiöse Variationsbreite. Dasselbe gilt für die Indianer der Küsten und für die Plantagenarbeiter, die inzwischen Teil einer modernen Exportwirtschaft sind bzw. ein ländliches Proletariat entwickelt haben.
  • Was den mittel- und südamerikanischen Schamanismus angeht, so weicht er vom nordamerikanischen vor allem in einem Punkte entscheidend ab, und das ist der intensive Gebrauch von teils sehr wirkungsstarken und hochgiftigen halluzinogenen Drogen wie Peyote oder Meskal, die, da in der tropischen Natur vielfältig vorhanden, zur Erreichen der Trance nun regelmäßig eingesetzt werden.
  • Das Amt der religiösen Spezialisten in Mesoamerika und in den Anden weist insgesamt aber große Ähnlichkeiten auf mit dem Medizinmannwesen im übrigen Lateinamerika und mehr oder weniger auch mit dem sibirischen Schamanismus. Das betrifft sowohl die Berufung, etwa durch einen Gott, Geist, Blitz usw., aber auch Phänomene wie die Berufungskrankheit mitsamt dem Zerstückelungsmotiv, wonach der Schamane nach seiner Berufung erst stirbt, von den Geistern zerteilt und dann wieder neu zusammengesetzt wird. Auch die Lehrzeit, ihre Inhalte, die Initiation und die vom Schamanen geforderten Fähigkeiten, vor allem die eines Heilers, die er durch Hilfsgeister bewirkt, sind sehr ähnlich, so ähnlich, dass die Medizinmänner außerhalb des klassischen hochkulturellen Bereichs häufig ausdrücklich als Schamanen bezeichnet werden. Meist sind es Männer, mit Ausnahme der Mapuche in Chile, für deren Schamanismus Eliade große Ähnlichkeit mit dem Schamanismus Sibiriens und des Altai feststellt. Auch der Kampf mit bösen Geister (bei der Krankenheilung), Tier/Menschenseele und die Verwandlung von der einen in die andere, die Fahrt ins Totenreich oder zum Herrn der Tiere, um bei ihm die Entsendung der Jagdtiere zu erbitten, all dies in Trance, gehören zu den unabdingbaren Fähigkeiten der mittel- und südamerikanischen Medizinmann-Schamanen. Selbst die Ausrüstung wie das Schamanenkleid oder Trommel und/oder Rassel usw., die während der Ausbildung erworben werden, gleicht in vielem der der sibirischen Schamanen. Ähnliches gilt für die religiösen Riten zur Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung, für die der Schamanen die Verantwortung trägt und die zu verschiedenen ökonomischen, altersbedingten oder gesellschaftlichen Anlässen abgehalten werden, nicht zuletzt, um den Weiterbestand der Welt zu garantieren, wie dies auch manche nordamerikanischen Indianerstämme glauben. Die Jivaro in Ekuador kennen die auch in Sibirien, ja weltweit und in vielen frühen Kulturen wie etwa der ägyptischen (s. o.) vorkommende Vorstellung, der Mensch habe mehrere Seelen. In schamanischen Vorstellungen ist eine davon eine Tierseele, und wenn dieses Tier stirbt, ist das auch der Tod des Menschen.
  • Was das Weiterleben ritueller Traditionen in Lateinamerika angeht, so ist hier eine auffällige Vermischung mit dem Katholizismus zu beobachten, und in ganz Lateinamerika finden sich daher noch derart amalgamierte alte Kulturmuster, nicht überraschend, denn die Subsistenzstrategien der ländlichen Bevölkerung sind immer noch weitgehend dieselben. Schon die frühen Missionare bedienten sich der alten Symbole (wie das auch im Falle der Missionierung in Europa üblich war). So war etwa das Kreuz ein mächtiges Maya-Zeichen, und die Sonne verschmolz mit Christus, während Maria wiederum mit der Mondgöttin (im Maya-Gebiet) gleichgesetzt wird oder in den Anden mit der Erdmutter, der Donnergott hingegen mit dem heiligen Jakob (Santiago), der der Schutzpatron der mit Gewehren ausgestatteten spanischen Soldaten war. Heiligenfeste werden von der Kirche mit Maskentänzen begangen, andere Riten finden in der Natur an heiligen Plätzen statt, wo wie früher geopfert wird, oft in Verbindung mit christlichen Zeremonien. Berge gelten als besonders heilig. Zur Beseelung, welche die Natur in den Augen der Menschen durch die hier besonders häufigen Katastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche zeigt (Pazifischer Feuerring), tritt das kosmische Grundprinzip, das nach wie vor die Vorstellungswelt beherrscht: Die Sonne erhebt sich im Osten über den heiligen Bergen und stirbt im Westen im Ozean und im Land der Toten. Nicht überraschend, dass auch der im Volk traditionelle Schamanismus hier im Rahmen einer gesamtamerikanischen Kontinuität bis heute seinen Platz findet.

Mittelamerika 

Die mittelamerikanischen Indianerkulturen sind bis heute geprägt von ihren Vorläufern, den Mayas und Azteken (s. dazu oben). Dabei sind zahlreiche unterschiedliche Synkretismusformen mit dem Christentum entstanden. S.A. Tokarew nennt in diesem Zusammenhang für den gesamten iberoamerikanischen Raum vier Regionen mit jeweils selbständigen Kultzentren, die vor dem Eintreffen der Europäer bestanden. Gemeinsam war ihnen die Verbindung zwischen archaischen Formen, wie sie in den religiösen Vorstellung der weniger entwickelten Völker der Region vorkommen, mit den komplizierten Formen des von lokalen Eroberern eingeführten Staatskultes mit seinen teils bizarren theologischen Systemen, die mitunter massenhafte Menschenopfer praktizierten und die neben der bäuerlichen Volksreligion bestanden, bis die Trägerstaaten untergingen. Diese vier alten Kultzentren waren:

  1. Zentralmexiko mit den Azteken
  2. Guatemala und Yucatan mit den Mayas
  3. Kolumbien vor allem im Bereich von Bogota mit den Chibcha-Stämmen
  4. Peru mit den Quechua-Stämmen unter Führung der Inka (die Quechuas werden heute allerdings den südamerikanischen andinen Kulturen zugerechnet). (Siehe dazu unten: Südamerika.)
  5. Als fünfter Bereich sind hier noch die allerdings fast ausgerotteten Kariben und Arawaken zu nennen, bei denen jedoch keine Staatskulte bestanden und die daher zu Recht von Tokarew nicht erwähnt werden.

Von dieser historischen Grundlage ausgehend sieht man heute von Norden nach Süden fortschreitend folgende religiöse Regionen mit ihren jeweils spezifischen archaischen Schamanismusformen, hochkulturellen Resten und christlich-katholischen Synkretismen.

Nordmexikanische Indianerkulturen 
Ein Curandero (Mitte mit gelbem Hut) bei der Heilung eines Mädchens; hier relativ naiv dargestellt als peruanischer Altaraufsatz (Retabel) im volksreligiös-christlichen Rahmen

Diese Kulturzone erstreckt sich von der Grenze zu den USA in etwa südwärts bis zur Nordgrenze der einstigen präkolumbianischen Hochkulturzone. In Nordmexiko leben vor allem Völker des uto-aztekischen Sprachbereichs. Die dort lebenden Völker sind schon seit Jahrtausenden Bauern (vor allem Mais, Bohnen und Kürbis) mit einer meist kleinen Viehhaltung.

Alle nordmexikanischen Indianer sind formell Katholiken, von einigen kleineren Ethnien wie den Huichol und den Tarahumara einmal abgesehen. Allerdings haben selbst diese Gruppen christliche Vorstellungen und Rituale integriert. Vor allem bei den uto-aztekischen Indianer der Nordens finden sich traditionelle Elemente, die in Ausmaß und Erscheinungsform jedoch von Gruppe zu Gruppe stark schwanken. In den meisten dieser Gruppen gibt es einen Curandero genannten Schamanen oder Medizinmann – die deutsche Übersetzung ist „Kurpfuscher, Quacksalber“ (statt des wörtlichen „Heiler“), was einiges über die hochkulturelle Verachtung gegenüber der Volksreligion aussagt –, der schamanische Heilungen und Fruchtbarkeitsmagie durchführt und überhaupt Beistand in Situationen leistet, in denen göttliche Hilfe vonnöten scheint. Der Curandero ist praktisch im gesamten iberoamerikanischen Bereich verbreitet (s. Abbildung). Der Glaube an Hexerei ist verbreitet. Sogar ein Schamane kann dessen angeschuldigt werden.

  • Mischformen: Bei all diesen Mischformen ist die Integration des Christentums zweifelhaft. Jedenfalls stehen im Vordergrund alte Religionsfunktionen wie der Schutz der Gesundheit, Regen- und Fruchtbarkeitszauber und weit weniger die christliche Sicherung eines seligen Jenseitslebens, so dass das Verhältnis zum Christentum eher dürftig erscheint.
  • Das Volk der Cora hat traditionelle Götter mit christlichen Gestalten verschmolzen.
  • Die Yaqui und Mayo haben eine relativ homogene christlich-präkolumbianische Mischung hervorgebracht.
  • Die Tarahumara: Bis vor wenigen Jahren waren sie die größte Ethnie Nordmexikos. Die katholische Kirche war mit ihrem Gedankengut nie sehr tief in die dortigen Glaubensvorstellungen eingedrungen, doch scheinen ihre Rituale, etwa mit Weihrauch, die Tarahumara beeindruckt zu haben, denn inzwischen liegt ein Teil des katholischen Rituals in schamanischen Händen, so dass wir hier eine extreme Form des Komplexschamanismus vor uns haben, denn wo nötig wurden diese Zeremonien modifiziert. Der Ewe-ame genannte Schamane übt demnach weiter sein traditionelles Amt aus, heilt Kranke teils mit Kräutern, sofern er ein einfacher Schamane ist, benutzt Peyote, um die verlorene oder fliehende Seele des Kranken zu halten oder wieder zurückzuholen, wirkt gegen Hexerei und hat einen fast halbgöttlichen Status, wenn er als echter Ewe-ame gilt. Gelingt der Seelenfang nicht, stirbt der Mensch und die Seele wandert in ein Tier oder wird zu einem Stern am Himmel. Alle Sterne sind daher Seelen verstorbener Tahahumaras.
  • Die Huichos haben marakame genannte Medizinmänner, die wegen ihrer Fähigkeiten und ihrer Macht bei den Völkern der Sierra madre occidental berühmt sind. Ihre Religion enthält mit am stärksten präkolumbianische Elemente.
Zentralamerikanische und karibische Indianerkulturen
Ein Maya-Priester praktiziert eine Heilungszeremonie in den Ruinen von Tikal

Zu den Ursprüngen und den präkolumbianischen Religionen, die den mesoamerikanischen Kulturkomplex umschreiben, siehe oben. Nach der Herrschaft dieser alten Hochreligionen beendete das Christentum zumindest formell diese Phase. Vor allem in ländlichen und abgelegenen Gebieten ist für diese Völker aber ein recht oberflächliches bis synkretistische Verhältnis zum Christentum typisch, wie es bereits für Nordmexiko beschrieben wurde. Insgesamt ist es den mittelamerikanischen indigenen Ethnien gelungen, ihre kulturelle Integrität zu erhalten, und schamanische Praktiken bei Heilmagie und Zauberei sowie die Verehrung von Naturphänomenen sind weit verbreitet. Allerdings überlebten nach der Ankunft der Europäer in dieser Region anders als im übrigen Lateinamerika fast keine der Eingeborenenkulturen, so dass strittig ist, ob überhaupt und welche dieser Eingeborenengruppen als kulturell, sprachlich und anthropologisch identifizierbare Stämme im engeren Sinne gelten können. Weitere Einzelheiten siehe oben in der Übersicht zu den mittel- und südamerikanischen Hochreligionen.
Einige Gebiete und Völker ragen durch Besonderheiten hervor:

  • Die Maya: Die meisten Mayas leben heute in Guatemala, Belize und im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, wo sie den ärmsten Bevölkerungsteil Mexikos repräsentieren. Die Lakandonen sind ihr traditionellster Teil und pflegen bis heute die alten Maya-Bräuche. Das Medizinmannwesen ist verbreitet. Peyote ist zentral für die Erzeugung von Trancezuständen. Im Nahuatl, der alten Sprache der Azteken, die noch heute in Teilen Mexikos gesprochen wird, heißt der Schamanismus cualli ohtli („der gute Weg“), der einen Weg ins Jenseits öffnen könne.
  • Die Cuna in Panama: Sie sind ein Relikt der alten, von Häuptlingen beherrschten präkolumbianischen, matrilinear organisierten Gesellschaften, die ursprünglich die Inseln und Küstengebiete der Karibik bevölkerten. Sie hatten einen Pantheon von Göttinnen. Schamanen wirken als Hellseher und können in Trance in die Unterwelt eindringen. Talismane sind verbreitet.
  • Karibik und nordöstliche Küstenbereiche Südamerikas: Schamanismus war bei den zentralamerikanischen Völkern am Rande und außerhalb der Einflusszonen der präkolumbianischen Hochreligionen weit verbreitet. Die alten Religionen sind hier aber weitgehend durch die Praktiken des Voodoo abgelöst worden, deren Grundlage allerdings auch schamanisch-magisch sind. Einige Reste alter Völker wie die Chibcha, Arawaken, und der ursprünglich auf den Großen Antillen lebenden Kariben gibt es noch. Vor allem bei den Chibcha und den Kariben sowie den Arawaken, dem mächtigsten Volk der Großen Antillen, waren Menschenopfer, dazu Kannibalismus üblich (das Wort „Kannibale“ ist von „Kariben“ abgeleitet), gelegentlich in Verbindung mit dem auch von den Mayas und Azteken ausgeübten rituellen Ballspiel, bei dem es ebenfalls Menschenopfer gab.
    Von besonderer Bedeutung war bei den Arawaken ein dreieckiger, eingekerbter, zemi („heilig“) genannter, wohl einen Berg bzw. Vulkan symbolisierenden Stein, der die hierarchische Position des Schutzgottes für jeden Haushalt bezeichnete, aber auch für Götter, Götterbilder, Verstorbene und die kosmischen Mächte stand. Ähnliche Symbole gab es auf Haiti, in Puerto Rico und der Dominikanischen Republik. Zemí entspricht in etwa dem huaca in den Anden. Man verwendete das Symbol bei einem Ritual, bei dem Schamanen mit einem Halluzinogen versetzten Tabak schnupften und in Trance die Zukunft weissagten, indem sie so mit dem zemí in Verbindung traten. Insgesamt überkreuzen sich im Bereich der Kariben und Arawaken die mesoamerikanisch hochkulturellen mit den Einflüssen aus dem Nordosten Südamerikas.
    Die Wai Wai Guyanas und Nordbrasiliens, die ebenfalls noch zu dieser Kulturzone gehören, haben einen ausgeprägten Schamanismus. Die yaskomo genannten Schamanen verfügen über ausgeprägte Fähigkeiten des Seelenfluges und können derart alle diesseitigen und jenseitigen Sphären aufsuchen.

Südamerika

Übersicht

Die Bevölkerung Südamerikas umfasst zahlreiche sehr heterogene Ethnien und Sprachgruppen mit ebenso heterogenen Gebräuchen, also auch unterschiedlichen Schamanismusformen. Die spanisch-portugiesischen Konquista hat besonders in Südamerika tiefe Spuren hinterlassen. Vor allem dort, wo die größten indianischen Bevölkerungskonzentrationen bestanden hatten, also an den Küsten von Brasilien, den Guineas, Venezuelas, Kolumbiens und Ecuadors sowie entlang der Flüsse, sank die Zahl der Eingeborenen durch Ermordung, Vertreibung, Versklavung mit mörderischer Zwangsarbeit auf Plantagen und in Minen oder durch eingeschleppte Krankheiten dramatisch. Als Arbeitskräfte wurden sie nach und nach großenteils durch afrikanische Sklaven ersetzt, die beträchtliche kulturell-religiöse Einflüsse auszuüben begannen. In Venezuela stellen die Indios etwa nur noch 2 % der Bevölkerung neben 60 % Mestizen und Mulatten, 20 % Weißen und 8 % Schwarzen. In Kolumbien und Ecuador sind die Verhältnisse ähnlich, und Rassenschranken sind vor diesem Hintergrund nicht selten, zumal die Weißen wie in den anderen iberoamerikanischen Ländern die besitzende Oberschicht stellen, insbesondere die Nachfahren der spanischen Hidalgos, weniger die oft als Mischlinge geltenden Kreolen. Die überlebenden indianischen Ethnien zogen sich ins Landesinnere in unzugängliche Gebiete zurück, wo die Europäer aus mangelndem wirtschaftlichem Interesse kaum einmal hinkamen. Dort haben sich auch die meisten schamanisch-animistischen Glaubensvorstellungen erhalten, zumal in Peru die einst staatstragende Inkareligion völlig verschwand. Später ging von diesen Außenposten auch der stärkste Widerstand aus. Andere Gruppen wurden praktisch ausgelöscht, wenn sie der wirtschaftlichen Nutzung durch die Kolonialherren und ihre Nachkommen im Wege standen, die derart im Verein mit dem Klerus auch ihre katholische Religion und Kultur oft mit Gewalt etablierten, ein Trend, der mancherorts – etwa in Amazonien – bis heute und diesmal unter dem Aspekt der Globalisierung andauert, auch wenn inzwischen vermehrt indiostämmige Politiker ihre Heimatländer führen.

Andererseits besteht bis heute trotz der Bemühungen der katholischen Kirche etwa in Peru eine fast unübersehbare Zahl lokaler dörflicher Kulte auf vorchristlicher Grundlage. In Chile fanden Indianeraufstände etwa bei den Mapuche und Huilliche statt, die sich so in ihren Reservaten eine gewisse kulturelle und religiöse Selbständigkeit bewahrten. Die Chocó-Indianer in Panama konnten hingegen ihre Lebensweise erhalten, weil sie den Kontakt mit den Eroberern mieden und sich in die Tiefen der Wälder zurückzogen. So praktizieren sie noch heute magisches Heilen und andere schamanische Gebräuche, ähnlich den zahlreichen im Amazonas-Regenwald verstreuten Stämmen, die man bis heute nicht alle kennt.

Insgesamt kann man in Südamerika auf der Basis der unterschiedlichen Umweltverhältnisse und der daraus resultierenden Subsistenzstrategien drei kulturell-religiöse Großräume unterscheiden:

  1. die Andenkulturen
  2. die südamerikanischen Regenwaldkulturen
  3. die südamerikanischen Nomadenkulturen.

Dazu kommen die weiter oben schon erwähnten synkretistischen Religionen der Karibik und Lateinamerikas insgesamt (s. u.).

Andenkulturen
Expansion des Inkareiches bis zu seiner größten Ausdehnung

Der nordandine Bereich

Die dortigen Kulturbereiche wurden im Zusammenhang mit Zentralamerika dargestellt, da sie mit deren Hochkulturen engen Kontakt hatten und von ihnen beeinflusst waren, wie Gemeinsamkeiten in den Mythen zeigen (etwa im Zusammenhang mit dem Jaguar). Auch gab es starke Wechselwirkungen mit den karibischen Ethnien, zu deren Sprachgruppe die Völker dieser Zone meist gehören und von denen die Kariben auch abstammen.Die europäische Invasion überlebten hier nur wenige indigene Ethnien, deren Reste überdies von einem starken sozialen Niedergang betroffen waren und heute oft das entwurzelte Subproletariat der Favelas oder der Plantagen- und Ölindustrie bilden. Dennoch sind schamanische Praktiken wie im gesamten tropischen Bereich Südamerikas vor allem unter der Urbevölkerung weit verbreitet und amalgamieren wie anderswo teilweise mit dem Katholizismus. Vor allem für den nördlichen tropischen Teil Südamerikas bezeichnend ist der Bezug des Schamanismus zu Drogen, oft Tabak, meist aber sehr wirkkräftige Substanzen. Ayahuasca ist als Droge sowohl unter Schamanen wie Nichtschamanen verbreitet, etwa bei den Urarina im peruanischen Amazonien. Die Trance ist extrem und wird oft für die einzig reale Welt gehalten.

Die zentralen Anden (die alte Inka-Zone)

Das einstige Inka-Reich deckt sich in etwa mit dem Staatsgebiet des heutigen Peru. Es erstreckte sich aber in seiner größten Ausdehnung bis nach Bolivien, Ecuador, Argentinien und Chile. Zu der alten Inka-Religion siehe oben: Andine Religionen.

Der Anteil der indigenen Bevölkerung (31 %) Perus ist mit der größte in ganz Südamerika, und es finden sich vermehrt synkretistische Religionsformen sowie Restbestände alter vorkolumbianischer Glaubensformen. Die Inka-Mythen wurden nie völlig vergessen und sind teils bis heute lebendig, etwa im Mythos des Inkarí (eine Zusammensetzung aus Inka und span. rey = König), des ersten Menschen, in dem Berggeister (apus) eine wichtige Rolle bei der Erschaffung von Sonne und Menschen spielen.Der Kult der Huacas war auch im Inkareich verbreitet und hat sich seit dessen Untergang am beständigsten erwiesen.

Die südlichen Anden

Die südlichen Anden unterscheiden sich sowohl ökonomisch wie gesellschaftlich vom zentralen Bereich. Es gibt kleine Ländereien und Viehhaltung in oft autonomen Dörfern, Verwandtschaftsgruppen oder kleinen Städten. Die generelle Haltung ist konservativ, und aus dem Amazonasgebiet finden sich Einflüsse über das bolivianische Tiefland.

  • Die Schamanen der Mapuche, ein Volk in Südchile, das sich im Arauco-Krieg sehr lange der Kolonisation widersetzte und eine komplexe Mythologie besitzt, waren Frauen, wahrscheinlich als Resultat eines frühen Transvestismus unter den Schamanen. In der Initiation wurde die Schamanin auf der obersten Stufe einer Holzleiter, wo sie die Trommel schlug, in ihr Amt eingeführt. Die Trommel (cultrún) gleicht dabei erstaunlich der der sibirischen Schamanen. Die Leiter (rehué) symbolisiert die Treppe zum Himmel. Eliade berichtet ausführlich über die Riten der Mapuche-Schamanen (bei ihm „Araukanier“), darunter Seelengeleit, Heilung, ekstatischer Flug usw., ebenso Hultkrantz.
  • Die von Harner in Die Jivaro genau untersuchten Schamanen der Jivaro in Ecuador und Peru nehmen in deren Hierarchie eine hohe Stellung ein. Sie kaufen sich gegenseitig ihre Schutzgeister (tsentsak) und damit ihre Machtposition ab. Diese Geisterdiener haben meist Tiergestalt. Es gibt „gute“ und „böse“ Schamanen ähnlich den weißen und schwarzen Schamanen einiger zentralasiatischer Völker (wo diese Differenzierung sich allerdings auf himmlische bzw. irdische/unterirdische Wirkungsbereiche bezieht, s. o.). Entsprechend kann ein Schamane seine Geisterdiener ausschicken, um jemanden zu verhexen, aber auch, um ihn zu heilen. Ayahuasca dient ihnen als Trancemittel, um so in die einzig wahre Welt eintreten zu können. Allerdings benutzen sie auch konzentrierten Tabaksaft als Stimulans. Ein regelrechter Tabakschamanismus nutzt dabei Nikotin in hochkonzentrierter Form als psychotrope, sehr schnell wirkende Substanz. Tabak wurde zu diesem Zweck offenbar bereits bei den Mayas eingesetzt und findet sich auch bei den Kariben.
Südamerikanische Regenwaldkulturen

Die Indianer im tropischen Regenwald Südamerikas sind Stammesvölker mit extrem unterschiedlichen Kulturen und Hunderten verschiedener, aufgrund ständiger Migration völlig irregulär verteilter Sprachen und Dialekte. Das so entstandene kulturelle Mosaik wurde so komplex, dass man es entweder nur punktuell erhellen kann mit dann hochspezifischen Ergebnissen, oder dass man lediglich sehr allgemeine Aussagen treffen kann.

  • Die Subsistenzstrategien der Regenwaldindianer sind wie anderswo von der jeweiligen Umwelt abhängig (hier Regenwald, Flussläufe, Sümpfe, Galeriewälder, Savannen). Dazu gehören Jagen, Sammeln, Fischen und für Flussläufe typischer, allerdings durch regenzeitbedingte Überflutungen eingeschränkter Gartenbau, mit jeweils angepassten kulturellen Mustern. An den Ufern der Flüsse, jedoch auch in den Wäldern und Savannen, ernähren sich die Stämme von der Fischerei und vom Ackerbau. Fast alle Jäger-Sammler betreiben zusätzlich kleine, rudimentäre Landwirtschaften, meist als Hackbau.
  • Die dortigen Völker leben in kleinen Gemeinschaften, von denen jede ihre eigenen, unverwechselbaren Mythen besitzt, die als Nabelschnur zwischen Gegenwart und Vergangenheit dienen und die inhaltlich auch von anderen Völkern verstanden werden können. Claude Lévi-Strauss sieht diese als Bestandteil von Transformationsprozessen, die eine gemeinsame Grundhaltung repräsentieren und einer gemeinsamen Logik folgen.Somit verfügen die Ureinwohner dieses riesigen Gebietes über keine gemeinsamen Götter und Kulturheroen, jedoch über einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund, in den die Mythen eingebettet und auf den sie bezogen sind. In mythischen Welten treten Menschen als Tiere und Tiere als Menschen auf und verwandeln sich ineinander. Weit verbreitet ist der Mythos von der Anakonda als Herrin der Kulturpflanzen und dem Jaguar als Herren des Feuers, der das ständige Ringen zweier Grundprinzipien aufzeigt (ähnlich den nordamerikanischen Mythen vom Kampf zwischen Donnervögeln, Unterwasserpanthern und gehörnten Riesenschlangen). Grundlage allen Glaubens ist dabei die Bewahrung der idealen und harmonischen Beziehungen, die zwischen allen existierenden Kräften eingehalten werden müssen, damit die Gemeinschaft überleben kann.Fast alle südamerikanischen Mythologien kennen einen Schöpfer des Universums und des Menschen, dem aber meist kein Kult gewidmet ist, da er kein weiteres Interesse an seiner Schöpfung zeigt. Vielmehr sind es Kulturheroen, die diese Schöpfung in für Menschen günstige Weise mit sozialen Techniken, Kulturpflanzen, Fertigungsmethoden, Bräuchen, Wissen usw. ausfüllen. Bei den Mapuche in den Anden spielt ein auch in der afrikanischen Mythologie typisches Zwillingspaar eine Rolle, sowie bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen ein Trickster, dem meist die negative Rolle zugedacht ist.
  • Die Grundstruktur ihrer Weltsicht ist animistisch. Das Wohlergehen der Menschen hängt ab von der Kontrolle der zahllosen übernatürlichen Kräfte, die persönlich oder unpersönlich Dinge der Umgebung, Tiere, Pflanzen, ja die Natur als solche bewohnen. Mit Hilfe schamanischer Riten oder kollektiver Zeremonien muss der Mensch diese universale Harmonie bewahren und derart die Mächte im Universum kontrollieren, deren günstige oder ungünstige Auswirkungen wiederum vom Verhalten der Menschen bestimmt werden. Magische Mittel spielen dabei eine wichtige Rolle. Dabei gibt es gute und böse Geister bzw. Dämonen, und viele Pflanzen und Tiere wie Mais, Maniok oder Jagdtiere haben einen Herrn oder auch eine Herrin als Schutzgottheit oder -geist, deren Wohlwollen erbeten werden muss.
  • Garant eines solchen Weltverständnisses ist der Schamane, der nicht zuletzt der Meister der Transformation ist. Sie wird durch die ekstatische Verzückung ermöglicht, in deren Verlauf der Schamane zum quasi göttlichen Wesenskern vordringen und ihn verstehen kann. Stimulanzien und Narkotika wie Tabak, Alkohol oder Kokablätter sind dabei für die Regenwaldindianer von größter Bedeutung, desgleichen regelrechte Halluzinogene, die teils wie das aus einer Lianenart gewonnenen Ayahuasca als göttlich angesehen werden und vor allem im Amazonas-Orinoco-Bereich Verwendung finden. Teilweise sind sie den Schamanen vorbehalten, in manchen Völkern werden sie und die mit ihnen einhergehenden magischen Praktiken aber von allen genutzt. Der Schamane ist meist hoch angesehen, jedoch selten ein Priester im eigentlichen Sinne. Mitunter übertrifft sein Einfluss den des Stammeshäuptlings, sofern er nicht ohnehin wie etwa bei den Guarani dessen Rolle ebenfalls besetzt. Manchmal reicht sein Einfluss über den Tod hinaus. In Guyana wird seine Seele etwa zum Hilfsgeist. Krankenheilung mit magischen wie konventionellen Mitteln ist auch hier die Hauptaufgabe des Schamanen.
  • Die Seele, mitunter sind es mehrere, vor allem eine Geist- und eine Tierseele (bei den Guarani), lebt im Körper oder einem seiner Teile. Die Tierseele beherrscht die Instinkte und Emotionen. Die von einer göttlichen Macht entsandte Geistseele ist für die edlen Eigenschaften des Menschen und seine kognitiven Fähigkeiten verantwortlich. Beim Tod kehrt die Geistseele zu den Götterwesen zurück, die Tierseele wandert umher und bedroht die Lebenden. Der Verwandlungsglaube ist entsprechend ausgeprägt, und ein verbreiteter Werwolfglaube symbolisiert als Therianthropie besonders intensiv den Tier-Mensch-Wechsel. S.A. Tokarew wertet dies als Reste eines ansonsten in Südamerika nicht stark ausgeprägten Totemismus.
  • Zeremonien und Bräuche gestalten sich ebenfalls sehr unterschiedlich und reichten früher vom Kannibalismus der Kariben und Tupí der Küsten über die Kopfjagd der Munduruku und Jivaro bis zu eher rituellen Zeremonien, die für die Aufrechterhaltung der universalen Harmonie bis hin zur Mond- und Sonnenbahn und der Abfolge der Jahreszeiten sehr wichtig waren. Auch die Kommunikation mit den mythischen Ahnen oder Bestattungszeremonien, bei denen die Geister der Toten unschädlich gemacht werden mussten, waren Gegenstand solcher von Schamanen geleiteten Zeremonien. Bei den Guarani stand der Kontakt mit den Göttern im Zentrum. Die Bestattungsbräuche waren sehr verschieden und reichten von der Urnen- zur Erdbestattung (mitunter nur für Schamanen) bis zur Sekundärbestattung etwa der Knochen und zum Endokannibalismus.
  • In der Moderne zeigten sich verschiedene Ethnien wie die Guarani, Ticuna und Canela, ein Stamm der Ge-Sprachfamilie im Bundesstaat Maranhão, von Zeit zu Zeit für christlich-messianische Bewegungen anfällig, teils im Bestreben, derart die Unterdrückung durch die Weißen abschütteln und ein sorgenloses Leben in Wohlstand mit den althergebrachten Bräuchen verbinden zu können. In Brasilien nutzen moderne synkretistische Religionen wie Santo Daime und União do Vegetal Elemente des Schamanismus, vor allem die Ayahuasca-Trance, wodurch eine Verbindung zum Geisterreich und von dort aus göttliche Führung erwartet wird.
Schamane der Urarina (1988)

Einige Beispiele für die mythischen und schamanischen Vorstellungen einzelner rezenter Völker:

  • Vor allem in Amazonien gibt es eigene Religionen wie die Religion der Asháninka, die einen stark schamanischen Charakter haben.
  • Das Volk der Urarina im peruanischen Amazonien hat eine komplexe Kosmologie entwickelt, und der Schamanismus ist dort ein religiöses und gesellschaftliches Schlüsselelement.
  • Einige Völker betonen in ihren Schöpfungsmythen das Wirken abstrakter Kräfte. Nach Ansicht der Piaroa in Venezuela etwa wurde die Welt durch Gedanken oder Vorstellungskraft erzeugt. Meist geschieht die Schöpfung aus bereits Vorhandenem. Mitunter haben Wesen aus früheren Weltzeitaltern deren Untergang überlebt (auch eine mesoamerikanische Vorstellung) und können in die Menschenwelt eindringen. Manche Ethnien haben keine Schöpfungsmythen, vielmehr wanderten die Menschen aus anderen kosmischen Schichten ein.
  • In Ecuador versuchen die Shuar (auch Jivaro genannt) selbst Schamane zu werden, um so ihre Familien besser gegen Feinde verteidigen zu können. Zu den Jivaro s. auch oben.
  • Mit am bekanntesten sind die Yanomami in Venezuela und Brasilien. Deren Kosmologie umfasst ein vierschichtiges Universum. In den beiden obersten Schichten hausen Geister und die Toten in einer idealisierten irdischen Landschaft. Darunter liegt die Menschenwelt, wobei die Menschen die über ihnen liegenden Welten erkennen können (Sterne, Himmel usw.). Die unterste Schicht ist die der bösen Menschen, die von der Menschenwelt heruntergefallen sind und nun dort als Kannibalen leben und darben. Sie können ihre Geister von dort aus in die Menschenwelt schicken, um Kinder zu rauben. Am Schamanen liegt es, neben seinen klassischen Aufgaben wie der Heilmagie, dies zu verhindern und gegen Dämonen zu kämpfen. Dabei werden auch Halluzinogene verwendet. Glaubensvorstellungen und Aktivitäten, die mit dem Schamanismus in Verbindung stehen, gelten den Yanomami als wichtigste Bestandteile ihrer Religion. Der Totenkult beinhaltet einen Endokannibalismus, das heißt hier: Die Asche der Toten wird von den Verwandten verzehrt, so dass die Toten in ihnen weiterleben.
  • Bei den Culina, Siona, Shipibo-Conibo und Matsigenka wird das Schamanenamt durch den Erwerb von Macht hervorgehoben. Die Fähigkeit des Schamanen, Grenzen zu überwinden und Gegensätze zu vereinen, bildet einen sozialen Kontrollmechanismus.
  • Die Tukanao-Indianer des nordwestlichen Amazoniens, die eine eigene Sprachgruppe bilden, verlegen den Ursprung des Schamanismus in die mythische Zeit, in der sie angeblich die Halluzinogene kennenlernten. Ihre kosmologischen Vorstellungen orientieren sich unter anderem an der Milchstraße. Der dortige Schamanismus ist reich an Symbolen, und die Schamanen agieren auch als Organisatoren der knappen Ressourcen.
  • Bei den Canalos, einem Jivaro-Stamm, gelten die Schamanen als besonders mächtig, weil sie die Seelen der Toten inkorporiert haben und als deren Medien fungieren. Man glaubt, dabei handele es sich besonders um die Seelen spanischer Missionare.
  • Die Guarani trieben den Verehrung der Schamanen so weit, dass sie einen Kult um ihre Gebeine hatten, die sie in besonderen Hütten aufbewahrten, ihnen opferten und sie um Rat fragen.
  • Die Tapirapé-Schamanen im brasilianischen Regenwald nutzen vor allem Träume. Frauen können hier nur Kinder bekommen, wenn der Schamane ein Geisterkind zu ihnen herabsteigen lässt. Ähnliches gilt für die Harakmbut-Schamanen Ostperus.
  • Bei den Manacica und Bakairi führt der Schamane die Seelen der Toten auf einem langen, beschwerlichen Weg, den sie ohne seine Hilfe nie bewältigen würden, zum Himmel bis an eine von einer Gottheit bewachte Brücke.

Die Haupttrennlinie zwischen dem nord- und dem südamerikanischen Schamanismus besteht indes im intensiven Gebrauch von Drogen zur Erreichung des Trancezustands. Südamerika ist der Kontinent mit den weltweit meisten psychoaktiven bzw. halluzinogen wirksamen Pflanzenarten. Mittelamerika bildet hier eine Übergangszone, in Nordamerika ist dieser Brauch wenn überhaupt nur schwach ausgebildet.

Südamerikanische Nomadenkulturen

Ihre Kulturen sind im Verschwinden begriffen. In Rückzugsgebieten haben sie viele archaische Züge bewahrt. Bei Kontakt mit Weißen entwickeln sie meist eine rudimentäre Landwirtschaft und geben nach und nach ihre alte Lebenseise auf. Früher lebten sie jedoch in ganz Südamerika vom Kap Hoorn bis zum Orinoco. Ihre Subsistenzstrategien war abhängig vom Habitat teils recht unterschiedlich. Folgende fünf Subsistenztypen kann man unterscheiden:

  1. Die heute fast ausgestorbenen bzw. ausgerotteten Schalentier-Sammler, die im Süden das gesamte chilenische Archipel bis zum Kap Hoorn besiedelten: die Ona, Yaghan und Alakaluf. Sie jagten Seehunde und nutzten gestrandete Wale. Die Subsistenzbasis war sehr mager, essbare Pflanzen waren selten. Sie bewegten sich meist mit dem Kanu fort. Organisiert waren sie in weit verstreut lebenden, kaum differenzierten Sippengemeinschaften, und ihre Kultur war entsprechend sehr uneinheitlich.
  2. Die Jäger und Sammler der Steppen und Ebenen zwischen Feuerland (Tierra del Fuego) über Patagonien bis zu den Pampas in Nordargentinien und Uruguay. Bevor sie zu Viehzüchtern und Ackerbauern wurden, ernährten sie sich vor allem von der Jagd auf Guanakos, Nandus und Kleinwild, dazu sammelten sie Kräuter und Wurzeln.
  3. Die Jäger, Sammler und Fischer des Gran Chaco. Die Subsistenzbasis war mager und schloss Pflanzen, jahreszeitlich Fisch, wilden Reis, Honig und Insektenlarven mit ein. Guanakos und Nandus konnten im Südosten gejagt werden. Hauptnahrungsquelle waren jedoch Pflanzen.
  4. Jäger und Sammler des Waldes. Vor allem im Norden des Gran Chaco, wo das Land allmählich in die tropische Regenwaldzone übergeht, insbesondere im Westen Boliviens. In Brasilien findet man vor allem Galeriewälder im Verlauf der großen Flüsse.
  5. Auf dem Wasser lebende Nomaden. Vor allem in den Marschen des Paraguay-Oberlaufes. Die dort lebenden Guatós verbrachten den größten Teil ihres Lebens in Kanus, fischten und jagten im Wasser lebende Tiere wie Kaimane. Auf kleinen Inseln bauten sie temporärer Unterkünfte. Derartige aquatische Nomaden gibt es auch im Norden Südamerikas und in der Karibik.
  • Schamanen oder Medizinmänner waren in all diesen Gruppen wichtig. Sie waren Heiler, die ihre Macht durch tote Schamanen und Schutzgeister erhielten. Die Schamanen der Feuerländer (Jekamusch) hatten übernatürliche Kräfte und man glaubte, sie könnten unter anderem das Wetter beeinflussen. Unter den im Gran Chaco lebenden Gruppen war der Schamanismus besonders hoch entwickelt und bezog sich nicht nur auf das Heilen, sondern auch auf das Wohlergehen des Stammes insgesamt. Krankheit, so glaubte man, entstand aus zwei Ursachen: entweder dadurch, dass Fremdkörper magisch in den Körper eindrangen oder dass die Seele des Kranken seinen Körper verließ. Im ersten Falle saugte der Schamane das krankmachende Agens aus dem Körper, im zweiten ging der Schamane des Nachts hinaus und brachte die Seele zurück.
    Eliade setzt den feuerländischen Schamanismus in Beziehung zum Ursprung der Indianer an sich und schreibt: „Betrachtet man die Feuerländer als die Abkömmlinge einer der ersten Einwandererwellen in Amerika, so darf man in ihrer Religion die Survivance einer archaischen Ideologie erblicken, die … vor allem den Glauben an einen Himmelsgott, schamanische Initiation durch Berufung oder eigenes Streben, Beziehungen zu den Seelen der toten Schamanen und den Hausgeistern (manchmal bis zur »Besessenheit«) und die Vorstellung von der Krankheit als Eindringen eines magischen Objekts oder als Seeleverlust sowie die Widerstandsfähigkeit des Schamanen gegen das Feuer enthält. Nun begegnen (uns) die meisten von diesen Zügen anscheinend in allen Ländern, ob nun der Schamanismus das religiöse Leben der Gemeinschaft beherrscht (Nordamerika, Eskimo, Sibirien) oder nur ein Element des religiös-magischen Lebens bildet (Australien, Ozeanien, Südostasien). Das legt die Vermutung nahe, dass sich in den beiden Amerika schon mit den ersten Einwanderungswellen eine bestimmte Form des Schamanismus verbreitet hat, welches auch ihre »Urheimat« gewesen sein mag. Zweifellos hat der lange dauernde Kontakt zwischen Nordasien und Nordamerika noch lange nach dem Eindringen der ersten Besiedler asiatische Einflüsse ermöglicht.“
  • Kosmologie und religiöse Besonderheiten: Die Yamana aus der Gruppe 1 glaubten an ein höchstes Wesen, das allerdings kein Schöpfer war, aber den Menschen, Pflanzen und Tiere das Leben geschenkt hatte, und sie beteten diesen Hochgott Vatauineva („der Alte, Unveränderliche, Ewige“) bzw. Temaukl an. Als Herr über Leben und Tod stand er über allen Geistern und bestrafte Missetaten, meist mit einem frühen Tod. Die Yamana beten daher ständig zu ihm, Opfer waren aber unbekannt. Allerdings gibt es bei den Selknam einen Primitialopferbrauch (das Opfern der ersten Frucht, Beute etc.).Zentral war bei ihnen die Initiation der Jugendlichen. Sie kannten zudem zwei Zwillingspaare als Kulturbringer. Auch der Glaube an Naturgeister war weit verbreitet. Die Jenseitsvorstellungen sind unklar. Leichen wurden meist verbrannt.
    Die im Gran Chaco lebenden Stämme der Gruppe 3 glaubten hingegen nicht an einen Hochgott, obwohl himmlische Entitäten hie und da den Menschen beeinflussten. Hingegen fürchteten sie Geister und Tote und entledigten sich daher eines Leichnams so schnell wie möglich, begruben ihn in einem Friedhof, verbrannten ähnlich den Bräuchen mancher kalifornischer Indianerstämme seine Habe und sein Haus und brachten Opfer.
    Bei den Waldnomaden der Gruppe 4 waren Rituale und Zeremonien weit weniger entwickelt als bei den Chaco-Gruppen, vermutlich aufgrund des ständigen Zwanges, nomadisierend Nahrung zu suchen. Die Sirióno glaubten zwar nicht an ein höchstes Wesen, sahen aber den Mond als Kulturheros an, der ihnen Mais und Maniok sowie Kulturtechniken gebracht hatte. Sie fürchteten sich außerdem vor den Toten und Buschgeistern.

Lateinamerika: Synkretistische Religionen 

Hierher gehören vor allem die afrokaribischen Religionen. Der karibische Raum ist aufgrund seiner wechselvollen Geschichte von starker kultureller Verschiedenheit gekennzeichnet, die im religiösen Leben dieser Region besonders zum Ausdruck kommt und Resultat komplexer Prozesse des Kontaktes zwischen verschiedenen afrikanischen Religionen bis hin zum äthiopischen Christentum und den kolonialen Ausprägungen europäisch-christlicher Volksreligiosität ist. Vor allem in den sozialen Unterschichten verbanden sich dabei regional unterschiedliche Vermischungsformen einzelner afrikanischer und indianischer Traditionen mit selektiver Anlagerung europäischer Elemente. Die Anhänger solcher Religionen rekrutieren sich meist aus afroamerikanischen Bevölkerungsgruppen. Doch scheinen ethnische Kriterien heutzutage nur im Falle der Religionen sogenannter Buschnegergruppen Surinams sowie der jamaikanischen Maroons für die religiöse Gemeinschaftsbildung von Bedeutung zu sein. In den meisten dieser Prozesse spielen schamanische Phänomene vor allem mit dem Erscheinungsbild der Besessenheit eine nicht unbedeutende Rolle, ohne dass diese Religionen jedoch schamanisch genannt werden können.

  • Voodoo:Voodoo ist die Religion der Bauern Haitis, deren Vorfahren meist als Sklaven aus Westafrika kamen. Sie kommt zum Beispiel aber auch in New Orleans vor. Wie viele christlich-heidnische Synkretismen enthält auch dieser bekannteste, der vor allem im karibischen Raum und hier insbesondere auf Haiti (80 % der Bevölkerung hängen ihm an, obwohl formal Katholiken) praktizierte Voodoo (oder auch Wodu) genannte Abkömmling eines westafrikanischen Kultes der Yoruba starke schamanisch-magische Elemente, die man durchaus dem Besessenheitsschamanismus zuordnen kann. Sein zentrales Momentum ist eben die durchaus angestrebte selbstinduzierte Besessenheit des Gläubigen. Dieser hofft dadurch auf direkten Kontakt zu Gottheiten, Ahnen und Geistern, vor allem zu einem loa genannten Schutz- und Führungsgeist. Dies ist nicht unbedingt nur ein afrikanischer Gott, sondern kann auch eine personifizierte Naturgewalt, ein christlicher Heiliger, sogar ein heiliger Gegenstand sein. Dieser loa fährt mit Erlaubnis des obersten loa Legba in den Gläubigen ein und gibt dem in Trance Befindlichen Ratschläge, lässt ihn im Rahmen von kultischen Tänzen und rituellen Tieropfern Heilungen durchführen und spektakuläre Taten vollbringen. Auch der allgemeine Geisterglaube, darunter an Todesgeister, ist wesentlicher Bestandteil des Voodoo.
    Die systematische Zuordnung des Voodoo ist mit denselben Problemen verbunden wie die Zuordnung schamanischer Elemente zu aktuellen Hochreligionen. Hier wirkt sich die definitorische Unschärfe von „schamanisch“ versus „magisch“ besonders stark aus, da es sich um eine reine Volksreligion ohne hochreligiöse Theologie mit präziser Deutungsmacht handelt. Dazu kommt ein eher verschwommener polytheistischer Götterglaube mit vor allem bäuerlichen und westafrikanischen Grundvorstellungen, die aber teils christlich transformiert wurden. Die ursprünglich westafrikanischen Götter haben oft Züge katholischer Heiliger angenommen und verschwimmen überdies meist zu Geistern. Der Fetischglaube ist entsprechend den afrikanischen Ursprüngen ausgeprägt. Wie in Afrika spielt außerdem der Ahnenkult eine wichtige Rolle. Eine besondere Kultform ist die der Zombies. Die Gemeinde wird durch Priester geleitet. Voodoo-Priester und -Priesterinnen (houngan oder mambo) fungieren auch als Heiler und schützen vor Zauberei. Trotz einiger auftretender wesentlicher Eigenschaften des Schamanismus kann der Voodoo aber nicht als schamanisch bezeichnet werden.
  • Ähnliches gilt für andere, ähnlich entstandene karibische und südamerikanische Synkretismusreligionen wie den Shango- bzw. Kélé-Kult auf Grenada, Trinidad und St. Lucia oder die jamaikanische Kumina-Tradition, aber auch für die Spiritual Baptists Trinidads oder die jamaikanischen Revivalists, durchweg Religionen des Volkes oder auch des städtischen Subproletariats. Alle betonen die ekstatische Kommunikation mit dem Göttlichen und glauben an die Einwirkung der Totengeister auf die Lebenden sowie an einen obeach genannten Schadenszauber. Vergleichbar strukturiert ist auch der María Lionza-Kult in Venezuela (Ekstase, Geisterglaube), eine Mischung aus indianischen, afrikanischen und katholischen Elementen. Dasselbe gilt für Umbanda und Candomblé in Brasilien, wo all diese Aspekte ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen, nicht hingegen für das erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert entstandene, stark biblisch-äthiopisch geprägte Rastafari Jamaikas.

Die religiöse Gesamtlage in der karibischen Großregion ganz abseits des offiziellen Katholizismus und der Staatsdoktrin Kubas ist schon aufgrund der gewaltigen Bevölkerungsverschiebungen und -dezimierungen bei der indigenen Bevölkerung nach der Konquista, durch westafrikanische Einflüsse infolge des Zustroms von Sklaven seit dem 18. Jahrhundert sowie durch wirtschaftliche Modernisierungs- und linkssoziale Politik- und Ideologieeinflüsse relativ uneinheitlich und unübersichtlich. Der Einfluss nordamerikanischer protestantischer Sektenbewegungen und der Theologie der Befreiung ist schwer einschätzbar, vor allem, was die Tiefe der oft noch von einem traditionellen katholischen Firnis überzogenen Glaubensüberzeugungen angeht. Das gilt, wenn auch bei weitem nicht in diesem Ausmaß, auch für ganz Südamerika. Die Britannica notiert hier zu Zentralamerika: „During the 20th century the remaining cultures resisted modernization to a degree unusual among Indians of the Americas.“

Forschungsgeschichte 

Die Forschungsgeschichte des Schamanismus, der bis heute ein nur begrenzt begreifbares und umstrittenes religiöses Phänomen darstellt, beschreibt weniger diesen selbst als vielmehr die geistesgeschichtlichen Veränderungen in den Köpfen der Interpretatoren, insbesondere, was die Deutung des Religionsbegriffes angeht. Der französische Theologe, Altorientalist und Religionswissenschaftler Julien Ries notiert dazu: „Vom 19. Jahrhundert an eröffnete die Entdeckung und das Studium der Religionen Asiens und anderer Gebiete den Weg zu einem erweiterten Begriff (Anm.: von Religion) und zu zahlreichen verschiedenen Definitionen, die an die kulturellen und religiösen Kontexte gebunden waren, gleichzeitig aber auch von der Ideologie der Autoren abhingen.“

So wird das Phänomen Schamanismus zusammen mit den ideengeschichtlichen Relativismen der Forschung zu einer ziemlich schillernden Melange aus Romantik, Psychologie, Philosophie, Politik, Ethnologie, Anthropologie, Soziologie und Vorgeschichte etc. bis hin zur modernen Weltflucht-Esoterik. Zur Erfassung der religionsgeschichtlichen Entwicklung des Schamanismus bedarf diese Mischung deshalb einer sorgfältigen Analyse, denn, so Ries im Zusammenhang mit der Höhlenkunst: „Es ist die erste große Etappe des begrifflichen Denkens, ein Sprung nach vorn in der Ausbildung des symbolischen Denkens. Mit ihm taucht eine echte Religiosität auf, die auf der Erfahrung des Sakralen gründet.“ Die Geburt des modernen Menschen.

Grundlagen

Sämtlichen Forschungen zum Schamanismus liegt, wie schon die Etymologie des Wortes Schamanismus ausweist, die Übertragung eines zunächst einzelsprachlichen Begriffs auf anderssprachliche Kulturen zugrunde. Zuerst geschah dies nur im sibirischen Raum, der von der Forschung als kulturelle Einheit konstruiert wurde, anschließend wurden die Konzepte „Schamane“ und „Schamanismus“ global angewendet. Es gibt in fast allen frühen Kulturkreisen ähnliche, damit oft einhergehende Erscheinungen, wie Animismus, Animalismus, Totemkult, Ahnenkult, Geisterglaube, Praktiken der Naturreligionen usw., ohne dass diese jeweils schon als Schamanismus zu kennzeichnen wären (zu den einzelnen Begriffen siehe oben).

In den letzten anderthalb Jahrhunderten sind zahlreiche Theorien über den Schamanismus entstanden. Bei ihrer Sichtung ergibt sich, dass für das Auftreten animistisch-schamanischen Gedankengutes in der Menschheitsgeschichte offenbar zwei Faktoren entscheidend sind:

  1. Faktor
    • ein kognitionspsychologisch und anthropologisch entstandenes Bedürfnis, die Leerstellen des jeweiligen Weltverständnisses mit auf die Umwelt und die eigene Existenz bezogenen Glaubensinhalten zu füllen und so die Angst vor dem Unerklärlichen zu bewältigen
    • aus diesem Bedürfnis scheinen schon sehr früh einfache religiöse Systeme entstanden zu sein, wie bestimmte Bestattungsfunde vermuten lassen
    • es entstand das, was Jensen die „mythische Wirklichkeitserfahrung“ und Ries den symbolisch denkenden „Homo religiosus“ nennt
  2. Faktor
    • die situativ umweltbedingten wirtschaftlichen und damit sozialen Grundlagen dieser Existenz, die sich etwa bei Jägern und Sammlern, Fischern, Viehnomaden und den verschiedenen Typen der Pflanzer vom Pflanzenbeuter bis zum Ackerbauern fundamental unterscheiden und jeweils verschiedene Konzepte von der Welt und damit religiöse Systeme zur Folge haben
    • nach Max Weber hat sich insbesondere S.A. Tokarew vor dem Hintergrund einer marxistischen Weltanschauung mit diesen Zusammenhängen beschäftigt

Beide Faktoren hängen von der Perspektive des Betrachters ab: Im ersten Falle ist sie rein menschlich von innen nach außen gerichtet, im zweiten deskriptiv analysierend von außen nach innen. Schon Hoppál hat diese perspektivische Bindung festgestellt, wenn er schreibt: „Der Schamanismus ist ein kognitives Universum, das höchstens von außen betrachtet wie eine Glaubensvorstellung wirkt, von innen gesehen aber eine tiefe Überzeugung darstellt, denn sie wissen, sie wissen glaubend und sie haben die (heilende) Kraft des Schamanen oft erfahren.“

Der erste Faktor ist aufgrund der geistigen Struktur des menschlichen Bewusstseins dualistisch geprägt, wie die evolutionäre Erkenntnistheorie konstatiert, und sein Konzept wird von der Participation mystique bestimmt, wie sie Freud, Jung und andere postulierten.

Der zweite Faktor wird vor allem durch die vor- und frühgeschichtlichen und durch die ethnisch-historischen Formen des Schamanismus belegt, das heißt durch interpretatorisch belastbare archäologische Funde im ersten Falle und durch die direkte Beobachtung im zweiten. Die Vermischung dieser Fälle und ihrer Befunde ist außerordentlich heikel und sollte vermieden werden, weil die heute beobachtbaren ethnologischen Phänomene sich seit ihren prähistorischen Ursprüngen über Jahrtausende hinweg zweifellos verändert haben. Die direkte Eins-zu-eins-Übertragung etwa von soziodynamischen Mustern zeitgenössischer indigener Gruppen auf potentiell vergleichbarer Kulturstufe auf vorgeschichtliche Gesellschaften ist nur bedingt sinnvoll, obwohl Anati hier die Grenze großzügiger zieht und gar von wissenschaftlichen Tabus spricht, die durch methodologische Strenge auflösbar seien. Zulässig ist nach seiner Ansicht „jede vergleichende Methode, welche unser Verständnis für die Erscheinungen vertiefen kann. Und es ist in jedem Falle zulässig, sie versuchsweise anzuwenden, da ja die Ergebnisse selbst ihren Nützlichkeitsgrad bestimmen“. Er weist außerdem auf die in vielen Teilen der Welt bestehende ununterbrochene Linie zwischen Vorgeschichte und Völkerkunde hin. Selbst wenn man es wollte, könnte man in solchen Fällen keinen Trennstrich festlegen. Zudem gibt es inzwischen einschlägige experimentelle Befunde vor allem aus der Soziobiologie und Ethologie. (Zu diesem Problem und dem Verhältnis von Ethnologie, Archäologie und Ethnoarchäologie siehe unter.)

Schlüssige Theorien zum Schamanismus müssen beide Aspekte ausreichend berücksichtigen, wie das die Kulturanthropologie tut, und zwar im zeitlichen Längs- wie situativen Querschnitt. Da sie meist nur auf einem von beiden basieren, werden sie automatisch angreifbar und instabil, vor allem dann, wenn dieser zweite Aspekt noch prähistorisch und ethnologisch weiter unterteilt wird, wobei die prähistorische Variante weit schwieriger zu belegen ist. Es folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Ansätze.

Theoretische Ansätze: kritische Übersicht

Wertung

Die Forschungsgeschichte des Schamanismus lässt sich nicht von der Forschungsgeschichte des Religionsbegriffs und der damit zusammenhängenden und hier besonders relevanten Phänomene wie Animismus, Animalismus, Totemismus, Fetischismus usw. trennen. All diese Begriffe sind oft stark von der Geisteshaltung der Epoche bestimmt, in der sie formuliert, wissenschaftlich begründet und diskutiert wurden. Mehrere auch für den Schamanismus relevante Ansätze haben zwar die Entwicklung stark beeinflusst, müssen allerdings heute teilweise als überholt gelten. Ihre Einzeldarstellung ist daher wenig sinnvoll, obwohl eine relativ moderne Sicht des Schamanismus schon bereits bei führenden Vertretern der deutschen Frühromantik und Aufklärung wie Johann Gottfried Herder und Friedrich Schlegel aufscheint.

Bestimmte psychologische Theorien und evolutionsbiologische sowie damit zusammenhängende ältere anthropologische Ansätze sind heute nur noch wissenschaftsgeschichtlich von Bedeutung. Auch ältere kulturhistorische, vor allem vorgeschichtlich definierte Theorien sind kaum belegbar und müssen deshalb spekulativ bleiben, weshalb der hier so genannte prähistorische Schamanismus trotz aller Plausibilität im Einzelnen in der obigen Darstellung auch abgetrennt wurde, da die interkulturellen Analogieschlüsse, die er erfordert, über große Zeiträume hinweg stets problematisch sind.

Ethnologie und Religionssoziologie liefern offenbar noch die brauchbarsten Ergebnisse für Erklärungsansätze des Schamanismus-Phänomens, selbst wenn sie wie im Falle von S.A. Tokarew mitunter ideologisch eingefärbt sind, der jedoch die sozialistische Ideologie in diesem Falle durchaus behutsam und sachdienlich einsetzt.

Psychologische Theorien

Hierbei wird der Schamanismus häufig psychopathologisch betrachtet, also als krankhafte Erscheinung, die im Zusammenhang mit den sibirischen Schamanen die Bezeichnung „arktische Hysterie“ erhielt und mit der „Menerik-Krankheit“ (ein Begriff aus dem Jakutischen), Epilepsie, der Chorea Huntington und Schizophrenie in Verbindung gebracht wurde. Auch die tiefenpsychologischen Ansätze Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs zum Thema Religion führen hier nicht weiter, obwohl sie zu ihrer Zeit als wissenschaftliche Impulsgeber durchaus von Bedeutung gewesen sind.

Evolutionsbiologische und ältere anthropologische Theorien

Für diese wissenschaftsgeschichtlich vor allem dem 19. Jahrhundert entstammenden Sichtweisen gelten ähnliche Einschränkungen. Der Schamanismus läuft dabei Gefahr, entweder aus einer kolonialistisch überheblichen Perspektive als „primitiv“ eingestuft zu werden (so zum Beispiel sogar noch Tokarew), oder rein biologistisch betrachtet zu werden, wie etwa in den Theorien zur Religionsentstehung von Herbert Spencer, Nicolas-Sylvestre Bergier oder Edward Tylor.

Die moderneren anthropologischen, nicht mehr evolutionär determinierten Sichtweisen sind hingegen meist eng mit den ethnologischen verschwistert (s. u.).

Kulturhistorische Theorien

Man kann hier zwei Bereiche unterscheiden:

  1. Die kulturgeschichtlichen Gesamtkonzepte z. B. von Oswald Spengler, Arnold Toynbee oder Leo Frobenius. Sie sind insgesamt zwar philosophisch spektakulär, geben aber für die Einzelbetrachtung und Erklärung des Schamanismus oft wenig her. Das gilt selbst für die vor allem auf Afrika bezogene Kulturkreislehre des Ethnologen Leo Frobenius mit ihren bedenklichen Folgen etwa im Nationalsozialismus. Vor allem erscheint Frobenius' Deutung des Schamanismus abhängig von der individuellen Definition von Schamanismus und Magie. Auch das Konzept des Ethnologen Adolf Ellegard Jensens orientiert sich wie bei Frobenius und Spengler an einem theoretischen kulturmorphologischen Konstrukt, das hier zudem auf einer sehr schmalen ethnologischen Basis beruht (vor allem auf der Untersuchung der Marind-anim Neuguineas).
  2. Die auf die Vorgeschichte gerichteten Theorien haben im Rahmen ihrer oben eingegrenzten Möglichkeiten die größte Aussagekraft, da religiöses Denken zumindest im Jungpaläolithikum aufgrund der vorhandenen archäologischen Belege als bewiesen gelten darf. Dass, so Müller-Karpe, „die figürliche Kunst des Jungpaläolithikums ihrem Wesen nach in den Bereich des Religiösen gehört, ist in der Forschung allgemein anerkannt. Über die Art der in ihr zum Ausdruck kommenden religiösen Vorstellungen, Handlungen und Anliegen gehen die Ansichten jedoch erheblich auseinander“. Ob es sich dabei nun um „reinen“ Schamanismus in der Art der sibirischen Schamanen handelt, die in der Forschung vielfach als Modelle angesehen werden, ist strittig und auch kaum belegbar. Überdies würde es sich dabei noch um eine oben schon als außerordentlich heikel geschilderte Übertragung ethnologischer auf prähistorische Szenarien handeln. Die prähistorischen Befunde sind jedoch auch ohne diese Parallelen weltweit derart dicht und ergeben ein solch differenziertes Gesamtbild, auch unter Einschluss von Ethnien mit jungpaläolithischen oder frühneolithischen Subsistenzstrategien, die teilweise noch vor nicht allzu langer Zeit Felsbilder anfertigten und bei denen man ethnologisch einen Schamanismus eindeutig feststellen konnte (z. B. Khoisan Südafrikas und Namibias, Aborigines Australiens, Indianer Nordamerikas), dass auch für vorgeschichtliche Epochen trotz aller Vorsicht bei solchen Analogismen dieser prähistorische Schamanismus mit relativer Wahrscheinlichkeit als eigene Kategorie geführt werden kann. Das ergibt sich schon aus dem enormen, oft Jahrtausende währenden zeitlichen Aufwand (die Höhle von Altamira etwa 5000 Jahre) zur Herstellung und ständigen Erneuerung der Fels- und Höhlenbilder. Solche Bildhöhlen werden übereinstimmend auch als paläolithische Heiligtümer und Kultorte bezeichnet, die vermutlich einen großen Einzugsbereich hatten.
    Bedeutende Vertreter dieser Forschungsrichtung waren bzw. sind André Leroi-Gourhan, Abbé Henri Édouard Breuil, Annette Laming-Emperaire, Emmanuel Anati, Louis-René Nougier, Denis Vialou und David Lewis-Williams, um nur einige wenige zu nennen.

Ethnologische und soziologische Theorien

Diese Kategorien, die wie besonders im Falle der Ethnologie stark anthropologisch bestimmt sein können, überlagern und überscheiden sich, so dass vor allem nach Schwerpunkten unterschieden werden muss. Entsprechend ergeben sich in etwa folgende hauptsächliche Zuordnungen und Vertreter:

Forschungsgeschichtliche Entwicklungsphasen 

(Siehe dazu auch „#Geschichte des Schamanismusverständnisses“)

Schamanismusforschung im 18. Jahrhundert 

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Schamanen begann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als deutsche Forscher im Auftrag der neu gegründeten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften St. Petersburg nach Sibirien reisten und die ersten vollständigen Beschreibungen von schamanischen Séancen vorlegten. Im Geiste der Aufklärung zeigten sie Skepsis gegenüber den Vorführungen der Schamanen. Gerhard Friedrich Müller hob zum Beispiel hervor, dass die Séancen nicht nur alle gleich vonstatten gingen, sondern es geschehe auch nichts Unglaubliches. Den Ablauf beschreibt er als eine sinnlose Herumhüpferei, während der Schamane auf eine flache Trommel schlage. Johann Gottlieb Georgi, ebenfalls Forscher in Sibirien, zeigte ähnlich wenig Interesse an den schamanischen Séancen und verurteilte diese als magische „Trickserei“ oder als „Gauckeleyen wie eines Besessenen“.

Die ersten Forscher legten mehr Wert auf die Geologie und die Pflanzenwelt in Sibirien und in der Mongolei. Sie behandelten die Techniken der Schamanen als ein Teil der Sitten und Gebräuche, bezeichneten jedoch die Schamanen-Gebräuche als „Aberglauben“, wie Peter Simon Pallas sie in seinen Schriften über die Mongolischen Völkerschaften beschreibt.

Am Ende des 18. Jahrhunderts wich die Skepsis der ersten Forscher, und der Schamanismus wurde als eine frühe Form von Religion gedeutet. Pallas gestand den Schamanen zu, eine Form von Heilung zu praktizieren. In ihrem Versuch, den Schamanismus in diesen Regionen zu erklären, wollten Forscher wie Friedrich Max Müller den Ursprung dieser Praktiken herausfinden. Er, der nicht mit Gerhard Friedrich Müller verwandt war, war zwar nicht davon überzeugt, dass die Schamanentechniken nur einen Ursprung hatten; trotzdem nahm er an, dass der Schamanismus zuerst in Indien entstanden war und sich von dort aus über ganz Asien, nach Skandinavien und womöglich bis nach Nordamerika ausgebreitet hatte.

19. Jahrhundert und Institutionalisierung der Feldforschung im frühen 20. Jahrhundert

Die russische Landnahme in Sibirien seit dem 17. Jahrhundert hatte innerhalb von zwei Jahrhunderten die dortige Bevölkerung durch den Einfluss von Alkohol, Infektionskrankheiten und Verdrängungsprozessen an den Rand der Ausrottung gebracht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach überdies die russisch-orthodoxe Christianisierung mit Gewalt und Massakern über die Eingeborenen herein, bis schließlich, wenn auch ohne weitreichende Wirkung, 1824 ein Gesetz zum Schutze der Eingeborenen diese Vorgänge zu stoppen versuchte.

Im weiteren Verlauf der Schamanismusforschung, die damals nur den sibirischen Schamanismus im Blick hatte – die Globalisierung des Begriffes erfolgte wesentlich später – entstand jedoch eine gegenläufige Richtung, denn während die Forscher im 18. Jahrhundert die Schamanen oft als Scharlatane dargestellt hatten und ihre Techniken eher beiläufig beobachteten, interessierte sich die Sibirienforschung im 19. Jahrhundert zunehmend für die eigentlichen Schamanentraditionen. Der Burjate Dorji Banzarov (1822–1855) versuchte als erster Gelehrter den Schamanismus aus der indigenen Perspektive zu betrachten, ohne ihn als Äußerung von „Primitiven“ anzusehen. Er hob nicht nur die eigentümlichen Bräuche der Schamanen in der Mongolei hervor, sondern kritisierte auch die Behauptung früherer Forscher, der Schamanismus sei nichts als eine verwilderte Abwandlung des tibetisch-buddhistischen Glaubens. Dem Ansatz Banzarovs folgten Forscher wie der Finne Matthias Alexander Castrén (1813–1852) und Wilhelm Radloff (1837–1918). Castrén betonte die wichtige Rolle der sibirischen Schamanen innerhalb ihrer Gemeinde, deren gemeinschaftlichen Zusammenhalt sie mit ihren Darbietungen nicht nur stärken, sondern dabei auch den Widerstand gegen die Unwägbarkeiten der Natur symbolisieren würden. Wilhelm Radloff setzte die Arbeiten Banzarovs und Castréns in gewisser Weise fort, denn als Erster publizierte er die Übersetzung des Textes einer schamanischen Séance, zudem stellte er den Schamanismus nun auf die gleiche Ebene wie den Buddhismus, das Christentum und den Islam und setzte sich wie Banzarov für dessen Eigenständigkeit ein. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts blieb Radloff daher der wichtigste Schamanismusforscher.

Im frühen 20. Jahrhundert verfestigte sich zunächst die Vorstellung, der Schamanismus komme nur im äußersten Nordasien vor. Ursache dafür waren zwei umfassender Ethnografien über die Korjaken und die Tschuktschen von Wladimir Germanowitsch Bogoras und Waldemar Jochelson (beide waren vom Zaren ins Exil verbannt worden), die ausdrücklich zwischen familiärem und professionellen Schamanen unterschieden. Außerdem beschrieb Bogoras Schamanen als nervöse, reizbare Menschen am Rande des Irrsinns.

Spätere sowjetische Autoren diskutierten auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Ideologie das Entstehen und die Veränderungen des Schamanismus und warfen die Frage auf, ob es sich dabei um ein junges, älteres oder sehr altes Phänomen handele, indes der Schamanismus im Westen vor allem als archaisches System wahrgenommen wurde.Nachdem die Oktoberrevolution zunächst Verbesserungen für die Bewohner Sibiriens gebracht hatte, wurden die dortigen Schamanen in der Sowjetunion zunehmend verfolgt, da sie sich dem sozialistischen Weltbild entzogen. Gleichzeitig versuchte man die Bevölkerung in das Schema des Homo sovieticus zu pressen und zerschlug durch Kollektivierung, Masseneinwanderungen und Industrialisierung sowie durch ein Internatssystem die ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen des Schamanismus und seiner gesellschaftlichen Basis. Der sowjetische Parteiideologe Michail Andrejewitsch Suslow, später einer der mächtigsten Männer der KPdSU nach Stalin und Berija, bezeichnete Schamanen 1931 in einer Kampfschrift „Der Schamanismus und der Kampf gegen ihn“ gar als „soziales Übel“ erster Ordnung und als „Hemmschuh des sozialistischen Aufbaus“, und forderte die Zerschlagung ihrer Kultur mit den Mitteln von Propaganda, Zwang und Umerziehung. Viele Schamanen unterwarfen sich diesem Zwang, und die restlichen konnten nur noch versteckt im Untergrund praktizieren. Deshalb wurden als Schutzmaßnahme ethnologische Berichte darüber sprachlich in der Vergangenheitsform abgefasst. So trugen die Berichte der Sowjet-Ethnografen zu dem politisch gewünschten Eindruck bei, Schamanismus sei ein „aussterbendes Phänomen“. Erst in der Endzeit der Sowjetunion ab den 70ern und der postkommunistischen Ära änderte sich diese Situation, und es kam zu einer Art Renaissance des sibirischen Schamanismus (s. u.).

 

Psychologische und psychoanalytische Deutung des Schamanismus 

Erster Ansatzpunkt in dieser Richtung war die oben bereits dargestellte Deutung des Schamanismus als psychopathogenes Phänomen. In der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde dann versucht, die schamanischen Praktiken mit Hilfe psychoanalytischer Sichtweisen zu erklären, ohne ihn gleichzeitig als Geisteskrankheit zu verunglimpfen, obwohl einige Religionsgeschichtler wie Åke Ohlmarks (1911–1984) teils bis in unsere Zeit diesen Standpunkt vertraten. Die Forscher stützen ihre Aussagen dabei vor allem auf den Ansatz von Carl Gustav Jung, insbesondere seine Archetypenlehre. Jung selbst hat sich zwar zum Schamanismus nicht direkt geäußert, doch wurde nun der Schamanismus in Anlehnung an die Psychoanalyse eher als soziale Institution gesehen, mit deren Hilfe Ängste symbolisch ausgedrückt bzw. verarbeitet werden können. Andere Interpretationen bezogen sich auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Er beschäftigte sich intensiv mit religiösen und kulturtheoretischen Problemen, beipsielsweise in „Totem und Tabu“ (1912/13), und sah die von Schamanen verwendeten Hilfsmittel als eine Anspielung auf erotische Symbole. Diese Ansicht wird inzwischen allerdings in dieser Form nicht mehr vertreten.

Claude Lévi-Strauss, französischer Ethnologe und Begründer des Strukturalismus, sah in schamanischen Séancen eine psychologische Manipulation, die auf einen heilenden Effekt hinauslaufen und durch die Anwendung von mythologischen Metaphern zu einer Erleichterung des Patienten führen sollen. Als einziger grundlegender Unterschied zwischen Psychoanalytikern und Schamanen erschien ihm, dass Erstere eher zuhören, während Letztere zu ihren Patienten sprechen.

Um 1970 hielt der Behaviorismus Einzug in die Forschung. So ging zum Beispiel Raymond Prince davon aus, dass die Schamanen während ihrer Séancen, stimuliert durch Endorphine, einen veränderten Bewusstseinszustand erreichen und dass auch der Heilungsprozess auf Endorphine zurückzuführen sei. Er sah zwei Wege, einen schmerzfreien Zustand bei einer Séance zu erreichen: entweder durch psychisch bedingte Vorgänge, sei es Hypnose oder Placeboeffekte, oder durch Trommel und Tanzrituale, deren Wirkungsweise Prince mit der Akupunktur vergleicht.

Kulturhistorische Deutung: Prähistorischer Schamanismus 

Ein vor allem durch Romantik und Idealismus sowie den Kolonialismus bestimmtes Geschichts- bzw. Zeitmodell des 19. Jahrhunderts, nach dem zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit prähistorischen, etwa steinzeitlichen Kulturen gleichzusetzen seien, hatte schon früh zu der teilweise noch romantisierenden Spekulation geführt, der Schamanismus sei bereits in frühester Vergangenheit verbreitet gewesen. Archäologische Funde konnten dies zwar plausibel machen; vollständig beweisbar ist diese Theorie jedoch bis heute nicht. Dabei ist allenfalls von Analogien die Rede, keinesfalls aber von einer phänomenologischen Gleichsetzung.

Um die These eines jungpaläolithischen Schamanismus zu stützen, wonach schon im Aurignacien (um 45.000 – 25.000 B.P.) Schamanen religiöse Riten vollzogen, verweist man in der Wissenschaft hauptsächlich auf Felsbilder. Dazu gehören vor allem die Darstellung eines Zauberers in der Höhler von Trois Frères sowie eine Zeichnung aus der Höhle von Lascaux (siehe oben die erste Abbildung des Artikels), die der wichtigste Beleg für einen prähistorischen Schamanismus bleibt. Sie zeigt einen Vogelkopf auf einer Stange, einen Bison und einen Mann mit offensichtlichem Ithyphallus in Schräglage. Die Darstellung wird gerne als eine schamanische Séance interpretiert, eine schamanische Geisterbeschwörung mit Hilfsgeist (Stangenvogel), ithyphallischem Schamanen (Mann) und totem Tier (Bisonstier), das die Parallelität des Todes bei Tier und Schamane repräsentiert, der quasi „sich selbst zeugend“ sterben muss, um eine zoomorphe Transformation in seinen Tiergeist (Vogel) durchmachen zu können. Andere Autoren wie etwa Leroi-Gourhan bestreiten diese Deutung allerdings, während Lewis-Williams sie immerhin für plausibel hält.Weiteres dazu und zur generellen Debatte siehe unter „Prähistorischer Schamanismus“.

Soziologische und ethnologische Deutungsversuche 

Erste Hälfte 20. Jahrhundert

Diese Epoche der Forschung war vor allem geprägt von philosophisch-ideologischen Prämissen, die das Bild, das man sich damals vom Schamanismus machte, in teils ganz unterschiedlicher Weise prägten. Solche Deutungsversuche kranken vor allem an der unklaren Unterscheidung zwischen Schamanismus, Magie und Totemismus. Émile Durkheim, Marcel Mauss, Max Weber, Sergei Alexandrowitsch Tokarew, Wilhelm Schmidt, Leo Frobenius und Ad. E. Jensen sind die hauptsächlichen Exponenten dieser Phase, wobei sich Tokarew vor allem an einem sozialistischen Weltbild orientiert und die Entstehung des Schamanismus in der Frühphase der patriarchalen Gentil- und Sippenordnung ansetzt (die der matriarchalen folgte). Durkheim, Mauss und Weber untersuchten hingegen mit der von ihnen entwickelten Religionssoziologie vor allem die sozialen Voraussetzungen und Formen von Religion, mit Schwerpunkt auf deren gesellschaftlichen Einfluss, dem sie auch schamanische Symptomatiken unterordneten.

Wilhelm Schmidt wiederum, der der deutschen Richtung des Diffusionismus zuzuordnen ist, speziell der auch von Leo Frobenius geprägten Kulturkreislehre, sah den Ursprung des Schamanismus eher in frühagrarischen Mutterrechtskulturen. Der von der Existentialphilosophie Otto Friedrich Bollnows geprägte Jensen wies ihn einer älteren wild- und feldbeuterischen Kulturschicht zu und sah als Hauptmotiv die existenzielle Angst der frühen Menschen vor den akuten Bedrohungen des Daseins. Beide Autoren interessierten sich überdies nur am Rande für den Schamanismus.

Mircea Eliade

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von Eliades teils sehr spekulativer, universalistischer und teils romantisierend impressionistischer These. Vor allem in seinem 1951 erschienenen Buch „Le Chamanisme et les techniques archaïques de l'extase“ verband er die Urmonotheismustheorie Wilhelm Schmidts mit der Archetypenlehre C. G. Jungs, wobei er auch die Forschungen Wilhelm Radloffs und anderer Ethnographen zum sibirischen Schamanismus einarbeitete. Die Theorien Eliades, der selbst nie einem Schamanen begegnet ist, stützen sich auf den verbreiteten Glauben, dass die Menschen der Frühzeit ein sündeloses „paradiesisches“ Dasein führten und in unmittelbarem Kontakt zum Schöpfergott standen. Die Erinnerung daran habe dann später in den Vorstellungsbildern vom Weltenbaum, Himmelsseil und von der kosmischen Brücke fortgelebt, wie sie bis heute in zahlreichen Religionen zu finden sind. Infolge eines versehentlichen Vergehens der Menschen, von dem überall auf der Erde bis heute in Sündenfallmythen berichtet werde, sei der Kontakt dann abgebrochen, und die Gottheit habe sich als Deus otiosus in ferngelegene Himmelsbereiche zurückgezogen. Nur wenigen auserwählten Menschen, eben den Schamanen, sei es noch gestattet, mittels einer Ekstasetechnik diese Kluft zu überbrücken; die Unterweltsreise, die nicht so recht in dieses Schema passte, wurde von Eliade als Sekundärphänomen eingestuft. Der sibirische Schamanismus, von anderen Autoren gerne als Urbild verstanden, sei hingegen ein Transformationsprodukt aus den Einflüssen der archaischen Hochkulturen Altvorderasiens und später des Lamaismus. Der Ekstase kommt bei Eliade eine zentrale Bedeutung zu; er definierte den Schamanismus entsprechend als archaische Ekstasetechnik und identifizierte den Schamanen als Meister der Ekstase. Schamanen galten Eliade als charismatische Heldengestalten, die durch ihre religiösen Handlungen die geistige Erneuerung der Stammesgesellschaften förderten, ganz ähnlich dem Konzept Max Webers. Besessenheit rechnet er jedoch nicht zum Schamanismus.

Die Übersetzung des Buches ins Englische 1964 fiel in Europa und Amerika in eine Zeit wachsenden Interesses an tribalen Gesellschaften und deren spirituellen Praktiken. Das Buch faszinierte Akademiker und Laien und prägte für Jahrzehnte die Wahrnehmung des Phänomens. Die Interpretation Eliades und seine Definition des Schamanismus als universales Phänomen wurde von späteren Wissenschaftlern zum Teil übernommen. Inzwischen wird Eliade von Sozialanthropologen und Religionswissenschaftlern aber zunehmend kritisiert. Seine Definitionen von Schamanismus, Ekstase und Seelenreise seien zu essentialistisch, zu weit gefasst und nicht auf konkrete Vorstellungen anwendbar. Eine wesentliche Folge von Eliades Werk war die Entwicklung des Neoschamanismus in den 1960er Jahren.

Aktuelle Theorien 

  • Roberte Hamayon: Der Symbolansatz von Roberte Hamayon stellt nach Mircea Eliade die nächste allumfassende Theorie zum Schamanismus dar. Hamayon sieht die Begriffe „Ekstase“ und „Trance“ als nicht ausreichend zur Beschreibung des Zustands des Schamanen. Indem Hamayon die Figur des Schamanen mit der symbolischen Reproduktion der Gemeinschaft verbindet, rückt die soziale Funktion des Schamanen ins Zentrum und stellt ihn in einen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext. In ihrem Werk „La chasse à l’âme“ (1990) unterscheidet Hamayon den Jagd- und den Hirtenschamanismus als zwei Typen von originärem Schamanismus in Sibirien.Laut Hamayon hat sich zuerst der Jagdschamanismus gebildet, bei dem der Schamane eine reziproke Beziehung zu den Tier- und Pflanzengeistern aufbaute, die der Gemeinschaft Zugang zum Wild verschaffte. Der originäre Jagdschamanismus habe sich in Viehzüchtergesellschaften zu einem Hirtenschamanismus umgeformt. Dabei seien die Tier- und Pflanzengeister durch eine Ahnenvorstellung abgelöst worden, und die Funktion des Schamanen habe sich auf das Fruchtbarkeitsritual reduziert, was ähnlich auch Jensen postuliert (in „Die getötete Gottheit“, 1966, und „Mythos und Kult bei Naturvölkern“, 1951). Hamayon betont, dass der allumfassende Schamanismus in Jäger- und Viehzüchtergesellschaften nicht mit dem Staat vereinbar sei. Zwar ließen sich in staatlichen Gesellschaften schamanische Phänomene finden, die Funktion des Schamanen werde in jenen Gesellschaften jedoch stark in den Hintergrund gerückt, so dass nur noch Fragmente des originären Schamanismus übrig blieben.
  • Michael Harner: Der amerikanische Anthropologe Michael Harner untersuchte einige schamanische Kulturen vor allem in Nord- und Südamerika und formulierte daraus Anfang der 1980er Jahre das Konzept des Core-Schamanismus (Kernschamanismus). Dabei wird ein Satz von Kerntechniken in vielen schamanischen Traditionen Nordamerikas in unterschiedlicher Ausgestaltung angewendet. So wurde ein weiterer möglicher, potentiell kulturunabhängiger Weg zur schamanischer Erfahrung entwickelt, der von Menschen der modernen Welt gegangen werden könnte. Fragwürdig wurden Harners wissenschaftliche Forschungen allerdings, als er daraus einen populistisch geprägten Neoschamanismus ableitete, der nun gerade nicht den extrem individuellen, isolierenden und oft leidensbetonten Formen eines echten Schamanen entspricht, wie er oben unter „Schamane und Schamanismus“ dargestellt ist.
  • David Lewis-Williams: In seinem 2002 erstmals erschienenen Werk „The Mind in the Cave“ beschäftigt sich der auch in der Feldforschung aktive Kulturhistoriker, Anthropologe und Spezialist für die Felskunst der San vor allem mit den geistigen Voraussetzungen der paläolithischen Höhlenkunst und ihrer Relevanz für den Schamanismus, wobei er neueste neurologische Forschungsergebnisse mit einbezieht. Er betrachtet jedoch auch die Phänomene des ethnischen Schamanismus etwa der Tukanosprachigen Indios Südamerikas und der Eskimos und Indianer Nordamerikas sowie anderer Ethnien wie der sibirischen Völker. Für den Schamanismus der Jäger-Sammler-Völker stellt er folgende Charakteristika fest:
    1. Einen institutionalisierten Zustand veränderten Bewusstseins.
    2. Als Folge solcher visuellen, akustischen und somatischen Erfahrungen die Wahrnehmung einer alternativen Realität, die oft als abgestuft verstanden wird.
    3. Menschen mit besonderen einschlägigen Fähigkeiten, die Schamanen, haben Zugang zu dieser Realität.
    4. Die Funktion des menschlichen Nervensystems erzeugt dabei die Illusion einer dissoziativen Loslösung vom Körper (seltener bei Jäger-Sammlern auch in Gestalt einer Besessenheit).
    5. Diese Dissoziation führt zum Glauben:
      1. Schamanen hätten Kontakt zu Geistern und anderen übernatürlichen Wesenheiten,
      2. könnten Kranke heilen,
      3. könnten Leben und Bewegungen von Tieren kontrollieren,
      4. das Wetter beeinflussen.
    6. Diese vier Fähigkeiten und Funktionen des Schamanen wie auch ihre Fähigkeiten, veränderte Bewusstseinszustände zu erreichen führen zum Glauben, diese würden durch übernatürliche Entitäten erleichtert, so dass Schamanen über folgende Eigenschaften verfügten:
      1. Verschiedene übernatürliche Kräfte,
      2. Tierische Helfer und andere Hilfsgeister, die mit der schamanischen Macht in Verbindung stehen.

Folgende Merkmale schließt Lewis-Williams hingegen im Unterschied zu anderen Forschern für den Jäger-Sammler-Schamanismus definitiv aus:

  1. Jegliche Art von geistiger bzw. neurologischer Störung, auch wenn manche Schamanen an Epilepsie, Schizophrenie, Migräne etc. leiden mögen.
  2. Die Zahl der in einer Gesellschaft jeweils aktiven Schamanen.
  3. Die Ausübung von politischer Macht durch Schamanen.
  4. Die Art der Methoden, mit denen der veränderte Bewusstseinszustand erreicht wird.
  5. Die verschiedenen Konzepte von Geistern, Seelen oder der Kosmologie.

Er weist außerdem auf die Vielfalt der Formen und Stadien eines veränderten Bewusstseins hin, und lehnt in diesem Zusammenhang der Begriff der Trance als wenig brauchbar, weil zu ungenau, ab.

Das Konzept von Lewis-Williams dürfte somit die aktuellste und mit den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bisher am besten kompatible Deutung des Schamanismus-Phänomens im ethnischen wie im vorgeschichtlichen Bereich sein. Dies wird durch zahlreiche, fast enthusiastische Würdigungen internationaler Wissenschaftler wie Jean Clottes Peter Ucko, Brian M. Fagan, Christopher Chippindale oder Colin Renfrew bestätigt.

Moderner Schamanismus in Sibirien und Innerasien 

Ein moderner Schamane in Kyzyl, der wie andere frühere Schamanen versucht, den alten Schamanismus in der südsibirischen Republik Tuwa wieder zu beleben (2005)

Die ethnologische Erforschung des Schamanismus begann erst, als bereits das Christentum und andere Religionen wie der Buddhismus mehr oder weniger starken Einfluss auf die untersuchten Kulturen genommen hatte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm man allgemein an, dass der Schamanismus ein „aussterbendes Phänomen“ sei. Besonders in Sibirien und Innerasien schienen durch die atheistische sozialistische Politik die Schamanen Verfolgungen ausgesetzt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kann jedoch das Wiedererstarken schamanischer Traditionen in verschiedenen ex-sowjetischen Republiken (besonders in Südsibirien) sowie in der Mongolei beobachtet werden. Die postsozialistischen Schamanen beziehen sich auf die vorsozialistischen Traditionen, und gleichzeitig präsentieren sie sich als Teil der (Post-)Moderne: Heutige Schamanen leben oft in Städten, sie haben eine weltliche Ausbildung, sie weisen Zertifikate aus, bieten ihre Dienste in Schamanenzentren an, knüpfen Kontakte zu Touristen und werden als Symbole einer postsozialistischen nationalen Identität benutzt. Auch in anderen Teilen der Welt erleben schamanische Praktiken gegenwärtig einen Wiederaufschwung. Allerdings hat dieser „Scheinschamanismus“ (so Müller) die Verbindung mit der einstigen Schamanenwelt verloren. Sie kehrten nach Ende der Sowjetzeit zwar zurück, doch die alte Kultur, die sie und ihre Vorstellungen hervorgebracht hatte, war untergegangen, und so haben sie auch nicht mehr die alte, durch existenzielle Bedingungen bestimmte Legitimation, die darin bestand, zwischen Mensch- und Geisterwelt vermitteln zu können. Sie leben, leiden und sterben nicht mehr für ihre Gemeinschaft, stehen nicht mehr in ihrer Mitte, „sondern teilen ihre Klientel mit den ‚Stadtschamanen‘ und anderen selbstberufenen ‚Heilern‘ am Rande ihnen fremder Sozietäten“.

Neoschamanismus

Hauptartikel: Neoschamanismus

Der Schamanismus hat im Rahmen der Esoterik und der New-Age-Bewegung vor allem seit den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts eine modernistische Wiederbelebung erfahren, die zu einem regelrechten Ethno-Boom ausartete. Wesentlich dazu beigetragen hat der Anthropologe Carlos Castaneda mit seinen Büchern über den indianischen Schamanen Don Juan, dessen wirkliche Existenz bis heute umstritten ist. Mit dem eigentlichen Schamanismus hat dies aber nur die Äußerlichkeiten gemein, die geistigen Grundlagen sind andere und hängen wie zahlreiche ähnliche Phänomene mit der Unsicherheit vor allem junger Menschen mit der Komplexität der modernen Welt zusammen, die durch Abwehrmechanismen wie Projektion, Introjektion, Verdrängung etc. kompensiert werden und dabei zu den verschiedensten, oft systematisierten Ersatzstrukturen führen. Ähnliche Phänomene wie etwa die Séancen des 19. Jahrhunderts zeigen vergleichbare Symptomatiken. Der Unterschied zum eigentlichen Schamanismus besteht vor allem in der Verschiedenheit der praktisch gelebten Weltbilder und in der Distanz zu ihnen. Gemeinsam ist beiden Phänomenen allerdings das grundlegende menschliche Bedürfnis der Participation mystique, die sich in den verschiedensten Religionen und ihren mystischen Bewegungen immer wieder etabliert hat und sich heute in zahlreichen, meist fernöstlichen oder indianischen Spielarten äußert, darunter auch im Neoschamanismus. Der dabei auftretende Mystizismus „bezeichnet eine Einstellung, bei welcher der Geist in direkte, unmittelbare und innere Kommunikation mit einem heiligen Prinzip tritt, welches den Sinnen und der Vernunft verschlossen ist“.

Der moderne sibirische Schamanismus nach der Existenz der Sowjetunion nimmt dabei eine Art Zwischenstellung ein, da er oft noch sehr direkt im klassischen Schamanismus fußt, wie er vor der Sowjetzeit lebendig gewesen war und dessen Traditionen versucht weiterzuführen, wenn auch mit modernen Organisationsformen. Kasten notiert dazu: „Viele der […] Besonderheiten des heutigen Schamanismus (Anm.: in Russland), der vom Land in die Stadt gezogen ist, zeigen, dass dieser durch Versuche seiner künstlichen Rekonstruktion deutliche inhaltliche Veränderungen erfahren hat. Im Unterschied dazu stehen neuere Entwicklungen des Schamanismus in ländlichen Gebieten, wo dessen Wiederaufleben eher auf der Grundlage tatsächlicher Traditionen erfolgt.“

 

Quelle: wikipedia